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StartseiteEssay und DiskursKölner Kongress 2019 - Radio-Kulturen im medialen Wandel24.03.2019

MedienforschungKölner Kongress 2019 - Radio-Kulturen im medialen Wandel

Welche Rolle spielt Radio-Kultur in Deutschland? Einst verklärt als einflussreiche Kulturmaschine oder betrauert als Relikt: Unter dem Wandel von medialen und gesellschaftlichen Bedingungen wird die Rolle neu definiert. Eine Standortbestimmung.

Von Hans-Ulrich Wagner

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Ein Radio mit Digitalempfang steht am 09.05.2016 auf dem Medientreffpunkt Mitteldeutschland in Leipzig (Sachsen). (picture alliance / dpa / Jan Woitas)
Ein DAB-Radio-Empfänger (picture alliance / dpa / Jan Woitas)
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Einflussreiche Kulturmaschine oder Relikt einer Verfallsgeschichte am Ende der bürgerlichen Öffentlichkeit? Dieses Spektrum bietet die Untersuchung der Radiokulturen in den vergangenen Jahrzehnten. Welche Ansprüche und Erwartungen prägen Radio-Kulturen heute, im rasanten Wandel der Medien und der gesellschaftlichen Bedingungen?

Der Essay fragt nach den Konsequenzen des Wandels für das, was gegenwärtig als Radio-Kulturen in Deutschland zu beobachten ist. Dazu nutzt er das Modell einer kommunikativen Figuration, um weder in vorschnelle Resignation zu verfallen noch um unangebrachte Euphorie zu verbreiten. Aus mehreren Perspektiven werden also die Standortbestimmungen angegangen, die jedoch immer wieder um die eine Grundfrage kreisen: "Was hält das Ganze zusammen?"

Hans-Ulrich Wagner, geboren 1962, ist Leiter der Forschungsstelle Mediengeschichte am Leibniz-Institut für Medienforschung/Hans-Bredow-Institut, Hamburg. Er studierte in Bamberg und Münster und promovierte 1996 mit einer Arbeit über das Hörspielprogramm der unmittelbaren Nachkriegszeit 1945-1949. Forschung: unter anderem zum Radioschaffen von Günter Eich, Kurator der Ausstellung "Remigranten und Rundfunk 1945-1955", Mitglied verschiedener Jurys, darunter "Hörspielpreis der Kriegsblinden - Preis für Radiokunst".


Radio als Leitmedium

Zwei Schlaglichter zum Einstieg.

Die erste Situation versetzt uns in die 1950er-Jahre zurück. Lassen Sie uns die sogenannte 'Blütezeit des Radios' erkunden, die 'radio years', wo so etwas wie 'Radio-Kultur' herrschte und wo offensichtlich bis heute gültige Standards festgelegt wurden.

Die zweite Situation ist die von heute: Welche 'Radio-Kultur' oder 'Radio-Kulturen' umgeben uns gegenwärtig?

Beginnen wir mit den Jahren, als das Radio noch ein sogenanntes Leitmedium war. Fernsehen gab es noch nicht. Man ging ins Kino, um den Hauptfilm zu sehen, und nahm Wochenschauen und Kulturfilme so mit, ansonsten las man. Sie merken, dieses vereinfachte Bild der 'radio years', die für die Spanne von den 1930er- bis zu den 1960er-Jahren angesetzt werden - dieses Bild kann man idyllisch zeichnen und kann man es vor allem nostalgisch verklären.

Ein paar 'Farbtupfer' allerdings kann man dem Bild geben: Das Radio hatte eine bestimmte Bedeutung für die bundesrepublikanische Nachkriegsgesellschaft. In den bald nach Kriegsende gegründeten öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten fand etwas statt, was man als Selbstverständigung bezeichnen kann - mit Hilfe von Diskussionen und Streitgesprächen; Vorträgen und Essays; Lesungen und Hörspielen; Dokumentationen und Features; Nachrichten und Kommentaren. Die Schriftsteller, die Intellektuellen, die Professoren, die Publizisten schrieben auch fürs Radio, sie traten in den Programmen auf: Adorno und Benn, Böll und die Bachmann; kein Treffen der Gruppe 47 ohne Medienecho; kein NS-Prozess ohne Berichterstattung im Radio.

Die Historikerin Christina von Hodenberg hat diese Prozesse beschrieben als einen Übergang von einer Öffentlichkeit auf der Basis von Konsens hin zu einer - wie sie es nennt - "kritischen Medienöffentlichkeit".

Und in einer anderen Studie zeigt die Historikerin Monika Boll, dass speziell in den "Abendstudios" und "Nachtprogrammen" die - Zitat - "intellektuellen Gründungsdebatten der frühen Bundesrepublik" stattgefunden hätten.

Das Unterhaltungsmedium mit Nischenprogrammen

Bevor wir jetzt aber ins Schwärmen kommen, korrigiere ich das schöne Bild sogleich. "Was für ‘nen Mist verzapfen Sie da", "einsperren müsste man den Autor" … das sind Zitate aus Höreranrufen, aus spontanen Reaktionen des Publikums. Sie gelten 1951 Günter Eich und seinen "Träumen" - also einem Hörspiel, das mittlerweile kanonischen Rang hat. Die Hörer, die damals beim Nordwestdeutschen Rundfunk angerufen haben, wollten vom Radio 'unterhalten' werden. Sie wollten "was Nettes hören", sie wollten sich ablenken, sie bevorzugten Musik, leichte Musik, unterhaltende Musik. Das Radio - daran sei erinnert - wurde schließlich als "Unterhaltungsmedium" gegründet und immer auch so begriffen. Die Hörerzahlen übrigens, die sich für das Nachtprogramm ermitteln lassen, sind insgesamt eher ernüchternd. Das war ein Nischenprogramm.

Und Hörspiele? Die schrieben viele Autorinnen und Autoren nicht selten aus ökonomischen Gründen. Vom Honorar konnte man wunderbar ein, zwei, drei Monate leben. Aber für den Literaturbetrieb zählte etwas anderes: Hier ging es um gedruckte Literatur, um das Buch. Alfred Andersch beklagte sich einmal über die sogenannten "Geheimschreiber", also diejenigen, die vor allem für das Radio schreiben, was aber nicht wirklich zähle. Andersch porträtierte damals Wolfgang Koeppen und Ernst Schnabel, meinte aber vor allem auch sich selbst. Man könnte also sagen, es sind zwei verschiedene Dinge, nämlich 'Was die Deutschen hörten' und was 'ihre Intellektuellen für das Radio schrieben'.

Das soll unseren Blick auf die Gegenwart bereits schärfen. Denn ein Leichtes wäre es, eine Verfallsgeschichte zu zeichnen: Seit der 'Blütezeit des Radios' sei alles schlechter geworden; spätestens mit der Einführung der Servicewellen, des Formatradios, der privaten Sender, der magazinierten Durchhörprogramme sei alles an ein Ende gekommen.

Also: Von wegen "Die große Kulturmaschine Funk", wie sie der SWR zu 60 Jahre Radio-Essay noch einmal beschwor… Von wegen 'Radio-Kultur'! - Es liegt alles im Argen…

Warum das Radio retten?

Unverbesserliche Aktivisten, die versuchen, das Radio "zu retten", und die stehen meines Erachtens auf verlorenem Posten. Ihre Initiativen gehen an den Realitäten der heutigen Mediengesellschaft vorbei.

Warum auch das Radio retten? Ein Blick und noch mehr natürlich ein aufmerksames Ohr auf die sich rasch verändernden Medienumgebungen zeigt: So viel Radio… …, so viel Sound war nie! Im Netz stehen unzählige interessante Angebote zur Verfügung - auf YouTube, auf Spotify, in den Mediatheken, in Internet‑Only‑Radioangeboten … und und und … - wir haben eine Auswahl, wir haben die Wahl. So viel wie noch nie ist verfügbar, allzeit und überall.

Es tut sich jede Menge. Allein auf meinem Twitter-Account empfange ich Hinweise auf Tagungen, Ausstellungen, Performances - "Radio Art in Turmoil" lautete eine Veranstaltung in Kopenhagen vor wenigen Wochen. "Radiophonic Spaces" waren als "begehbares Radioarchiv" im Haus der Kulturen der Welt in Berlin Ende 2018 zu erkunden. "Öffentlichkeit für das Hörspiel - Hörspiele für die Öffentlichkeit" bietet die neue, gerade laufende Veranstaltungsreihe in der Akademie der Künste.

In all diesen Zusammenhängen ist viel vom "Ohrenmenschen" die Rede, ja von einem regelrechten "Age of Ears", also einem 'Zeitalter des Ohres'. Über das Radio, das in diesen Tagen 100 Jahre alt wird, kann man eben sagen: So viel Radio, so viel Sound - so viel Radio Art, so viel Sound Studies - so viele Arbeiten über "auditive Kulturen" waren nie. Leben wir also, wie ein Marktforschungsinstitut behauptet, in einer "digitalen Audio-Society"?

Damit sind wir mitten in der Frage nach der "Standort"-Bestimmung: Wie kann man so etwas bestimmen - "Radio-Kulturen"? Öffentlichkeiten, die sich für klangliche Ereignisse, sonische Informationen interessieren; Öffentlichkeiten, die gern hören…, etwas anhören…, die zuhören; Kulturen, in denen Radiohören einen Platz hat und eine Relevanz bekommt.

Wenn man als Wissenschaftler eingeladen ist, so etwas vorzunehmen, bedient man sich seines wissenschaftlichen Handwerks - in diesem Fall des Konzepts der "kommunikativen Figurationen". Dieses hat sich in den letzten Jahren hervorragend bewährt, um gesellschaftliche Veränderungen zu analysieren, die im Zusammenhang mit dem medialen Wandel stattfinden.

Ich versuche, meine Ergebnisse aufzuzeigen und Ihnen einen Einblick zu geben, wie dieses Konzept sinnvoll angewendet werden kann. Beginnen wir mit dem medialen Wandel.

Trends der medialen Wandels

Meine These: Radio-Kulturen können nicht länger mehr an einem Medium festgemacht werden. Denn was ist Radio? Und vor allem - was ist nicht Radio? Wir Wissenschaftler sprechen von 'Medienumgebungen', die sich wandeln. Wie bereits angedeutet, auch in der Geschichte war das Radio nie allein, es war immer Teil einer Medienumgebung. Das ist heute genauso. Und durch die fortschreitende Medialisierung gilt das natürlich noch sehr viel mehr. Lineares Programm; Sendeplätze; Geräte, die eindeutig als "Radio" zu identifizieren sind, … das alles ist zwar noch erkennbar, aber es verändert sich grundlegend.

Wir sprechen von Trends des medialen Wandels. Solche Trends machen wir an der Differenzierung der genutzten Kommunikationskanäle fest: Jegliches Denken in 'ein Sender' hier … und 'ein Hörer' da …ist überholt.

Oder nehmen wir die Verfügbarkeit: Der Trend geht zur Omnipräsenz. Alles ist verfügbar, allerorten und zu jeder Zeit. Technische Zugangsgeräte und verfügbare Kommunikationsdienste verändern sich. Wir sprechen vom Übergang zur Konnektivität der Medien, kommunikative Optionen rücken zusammen. Wir sehen die wachsende Bedeutung von dialog-orientierten Kommunikationsformen. Die Zeiten eines sogenannten 'dispersen' Publikums, eines anonymen und verstreuten Publikums, sind vorbei. Der Trend geht hin zur Beschleunigung von Wissensproduktion und Wissensnachfrage.

Das sind die Trends, die sich abzeichnen. Immerhin belegen die jüngsten Zahlen einer Studie bei uns am Hans-Bredow-Institut auch: Natürlich wird weiterhin in einem hohen Maß Radio auf ganz traditionelle Weise gehört. Und das individuelle Abrufen von Radiosendungen oder Podcasts über Streaming-Angebote, Internetseiten oder Apps spielt in Deutschland insgesamt noch gar keine so große Rolle.

Doch wenn man sich die Zahlen dieser Studie mit dem Titel "The Peoples‘ Internet" genauer anschaut und sie allein nach Altersgruppen differenziert, verschiebt sich das Bild schrittweise hin zugunsten der digitalen Nutzung, hin zu zeitversetzten und individuell abgerufenen Nutzungen.

Das ist vor allem interessant, wenn man sich die kulturellen Interessen der Publika ansieht. Seit 1998 unterscheidet man in der Forschung sogenannte "MedienNutzerTypen". In der jüngsten "MedienNutzerTypologie" von 2015 werden drei der insgesamt zehn "Typen" so charakterisiert, dass sie kulturelle Interessen haben, dass Kultur in ihrer Lebenswelt eine Rolle spielt.

Das sind in der Sprache der Typen-Bildung

• die "Hochkulturorientierten",

• die "Engagierten" und

• die "modernen Etablierten".

Sie bilden zusammen etwa 30 Prozent der Bevölkerung und stellen sich aufgrund ihrer Interessen, ihrer Wertemuster und Freizeitbeschäftigungen ein sogenanntes "Medienrepertoire" zusammen.

Dieses "Medienrepertoire" umfasst viele verschiedene Medien - Radio, Fernsehen, Zeitungen et cetera; es umfasst viele Nutzungsformen - häuslich, mobil, außerhäusig mit Konzert- und Theaterbesuchen; es umfasst verschiedene "Modi" der digitalen Mediennutzung - also zur allgemeinen Information, zum Abruf für spezielle Interessen oder zum kommunikativen Austausch in verschiedenen Peer-Gruppen.

Es wird Sie vielleicht überraschen, dass zum Beispiel die "Hochkulturorientierten" quantitativ weniger Radio hören als der Gesamtdurchschnitt. Aber ihre vielfältigen Themeninteressen machen sie zur Kernhörerschaft von Kultur- und Infoformaten, also zu den Nutzern von tieferen Auseinandersetzungen mit Themen und Inhalten.

Radio ist kein Kulturakteur mit Alleinstellungsmerkmal

Um nun die "Radio-Kulturen" vor dem Hintergrund dieses medialen Wandels näher zu beleuchten, nehme ich wie gesagt das 'Konzept der kommunikativen Figurationen' zu Hilfe. Ich schildere Ihnen einige Beobachtungen, die ich drei verschiedenen Zugängen zuordne:

1. der Akteurskonstellation;

2. dem Relevanzrahmen;

3. den kommunikativen Praktiken.

Fangen wir mit der Akteurskonstellation an.

Meine These: Es herrscht eine neue Vielfalt der Akteure beziehungsweise eine neue Unübersichtlichkeit, wenn Sie so wollen.

Das Alleinstellungsmerkmal des öffentlich-rechtlichen Rundfunks als Produzent und als Vermittler von Kultur ist weggefallen. Er ist nicht länger mehr ein "Kulturakteur" neben den anderen öffentlichen Einrichtungen wie den Theater-, Konzert- und Opernhäusern. In den "new aural cultures", also in den Kulturen, die sich mit sonischen Aspekten befassen, gibt es vielfältige Akteure, die sich der wachsenden digitalen Möglichkeiten bedienen.

Medientechnik ist leicht handhabbar, sie ist günstig - im Prinzip kann jede/jeder Audio-Beiträge erstellen und versuchen, sich im Netz Gehör zu verschaffen. Und viele tun dies auch. Öffentlich-rechtliche Podcasts und solche von Einzelpersonen und Gruppen, von Künstlern, von Journalisten, übrigens vermehrt jetzt auch von Wissenschaftlern konkurrieren mit den Angeboten, die man traditionell als Kulturradio-Programme bezeichnet hätte.

Die Internationalisierung ist an zweiter Stelle zu nennen. Statt wie früher auf ein Sendegebiet beschränkt zu sein, in dem die Angebote im Nahbereich der UKW-Frequenzen ausgestrahlt werden, spielen geographische Grenzen keine Rolle mehr. Über das jeweilige Sendegebiet eines sogenannten "Haussenders" hinaus ist selbstverständlich das deutschsprachige Angebot verfügbar.

Und nicht nur das: Wenn die Sprachbarrieren nicht hemmen, steht das internationale Angebot zur Verfügung. Eines der schönsten Beispiele in diesem Zusammenhang ist der "Radio Garten". "www.radio.garden" ist das das Ergebnis eines Forschungsprojekts zu "Transnational Radio Encounters", also zu transnationalem Erzählen im und mit dem Radio. Die KollegInnen haben diesen 'Garten' im Netz geschaffen, einen 'Paradiesgarten', wenn man so will, wo man aus 8.000 Sendern auswählen kann. Auf einer Weltkugel zoomt man sich hin zu einem Ort, klickt und lauscht den weltweiten Darbietungen.

Radio-Kultur im öffentlichen Interesse

Wenden wir uns der zweiten Perspektive zu: Welche Relevanzrahmen herrschen vor? Damit beschreibe ich Orientierungen, die Werte, Normen und Ziele, die von den Akteuren benannt werden: Welche 'Relevanz' verbinden Akteure mit ihren Handlungen? Worauf beziehen sie sich?

Meine These: Die Suche nach dem, was "im öffentlichen Interesse" ist, hat gerade erst begonnen. Es ist noch viel tun, um zu zeigen, welchen öffentlich-rechtlichen Beitrag man zu den "Radio-Kulturen" leisten möchte!

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk bietet ein buntes Beobachtungsfeld. Anscheinend oder auch scheinbar ist man in der Defensive. Man sieht sich in einer Rolle, sich rechtfertigen zu müssen.

Zwei Beispiele:

Das erste ist eine wunderbare Studie, die der Westdeutsche Rundfunk 2009 in Auftrag gegeben hat. Auftragnehmer dieser WDR-Studie war der Deutsche Kulturrat. Gemeinsam ging es darum aufzuzeigen, inwiefern dieser eine öffentlich‑rechtliche Sender ein "Kulturakteur" ist, welche Rolle er im öffentlichen Kultursektor spielt; welchen erwerbswirtschaftlichen Teil des kulturellen Lebens er trägt und welche Bedeutung der Sender im kulturellen Leben spielt. Das Interessante an dieser Studie war und ist, dass sie versuchte, solche Leistungen nicht nur zu erfassen, sondern sie auch zu bilanzieren, … zu beziffern, … kulturelle Leistungen also auch messbar zu machen. Dafür wurden der WDR und der Deutsche Kulturrat damals relativ heftig kritisiert. Vielen war diese Leistungsschau zu schön geredet, zu sehr auf Erfolgsbilanz hin geschrieben.

Die Frage der Messbarkeit von kulturellen Leistungen

Ich sehe zwei grundsätzliche Probleme.

Das erste Problem ist die Schwierigkeit, Leistungen eines "öffentlichen Dienstes" in Zahlen zu fassen. Wir sind geneigt, das qualitativ zu beschreiben, … aber quantitativ messen? … solche Leistungen mit konkreten Zahlen zu belegen?  Das erscheint immer noch irritierend.

Das zweite Problem ist die Herausforderung, genau das aber tun zu müssen. Die Logik unserer gegenwärtigen Liberalisierung und Kommerzialisierung zwingt "öffentliche" Akteure dazu, genau das zu tun.

"Creating Public Value" war Mitte der 1990er-Jahre das Schlagwort, das von Wirtschaftswissenschaftlern wie Mark Moore eingeführt wurde, um Managementstrategien öffentlicher Einrichtungen ganz allgemein zu messen, effizienter zu machen und das heißt natürlich auch zu reformieren. Diese Entwicklung erreichte dann sehr schnell natürlich auch den Rundfunk als öffentliche Einrichtung. Die BBC legte ihren Bericht "Building Public Value" vor, um sich neu auf die digitalisierte Welt vorzubereiten, sich zu positionieren. Und auch in Deutschland redet man seither über den "Mehrwert" und das Ziel, noch 'mehr' 'Wert' für alle zu schaffen. Beispielsweise hier im Haus. Das Deutschlandradio beziffert oder betitelt seine "Leistungsbilanz" mit "Mehr Wert im Radio - bundesweit und gebührenfrei".

Doch, wie gesagt, wie kann man das messen, wie kann man das einer Gesellschaft gegenüber ausweisen? Auf der europäischen Ebene der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, also auf der Ebene der EBU, der European Broadcasting Union, verfolgt man aktuell die Strategie der sogenannten "Contribution to Society".

Vier Großbereiche stehen in diesem Modell im Mittelpunkt. Großbereiche, zu denen der Rundfunk jeweils eine gesellschaftliche Leistung erbringt - zum Bereich der Wirtschaft, zur technischen Entwicklung, zur Demokratie und viertens - und das interessiert uns hier besonders - zum Bereich von Kultur und Bildung. Darunter fasst man nicht nur das kulturelle Leben, sondern auch das kulturelle Erbe sowie alles um Persönlichkeitsbildung und Identitätsmanagement herum.

Die EBU hat 2015 diesen Bericht vorgelegt, der die Verantwortlichen in den Sendeanstalten einlädt, darüber nachzudenken, was denn ihre jeweiligen "Contributions" für eine Gegsellschaft sind, welche Leistungen sie erbringen, wie diese miteinander verbunden sind - und: das ist ganz wichtig - wie diese wirken, wie man deren konkreten "impact" messen kann.

Was die EBU hier intern anstößt, ist aus meiner Sicht noch nicht richtig angenommen worden. Dabei gäbe es jede Menge interessanter Fragen: Welche Leistungen erbringen künstlerische Radiobeiträge im Literatur- und Kulturbetrieb? Wie viele Autorinnen und Autoren leben von den Einnahmen ihrer Arbeit für die Sender - ganz oder teilweise? Welche Rolle spielen Radiobeiträge, wenn es um Sozialisation geht? Welche Rolle, wenn es um schnelle Überblicksinformationen geht; welche Rolle, wenn es um vertiefte Informationen, um Hintergründe, Entwicklungslinien geht? Wieviel "Radio"-Erbe haben wir und wie wird es der Gesellschaft zugänglich gemacht?

Persönlich denke ich, hier könnte vieles getan werden, was meines Erachtens dazu beitragen würde, einen gesellschaftlichen Wert und eine gesellschaftliche Relevanz nachhaltig aufzuzeigen. Ich finde es wert, darüber nachzudenken, was als Beiträge zu Radio-Kulturen verhandelt wird und wie man deren Erfolg aufzeigen kann.

Kulturelle Orientierung geben

Sehr gut passen in diesen Zusammenhang übrigens auch die Handlungsempfehlungen, die die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestags vor gut zehn Jahren zur "Kultur in Deutschland" festgehalten hat.

Ich erinnere: An oberster Stelle stand bereits damals, "den Kulturauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (...) zu präzisieren".

Als zweites wurde angeregt, mit der "Evaluierung der Erfüllung des Kulturauftrags (…) eine unabhängige externe Institution zu beauftragen". Und so geht das weiter.

Damit komme ich zur dritten Perspektive der "kommunikativen Figuration" von "Radio-Kulturen" heute. Werfen Sie mit mir noch einen Blick auf konkrete Handlungen - fragen Sie mit mir: Welche kommunikativen Praktiken lassen sich beobachten?

Meine These: Es gibt eine Sehnsucht nach Kultur, kulturelle Orientierung wird gesucht.

Lassen Sie kurz einige Erfolgsbeispiele Revue passieren … kommunikative Praktiken, mit denen die Rundfunkmacher die Ausspielwege jenseits des linearen Programms bereits entdecken und nutzen.

Nehmen Sie zum Beispiel den "Dokublog" des Südwestrundfunks. Seit mittlerweile gut zehn Jahren ist er nicht nur eine Internet-Plattform, die Informationen bietet. Dieser Dokublog ist ein Diskussionsforum zu aktuellen Medienfragen, eine Börse, die zum Veröffentlichen einlädt. Das Prinzip 'do it yourself' erhält hier eine ganz neue Bedeutung.

Oder nehmen Sie die vielen neuen Online-Angebote der öffentlich-rechtlichen Dramaturgien. Allen voran das sehr schöne digitale Angebot des Deutschlandfunks und des Deutschlandradios unter www.hoerspieleundfeature.de. Der "Hörspiel Pool" des Bayerischen Rundfunks lädt mit den Worten ein: "Jede Zeit ist Hörspielzeit!". Der "Hörspiel-Speicher" des Westdeutschen Rundfunks erklärt süffisant: "Hört doch, was ihr wollt". Gut so!

Schließlich die jüngsten digitalen Angebote der Audiotheken, der Audiothek-Apps - auch hier vom Deutschlandfunk die Audiothek, aber auch insgesamt der ARD, ein Angebot, das in den Kategorien Hörspiel, Comedy, Wissen, Doku und Reportage Programme anbietet - also alles das, was "Kultur" umfasst. Diese "ARD Audiothek" ist Ende 2017 mit ziemlichen Tamtam an den Start gegangen und ihre Nutzerzahlen sind relativ hoch, wie ich recherchiert habe.

Was aber sehr interessant ist, dass dieser Nutzung bereits ein Wandel in der Produktion gegenübersteht. Im Interview berichten MitarbeiterInnen der ARD, dass sie immer häufiger vom 'online first' her denken; dass sie vom 'podcast first' her ihre Geschichten, ihre Inhalte entwickeln. Und erst in einem zweiten Schritt wird überlegt, wie man Geschichten bearbeiten muss, um sie auch im linearen Programm noch erzählen zu können.

Die Informationspyramide

Drei abschließende und abrundende Bemerkungen zu den Konsequenzen für die "Radio-Kulturen"

Die erste Bemerkung gilt dem, was man gemeinhin mit 'gesellschaftlicher Fragmentierung' oder 'fragmentierten Öffentlichkeiten' bezeichnet. Das ist die ganz große Herausforderung aktuell: Was hält diese Gesellschaft zusammen? Wie kann gesellschaftlicher Zusammenhalt gestärkt werden?

Wer oder was, wenn nicht Kultur, hat diese große Aufgabe? Sie trägt dazu bei, dass Individuen sich zu Persönlichkeiten bilden. Sie macht aus Personen soziale Gruppen, Gemeinschaften. Sie schafft Zusammengehörigkeit.

In dem EBU-Modell, das ich erwähnt habe, wird explizit diese Aufgabe angesprochen. Die öffentlich-rechtlichen Medien sollten noch mehr sich diese Aufgabe auf die Fahne schreiben und uns ihre Leistungen aufzeigen.

Wie sähe das speziell für "Radio-Kulturen" aus? Welche "Radio"-Angebote müssten auf welche Kommunikationsbedürfnisse reagieren?

Auf der untersten Ebene, auf der breiten Ebene einer Informationspyramide steht die Weltbeobachtung. Radio-Kulturen müssen wissen, müssen erfahren können, was vor sich geht. Was ist öffentlich relevant?

Auf einer Ebene darüber stehen thematische Interessen und Vorlieben. Hier haben Hörspiele ihren Platz, Features, Dokumentation, alles, was Aspekte der Welt aufzeigt, akustisch, mit den Mitteln des Klangs, der Stimme und der Sprache.

Erst weiter oben in dieser Informationspyramide kommen gruppenspezifische Bedürfnisse oder gar situativ-individuelle Bedürfnisse. Ob die öffentlich-rechtlichen Anstalten hier gefragt sind, das lasse ich noch offen. Aber ein öffentlich verpflichtend gemachter "Kulturauftrag" wird sich mit Sicherheit diesen unteren beiden Ebenen widmen.

Radio-Kulturen werden nicht allein aus Kulturradios geschaffen

Die zweite Bemerkung fragt, wie der traditionelle Akteur das alles besser leisten kann. Hier ist mein Ansatz, den Kulturakteur "Radio" als eng vernetzt zu beschreiben. "Radio-Kulturen" werden nicht allein aus Kulturradios geschaffen, erwachsen nicht aus kulturellen Programmen allein. "Radio-Kulturen" leben von Repertoires, von vielfältigen Interessen und Vorlieben.

Wir sind es längst gewohnt, dass Kooperationen zwischen öffentlich‑rechtlichen Häusern und Verlagen, Labels, Konzert- und Theaterhäusern stattfinden. Mit Blick auf "Radio-Kulturen" wünsche ich mir, dass der Kulturakteur "Radio" kulturelle Interessen und Vorlieben weckt. Durch seine öffentliche Finanzierung hat er hier auch eben die ganz besondere gesellschaftliche Aufgabe wahrzunehmen. Und ich finde es überhaupt nicht beklagenswert, wenn andere, wenn weitere Kulturakteure hinzutreten. Ganz im Gegenteil.

Dritte und letzte Bemerkung. "Radio-Kulturen" heute scheinen mir in einem spannungsreichen Verhältnis von Individualisierung und Eventisierung angesiedelt. Radiohören erscheint vielfach als eine individuelle Praktik, man hört allein, man hört für sich - zu Hause in den vier Wänden, mit einem Kopfhörer in der U-Bahn.

Dem gegenüber steht das gemeinschaftliche Hören, das körperliche Erleben von Gemeinschaft. Für Musik ist das ganz besonders greifbar.

Aber mir fällt auf, dass es einen erfolgreichen Trend hin zu Events gibt, also Radio Art, Sound Art öffentlich zu präsentieren - etwa in einem Planetarium ein Hörspiel aufzuführen oder in einer Galerie eine Installation, eine Performance mitzuerleben. Gerade Letzteres ist für mich immer ein besonderes Erlebnis - zum einen, weil ich mich natürlich an dem "radiokulturellen" Ereignis freue; zum anderen, weil ich glaube, hier das Bedürfnis nach "Radio-Kultur" zu sehen. Hier zeigt es sich.

Das schafft Zusammengehörigkeit, denn wie viele andere bin auch ich immer auf der Suche nach "Radio-Kulturen".

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