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StartseiteBüchermarktDas Gefühlsleben von Muttertieren11.12.2019

Meg Wolitzer: "Die Zehnjahrespause"Das Gefühlsleben von Muttertieren

Meg Wolitzer schreibt für Frauen über Frauen, und doch wollen ihre Romane nie explizit „Frauenliteratur“ sein. In einem ihrer frühen Romane hat sie sich mit den verschiedenen Formen des Mutterseins beschäftigt. „Die Zehnjahrespause“ zielt auf den Karrierebruch und die damit verbundene Lebenskrise.

Von Katja Lückert

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Die Schriftstellerin Meg Wolitzer und ihr Buch „Die Zehnjahrespause“ (Buchcover: DuMont Verlag / Foto: Nina Subin)
Meg Wolitzers Roman "Die Zehnjahrespause" ist im Original 2008 erschienen (Buchcover: DuMont Verlag / Foto: Nina Subin)

Lange vor der Erfindung von Drohnen zoomt sich Meg Wolitzers erzählerischer Kamerablick an einem gewöhnlichen Morgen in die Wohnungen Amerikas. Überall das gleiche Bild: Wecker klingeln, Mütter ermahnen ihre Kinder, doch endlich aufzustehen, sie bereiten das Frühstück vor, suchen die letzten Sachen für die Schule zusammen. So läuft das allmorgendlich auch bei Amy Lamb:

",Aufstehen, Mason!' rief sie mit trockener, unnachgiebiger Morgenstimme und erhielt keine Antwort. Effektiver wäre es gewesen, in sein Zimmer zu gehen und sich nach Mutterart über sein Bett zu hängen, wie ein Schakal über einen Ast. ,MASON', rief sie noch einmal, heiser, aber laut. Als wieder keine Reaktion erfolgte, ließ sie es gut sein, stellte sich in die Mitte des in hellen Tönen gehaltenen Zimmers, drehte den Kopf nach links und nach rechts und lauschte dem Knirschen und Knacken im Nacken. Ihr vierzigjähriger Körper machte weit mehr Lärm und forderte mehr Aufmerksamkeit als früher."

GAU namens Kinderkriegen

Amy, der Wolitzer mit einem ironischen Augenzwinkern den Nachnamen "Lamm" gegeben hat, war eine toughe und erfolgreiche Anwältin, bevor gewissermaßen der größte anzunehmende Unfall namens "Kinderkriegen" ihr Leben völlig auf den Kopf stellte und sie zum Muttertier mutierte. Ob sich Schakale an Äste hängen oder ob das nicht eher die Gewohnheit von Faultieren ist, sei dahingestellt. Meg Wolitzer ist dennoch eine Meisterin der Ausgestaltung kleiner, nur scheinbar abschweifender Detailbeschreibungen:

"Der Müll nahm überhand, das Kind verwechselte die Nacht mit dem Tag, und jeder Mensch im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte hätte dem Chaos entfliehen und in die Wohlgeordnetheit und angenehme Luft eines Büros zurückkehren wollen, zum Teppichboden aus Nadelfilz und zu den flimmernden Leuchtstoffröhren, die einen morgens wachrüttelten wie ein unter die Nase gehaltener Kolben mit Ammoniak. Doch junge Mütter waren nicht im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte. Amy hatte das Gefühl, dieses Baby vor irgendetwas retten zu müssen wie ein Superheld, der mit ausgebreiteten Armen am Großstadthimmel dahinflog."

Betonung der Unterschiede

Frauen und Männer kriegen bei Wolitzer gleichermaßen ihr Fett weg, ihre Form des feministischen Schreibens liegt eher in der Betonung der Unterschiede als in zwanghafter Gleichmacherei. Sie verfolgt auf angenehme Weise keine politische Agenda und ist weit weg von jeder political correctness. Trotzdem merkt man dem Roman an, dass er bereits vor über zehn Jahren erschien. Von jungen Müttern, die nicht mehr ganz klar denken können, traute sich heute vermutlich kaum jemand mehr zu schreiben.

Amy Lamb gehört einem Frauenkleeblatt an, das sich immer wieder in einer Kneipe namens ‚Golden Horn‘ trifft. Die Mathematikerin Karen, Jill, die ihre Doktorarbeit immer noch nicht zu Ende geschrieben hat, und Roberta, eine Künstlerin, gehören auch dazu. Die vier Mütter haben ihre Karrieren aufgegeben, um für ihre Kinder zu sorgen, und fragen sich jetzt nach zehn Jahren Pause, wie sie eines Tages diese Leerstelle wieder füllen sollen. Roberta bringt es auf den Punkt:

"Es war völlig in Ordnung, eine leidenschaftliche, fürsorgliche Mutter zu sein, die über das Elend in der Welt nachdachte und im Rahmen ihrer beschränkten Möglichkeiten tat, was sie konnte, und am Ende des Schultags ihre Kinder abholte und nach Hause brachte. Sie würden noch oft miteinander lachen und basteln und sich anschreien, bis die Kinder eines Tages erwachsen und auf dem Haus sein würden. Dann wäre es vorbei. Und was machst du dann? Das fragte sie sich oft. Wie willst du es schaffen, dein restliches Leben zu ertragen?"

Das Gefühl, gebraucht zu werden

Dass bei den vier Frauen aus der Babypause zehn Jahre geworden sind, liegt sicher auch an einer Mischung aus schwacher Motivation und durchschnittlichen Talenten. Schwer zuzugebende Schwächen für moderne Frauen. Kindern beim Wachsen zuzusehen ist eine sehr spannende Aufgabe. Das Gefühl, gebraucht zu werden, eine Droge, die abzusetzen aber offensichtlich schwerfällt. Amys Mutter Antonia kann kaum glauben, dass ihre Tochter die von ihrer Generation in den 70-er Jahren erkämpften Privilegien links liegen lässt, um jahrelang Legohäuser zu bauen und Bücher vorzulesen. Sie hatte sich eine bessere Zukunft erträumt:

"Die Töchter dieser Frauen, die Generation der Post-Spekulum-Feministinnen, würden zu Frauen heranwachsen, die mit ihren Männern und Kindern in bisher nie gekannter Harmonie zusammenleben. (...) Es würde keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern geben, und der Anblick eines Mannes mit Schürze, einer Frau mit Werkzeuggürtel, eines Mannes mit Baby im Arm oder einer Frau als Vorstandsvorsitzender würden niemanden erstaunen. Alle würden arbeiten, alle würden Einfluss haben, alle würden zu Hause mithelfen. Die Töchter würden anerkennen, welch unglaubliche Veränderungen ihre Mütter angestoßen hätten."

Ein paar Aufregungsmoleküle

Amy lernt mit Penny eine Frau kennen, die ihre Arbeit in einem Kunstmuseum nicht aufgegeben hat und sich obendrein eine Affäre leistet. Diese Freundschaft zwischen einer arbeitenden und einer Vollzeit-Mutter bildet in dem Meer von Nebenfiguren und -handlungen, verschiedenen Rückblicken in die Müttergeneration, von denen viele Stoff für eine eigene Geschichte hergegeben hätten, ein Zentrum. Amy findet ihre Freundschaft zu Penny und besonders deren außereheliche Liebesgeschichte berauschend. Sie saugt eine paar Aufregungsmoleküle auch für ihr eigenes etwas eingeschlafenes Eheleben daraus. Denn es ist zweifellos ein Dilemma, in dem sie und die anderen sich befinden. Alles das, was den Kindern Sicherheit bietet, das Repetitive, das Backen, Vorlesen, Zuhören, zieht den Müttern die entscheidenden Zeiteinheiten ab, um in der Welt da draußen up to Date zu sein und das neue Computerprogramm zu lernen, das sie für den Wiedereinstieg in den Job brauchen. Und dazu tobt der ewige Konkurrenzkampf um das bessere Muttersein:

"Natürlich blieben leicht befremdliche Situationen zwischen den Frauen mit und ohne Job nicht aus. Vor einem Jahr hatte Amy als Eltern-Beirätin eine E-Mail an die anderen Mütter geschickt und darum gebeten, zu einem ,Römischen Festessen' thematisch passende Gerichte beizusteuern. Mehrere Frauen, darunter berufstätige wie auch nicht berufstätige, hatten mitgeteilt, sie würden ,gemelli alla puttanesca', ,Artischocken auf jüdische Art' oder ,Hähnchen Fra Diavolo' zubereiten. Eine allerdings, die Finanzplanerin Jane Stark, hatte umgehend zurückgeschrieben: ,Super, dann bringen wir Apfelsaft mit!'"

Amüsante, melancholische Erzählung

Dutzende solcher Anekdoten verknüpft Meg Wolitzer mit der Haupthandlung, weshalb der Roman stellenweise ein wenig überladen wirkt und man den Faden zu verlieren droht. Dabei ist das Plaudernde, sich scheinbar in Nebensächlichkeiten verlierende Erzählen eine besondere Spezialität Wolitzers. Sicher geht es ihr um Unterhaltung, aber sie formuliert eigentlich nie flach oder kitschig. Man merkt dem Buch nicht nur den inzwischen fortgeschrittenen Zeitgeist in Sachen Geschlechterverhältnis an, sondern liest auch die Zeilen einer jüngeren Autorin, die fast etwas zu viele Abschweifungen in diese 400 Seiten gepackt hat. Eine mitreißend amüsante, zum Teil auch melancholische Erzählung, die Männer und Frauen gleichermaßen bei dem Versuch vorführt, sich neu zu erfinden. Sie gibt erhellende Einblicke in das Gefühlsleben von Muttertieren und zeigt, dass Menschen letztlich immer das tun, was sie im tiefsten Innern tun wollen.

Meg Wolitzer: "Die Zehnjahrespause"
Aus dem Englischen von Michaela Grabinger
Dumont Buchverlag, Köln. 416 Seiten, 24 Euro.

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