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StartseiteInterview"Glück ist kein Egotrip"07.01.2016

Manfred Lütz"Glück ist kein Egotrip"

Neues Jahr, neues Glück: Aber was macht glücklich? Etwas sinnvolles tun, sagte der Psychiater, Theologe und Buchautor Manfred Lütz im Deutschlandfunk. Zum Beispiel, indem man sich für Flüchtlinge engagiere. Ein Irrweg sei es hingegen, wenn man "Glück nur als seinen privaten Glücksbesitz zusammenrafft".

Manfred Lütz im Gespräch mit Christoph Heinemann

Der Mediziner und Autor Manfred Lütz in der WDR-Sendung Kölner Treff. (dpa / picture alliance / Horst Galuschka)
Der Mediziner und Autor Manfred Lütz in der WDR-Sendung Kölner Treff. (dpa / picture alliance / Horst Galuschka)
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Christoph Heinemann: Die Ferien zu Ende, das Geld entweder seit Weihnachten oder nach dem Urlaub futsch. Die Weltlage: Ach, du lieber Gott! Die Börsen stottern, Bahnhöfe sind, wie gehört, auch nicht mehr sicher. Die Tage meist dunkel, über das Wetter reden wir gar nicht, die Stimmung entsprechend. Das ist ein Fall für Doktor Manfred Lütz, den Arzt, Theologen und Buchautor. "Wie Sie unvermeidlich glücklich werden. Eine Psychologie des Gelingens" heißt sein jüngstes Werk, über das wir mit ihm hier im Deutschlandfunk auch schon gesprochen haben. Glück und Gelingen können wir zu Beginn dieses Jahres dringend gebrauchen, und, das Jahr ist ja noch jung, alles Gute für 2016!

Manfred Lütz: Guten Morgen, Herr Heinemann! Ihnen auch.

Heinemann: Wie wird 2016 ein gutes Jahr?

Lütz: Man sagt ja immer, Prognosen sind deswegen schwierig, weil sie mit der Zukunft zu tun haben. Und wenn man überlegt, was wir am Anfang des Jahres 2015 für Prognosen gemacht hätten, ob wir das erwartet hätten, ob wir "Charlie Hebdo" erwartet hätten, was ja heute sich zum ersten Mal jährt, ob wir den Terroranschlag in Paris erwartet hätten, ob wir die Flüchtlingskrise erwartet hätten - ich glaube, nicht.

Heinemann: Sie haben Ihr Buch begonnen vor einem Jahr anlässlich der Schüsse in der Redaktion "Charlie Hebdo". Inwiefern hat dieser Anlass Ihren Ansatz beeinflusst?

Lütz: Ich finde diese ganzen Glücksratgeber schrecklich. Die sehen so ein oberflächlich plätscherndes Glück, so einen Egotrip als Glück. Glücksgefühle irgendwie, Füße in Champagner baden und so was. Und das wird dem Glück eigentlich nicht gerecht. Ich glaube, glücklich sein kann man nur, unvermeidlich sozusagen, wenn man in den unvermeidlichen Krisensituationen des Lebens glücklich sein kann. Der Philosoph Karl Jaspers hat mal gesagt, die Grenzsituationen menschlicher Existenz sind unvermeidlich. Leid, Schuld, Kampf, Tod sind unvermeidlich, und wenn man zeigen könnte, wie man in diesen Situationen glücklich sein kann, dann kann man unvermeidlich glücklich werden, und dann braucht man auch ein Fundament. Es gibt ein Kapitel "Dschihadisten vor der Gretchenfrage".

Heinemann: Gretchenfrage "Wie hältst du es mit der Religion?" aus dem Faust.

Lütz: Wie hältst du es mit der Religion, genau. Wir können doch nicht jungen Leuten, die nach Syrien abdüsen, sagen, jetzt mach doch mal alternativ, geh doch mal shoppen, mach doch mal Konsum bis zum Abwinken. Was sollen wir denn machen? Das heißt, ich glaube, wir müssen auf unsere spirituellen Quellen wieder zurück, auf unsere geistigen Quellen. Auch Atheisten, finde ich, müssen wissen, was das Christentum zum Beispiel ist und was gute Aspekte des Christentums sind, mit denen man auch Menschen überzeugen kann. Viele Christen heute sind engagiert in der Flüchtlingskrise. Unsere Pfarreien im Vorgebirge, hier zwischen Köln und Bonn, sind wahnsinnig aktiv in diesem Bereich. Das heißt, auch Atheisten natürlich dabei, ganz klar. Das heißt, wenn man sich klar macht, dass Glück nicht ein Egotrip ist, sondern dass der Mensch ein soziales Wesen ist, dann kann man sagen – ich habe letztlich in Dresden einen Vortrag gehalten und gesagt, unser Dorf hier im Rheinland ist glücklicher, seit wir Flüchtlinge haben?

Heinemann: Warum? 

Lütz: Weil viele Menschen, die sonst nur für sich allein ihre Rente verzehrt haben, plötzlich Deutschkurse geben, Menschen in Not helfen, Leute zu Behörden begleiten oder zum Arzt begleiten. Und so etwas macht glücklich, wenn man etwas Sinnvolles tut, das macht glücklich, und nicht, wenn man sozusagen Glück nur so als seinen privaten Glücksbesitz zusammenrafft, irgendwelche Glücksgefühle, irgendwelche Endorphine oder so etwas. Das halte ich für einen Irrweg, tatsächlich.

"Die Glücksratgeber machen zumeist unglücklich"

Heinemann: Also Glück heißt Teilen, Zeit oder Besitz oder was auch immer?

Lütz: Ja, ich glaube, und vor allem, dass man das Gefühl hat, das Leben ist sinnvoll, und das was man tut, ist sinnvoll. Und Leute übrigens, die glücklich sind, für die ist Glück gar kein Thema. Die reden gar nicht über Glück. Platon hat mal gesagt, die ständige Sorge um die Gesundheit ist auch eine Krankheit. Und wer dauernd über Gesundheit redet, ist meistens krank oder arbeitet im Gesundheitswesen. Und wenn jemand dauernd über Glück redet, ist er im Zweifel unglücklich. Das heißt, ich glaube, die Glücksratgeber machen zumeist unglücklich, weil man sich dauernd auf diese Dinge fixiert. Wenn Sie daran denken, wann Sie zuletzt glücklich waren, dann haben Sie wahrscheinlich im Moment, wo Sie glücklich sind, das Wort gar nicht im Blick. Erst, wenn Sie unglücklich sind, denken Sie über Ihr Leben nach und sagen, das war eine glückliche Phase. Da war aber Glück gar kein Thema.

Heinemann: Jetzt überlegen wir mal, versuchen wir das einmal, anzuwenden auf Leute, die - ich habe eben die sozialen Netzwerke genannt - da mit Hassparolen argumentieren. Das sind ja offenbar unzufriedene Menschen, zutiefst unzufriedene Menschen. Oder Migranten, die auf, in Anführungszeichen, "Scheiß Deutschland" schimpfen. In dieser konkreten Situation, was raten Sie?

Lütz: Ich glaube, wir haben eine Schwierigkeit, dass in den sozialen Netzwerken, aber auch im Internet, inzwischen alle zivilisatorischen Errungenschaften aus Jahrtausenden wegfallen. Wir haben eigentlich gelernt, dass man einem Menschen, dessen Gesicht man sieht, nicht irgendwelche Unverschämtheiten einfach so sagt. Da muss man sich meistens überwinden, und man soll es am besten gar nicht tun. Aber wenn man den gar nicht sieht, dann kommen im Grunde atavistische Dinge raus. Da kommt das raus, da kommt die Steinzeit raus, aber möglicherweise war man in der Steinzeit sogar noch zivilisierter als im Internet. Das heißt, es muss, glaube ich, auch wieder sozusagen, es muss zivilisierte Üblichkeiten auch in diesen sozialen Netzwerken geben, die man erst erlernen muss. Und Sie haben das eben schon ganz richtig zitiert, die Aggression geht ja in beide Richtungen.

Sie sagen jetzt in der Köln-Frage, Sie haben das eben diskutiert, da wird dann wieder gegen Ausländer irgendwie gehetzt und gesagt, die Flüchtlinge oder die Ausländer - Flüchtlinge sind es ja gar nicht, sondern irgendwelche Ausländer. Aber man kann natürlich genauso sagen, die Deutschen. Also, wenn man sagt, das ist dann ja auch gegen die Deutschen, die alle rechtsradikal sind, könnte man ja auch sagen. Das stimmt ja genauso wenig, wie dass man sagen kann, alle Ausländer belästigen Frauen. Aber, was sicherlich wichtig ist, ist, Integration funktioniert nur, wenn wir wissen, wer wir eigentlich sind, welche geistigen Wurzeln wir haben, worein eigentlich die Leute integriert werden sollen. In unsere Konsumgesellschaft, die vor Weihnachten boomt? In diesen völlig abgedrehten Vorweihnachtsquatsch? Sollen wir die da integrieren, dass die alle Weihnachtsmänner werden? Ich meine, das ist ja wohl nicht die Integration in Deutschland.

Heinemann: Stattdessen?

Lütz: Stattdessen, glaube ich, müssen wir tatsächlich - und wie gesagt, auch Atheisten, finde ich, müssen das, müssen mal die geistigen Quellen wieder sehen. Papst Franziskus sagt, wir müssen wieder an die Ränder gehen. Das Mitleid ist eine christliche Erfindung, und das müssen wir mal wissen. Gregor Gysi hat gesagt, er sei Atheist, aber er habe Angst vor einer gottlosen Gesellschaft, weil da die Solidarität abhandenkommen könne. Sozialismus sei schließlich nichts anderes als säkularisiertes Christentum. Das muss man mal wissen.

Heinemann: Sie sagen nicht "Alle zurück in die Kirche"?

Lütz: Nein, nicht alle zurück in die Kirche. Ich bin nicht dagegen, wenn die Leute in die Kirche gehen, ich bin bekennender Katholik. Aber ich habe viele atheistische Freunde, die sehr engagiert sind, die im Grunde aus der Plausibilität des Christentums heraus leben, was übrigens auch viele Linke tun, aber eben nicht an Gott glauben. Aber zumindest zu wissen, wie Gregor Gysi das sagt, dass der Sozialismus auch aus einer christlichen Tradition kommt, das muss man wissen, und wenn man Christentum nur mit Kreuzzügen, Hexenverfolgung und so was assoziieren kann und nicht die reichen geistigen Quellen des Christentums kennt, was uns Navid Kermani zurzeit klar macht. Ein Muslim macht eindrucksvoll deutlich, was das Faszinierende am Christentum ist. Da sollten doch mal ein paar atheistische Deutsche, auch ein paar christliche Deutsche, ihre eigene Tradition, ihre eigenen Wurzeln besser kennen. Dann haben wir die Kraft zur Integration von Menschen aus anderen Kulturen. Sonst haben wir gar keine Kraft.

"Aber auch im Leiden kann ich noch glücklich sein"

Heinemann: Mit seinem Buch "Ungläubiges Staunen", meinen Sie, Navid Kermani. Macht Spiritualität gelassen?

Lütz: Ich glaube, wenn man denken müsste, dass man in den Grenzsituationen menschlicher Existenz ins Nichts fällt, in der nächsten Krise ins Nichts fällt, dann kann man heute schon nicht glücklich sein. Aber auch im Leiden kann ich noch glücklich sein. Ich habe ein Gespräch gehabt mit Jehuda Bakon, einem Auschwitz-Überlebenden, und der hat gesagt, auch im Leiden kann man einen Sinn erleben, auch im Leiden kann man glücklich sein, das hat er in Auschwitz erlebt. Und wenn so jemand das sagt, das ist wirklich überzeugend.

Ich habe Eltern von Behinderten erlebt, ich habe selbst eine Behindertengruppe in Bonn gegründet, und drei Söhne saßen alle im Rollstuhl, sind alle gestorben, und dann sagte mir die Mutter bei der Beerdigung des letzten Sohnes, sie überlegt jetzt, ein behindertes Kind zu adoptieren, also das Ehepaar. Und da hatte ich fast Tränen in den Augen, weil ich mir sagte, aber die haben das Leben als sinnvoll erlebt mit ihren Kindern und haben die Fähigkeiten, die sie da entwickelt haben, dem adoptierten Kind widmen wollen. Das heißt, dass man im Leiden, dass man in Krisensituationen glücklich sein kann. Das ist wirklich Lebenskunst, und das macht natürlich dann auch gelassen.

Heinemann: Doktor Manfred Lütz, Arzt, Theologe und Autor des Buchs "Wie Sie unvermeidlich glücklich werden. Eine Psychologie des Gelingens". Danke schön für Ihren Besuch!

Lütz: Alles Gute, Herr Heinemann!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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