Mittwoch, 08. Februar 2023

Gesundheitspolitik
Medikamentenmangel in Deutschland

In deutschen Apotheken gibt es Lieferschwierigkeiten für einige Medikamente - darunter Fiebersäfte für Kinder, aber auch Arzneimittel für Schwerkranke. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach verspricht Abhilfe und will dazu die Preisregeln lockern.

10.01.2023

    Auf dem Nachttisch eines kranken Jungen befinden sich Medikamente, Taschentücher und ein Fieberthermometer
    In deutschen Apotheken gibt es bei vielen Arzneien Lieferengpässe – von Fiebersäften für Kinder bis zum Brustkrebsmittel Tamoxifen. (picture alliance / Frank May / Frank May)

    Wie viele und welche Medikamente sind von Lieferengpässen betroffen?

    Engpässe gibt es in Apotheken, Arztpraxen und Kliniken derzeit vor allem bei Fiebersäften für Kinder, Hustenmitteln, Blutdrucksenkern und Brustkrebsmedikamenten. Auch Antidepressiva, Schmerzmittel, Antibiotika, Fieberzäpfchen und eine ganze Reihe von weiteren Medikamenten für Kinder, die in diesen Tagen besonders stark nachgefragt werden, sind Mangelware. Arzneimittel-Engpässe hat es allerdings schon immer gegeben, vor allem in der Zeit von Infektionswellen. Aktuell ist die Arzneimittel-Versorgung so angespannt wie zuletzt 2020.
    Die Grafik zeigt die Anzahl der Erstmeldungen von Medikamenten-Lieferengpässen in Deutschland.
(2018: 265, 2019: 358, 2020:541, 2021: 379, 2022: 564)
    (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)
    Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArm) führt eine Online-Datenbank zu aktuellen Lieferengpässen über Arzneimittel (ohne Impfstoffe) in Deutschland. Diese beruht auf den freiwilligen Meldungen der Pharmazeutischen Unternehmer, also zum Beispiel der Arzneimittelhersteller und listet für 2022 über 560 Erstmeldungen von Medikamenten-Lieferengpässen - davon waren zuletzt noch über 300 aktuell (Stand: 15. Dezember). Bei 60.000 verschiedenen Arzneimitteln, die über das Jahr hinweg über die Apotheken abgegeben werden, ist das allerdings keine besorgniserregende Zahl.
    Das Wissenschaftliche Instituts der AOK (WIDO) überblickt die Lage bei den Arzneimitteln, die auf Rezept abgegeben werden und betont, dass es sich um Lieferengpässe handelt und nicht um einen umfassenden Versorgungsengpass. Meistens sind die Medikamente nach wenigen Wochen wieder verfügbar.

    Warum gibt es aktuell Lieferengpässe bei Arzneien?

    Die Lieferengpässe halten schon seit langem an und haben sich wegen der fragilen Lieferketten während der Corona-Pandemie deutlich verschärft. Denn nur noch ein Teil der Medikamente wird noch in Deutschland oder der EU gefertigt. So können überall Engpässe entstehen: beispielsweise bei den Vorprodukten, die aus China kommen, bei der Produktion, die in Indien stattfindet, bei den Blistern für die Tabletten, die aus Osteuropa stammen oder wegen Papiermangels in Bayern, wo alles nochmal umgepackt und mit einem deutschen Beipackzettel versehen wird.
    Als wichtige Ursache für die Versorgungsprobleme gilt daher die Globalisierung: "Die hohe Abhängigkeit Europas von asiatischen Wirkstoffherstellern ist problematisch. Es liegen 68 Prozent der Produktionsorte von bestimmten Wirkstoffen für Europa in Asien", heißt es in einer Studie des Pharmaverbands VFA. Kommt es also zum Beispiel in China zu Produktions- und Lieferengpässen wegen Fertigungsproblemen, Verunreinigungen oder Produktionsstopps, fehlen hierzulande dringend benötigte Wirkstoffe.
    Warum es erst jetzt zu Engpässen kommt und nicht schon während der ersten zwei Pandemiejahre, bleibt allerdings unklar: Wann welche Arzneimittel knapp werden, liegt weitgehend im Dunkeln. Krankenkassen schließen Rabattverträge mit den Arzneimittelherstellern. Damit sparen die Kassen Milliardenbeträge. Im Gegenzug dafür bekommen die Hersteller eine Abnahmegarantie und müssen Lieferzusagen einhalten.
    Dazu kommt die Kostenfrage: Seit Jahren werden in Deutschland patentfreie Medikamente wie zum Beispiel Fiebersäfte mit einem unveränderten Festbetrag abgerechnet, ohne dass es zu einer Anpassung gekommen ist. So ist der Preis für Paracetamol laut des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte innerhalb eines Jahres um 70 Prozent gestiegen, aber der Festpreis, den Hersteller von den Krankenkassen pro Flasche Fiebersaft erhält, ist gleich geblieben. Der Markt hat darauf reagiert: Von ehemals elf Herstellern sind nur noch zwei übrig. Bei anderen Medikamenten haben Hersteller die Produktion ganz eingestellt.

    Welche kurzfristigen Lösungen gibt es für die Kunden?

    Oft gelingt es den Apothekern, die Kundinnen und Kunden mit Medikamenten anderer Hersteller mit ähnlicher Wirkung, oft sogar mit demselben Wirkstoff, zu versorgen. Oder es gibt in anderen Apotheken noch Restbestände.
    Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte empfiehlt in Abstimmung mit den medizinischen Spitzenverbänden außerdem als Kompensationsmaßnahme die Fertigung von individuellen Rezepturen, also Mischungen auf ärztliche Verschreibung in den Apotheken. Aber auch hier fehlen oft die Vorprodukte, also die Zutaten, um medizinisch wirksame Mischungen herzustellen.
    Die Krankenkassen versuchen ebenfalls gegenzusteuern, indem sie beispielsweise Mehrkosten für importierte Medikamente, aber auch die Kosten für in Apotheken eigens angerührte Säfte verstärkt übernehmen.

    Welche Pläne hat Gesundheitsminister Lauterbach?

    Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hat am 20. Dezember einen Fünf-Punkte-Plan zur besseren Arzneimittelversorgung angekündigt. Demnach soll es eine deutlich bessere Bezahlung für bestimmte Generika geben, also für Nachahmermedikamente von Arzneimitteln, deren Patentschutz bereits ausgelaufen ist, die aber eine wichtige Rolle in der medizinischen Grundversorgung spielen, etwa Paracetamol oder Ibuprofen.
    "Ich werde heute schon reagieren, dass die Krankenkassen angewiesen werden, 50 Prozent mehr zu zahlen als diesen Festbetrag. Dann werden die Medikamente, die jetzt in Holland verkauft werden, wieder in Deutschland verkauft. Denn oft ist es so, dass die gleichen Medikamente im Ausland besser bezahlt werden. Dann wandern sie, wenn es knapp sind, ins Ausland", erklärte Lauterbach im ARD-Morgenmagazin.
    Daneben soll das BfArM eine Liste der bereits zugelassenen Medikamente erstellen, die für die Sicherstellung der Versorgung von Kindern erforderlich ist. Für diese Arzneimittel dürfen zukünftig keine Rabattverträge mehr abgeschlossen sowie keine Festbeträge mehr verlangt werden. Aber auch hier sollen die Preisobergrenzen maximal auf das 1,5-Fache des bisherigen Preises erhöht werden.
    Zudem sollen künftige Rabattverträge nicht mehr allein mit dem günstigsten Anbieter geschlossen werden, wodurch Lieferverträge meist mit einem außereuropäischen Hersteller zustande kamen, sondern zugleich auch ein europäischer Produzent als Zweitlieferant einbezogen werden, um die Lieferketten zu verbreitern. Diese Regelung soll zunächst nur für Antibiotika und Krebsmedikamente geltend. Man müsse dafür sorgen, dass auch in Europa produziert werde, so Lauterbach, der auch eine monatelange Lagerhaltung vorschreiben will. Die eilends eingeleitete Reform geht mit absehbaren Mehrkosten im dreistelligen Millionenbereich einher.
    Die geplante Lockerung der Preisregeln stieß aber auf rechtliche Hürden. Nun aber scheint ein Weg gefunden worden zu sein. Nach Informationen des ARD-Hauptstadtstudios sollen die Festbeträge für bestimmte fertige Arzneimittel für Kinder ab Februar für drei Monate komplett ausgesetzt werden und zwar für solche mit den Wirkstoffen Ibuprofen und Paracetamol sowie für Antibiotika, die als Zäpfchen oder in flüssiger Anwendungsform vorliegen.
    Vom Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen heißt es dazu, damit schaffe man die Voraussetzungen, dass einer weiteren Verschärfung der angespannten Versorgungslage mit Kinderarzneimitteln kurzfristig entgegengewirkt werden kann. Für Pharmafirmen könnte die Regelung ein Anreiz sein, aufgrund höherer Preise mehr zu liefern und damit die Engpässe zu beheben.

    Kritik an Lauterbachs Plänen

    Eine Dauerlösung ist die Maßnahme indes wohl nicht. Der Pharmaindustrie kurzfristig höhere Preise zu ermöglichen, sei nicht nachhaltig, heißt es von der GKV. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung fordert mehr Klarheit und Verbindlichkeit bei der Aufhebung der Preisschranken, die sich bislang nur auf die Arzneimittel, nicht aber auf die Behandlungskosten der Kinderärzte beziehen, geschweige denn die der Hausärzte. Das sei schon im Koalitionsvertrag angekündigt worden.
    Von einer verwunderlichen und eigenartigen Regelung spricht Florian Lanz, der Sprecher des Gesamtverbandes der gesetzlichen Krankenkassen. "Da haben wir Pharmaunternehmen, die ihre Lieferverträge nicht einhalten, obwohl sie vorher zu diesen Preisen ihre Produkte angeboten haben. Und zur Belohnung - quasi als Weihnachtsgeschenk - sollen sie jetzt mehr Geld dafür bekommt und die Beitragszahler sonst bezahlen", sagte Lanz im Dlf. "Da läuft aus unserer Sicht etwas gewaltig schief." Denn sofern es sich dabei um Standortpolitik handele, sei der Bund gefordert und nicht die Krankenkassen.
    Der gesundheitspolitische Sprecher der Union-Bundestagsfraktion Tino Sorge (CDU) warf Lauterbach vor, zu langsam zu agieren. Das Problem hätte schon vor Monaten angegangen werden können, sagte Sorge im Dlf. Es brauche mehr als ein Eckpunktepapier. Er gehe nicht davon aus, dass es innerhalb der kommenden Monate Änderungen geben werde. Der CDU-Politiker forderte den Gesundheitsminister auf, eine Beschaffungs- und Logistikinitiative zu starten - müsse sich gemeinsam mit Großhändlern, Pharmaunternehmen, Ärzten und Apothekern an einen Tisch gesetzt werden, um schnell und mittelfristig Maßnahmen zu diskutieren.

    Welche Lösungsmöglichkeiten könnte es außerdem geben?

    Die Opposition will Neuregelungen und mehr staatliche Kontrolle, um den Einfluss der Pharmaindustrie zu schwächen und die Produktion vor Ort zu stärken - also mehr europäische oder besser noch deutsche Produktionsstätten. Die Union fordert einen "Beschaffungsgipfel" von Bund und Ländern. Noch vor Jahresende sollten Sofortmaßnahmen für den Winter koordiniert werden. Fiebersäfte, Antibiotika oder Hustenmittel sollten zentral vom Bundesgesundheitsministerium gekauft und verteilt werden.
    Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte fordert ebenfalls ein stärkeres Einschreiten der Bundesregierung. Man brauche eine Beschaffungsaktion wie zu Beginn der Corona-Pandemie.
    Helmut Schröder, stellvertretender WIDO-Geschäftsführer, sieht zunächst die Hersteller in der Pflicht, mehr Lagerhaltung zu organisieren und sich auch mit Vorprodukten in größerer Menge zu bevorraten. Zudem fordert er ein verpflichtendes Melde- und Warnsystem. "In anderen Ländern - Schweden, Österreich - gibt es eine verpflichtende Meldung, ob ein Arzneimittel verfügbar ist oder nicht. In Deutschland ist das freiwillig. Pharmazeutischen Hersteller müssten verpflichtet werden, diese nicht lieferfähigen Arzneimittel auch zu listen."
    Auch der Mediziner Bernhard Wörmann forderte im Dlf einen sechsmonatigen Vorrat an unverzichtbaren Medikamenten. Lieferengpässe und das aktuelle Fehlen zweier wichtiger Medikamente in der Krebstherapie wären so vermeidbar gewesen.
    Die VFA befürworten die globale Verteilung der für ein Arzneimittel benötigten Produktionen, um einzelne Abhängigkeiten innerhalb der pharmazeutischen Lieferketten zu verringern. "Durch schnelle Genehmigungsverfahren, besseren Zugang zu Wagniskapital und international wettbewerbsfähigen Steuersätzen für innovative Pharmaunternehmen könnte der Standort Deutschland wieder attraktiver werden."
    Quellen: Birgid Becker, Volker Finthammer, Jan Zimmermann, Ann-Kathrin Jeske, BfArM, Statista, og