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StartseiteForschung aktuellMit Gentechnik gegen Malaria 16.12.2015

Manipulierte StechmückenMit Gentechnik gegen Malaria

Für Gentechnik-Gegner ist es ein Albtraum, für manchen Forscher hingegen ein lang gehegter Wunsch: Zwei Wissenschaftlergruppen haben Methoden vorgestellt, um Stechmücken, die Malaria übertragen, genetisch so zu verändern, dass sie entweder ihre Ansteckungsfähigkeit verlieren oder gleich ganz aussterben.

Von Katrin Zöfel

Mücke der Gattung Anopheles Gambiae (picture alliance / dpa / NNS /Landov)
Zentrale Streitfrage: Darf man genetisch veränderte Organismen gezielt in die Natur entlassen? (picture alliance / dpa / NNS /Landov)
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David Conway ist Malariaforscher an der London School of Hygiene and Tropical Medicine. Seit Jahrzehnten, sagt er, kennt er den Traum von genetisch veränderten Stechmücken, die helfen sollen, die Malaria zu besiegen. Doch das klang für ihn immer wie Science Fiction. Bis jetzt.

"Jetzt bin ich optimistischer, dass das tatsächlich klappen könnte. Was meine Kollegen geschafft haben, klingt wirklich interessant."

Gleich zwei Genetiker haben in den letzten Wochen Konzepte vorgelegt, um Stechmücken genetisch zu verändern. Vorschlag Nummer eins kommt aus den USA, von Anthony James, einem Forscher an der University of California, Irvine.

"Wir haben Moskitos entwickelt, die Malaria nicht mehr übertragen können. Ihr Immunsystem tötet die Malaria-Parasiten ab."

Anthony James schleuste Gene in die Mücken ein, die aus Mäusen stammen. Denn die sind resistent gegen humane Malaria-Parasiten. Ihr Immunsystem bildet Antikörper gegen die Krankheitserreger und bekämpft sie, diese Eigenschaft überträgt James auf die Mücken. Verglichen mit dem, was der zweite Genetiker vorschlägt, Tony Nolan vom Imperial College London, wirkt das geradezu bescheiden.

"Wir setzen direkt bei der Fruchtbarkeit an: Wir stören Gene, die die Weibchen brauchen, um sich fortzupflanzen."

Die neue Erbinformation wird an alle Nachkommen weitergegeben

Tony Nolan verändert nicht nur ein Detail in der Biologie der Mücken. Er legt insgesamt drei Gene lahm, die für Eireifung und Embryoentwicklung notwendig sind. Verbreiten sich diese gentechnisch ausgelösten Defekte in einem Mückenschwarm, legen immer mehr Weibchen unfruchtbare Eier. Die Stechmückenpopulation bricht zusammen. Beide Konzepte sind sehr unterschiedlich, doch eins haben sie gemeinsam: die Forscher nutzen eine neue Technologie namens "gene drive". Tony Nolan:

"Gene drive sorgt dafür, dass fast alle Nachkommen einer Mücke mit unserer genetischen Veränderung diese Veränderung auch erben."

"Gene drive" steht für eine Art molekularen Kopierer, der genetische Information vervielfältigt, ähnlich wie ein Papier-Kopierer ein Dokument reproduziert. Jedes Mal wenn sich die Mücken fortpflanzen, sorgt "gene drive" dafür, das praktisch alle Nachkommen die neue Erbinformation in sich tragen. Das führt dazu, dass sich die eingeschleusten Gene innerhalb weniger Mücken-Generationen im ganzen Schwarm verbreiten. Das hat bei Laborschwärmen für beide Konzepte schon funktioniert. Anthony James schwebt vor, "Gene drive" zu nutzen um die Malaria-Resistenzgene in wilden Mückenpopulationen zu verbreiten und so dem Malaria-Parasiten seinen Wirt zu entziehen.

"So könnten wir erreichen, dass Malaria in der Region, in der wir unsere Mücken aussetzen, verschwindet, und zwar auf lange Sicht."

Tony Nolan will im Prinzip das Gleiche erreichen, setzt aber zentraler an, direkt bei der Fruchtbarkeit der Mücken. Auch er entzieht den Malariaerregern ihren Wirt, allerdings mit weitreichenderen Konsequenzen: er dezimiert die Mückenpopulationen.

Bleibt die Frage: darf man genetisch veränderte Organismen gezielt in die Natur entlassen? David Conway, der Malariaforscher an der London School of Hygiene and Tropical Medicine, findet, im Fall von Malaria gilt: Ja, man darf.

"Wir können zwar nicht so tun, als wäre das Ganze völlig ohne Risiken. Aber wenn ich hier die Chancen gegen die Risiken abwäge, finde ich, überwiegen ganz klar die Chancen."

Es ist noch zu früh, um zu sagen, ob die neuen Methoden wirklich halten können, was sie versprechen. Anthony James und Tony Nolan werden beide noch ein bis zwei Jahre brauchen, bis ihre Methoden reif sind für die ersten Tests außerhalb ihrer Labore.

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