Samstag, 28. Mai 2022

Vor 125 Jahren geboren
Max Tau - ein unermüdlicher Versöhner

Der jüdische Verlagslektor Max Tau, Entdecker von Marie Luise Kaschnitz und Wolfgang Koeppen, floh 1938 vor den Nazis nach Norwegen. Im Exil begann er, selbst zu schreiben: Romane und Memoiren im Kampf für die Versöhnung. Dafür erhielt er 1950 den ersten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Von Christoph Vormweg | 19.01.2022

Ausschnitt einer undatierten Porträt-Aufnahme des Lektors und Autors Max Tau - erster Träger des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
Undatierte Aufnahme des Lektors und Autors Max Tau (picture-alliance / dpa)
„Die Literatur (…) - von ihrem Geist hängt es ab, ob wir den Frieden erreichen können. - sagt Max Tau 1950 in seiner Dankesrede zur ersten Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Er übertrug der Literatur, "die Verantwortung, den Menschen wieder zu einer neuen ethischen Grundlage zu verhelfen.“
Max Tau, jüdischer Emigrant unter Hitler, ist nur für die Ehrung angereist. Für den Schriftsteller und Verlagslektor ist die zweite, norwegische Heimat längst wichtiger geworden. Nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs sucht er die Versöhnung zwischen den Nationen, den Religionen, den Menschen. Deshalb fordert Max Tau die Jugend auf, sich zu engagieren und ihre Visionen für eine bessere Welt aufzuschreiben.
„Die deutschen Verleger sollen die Organisation dieser kleinen Schriften der Jugend übernehmen: ein Weg zur Friedensbücherei, die von hier aus aufgebaut werden soll. Die Dichter, Wissenschaftler, Künstler aller Nationen sollen daran beteiligt sein.“

Kindheit im multireligiösen Schlesien

Das sei "keine vage Schwärmerei", so der Mitbegründer des Friedenspreises Friedrich Wittig:
„Sondern die wissende Liebe eines vom politischen Schicksal gejagten Menschen, der trotz schwerer Erfahrungen den Glauben nicht verloren hat, dass wir alle Geschöpfe eines Gottes sind, verbunden in aller Zerspaltenheit.“
Max Tau wird am 19. Januar 1897 im oberschlesischen Beuthen geboren. Und erlebt in seiner Kindheit, "dass die Konfessionen in Eintracht und Frieden miteinander leben können." Diese Erfahrung habe ihm "die Kraft gegeben, mitzuhelfen, die Wege der Versöhnung zu bahnen.“

Weichensteller großer Schriftsteller-Karrieren

In Hamburg, Berlin und Kiel studiert Max Tau Philosophie, Psychologie und neuere Literaturgeschichte. Nach seiner Promotion arbeitet er als Verlagslektor: erst in Trier, dann bei Bruno Cassirer in Berlin. Dort legt er die Basis für große Schriftsteller-Karrieren.

„Was die deutschen Autoren angeht, so muss ich sehr dankbar sein, dass ich in einer Zeit gelebt habe, wo es wirklich große Talente gab. Ich brauche heute nur noch die Namen zu nennen, die noch immer im Lichtpunkt stehen: die wunderbare Dichterin Marie Luise Kaschnitz, vielleicht einer der wichtigsten Dichter in Deutschland: Wolfgang Koeppen.

Späte Flucht aus NS-Deutschland

Max Tau ist der korrigierende und anregende Wortarbeiter im Hintergrund. Wegen seiner Herkunft gehören neben den deutschen auch schlesische Autoren wie Hermann Stehr zu seinen Schwerpunkten. Aber er fördert auch die Übersetzung skandinavischer Schriftsteller. Trotz der immer heftigeren Judenhetze der Nationalsozialisten bleibt Max Tau bis 1938 in Deutschland. Dann flieht er nach Norwegen:
„Wenn man als Emigrant in ein fremdes Land kommt (…), dann ist es furchtbar schwer für die Menschen.“

Vom norwegischen ins schwedische Exil

Doch Max Tau hat Glück. Seine Fähigkeiten werden auch in Norwegen geschätzt. Das letzte Buch von Knut Hamsun liest er auf Wunsch des Literaturnobelpreisträgers als erster. Umso entsetzter erfährt er nach dem Einmarsch der Wehrmacht von Hamsuns Kollaboration mit den Nazis. Wieder muss sich Max Tau absetzen, diesmal nach Schweden. In der Emigration beginnt Max Tau selbst zu schreiben. "Versucht nicht, die Welt durch Pläne und Organisationen zu verbessern.“, heißt es in seinem Roman „Denn über uns ist der Himmel“:
„Versucht einander näher zu kommen, die Menschen einander näher zu bringen, mit dem Herzen, nicht mit dem Verstand!“

"Die Muttersprache ist die Heimat aller Emigranten."

Es folgen drei Bände mit Lebenserinnerungen. Darin beschreibt Tau etwa, dass er seine Vorträge immer in Norwegisch gehalten habe. "Aber meine Bücher muss ich in der Muttersprache schreiben. Denn die Muttersprache ist die Heimat aller Emigranten. (..) Das, was du im Herzen hast, kannst du nur in der Muttersprache so wiedergeben, dass es die Menschen richtig empfangen werden.“  

Mit seiner theologisch und humanistisch fundierten Prosa bleibt Max Tau ein unermüdlicher Versöhner und Friedenssucher. Bis zu seinem Tod 1976 in Oslo arbeitet er an der Verwirklichung seines Traums, dass die Literatur die Welt positiv verändern möge.