Mittwoch, 30. November 2022

Transformation
Gewohnheiten auf dem Prüfstand

Nach ihrem Bestseller „Unsere Welt neu denken“ schreibt die populäre Nachhaltigkeitswissenschaftlerein Maja Göpel in ihrem neuen Buch darüber, wie es gelingen kann, komplexe Entwicklungen zu verstehen und aufzubrechen in „die Welt von morgen“.

Von Ralph Gerstenberg | 05.09.2022

Das neue Buch "Wir können auch anders" der Nachhaltigkeitswissenschaftlerin und Politikökonomin Maja Göpel
Das neue Buch "Wir können auch anders" der Nachhaltigkeitswissenschaftlerin und Politikökonomin Maja Göpel ist profunde Diagnose und zugleich Aufruf, endlich zu handeln. (Buchcover: Ullstein Verlag)
In Maja Göpels letztem Buch ging es darum, die Welt neu zu denken, permanentes Wachstum als Problem zu erkennen, Ideen zu entwickeln, wie Ökonomie und Ökologie miteinander vereint werden können. Nun, schreibt sie, gehe es ihr um das Handeln, das diesem Denken folgen könne, ja müsse. Denn weniger mangele es an guten Ideen, als vielmehr an Überzeugungen, wie diese auch tatsächlich umgesetzt werden können. Die dringend notwendigen Veränderungen, die sie als „Große Transformation“ bezeichnet, seien vergleichbar mit der Erfindung des Ackerbaus oder der Industrialisierung. Dazu reiche es nicht, sich mit Symptomen zu befassen, man müsse die Ursachen ändern. In Ihrem Buch formuliert sie für ihre radikale Reform drei Leitfragen:
„Wie können wir in der komplexen Welt, in der wir heute leben, Dinge wenden? Und wie kann uns die Forschung dabei helfen, Lösungen für das 21. Jahrhundert zu entwickeln?

Wo müssen wir ansetzen, um die Strukturen unserer Gegenwart so zu verändern, dass sie der Erreichung unserer Ziele besser dienen, statt ihnen im Weg zu stehen?

Wer kann diese Veränderungen anschieben? Die Politik? Die Wirtschaft? Die sogenannten Eliten? Wer ist mit diesem Wir gemeint, von dem alle reden, wenn es darum geht, etwas zu verändern?“

Moralischer Kompass

Zunächst redet vor allem Maja Göpel in der etwas vereinnahmenden Wir-Form. Deshalb die letzte Frage zuerst: „Wer ist eigentlich Wir?“ Um diese Frage zu beantworten, stellt Maja Göpel eine weitere Frage: „Was macht uns menschlich?“ Menschen, so Göpel, also wir, verfügen nicht nur über genetische, sondern auch über kulturelle Informationen. Die Kultur unserer Vorfahren dient uns als Fundament, auf dem wir die Kultur unserer Nachfahren gestalten. Wir müssen also definieren, wer wir sein wollen. Als moralischen Kompass nutzt Maja Göpel einen Begriff aus dem alten Griechenland: Arete.
„Der US‐amerikanische Autor Jonas Salzgeber hat ihn in eine Definition übersetzt, die kein schlechtes persönliches Leitbild abgibt. Für ihn bedeute ‚Arete‘, sich ‚jederzeit als die beste Version seiner selbst (zu) präsentieren‘. Er beschreibt es als eine Haltung, die uns hilft, unsere Handlungen mit unseren Intentionen in Abgleich zu bringen [...] Mit anderen Worten: Wir versuchen in jedem Moment wieder, nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln, um der beste Mensch zu sein, der wir sein können

Das System verstehen

Dieser bestmögliche Mensch, der wir sein können, ist Teil einer komplexen Welt, die es zum Besseren zu verändern gilt. Aber wie? Maja Göpel plädiert für eine systemische Sicht, um nicht mit einer vermeintlichen Verbesserung an der einen Stelle woanders Verschlechterungen hervorzurufen. Würde man Verbrennungsmotoren einfach durch Elektromotoren ersetzen, hätte man noch immer keine nachhaltige Mobilität. Deshalb sei es wichtig, nicht nur einzelne Teile eines Systems zu verändern, sondern es in seiner Gesamtheit zu verstehen. Angesichts der globalen Klimaentwicklung spricht die Nachhaltigkeitswissenschaftlerin von Rückkopplungen und Kipp-Punkten, die zu einer Dynamisierung von Destabilisierungsprozessen führen. Bevor ein solcher Kipp-Punkt erreicht wird, reagiert ein System mit einer Art Frühwarnung.
„Ballen sich ungewöhnliche Ereignisse, nehmen extreme Ausschläge zu, zeigt das an, dass das System seinem Kipp‐Punkt bereits sehr nahegekommen ist. Jede weitere Störung des Gleichgewichts kann nun eine enorme Wirkung entfalten. Zu keinem Zeitpunkt ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Dinge unaufhaltsam ins Rollen kommen, größer als jetzt. Auf einmal ist möglich, was kurz davor noch undenkbar zu sein schien.“

Kipp-Punkt als Marker

Auch in Gesellschaften gibt es Kipp-Punkte, die Veränderungsprozesse beschleunigen. Nachdem die zwölfjährige Severn Cullis-Suzuki 1992 auf einer Umweltkonferenz der Vereinten Nationen  in bewegender Weise von ihren Zukunftsängsten gesprochen hatte, wurden ein paar Tränen unter den Delegierten vergossen, es gab Applaus. Bevor Greta Thunberg 2019 beim UN-Klimagipfel ihre legendäre Wutrede hielt, demonstrierten vier Millionen Menschen weltweit für mehr Klimaschutz. Kipp-Punkte, so Maja Göpel, markierten den Moment, an dem sich die Abläufe in einem System fundamental änderten. Für ökologische Systeme sollten sie unbedingt vermieden werden.
„Für menschengemachte Strukturen aber, die uns von einer nachhaltigen Welt abhalten, können wir das Wissen um den Kipp-Punkt nutzen, um deren Wandel zu beschleunigen [...] Auch wenn man es nicht sofort registriert – über den Verlauf der Zeit gesehen ist jeder Schritt Veränderung, und im richtigen Moment getan, kann er sogar schnell große Wirkung erzielen.“

Engagierte Stimme in Krisenzeiten

Der Titel des Buches „Wir können auch anders“ kann als Drohung, aber auch als Ermutigung verstanden werden. Maja Göpel hat ihn sich von Detlev Buck ausgeliehen, dem sie auf der letzten Seite ihres Buches ausdrücklich für die Verwendungsgenehmigung dankt. Der Name ihres Co-Autors, Marcus Jauer, erscheint diesmal auf dem Titelblatt. Bei ihrem ersten Buch, das auf Anhieb zum Bestseller wurde, wollte der Journalist wie ein klassischer Ghostwriter noch unerwähnt bleiben. Das hatte für Empörung gesorgt. Göpel schmücke sich mit fremden Federn, hieß es sinngemäß. Eine Missgunst- und Neiddebatte im Sommerloch! Wenn die Mitarbeit eines professionellen Autors dabei hilft, wissenschaftliche Erkenntnisse zu popularisieren – warum nicht? In Kriegs- und Krisenzeiten wird die Klimaproblematik in ihrer Dringlichkeit oft verdrängt. Deshalb ist es gut, wenn eine engagierte Stimme wie die von Maja Göpel so viel Gehör wie möglich findet. Ihr neues Buch ist profunde Diagnose und Aufruf zugleich. Seine Botschaft: Es genügt nicht, die Welt neu zu denken, es kommt darauf an, dass wir uns auf den Weg zu machen, um diejenigen zu werden, die wir sein wollen.
Maja Göpel „Wir können auch anders. Aufbruch in die Welt von morgen“
Ullstein Verlag, 368 Seiten, 19,99 Euro.