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StartseiteEssay und DiskursÜber den Nutzen der Metaphysik für das Leben15.03.2020

Mehr als nur ein ÄrgernisÜber den Nutzen der Metaphysik für das Leben

Metaphysik, die Lehre von den ersten und letzten Dingen: Sie handelt von Gott, der Seele, ihrer Unsterblichkeit, der Stellung des Menschen im Kosmos. Dem philosophischen Establishment gilt sie schlimmstenfalls als Ärgernis, bestenfalls als überholte Form spekulativen Denkens. Wozu also noch Metaphysik?

Von Thomas Palzer

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Hatten nicht Fichte, Hegel und Schelling im deutschen Idealismus den letzten Höhepunkt dieser Form philosophischen Denkens erreicht? Hatte nicht der Positivismus alle metaphysischen Sätze für sinnlos erklärt und versucht, jeden Pluralismus der Erkenntnismethode auszuradieren? Und dabei verkannt, dass jede Erkenntnis auf Bildern, Metaphern und Pointen beruht, die durchaus fruchtbar sein können?

Thomas Palzer zeigt in seinem Text, dass es nicht nur darum geht, was der Fall ist, sondern auch darum, wie die Welt sein könnte. Die erschließende Kraft des Denkens reicht unendlich viel weiter als die beweisende Kraft des Wissens. Erst in der Metaphysik wird uns Menschen der Sinn des Ganzen, unser Woher und Wohin klar. Denn die Metaphysik liegt immer im Interesse des Menschen und ist gerade nicht ein interesseloses, reines Erkennen einer Welt, die vom Menschen unabhängig existiert.

Inszeniert ist dieser Essay in der besten philosophischen Tradition als Dialog zwischen drei Figuren, die nach Antworten suchen. Den Figuren wird klar: Metaphysik löst keine Fragen - statt Lösungen hat sie nur eine lange Geschichte anzubieten, die selbst voller Kritik an der Metaphysik steckt.

Thomas Palzer, geboren 1956, studierte Philosophie und Germanistik in München und Wien. Er ist Autor, Essayist, Journalist, Schriftsteller, Filmemacher und Hörfunksprecher. 2018 erschien der Essay "Vergleichende Anatomie" (Matthes & Seitz) und 2019 der Roman "Die Zeit, die bleibt" (Tropen).


Viele fragen sich heute, wie es angesichts der zahllosen digitalen Doubles, die von ihnen durch das Netz geistern, um ihre Seele bestellt ist – um ihr bewährtes Double.

Gibt es sie noch – die Seele? Oder ist sie allen Behauptungen der Tradition zum Trotz vergänglich und womöglich schon – vergangen?

Es heißt, die Seele bliebe übrig, wenn man stürbe, um als Essenz von einem selbst irgendwo weiterzuleben.

"Essenz" kommt von lateinisch "esse" – sein. Eine Seele ist wesentlich dauerhaft – sie west. Sie hat Anteil am unveränderlichen Sein – großgeschrieben –, am Reich der Ideen.

Das Sein ist gegenüber dem Werden nicht starr und tot – durch das Ewige in ihm bleibt das Sein ewig lebendig.

Wirklichkeit wird – Sein ist. Das Werden wird gegenüber dem Sein abgewertet. Durch logisches Denken projizieren die Griechen eine wahre, unbedingte und widerspruchsfreie Welt an den Himmel.

Die Seelenlehre ist zusammen mit der Ideenlehre eine der wesentlichen Schöpfungen des platonischen Denkens. Die Seele, so wird im Dialog "Phaidon" erläutert, ist das Subjekt der Person. Sie ist das Zentrum des Selbstbewusstseins – und sie ist unsterblich.

Später übernehmen die christlichen Kommentatoren das Konzept der Seele und schreiben es ihrer eigenen Gotteslehre ein.

Der Status der Seele liegt in der exakten Mitte zwischen Idee und Sinnenwelt – zwischen oben und unten. Einerseits ist die Seele unsichtbar – also wie die Idee nicht räumlich –, andererseits aber hat sie Eigenschaften, ist qualifiziert – ähnlich wie die Dinge der Sinnenwelt, die es alle nur genau einmal gibt:

Für Platon ist das Allgemeine höherrangig als das Besondere und Individuelle. Die Seele hat an beidem Anteil – am Allgemeinen und am Besonderen.

Der Mensch, das metaphysische Tier

Es sind ausschließlich die Begierden, die die Seele an den Körper nageln. Die Trennung vom Körper durch den Tod führt darum zu ihrer Erlösung. Die Seele ist nicht zusammengesetzt, ihr Verhalten bleibt sich selbst ewig gleich. Die Seele gilt als autonom.

Sagt Platon.

Was ist nun eine Seele?

Die Seele – das ist Metaphysik.

Nämlich über so etwas Ungreifbares und Nebulöses wie die Seele zu sprechen.

Ungreifbar oder nicht – jeder ist an seiner Seele und ihrem Schicksal interessiert.

Was ist der Mensch – also: zusätzlich zu seinem Körper?

Ist der Mensch das, was die Naturwissenschaft sagt – identisch mit seiner Biologie?

Was wäre er sonst?

Der Mensch ist das Tier, dass in seinem Sein nach seinem Sein fragt.

Also ist der Mensch das metaphysische Tier?

Niemand wird ernsthaft behaupten wollen, dass es zwischen Mensch und Tier keinen Unterschied gäbe.

Aber welcher soll das sein?

Auch Tiere haben Sprache, leben in sozialen Verbänden, benutzen Werkzeuge, leben altruistisch und lesen die Gedanken anderer.

Seit Darwin ist die Position des Deutschen Idealismus – Kant, Fichte, Hegel, Schelling – dass nämlich der Mensch sich grundlegend vom Tier unterschiede, in der Defensive.

In der Regel nur eine Frage der Zeit, bis ein bestimmtes Vermögen, das den Menschen angeblich gegenüber dem Tier auszeichnet, auch dem Tier zugesprochen werden muss.

Aber der Mensch hat eine Seele! Die Seele ist das, was den seienden Körper ins Sein zieht und zum Menschen qualifiziert.

Das Selbst-Bewusstsein

Mit dem Seelenkonzept hat Platon den inneren Menschen erfunden, den eigentlichen, den essenziellen Menschen ...

... und obendrein den Körper als Grab der Seele.

Was aber nun den Menschen vom Tier unterscheidet, ist das, was einst Geist geheißen wurde. Und das ist der Umstand, dass es das Selbst-Bewusstsein ist, welches allen einzelnen Vermögen des Geistes die Einheit gibt.

... also der Wahrnehmung, der Vernunft, der Erinnerung ...

Menschliches Leben ist wesentlich selbstbewusstes Leben – ein Leben, das sich seiner selbst bewusst ist.

Das Wissen von sich vollzieht sich dabei allein als Denken im Denken.

Weil ich denke, dass ich bin, bin ich.

Das klingt nach der Vollendungsform des Deutschen Idealismus – nämlich nach jener Metaphysik, die der Kritik an ihr eigens gewahr geworden ist.

Es ist eine Volte nach René Descartes! Sie berücksichtigt, dass sich unser Denken in allem, worauf es sich bezieht, zugleich immer auch auf sich selbst bezieht.

Wir sind also mitgemeint – bei allem, was wir denken.

Im Zentrum steht das Subjekt – der innere Mensch.

Die Seele?

Aber warum ist diese Selbstbeziehung für unser gesamtes Wissen von der Welt so fundamental?

Weil nur das Selbstbewusstsein ein Bewusstsein dafür entwickeln kann, dass Wissen überhaupt Wissen ist – und dafür, was dem Wissen fehlt.

Warum auch sonst sollten wir spekulieren?

Eine metaphysische Frage – eine Frage der Metaphysik.

Das Wissen, über das wir verfügen, genügt uns nicht

Also: Warum spekulieren wir?

Ganz offensichtlich, weil uns das, was uns als Wissen zur Verfügung steht, nicht genügt. Wir ahnen sogar, dass Wissen selbst dann nicht genügte, uns zufriedenzustellen, wenn es umfassend wäre.

Wissen ist Nacht.

Wissen setzt voraus, dass anderes nicht gewusst und ausgegrenzt wird. Denn Wissen kann es nur in einem Ozean aus Unwissen geben.

Die Klarheit hat als innere Bedingung: das Dunkle.

Wissen identifiziert seinen Gegenstand.

Alles, was nicht jeweils mit dem Gewussten identisch ist, bleibt außen vor, bleibt übrig.

Wissen ist nur Wissen in einem Meer von Unwissen.

Das ist es, was beim Wissen nicht gewusst wird.

Wenn wir spekulieren, ersehnen wir, das Ganze zu erfassen. Das Ganze, das nie gewusst werden kann!

Denn ohne Rest ist die materielle Welt nicht aus sich selbst verständlich.

Das Ganze ist das Absolute. Und wenn wir dem ontologischen Gottesbeweis des Anselm von Canterbury folgen, dann ist das Absolute dasjenige, über das hinaus nichts Größeres oder Vollkommeneres gedacht werden kann. Und weil nichts Größeres gedacht werden kann, beinhaltet das auch, dass wir nicht denken können, das Absolute existiere gar nicht.

So gehen die Fabeln der Metaphysik! Schaffen wir sie ab!

Immanuel Kant hat mit der tradierten und scholastischen Form der Metaphysik, mit ihren logischen Klügeleien Schluss gemacht hat. Doch selbst er vertrat die Auffassung, dass der Mensch auf Metaphysik nicht verzichten könne, da ein jeder doch etwas über seine Seele denken würde.

Das Subjekt sitzt im Zentrum der Welt

Die Fragen der Metaphysik sind der Natur der Vernunft eingeschrieben.

Seit Kant jedenfalls nennen wir eine bestimmte Stilart des Imaginären Metaphysik. Sie steht in denkbar schlechtem Ruf und gilt dem philosophischen Establishment als Ärgernis! Mindestens aber als überholte Form philosophischen Denkens, das mit Fichte, Hegel und Schelling ultimativ vollendet worden ist.

Aber Metaphysik gibt es immer noch. Sie scheint so unverwüstlich wie unvermeidlich zu sein – dabei ist sie unbeweisbar!

Warum also entfaltet sie eine solche Kraft?

Weil es bei ihr ums Ganze geht! Um eine Totalität, die dann eben nicht mehr Wissen wäre, sondern absolut.

Das Ganze, sagt Adorno, sei das Unwahre.

Damit antwortet Adorno auf Hegel. Für Hegel stellt das Wahre das Subjekt des Ganzen dar.

Was soll das sein – das Ganze? Wann ist etwas ganz? Wenn es vollständig ist? Wenn alles vorhanden ist?

Ganz ist eine Welt erst dann, wenn es ein Bewusstsein gibt, welches sich in dieser Welt als ein solches Bewusstsein ansprechen kann: Selbstbewusstsein.

Immer bezieht sich der Geist bei allem, worum es ihm geht, auch auf sich selbst. Ohne Selbstbewusstsein, das heißt ohne Wissen von mir selbst, gäbe es kein Wissen von irgendwas.

Bewusstes Leben ist bei allem, was es weiß, immer mitgewusst. Um Ich sagen zu können, muss ich schon von mir wissen.

Und erst das Selbstbewusstsein schafft jene Ordnung, die aus der verwirrenden Vielzahl der Einzelphänomene eine Welt macht – aus dem Seienden das Sein, aus dem Chaos den Kosmos.

Das Subjekt sitzt im Zentrum der Welt.

Wir selbst sind es, die dem Ganzen den Zusammenhang stiften.

Insofern ist der Mensch zwar heimatlos, aber zugleich Mittelpunkt seines Kosmos.

Als Selbstbewusstsein kommen wir in der Welt unhintergehbar vor. Hinter mich kann ich nicht zurück.

Ich. Als Person spreche ich mich als Ich an.

Wer sich als Person ansprechen kann, muss über eine Welt verfügen, in der er Person sein kann. Denn die Person lebt in der Kontinuität der Vertrautheit mit sich selbst.

Lebensweltliche Orientierungsfunktion der Philosophie

Eine Welt zu haben, ist ja nicht selbstverständlich.

Worin sind wir, wenn wir in der Welt sind?

Wir sind in der Geschichte, in der Gesellschaft, in der Natur.

Platons Sein und Hegels Absolutes sind nur andere Namen für das Ungeheure und Ungeheuerliche:

Wir wissen nicht, warum wir unter dem Vorhandenen auch vorhanden sind.

Wo bin ich hier?
Was habe ich hier verloren?
Wie kann ich mich zurechtfinden?
Welche Art von Erkenntnis hilft mir bei diesen Fragen weiter?

Die Griechen unterschieden dazu zwischen "techne", dem praktischen Wissen der Werkstatt – und der "episteme", dem allgemeinen oder theoretischen Orientierungswissen, welches aus den Tempeln kommt.

Wir Zeitgenossen glauben an die "techne", an das praktische Wissen. Für uns nämlich ist die Werkstatt zum Tempel geworden. Darum sind wir in das "manual" vernarrt, in das Handbuch.

Es gibt Handbücher für nahezu alles – sogar für den Weltuntergang.

Und gibt es auch eins für die Lebensführung? Immerhin können wir das Leben nicht einfach so geschehen lassen – wir müssen es führen.

Tatsächlich gibt es ein Handbuch der Handbücher: Es ist die Philosophie.

Was kann ich wissen?
Was soll ich tun?
Was darf ich hoffen?
Was ist der Mensch?

…so lauten die Fragen der Philosophie. Sagt Immanuel Kant.

Wer ist der Mensch? Denn der Mensch ist kein Seiendes unter anderem Seienden!? Vielmehr steht er durch die Seele, durch das Selbstbewusstsein, in einem inneren Bezug zum Sein.

Der Mensch hat an beiden Anteil: am räumlichen und am nicht-räumlichen.

Zwar spreche ich mich selbst als Person an, doch wer ich bin, weiß ich trotzdem nicht.

Es geht jedenfalls ums Ganze.

Metaphysische Fragen sind Fragen der Selbstverständigung. Ich befrage mich als jemanden, der sich seiner selbst bewusst ist.

Seele und Subjekt müssen nach Fichte als unabhängige Dimension der Verständigung begriffen werden.

Moment! Haben die Philosophen nicht spätestens seit Kant die Metaphysik aus der Philosophie ausgesondert?

Wenn jetzt das Handbuch Furore macht, das Manual, dann ist das so, als hätte sich die Philosophie auf sich selbst besonnen, auf ihre Grundlagen, nämlich ihre lebensweltliche Orientierungsfunktion.

Das Handbuch macht ja mit den Dingen der Welt bekannt.

Metaphysik schafft kein Wissen, sondern eine Ordnung

Das Handbuch in der Philosophie nennt man: Metaphysik

Vergessen wir nicht: Es war Edmund Husserl zu Beginn des 20. Jahrhunderts, der in der Weltvergessenheit und in der Ablösung von der Lebenswelt dasjenige Motiv sah, das die Krise der europäischen Wissenschaften und zumal die der Philosophie heraufbeschworen hat.

Nicht unähnlich der Situation heute.

Folglich besinnt man sich heute darauf, dass die Wahrheit über den Menschen nicht in irgendeiner zugrunde liegenden Essenz liegt. Sondern in der Existenz – in der Art und Weise, wie jemand existiert.

Menschliches Leben ist wesentlich selbstbewusstes Leben. Auf diese Art und Weise existiert der Mensch.

Der Mensch existiert als homo faber, als schaffender Mensch: hämmernd, nagelnd, sägend!

Weshalb er Samstag für Samstag in Scharen den Heimwerkermarkt frequentiert, der neben dem Handbuch das zweite Phänomen ist, an dem abzulesen wäre, dass sich eine Renaissance der Metaphysik vorbereitet, die eigentlich seit gut 200 Jahren als totgesagt galt.

Hegel sagt in der "Wissenschaft der Logik":

"Dasjenige, was vor diesem Zeitraum Metaphysik hieß, ist, so zu sagen, mit Stumpf und Stiel ausgerottet worden und aus der Reihe der Wissenschaften verschwunden."

Aus der Reihe der Wissenschaften? Ist Metaphysik überhaupt je Wissenschaft gewesen?

Metaphysik schafft kein Wissen, sondern die Ordnung, die überhaupt erst Wissen als Wissen qualifizieren kann, also etwa Wissenschaft.

Wissenschaft, großgeschrieben? Aber was soll Metaphysik dann überhaupt sein?

Metaphysik stellt letzte Fragen – Fragen wie die, was wirklich ist.

Platon sagt: nur die Ideen.

Die Idee qualifiziert ein Ding zu dem, was es ist. Ein Ding ist nicht ein Ding und außerdem Pferd – sondern die Idee selbst ist das Pferd.

Die Seele gibt dem Seienden seine Form. Das Seiende ist stets vom Nichtsein bedroht, vom Verlust aller Form, vom Nichts. Alle Metaphysik beginnt mit dem Zwiespalt zwischen dem Sein und dem Nichts.

Die Idee ist kein Wissen. Wissen muss immer schon eine Welt vorfinden, von der sie dann etwas wissen kann. So bleibt Wirklichkeit aus sich selbst heraus unbegründbar.

Wissen weiß nicht, was ein Ding ist

Warum gibt es etwas – und nicht vielmehr nichts?

Der Handwerker weicht gleichfalls der Frage nach der Wirklichkeit aus. Auch er muss voraussetzen, dass es etwas gibt, an dem er dann Hand anlegen kann.

Er braucht die hohe Decke, um die Leiter ihrer Bestimmung zuzuführen.

Immerhin hat schon Sokrates früh die Auffassung vertreten, dass metaphysische Wahrheiten mit rationalen Mitteln erkannt werden können.

Ein Idealist!

Unsere Gegenwart ist geradezu gnostisch. Denn wie die Zeitgenossen der antiken Gnosis sind wir unbedingt der Auffassung, eine besondere Form der Erkenntnis gewonnen zu haben. Bei uns ist das allerdings die Denkform der Wissenschaft.

Eine Denkform, die keine leeren, sinnlosen Sätze produziert – wie der Vorwurf der Positivisten in Wien und Cambridge gegen die Metaphysik lautet! – sondern eben: Wissen.

Wissen ist Macht.

Aber warum sollten Sätze sinnlos sein, bloß weil sie keine Information über das Empirische vermitteln? Unsere Gedanken über Sachverhalte stellen ja nicht die Sachverhalte selbst dar!

Für Aristoteles ist die Metaphysik die Wissenschaft vom Seienden, insofern es seiend ist. Sein, großgeschrieben, ist die Substantivierung dessen, was etwas (seiend) sein lässt. Das Sein ist das Subjekt dessen, was ist.

Es gibt. Wer – gibt?

Wissen weiß nicht, was ein Ding ist. Wissen kennt nur den Unterschied zwischen den Dingen.

Strukturell ist Wissen platonisch – es vereinheitlicht alles. Es behauptet von sich, keine sinnlosen Sätze zu produzieren – stattdessen: Gewissheiten, Wissbarkeiten, Wissen.

Aber gibt es irgendwo jemanden, der zum Beispiel für einen geometrischen Beweis sein Leben verpfänden würde? Fragt der Münchner Philosoph und Metaphysiker Dieter Henrich.

Wissen beantwortet ausgerechnet die Fragen nicht, die uns angehen – angehen, weil sie uns radikal betreffen.

Wissenschaftliche Erkenntnis – das ist diejenige Form des Wissens, die sich an logischer Prägnanz orientiert.

Gut platonisch nagelt Wissenschaft das Seiende ins Sein.

Insofern ist die ökologische Krise tatsächliche eine, die Krise einer bestimmten Metaphysik.

Wissenschaft kann mein Leben nicht auslegen

Wissenschaft beruht auf Operationen, auf dem Zusammenspiel von Theorie und Praxis. Aber Wissenschaft kann keine Hermeneutik des Daseins liefern. Sie kann mein Leben nicht auslegen.

Das Wesen der Technik – kann nicht wieder etwas Technisches sein.

Das Wesen des Kühlschranks ist kein kleiner Kühlschrank im Kühlschrank.

Neben der Theorie gibt es aber noch die empirische Beobachtung. Ohne die auskommen zu wollen, hat man der Metaphysik zu Recht vorgeworfen.

Doch um eine empirische Beobachtung vornehmen zu können, braucht es Theorien und Begriffe, die sagen, wie man zu beobachten hat. Und diese Theorien und Begriffe wiederum können ihrerseits nicht aus der Erfahrung genommen werden. Sondern nur aus dem Verstand.

Weisheit geht nicht in Wissenschaft auf. Und Wissenschaft ist eher selten weise.

Metaphysik setzt nicht auf die natürlichen Denkhaltungen, auf Empirie oder Logik. Metaphysik setzt auf das Denken als solches.

Genau das macht sie suspekt: Der überzogene Glaube an den "logos", an die Gesetze des Denkens.

Die Welt hat die Gesetze des Denkens hervorgebracht – es wäre plausibel anzunehmen, dass sie darum auf die Welt passen!

Hegel schreibt: Der denkende Geist kann nicht davon ablassen, sich mit seinem reinen Wesen zu beschäftigen.

Woher aber kommen die Tautologien und Kontradiktionen der Logik, woher die logischen Wahrheiten?

Logische Gesetze sind ja nicht von der Logik selbst verursacht.

Ist also nicht gerade die Logik von vornherein metaphysisch?

Die Wirklichkeit ist nicht in all ihren Provinzen logisch

Der Logiker ist mithin schon darum Metaphysiker, weil er in dem, was er tut, dauernd über die Wirklichkeit hinausgeht. Die Wirklichkeit ist aber nicht in all ihren Provinzen logisch.

Was sich und die Welt auslegt und ausdeutet, das ist Selbstbewusstsein und nur es. Im logischen Raum kann man sich zwar gut orientieren, aber der logische Raum selbst kann keine Orientierung geben.

Logik beruht auf dem Satz vom Grund: Nichts geschieht, ohne dass es eine Ursache dafür gibt. Dieser Satz vom Grund hat freilich seinerseits – keinen Grund.

Man kann daher sagen: Die Logik war der Glaube der Griechen.

Die Anwendung des "logos" auf den Mythos hat die Metaphysik hervorgebracht. Der Mythos gehört zur Vorgeschichte der Metaphysik. Denn bereits der Mythos denkt die Dinge von ihrem Ursprung her und versucht, die Ordnung der Welt im Ganzen darzustellen.

Gewann der Mythos seine Autorität durch den Verweis auf übernatürliche Quellen, bezieht die Metaphysik ihre Autorität durch den Rückgriff auf den "logos".

Aber im Lauf der Geschichte ist die Logik zum Problem der Metaphysik geworden. Denn ihre Begriffe gebaren immer weitere Begriffe, ohne je die Sache selbst zu erreichen – im Gegenteil: Sie entfernte sich immer weiter davon.

So geschehen in der Scholastik.

Am Ende klaffte zwischen Begriff und Sache ein Abgrund.

Die Logik beschränkt sich nämlich auf einen Teilbereich der Wirklichkeit, genau genommen auf die reinen Formen der platonischen Welt – der Mensch aber, sein Bewusstsein, steht der Welt als ganzer gegenüber.

Schon das Mittelalter bestritt, dass die Welt vollständig rational erkennbar sei.

Es geht ums Ganze – nicht um die Teile.

Dass es Wirklichkeit wirklich gibt, kann logisch nicht begründet werden.

Im Übrigen auch nicht wirklich bestritten.

Schon die Existenz von Materie wirft Fragen auf, die selbst nicht wissenschaftlicher Natur sind.

Zumindest vermag die Mechanik über die Materie nichts auszusagen.

Gemäß den Gesetzen der Evolution tendiert Materie offenbar dazu, Bewusstsein hervorzubringen.

Doch woher kommt das Programm für die Evolution?

Der Mensch befindet sich inmitten des Absoluten

Es ist die Metaphysik, die solche Fragen nach den ersten und letzten Dingen stellt.

Was ist wirklich?

Ist Schein seiend?

Der Schein ist jedenfalls nicht nichts. Er gibt dem Sein Aussehen – griechisch: idea.

Zurück zum Absoluten!

Wenn nichts Umfassenderes und Vollkommeneres als das Absolute gedacht werden kann – was mit einschließt, dass das Absolute seiend sein muss, weil seine Nichtexistenz weniger vollkommen wäre als seine Existenz –, dann sind Gott oder das Absolute für das Denken so grundlegend, dass dieses Denken niemals von ihm abzusehen vermag.

So der ontologische Gottesbeweis des Anselm von Canterbury.

Dass der ontologische Gottesbeweis kein metaphysisches Wolkenkuckucksheim ist, zeigt der in Basel lehrende Metaphysiker Gunnar Hindrichs, wenn er darüber nachdenkt, was es heißt, über Dinge wie etwa das Absolute nachzudenken:

"Sofern wir uns Gedanken über die Dinge machen, denken wir nicht einfach nur, dass etwas so und so ist. […] Es handelt sich schließlich um Gedanken über die Dinge und nicht um Gedanken über Gedanken. […] Wir denken Gedanken, die beanspruchen, dass ihr Inhalt ein Nichtgedanke ist."

Wenn wir Gott denken, denken wir an ihn als etwas, das kein Gedanke ist.

Mit dem Gedachtwerden des Inhalts ist der Beweis bereits erbracht.

Wenn Gott für das Denken unabdingbar ist, dann ist er zugleich größer als das Denken selbst, folglich unerschöpflich und unerreichbar.

Der Mensch ist damit nicht heimatlos wie vorhin behauptet, er befindet sich vielmehr inmitten des Absoluten. Wenn er Gott oder das Absolute denkt, dann denkt er etwas, das größer und vollkommener ist als jenes Denken, mit dem er doch eben diesen Gedanken denkt.

Das Selbstbewusstsein zieht sich so in die Höhe und transzendiert sich selbst.

Das weltsetzende Subjekt hängt dem Absoluten unausweichlich an. Genau deshalb muss dieses Absolute gemäß Augustinus als Geheimnis gedacht werden.

Metaphysik hieße also: das Sakrale in Worte fassen.

Wie eh und je kreist die Metaphysik um die Themen Geist und das Absolute.

Gibt es denn dann außerhalb des Denkens nichts?

Der unerreichbare, der geheimnisvolle Gott – eine negative Theologie.

Das Absolute hieß bei den Vorsokratikern "arché" – der Ursprung von allem. Bei Platon war das Absolute das Gute, weil allein das Gute um seiner selbst willen gedacht wird.

Das Absolute ist Voraussetzung alles Seienden und muss grundlegender als das Sein gedacht werden. Bei jedem Denkakt ist es zwingend vorausgesetzt.

Hier schließt sich der Kreis mit der Antike und den Anfängen der Philosophie in der Vorsokratik.

Parmenides sagt: Denken und Sein sind dasselbe.

Gibt es denn dann außerhalb des Denkens nichts?

Geist, nämlich Selbstbewusstsein, soll kein auf äußere Gegenstände bezogenes subjektives Denkvermögen sein – wie die Neurowissenschaften behaupten. Sondern Selbstbewusstsein soll Folgendes sein: die Identität von Denken und Sein. Selbstbewusstsein ist die Selbsterkenntnis des Geistes in seinem reinen Wesen.

Damit wäre die Welt abgeschafft…?

Absolute Subjektivität ist das Prinzip der Metaphysik. Das Wissen von sich vollzieht sich allein als Denken und im Denken. Wir sind immer mitgemeint, egal, was wir denken.

Damit beerbt die Metaphysik den Anthropozentrismus der Mythen.

Das Selbstbewusstsein ist immer schon vorausgesetzt.

Nach Platon ist die Welt zweigeteilt

Aber anders als Gott ist es nicht aus sich heraus. Es ist gerade nicht selbsttragend und absolut.

Es geht aber darum, die Phänomene zu retten, nachdem das Hegelsche Selbstbewusstsein sich alles um es herum einverleibt hat. Eine Bewegung, die eigentlich schon am Anfang der abendländischen Philosophie angelegt war.

In Platons Dialog "Phaidon" heißt es:

"Sollen wir also, sprach er, zwei Arten von Seienden setzen, sichtbar die eine und die andere unsichtbar? – Das wollen wir, sprach er. – Und die unsichtbare auf immer die gleiche Weise sich verhaltend, die sichtbare aber niemals gleich? – Auch das, sagte er, wollen wir setzen."

Dieser kleine Dialog kann gewissermaßen als Gründungsakt der Metaphysik gelten.

Fortan ist die Welt zweigeteilt – einerseits "physis", andererseits Metaphysik.

Und dazwischen die Seele. Unser bewährtes Double.

Im 20. Jahrhundert hat man den Begriff Seele, welche teilhat am Sichtbaren wie am Unsichtbaren, aus der Wissenschaft entfernt.

Wenn es allerdings heute um Fragen zum Menschen, zur Natur, zu Bewusstsein und Kosmos geht, ist der Begriff Seele zur wichtigsten Losung geworden.

Es gibt da noch den fundamentalsten Einwand gegen eine Metaphysik, deren Prinzip die Subjektivität ist: Den Gedanken, dass diese Welt sowieso schon immer existiert, ganz egal, ob in ihr überhaupt erkennende und handelnde Subjekte existieren!

Es geht folglich um eine Metaphysik nach der Metaphysik. Gemäß Adorno kann Metaphysik im nachmetaphysischen Zeitalter nichts anderes sein als Nachdenken über Metaphysik.

Wenn es dem logizistischen Denken nur um das Denken selbst geht, dann kann die Sache bloß ein Inhalt sein, der stört.

Es geht um Verstehen, nicht um Beweise

Es geht jetzt aber um die Rettung der Phänomene.

Kein Denken vermag den Bruch zwischen Begriff und Sache, Denken und Phänomen zu kitten.

Es geht also um ein Denken, das dem logischen Zwang entrückt ist.

Stand Metaphysik im Spannungsverhältnis zur Logik, geht es in der nachmetaphysischen Metaphysik um Einsicht.

Es geht nicht um Beweise, es geht um: Verstehen.

Jeder von uns ist aufgerufen, irgendeine Formel zu finden, von der her er sich selbst und die Welt zu verstehen vermag.

Es geht jedem von uns um die letzten Fragen, um den Sinn des Ganzen, um den Zusammenhang, um unser Woher und Wohin.

Sind wir der Sinn des Ganzen?

Im Vernunftbegriff inbegriffen sind Verständigung und Interpretation jenseits dessen, was durch Beweise sichergestellt werden kann.

Es geht mithin nicht nur darum, was der Fall ist, sondern auch darum, wie es ist oder wäre, wenn man sich in einer solchen Situation befände. Es geht darum, sich das eigene Leben zu vergegenwärtigen.

Orientierung verschafft also nur das spekulative Denken. Nicht umsonst heißt der Ort, der Überblick verschafft: "specula". Darüber nachgedacht zu haben und fortgesetzt nachzudenken – das ist Metaphysik.

Zur ihr finden wir immer wieder zurück.

Metaphysik ist unentwegte und unabschließbare Selbstreflexion.

Statt einer Antwort hat Metaphysik eine lange Geschichte. Diese garantiert die Unabhängigkeit des Urteils. Eine andere Garantie haben wir nicht.

Die Fragen, die das Wissen beantworten kann, sind keine Fragen im eigentlichen Sinn. Nur wirkliche Fragen sind der Frage würdig. Fragen, in denen es um uns, um die Auslegung unserer Welt geht! Um die Tatsache, dass wir unser Da sein müssen. Metaphysik ist frag-würdig – aber nur sie ist für Fragen zuständig, die keine wissensförmige Antwort haben.

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