Pharmaindustrie
Europas Abhängigkeit von chinesischen Medikamenten

China investiert massiv in Biotech – mit Erfolg. Patente, Lizenzdeals und Zulassungen nehmen deutlich zu. Doch je stärker China wird, desto lauter werden in Europa die Warnungen vor einer gefährlichen Abhängigkeit bei Medikamenten.

    Eine Frau in weißem Laborkittel, mit Mundschutz, Schutzbrille und Handschuhen sitzt an einem Labortisch und pipettiert eine Flüssigkeit in kleine Röhrchen in einem orangefarbenen Ständer.
    In einem Labor im ostchinesischen Jinan arbeitet eine Mitarbeiterin an Zellkultur-Experimenten. China baut seine Biotech-Branche mit Milliarden aus (picture alliance / Xinhua News Agency / Guo Xulei)
    Immer mehr Arznei-Wirkstoffe aus chinesischen Laboren finden ihren Weg auf den Weltmarkt, immer mehr westliche Pharmakonzerne suchen die Nähe zu chinesischen Start-ups. Doch je stärker China wird, desto lauter werden die Fragen in Europa: Wie abhängig macht das? 

    Inhalt

    Biotech-Boom in China: Staatlich geförderter Aufstieg 

    Chinas Aufstieg ist politisch gewollt. Die Biomedizin zählt seit 2010 zu den Schlüsselindustrien und ist Teil des Programms „Made in China 2025”. 
    Staats- und Parteichef Xi Jinping hat die biopharmazeutische Industrie zum strategischen Zukunftssektor erklärt, seit 2020 gilt Biotechnologie per Gesetz sogar als Teil der nationalen Sicherheit. Bis 2049, dem 100. Geburtstag der Volksrepublik, soll China zur globalen Führungsmacht in der Biotechnologie und Bioökonomie aufgestiegen sein. 
    Allein im Jahr 2025 unterstützte der chinesische Staat nach eigenen Angaben einen Fonds für Forschung und Entwicklung in den Zukunftsindustrien mit rund 12 Milliarden Euro.
    Klinische Studien sind laut Alexander Brown vom Forschungsinstitut MERICS in China außerdem rund 30 Prozent günstiger, auch weil das Land über große Krankenhäuser verfügt und leichter Patienten findet. Und weil der Staat viel Geld in den Aufbau von Unternehmen gesteckt habe, erhielten Forscher schneller und günstiger Zugang zu wichtigen Materialien.  
    Die Strategie der chinesischen Regierung hat Erfolg. 2010 meldete die chinesische Biotech-Industrie noch weniger als 200 Patente an, 2023 waren es bereits mehr als 1900 und damit mehr als die europäische Konkurrenz. 

    Medikamente aus China: Wie groß ist Europas Abhängigkeit?

    Bei vielen strategisch wichtigen Gütern ist Deutschland bereits von China abhängig, auch bei Arzneimitteln. Der Anteil der Direktimporte von Antibiotika aus China liegt bei rund 65 Prozent, wie eine Studie der Friedrich-Naumann-Stiftung ergab.
    „Die hohe Abhängigkeit Europas von asiatischen Wirkstoffherstellern ist problematisch“, heißt es in einer Studie des Pharmaverbands VFA. Kommt es zum Beispiel in China zu Produktions- und Lieferengpässen wegen Fertigungsproblemen, Verunreinigungen oder Produktionsstopps, fehlen hierzulande dringend benötigte Wirkstoffe.
    Noch brauche China den dominierenden Biopharma-Markt des Westens, sagt Michael Laha von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Chinesische Firmen seien auf Investitionen westlicher Pharmariesen angewiesen, um mit ihren Medikamenten internationale Märkte zu erreichen.
    Aber das kann sich ändern. In anderen Branchen besteht längst ein Quasi-Monopol und die Sorge wächst, dass Ähnliches auch bei der Forschung an neuen Pharma-Wirkstoffen passiert.
    Was passiert, wenn ein Land zu abhängig wird, zeigte China bei den Seltenen Erden: Dort verzögerte es gezielt Genehmigungen. Genau davor warnen Wissenschaftler und Politiker in Europa. Sie fürchten, China könnte wirtschaftliche Abhängigkeit auch bei Arzneimitteln als politisches Druckmittel einsetzen.

    Neue Krebstherapien vs. Lieferengpässe: Chancen und Risiken für Patienten

    Für Patientinnen und Patienten bedeutet Chinas Biotech-Aufstieg zum einen Hoffnung. Denn immer mehr neue Wirkstoffe kommen aus chinesischen Laboren, gerade in der Krebsmedizin. 
    Ein Beispiel ist die CAR-T-Zelltherapie: Die Überlebenschance mancher Krebspatienten könnte sich damit etwa verdoppeln, sagt der Geschäftsführer eines Shanghaier Biotech-Unternehmens. In China wurde die Therapie nach Angaben der dortigen Arzneimittelbehörde offenbar erstmals zugelassen, zum Beispiel gegen Magenkrebs. 
    Globale Konzerne wie Merck, Pfizer oder Bayer sichern sich Lizenzen an diesen Entwicklungen.
    Andererseits kann es durch die starke Abhängigkeit von China auch zu Lieferengpässen kommen. Wie verwundbar es macht, dass ein Großteil der Wirkstoff-Produktionsorte für Europa unter anderem in China liegt, zeigte in den vergangenen Jahren etwa der Engpass bei Kinder-Fiebersäften.

    EU Biotech Act: Europas Gegenstrategie lässt auf sich warten

    Es sei wichtig, "eine übermäßige Konzentration in den Händen chinesischer Akteure zu vermeiden", sagt Alexander Brown vom Mercator Institute for China Studies. Darüberhinaus müsse man die Widerstandsfähigkeit der europäischen Biotech-Lieferketten stärken. Wissenschaftler fordern daher, dass die Politik mehr finanzielle Anreize schaffen und eigene Start-ups stärker fördern müsse.
    Eine Maßnahme ist außerdem der EU-Biotech-Act, den die Europäische Kommission 2025 vorgestellt hat. Er soll die Biotechnologie stärken durch weniger Bürokratie, schnellere Genehmigungen für klinische Studien und bessere Förderung. Noch steckt das Gesetz im Gesetzgebungsverfahren. Parlament und Rat müssen sich aber erst auf eine gemeinsame Position einigen.

    Radiobeitrag: Marie Mallinckrodt / Onlinetext: Elena Matera