Archiv

Anna Kavan: „Asylstück"
Maschinen im Kopf

Nach einem Suizidversuch machte die drogenabhängige Autorin Helen Ferguson ihre eigenen Psychiatrieerfahrungen. Das kam ihr zugute, als sie 1940 mit „Asylstück“ das erste Buch unter dem Pseudonym Anna Kavan veröffentlichte.

Von Christoph Haacker | 30.01.2023
Anna Kavan: "Asylstück und andere Geschichten"
Helen Ferguson war auf der Flucht vor ihrem problembeladenen Leben. Diese Flucht führte über Drogensucht und Psychiatrie ins Schreiben und schließlich in die Selbstneuerfindung. Die Autorin übernahm Namen und Aussehen ihrer eigenen Hauptfigur: Anna Kavan. "Asylstück und andere Geschichten", 1940 erschienen und nun erstmals übersetzt, war ihr erstes Buch unter neuer Identität. (Buchcover: Diaphanes Verlag, Hintergrund: Gerda Bergs)
Mit der Abschaffung ihres Namens aus erster Ehe legte Anna Kavan zugleich ab, wie sie bisher geschrieben hatte. Mit „Asylum Piece“ betritt die sich neu erfindende Autorin erstmals spektakulär die Bühne, und das liest sich so:
„Irgendwo auf der Welt habe ich einen unerbittlichen Feind, wenngleich ich seinen Namen nicht kenne.“
Damit sind wir mitten in der bedrohlich paranoiden, psychotisch-depressiven Welt Anna Kavans. Was nun unter dem zu wörtlich übersetzten Titel „Asylstück und andere Geschichten“ irreführend eher nach Theater, nach Migration und Asyl klingt, beruht auf eigenen Erfahrungen der Autorin. Asyl meint hier: geschlossene Anstalt. Dort spielen acht der 21 Prosatexte. Erst drei Jahre zuvor, 1937, war diese abgeschottete Sphäre in den USA durch Millen Brand zum vieldiskutierten Gegenstand moderner Literatur geworden. Anna Kavan entwickelt die Gattung als eine Vorläuferin der antipsychiatrischen Bewegung weiter. Damit nimmt sie nicht nur Literatur wie von Sylvia Plath oder Anne Sexton vorweg, sondern erinnert auch an Klaus Manns 1937 erschienenes Porträt des geisteskranken Ludwig II., „Vergittertes Fenster“.

Die Ohnmacht der Weggeschlossenen

Gitter, Zwang, Täuschung, Angst – das ist das Wesen der Psychiatrie, wie Kavan sie beschreibt, dabei eindrücklich Innenwelten sowohl der Insassen als auch von Ärzten, Angehörigen und Personal gestaltend. Herzzerreißend, wie die Weggesperrten keinen Weg ins Freie mehr sehen. Im „Asylstück 8“ glaubte die junge Patientin Freda, ihr Mann hole sie zurück nach Hause, doch der liefert sie nach einer Spazierfahrt erneut der Anstalt aus, gegen ihren Widerstand:
„Er versuchte sich ihrer Finger zu entledigen, aber er bekommt ihre Hände nicht zu fassen, die ihn wie verzweifelte Spatzen umschwirren und sich an seinem Ärmel, seinem Revers, seiner Krawatte und sogar seinem Gesicht festkrallen. Er kann nichts weiter tun, als sich schweigend dieser kratzenden, schlagenden Hände zu erwehren und sich angewidert taub zu stellen angesichts der schrillen Stimme, die das Innere des geschlossenen Wagens mit nicht enden wollenden, unartikulierten Wehklagen erfüllt.“

Das Grauen vor dem Gesetz

Ein Patient entkommt mit dem Boot von der Klinik aus über den Genfer See in die Freiheit nach Frankreich – eine Szene, die an C. F. Ramuz erinnert. Doch da überkommt ihn Verzagtheit, und er rudert zurück. Die drohende Zwangseinweisung ist Thema der vielleicht stärksten Erzählung „Die Vorladung“, in der Realität durch rätselhafte Vorgänge untergraben wird. Auch in „Ende in Sicht“ sieht sich die Ich-Erzählerin wie eine Verurteilte, die kraft amtlicher Verordnung aus dem Verkehr gezogen werden soll:
„‚Wird denn niemand etwas unternehmen?‘ möchte ich schreien. ‚Wird denn nichts getan, um mich zu retten? Sie können doch nicht zulassen, dass ich auf diese Weise vernichtet werde. Es muss doch eine Nachricht eintreffen, die besagt, dass alles bloß ein Irrtum war.‘“

In der Nachfolge Franz Kafkas

Selten hat die Rede von Literatur, die „kafkaesk“ sei, eine solche Berechtigung wie im Falle Kavan. So wird ein rätselhaftes Schloss, zugleich Gefängnis, hier zum Schauplatz der unheimlichen Eingangserzählung „Das Muttermal“; im Roman „A Scarcity of Love“ kehrt das Motiv wieder. Wie bei Kafka geht es um das Individuum, das ohnmächtig in eine zerstörerische bürokratische Maschinerie gerät, aus der es kaum ein Entrinnen gibt. Zwei der Erzählungen sind ebenfalls mit juristischen Termini überschrieben: „Klage erheben“ und „Die Vorladung“. Auch die Skizze „Bei Nacht“ ist davon durchsetzt:
„Nach welchen Gesetzen wurde ich ohne mein Wissen angeklagt und verurteilt, obendrein zu einer so schweren Strafe, wenn ich nicht einmal weiß, wessen man mich beschuldigt und anklagt. Aus einem wilden Impuls heraus will ich protestieren, eine Anhörung verlangen, mich einem solchen Unrecht nicht länger unterwerfen.“

Faszinierend und verkannt

Nachdem der Diaphanes Verlag Kavans apokalyptischen letzten Roman „Ice“ unbegreiflich ohne Nachwort herausgebracht hat, ist diesmal ein Beitrag ihrer verdienten Übersetzerin Helma Schleif bereichernd. Noch schöner wäre es gewesen, das Geleitwort der Verlegerlegende Peter Owen zur englischen Edition dem deutschen Publikum nicht vorzuenthalten. In Anna Kavans verstörend-albtraumhafte Welt einzutauchen, gehört zu den faszinierendsten Leseerfahrungen überhaupt. So bleibt das Staunen, wieso diese grandiose emanzipierte Einzelgängerin nicht längst als eine der außergewöhnlichsten Autorinnen ihres Jahrhunderts gewürdigt wird.
Anna Kavan: „Asylstück und andere Geschichten“
Aus dem Englischen und mit einem Nachwort von Helma Schleif
Diaphanes Verlag, Zürich. 160 Seiten, 20 Euro.