Deutsche Wirtschaft
Raus aus dem China-Schock

China macht deutschen Kernindustrien Konkurrenz. Vor allem Auto- und Maschinenbau sind betroffen. Wirtschaftswissenschaftler sehen Deutschland schon in einer tiefen, strukturellen Krise. Gibt es Rezepte dagegen?

    Automesse in München: Die Automarke Changan präsentiert ihre neusten Modelle mit einem chinesischen Folklore-Tänzer als Performance.
    Auch auf der IAA in München präsentiert China neue Elektroautos: Hier die Automarke Changan mit einem chinesischen Folklore-Tänzer als Performance. (picture alliance / M.i.S. / Bernd Feil)
    Früher hat Deutschland China Autos verkauft und hochwertige Maschinen. Heute baut Peking diese selbst. Aus einem extrem guten Kunden ist ein Konkurrent geworden. Besonders betroffen sind der Maschinenbau und die Automobilindustrie hierzulande.
    In Deutschland gehen jeden Monat 10.000 Industriejobs verloren. BDI-Präsident Peter Leibinger sieht die deutsche Industrie im freien Fall. Der Wirtschaftsstandort sei in seiner historisch tiefsten Krise seit Bestehen der Bundesrepublik.
    Wie konnte es dazu kommen? Und kann der wirtschaftliche Abstieg Deutschlands aufgehalten werden?

    Inhalt

    Erst Absatzmarkt, dann auch Werkbank des Westens

    Dass China eigene Maschinen und Autos entwickelt und zum Konkurrenten werden könnte, war vor einigen Jahrzehnten für viele noch undenkbar. Bis Ende der 1970er-Jahre war das Land abgeschottet und wirtschaftlich wenig entwickelt. Dann begann mit Deng Xiaoping eine “Revolution von oben”. Er öffnete das Land mit einer Mischung aus Plan- und Marktwirtschaft.
    Für Deutschland öffnete sich damals ein riesiger Absatzmarkt. Doch viele deutsche Produkte waren für die meisten chinesischen Verbraucher zu teuer. Deswegen versuchte China zunehmend, diese selbst herzustellen. 
    Auch andere Ereignisse bestärkten China immer wieder in seinem Bestreben, sich wirtschaftlich möglichst unabhängig vom Westen zu machen. Nach dem Tiananmen-Massaker 1989, bei dem die chinesische Regierung die Demokratiebewegung im Land brutal niederschlagen ließ, verhängte der Westen Sanktionen gegen Peking. Und auch aus der Finanzkrise 20 Jahre später, von der auch chinesische Sparerinnen und Sparer betroffen waren, zog Peking seine Schlüsse.
    Das Land stellte immer mehr Produkte selbst her, war nun nicht mehr nur ein riesiger Absatzmarkt, sondern wurde zur “Werkbank des Westens”.

    Der Chinaschock in den USA

    Vor etwa 25 Jahren kam es dann zum ersten Chinaschock: Damals machten die USA eine ähnliche Erfahrung wie Deutschland heute. Betroffen waren die Niedriglohnindustrien – also zum Beispiel die Möbel-, Kleidungs- und Textilproduktion.
    Die USA wurden mit chinesischen Billigimporten regelrecht überschwemmt. Die Tür für solche Produkte stand zum ersten Mal weit offen, denn China war 2001 der Welthandelsorganisation (WTO) beigetreten.
    Die Amerikanerinnen und Amerikaner konnten sich zwar über preiswerte Möbel, Kleider und Spielsachen aus China freuen. Doch zugleich lohnte es sich nicht mehr, diese in den USA zu produzieren. Fast auf einen Schlag wurden eine Million Menschen entlassen. Manche Regionen in den USA wurden regelrecht deindustrialisiert.
    Deutschland blieb damals vom sogenannten Chinaschock verschont. Zwar wurde auch hierzulande jede Menge Kleidung, CDs oder Spielsachen aus China gekauft. Doch Deutschland verdiente an Chinas Aufschwung mit, der deutsche Maschinenbau machte diese Entwicklung sogar erst möglich. Denn um Kleidung zu nähen, Spielzeug zu modellieren oder CDs zu stanzen, brauchten chinesische Unternehmer dringend Technik aus Deutschland.

    China auf der Überholspur

    Damit ist es inzwischen aber vorbei. Längst stellt China hochwertige Maschinen selbst her, ist beispielsweise führend in der E-Auto- und Solarindustrie. “Unsere Exporte nach China sind im letzten Jahr um neun Prozent zurückgegangen. Und in der Automobilindustrie sind die Exporte nach China in den letzten vier Jahren sogar um zwei Drittel zurückgegangen”, sagt Bernhard Bartsch vom Mercator Institute for China Studies.
    Anders als beim Chinaschock vor 25 Jahren in den USA gehe es nun um Hightech- und Zukunftsindustrien. “Es geht um Automobile, es geht um Maschinenbau, es geht um Windturbinen. Es geht auch zunehmend um künstliche Intelligenz.” In seinem nächsten Fünfjahresplan werde sich das Land auch um Themen wie Quantencomputing oder Kernfusion kümmern.
    “China ist vom Rückenwind zum sehr, sehr starken Gegenwind für die deutsche Industrie geworden”, sagt auch Moritz Schularick, Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft.
    Wie ist es den chinesischen Unternehmen gelungen, den Technologievorsprung so schnell zu verringern? Schon in den 1990er-Jahren kam der Verdacht auf, dass chinesische Unternehmen Ideen klauen. Doch viele westliche Firmen gaben ihre technischen Geheimnisse auch freiwillig preis. Denn nur wenn sie Zugang zu Technologie gewährten, durften sie auch in China produzieren. Sie mussten sich auf Joint Ventures mit chinesischen Firmen einlassen. China war als Produktionsstandort aber so interessant, dass viele Unternehmen sich dafür entschieden.
    “Das Schummeln, das Kopieren von Know-how und Technologien, das ist seit Jahrzehnten bekannt. Da haben sich alle darauf eingelassen. Das war das Spiel, das man spielen musste, wenn man am chinesischen Markt partizipieren wollte”, sagt Bartsch.

    Subventionspolitik Chinas

    Außerdem fördert das Land gezielt sogenannte nationale Champions und Schlüsseltechnologien. Es subventioniert grüne Technologie, Digitalisierung und künstliche Intelligenz.
    Der chinesische Chatbot DeepSeek sorgte vor einigen Jahren als plötzlicher Konkurrent des US-amerikanischen Marktführers ChatGPT für Aufsehen – und soll in der Entwicklung sehr viel günstiger gewesen sein. In der Photovoltaik sorgten günstige Produkte aus China zuvor für den Untergang der deutschen Solarindustrie.
    Zwar gelten Subventionen nach den Regeln der WTO als Foulspiel. Denn hiermit wird der Wettbewerb außer Kraft gesetzt. Und die EU-Kommission hat deshalb auch vor Kurzem Ausgleichszölle auf E-Autos aus China verhängt. Doch aufgrund von niedrigen Löhnen in China sind chinesische Produkte auch ohne staatliche Unterstützung meist günstiger als “Made in Germany”.
    Der Sinologe Klaus Mühlhahn hebt noch einen anderen Grund hervor, weswegen chinesische Unternehmen so schnell aufgeholt haben: Die Konkurrenz in China selbst sei hart. In dem Land treten nicht eine Handvoll Autofirmen gegeneinander an, sondern Hunderte. Wer sich dann dort durchsetze, sei meist auch international konkurrenzfähig. 

    China als Exportnation

    Ab 2010 wird deutlich, dass alles, was in China produziert wird, nicht auch in China konsumiert werden kann. Vielen Chinesen sitzt das Geld nicht mehr so locker, Immobilienfirmen gehen pleite. Für viele Chinesinnen und Chinesen sind Häuser und Wohnungen aber die Altersvorsorge.
    Wegen der schwächelnden Binnennachfrage setzen die chinesischen Unternehmen nun verstärkt auf den Export. Da die USA ihren Markt mit Zöllen weitgehend abgeschottet haben, drängen die chinesischen Autos, Chemikalien und Maschinen verstärkt auf den europäischen Markt.
    Eine Infografik zeigt, wie viel und welche Produkte aus China in die EU importiert wurden und werden. Dazu gehören: Smartphones, Elektroautos, Halbleiter, Photovoltaikanlagen, Kleidung.
    Smartphones, Elektroautos, Halbleiter, Photovoltaikanlagen, Kleidung: Zahlreiche Produkte werden aus China in die Europäische Union importiert (dpa-infografik)

    Kooperationen oder Zölle

    Wie kann Deutschland darauf reagieren? Um Zukunftsindustrien zu halten oder zurückzugewinnen, könnte man die chinesische Konkurrenz durch Zölle teurer machen. Oder innerhalb der EU festlegen, dass alle staatlichen Aufträge in der Union an Firmen aus Europa gehen müssen.
    Vorerst ist die deutsche Regierung aber noch dagegen. Denn die chinesische Staatsführung könnte antworten, indem sie zum Beispiel keine seltenen Erden mehr nach Europa liefert.
    Auch könne man mit Zöllen höchstens Zeit gewinnen, meint der Wirtschaftswissenschaftler Bernhard Bartsch. “Wir müssen wieder selbst wettbewerbsfähig werden”, betont er: “Wir müssen bei wichtigen Technologien wieder Innovationsführer werden. Wir müssen die Bedingungen für Unternehmen hier verbessern.”
    Deutschland könnte auch ähnlich wie ehemals China handeln, als das Land technologisch aufholen wollte, sagt die Wirtschaftswissenschaftlerin Dalia Marin. Chinesische Unternehmen könnten davon überzeugt werden, ihre Geschäftsgeheimnisse mit deutschen Firmen zu teilen. Joint Ventures und “Copy and Paste” – dieses Mal nur andersherum.
    Schließlich sei China auf den Zugang zu dem großen europäischen Binnenmarkt angewiesen. Die chinesischen Unternehmen brauchen Käufer. Das könnte sie davon überzeugen, entsprechende Kooperationen mit deutschen Firmen einzugehen.

    Audio: Sandra Pfister, Onlinetext: Leila Knüppel