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StartseiteInterview"Neustart mit neuen Köpfen und Themen muss her"03.06.2019

Meinungsfoscher Schöppner"Neustart mit neuen Köpfen und Themen muss her"

In der Debatte über die Fortsetzung der Großen Koalition glaubt Meinungsforscher Klaus-Peter Schöppner, dass die Deutschen keine Neuwahlen wollen. Die Wähler hätten genug davon, "dass sich die Parteien nur mit sich selbst, mit ihren Kandidaten, mit ihren Chancen befassen", sagte Schöppner im Dlf.

Klaus-Peter Schöppner im Gespräch mit Martin Zagatta

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Demonstrant mit Schild gegen eine große Koalition. (pa/Martin Schröder)
Nur ein Viertel der Deutschen möchte Neuwahlen, sagt Meinungsforscher Schöppner (pa/Martin Schröder)
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Die SPD und die Suche nach Kandidaten

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Martin Zagatta: Union und SPD, so sieht es aus, spielen auf Zeit. Könnten sich die beiden Parteien in ihrer derzeitigen Verfassung überhaupt Neuwahlen leisten? Oder wäre das politischer Selbstmord? – Das kann ich jetzt den Meinungsforscher Klaus-Peter Schöppner fragen. Er war lange Jahre Chef von Emnid und ist jetzt Geschäftsführer des Instituts Mentefactum. Guten Tag, Herr Schöppner!

Klaus-Peter Schöppner: Hallo! – Guten Tag, Herr Zagatta.

"Die Deutschen wollen keine Neuwahlen"

Zagatta: Herr Schöppner, wer muss denn jetzt Neuwahlen mehr fürchten, die SPD oder die Union?

Schöppner: Eigentlich müssen wir alle fürchten. Die Deutschen wollen keine Neuwahlen. Die sagen, gewählt ist gewählt und wir sind nicht die Büttel der politischen Parteien, die, wenn sie nicht zurande kommen, nach Neuwahlen rufen. Ein demoskopisches Ergebnis, allerdings von der letzten Woche nach den Europawahlen, zeigt das ganz eindeutig. Das ist gerade mal jeder Vierte, der für Neuwahlen plädiert, und interessanterweise noch nicht mal die Grünen-Anhänger. Da könnte man ja glauben, angesichts ihres Hochs wären sie diejenigen, die jetzt für Neuwahlen plädieren würden. Aber da sagen auch nur 24 Prozent Neuwahlen – möglicherweise, weil diese Partei aufgrund ihres Erfolges personell ausgedünnt ist, den Realitätsschock noch ein bisschen hinauszögern will. Also: Die Mehrheit ist eindeutig dagegen.

Klaus-Peter Schöppner bei einer Pressekonferenz (Matthias Hiekel/dpa)Der Meinungsforscher Klaus-Peter Schöppner, Kühnert als Gallionsfigur gehe überhaupt nicht. (Matthias Hiekel/dpa)

Zagatta: Am schlimmsten scheint es jetzt die SPD erwischt zu haben. Kann denn so ein Führungswechsel, so ein Abgang von Andrea Nahles den Sozialdemokraten jetzt neues Leben einhauchen? Oder sind Sie da skeptisch?

Schöppner: Das ist im Prinzip ausgereizt, denn diese Situation der Neuwahl-Diskussion, von einem Neustart mit einem neuen Vorsitzenden haben wir ja in den letzten Jahren zur Genüge gehabt. Und was die Wähler wirklich überdrüssig sind, ist, dass die Parteien sich nur mit sich selbst, mit ihren Kandidaten, mit ihren Chancen und so weiter befassen. Was sein muss ist: Es muss ein Schlussstrich her, ein Schlussstrich, der im Prinzip einen Neustart nach außen hin als Neustart erscheinen lässt. Das heißt, mit absolut neuen Köpfen, und das heißt, auch mit Themen. Köpfe gibt es wahrscheinlich nicht, Themen gibt es sicherlich genug.

"Nehmen Sie den schnellen Aufstieg Macrons"

Zagatta: Ich wollte gerade sagen. Sehen Sie denn diese Köpfe? Jetzt heißt es, Manuela Schwesig, die Ministerpräsidentin in Mecklenburg-Vorpommern, und sogar Kevin Kühnert. Sehen Sie den als neue Gallionsfigur der SPD?

Schöppner: Nein, das geht hier überhaupt nicht. Dann wäre diese SPD eine Partei, die so weit nach links rückt, dass sie am rechten Flügel sehr viel Platz lässt und dann sich mit der Linkspartei um die dann weniger werdenden Wähler kümmert. Nein, das geht nicht.

Ich sehe den Kandidaten derzeit auch nicht. Allerdings wissen wir aus anderen Ländern – nehmen Sie auch den schnellen Aufstieg des Präsidenten in Frankreich, Macron -, dass so was möglich ist, wenn man denn wirklich einen guten Kandidaten findet. Und die Themen sind nicht die Themen, die wirklich die SPD braucht, die die SPD nach links rückt. Das sind die Themen, die im Prinzip den Umweltschutz, das Klima mit dem Arbeitsmarkt verbinden, die Ost und West miteinander verbinden, die das Stadt- und Landgefälle im Prinzip nivellieren, im Prinzip die Ambivalenz der Politik. Das ist das, was die Wähler wollen, und das ist das, wo die politischen Parteien derzeit eigentlich zu wenig Antworten haben.

"Nicht mehr kompetent und vertrauenswürdig"

Zagatta: Sie haben an erster Stelle genannt Umweltschutz und Klima. Wir erleben diesen Höhenflug der Grünen. Warum sehen die Parteien, die Altparteien im wahrsten Sinne des Wortes so alt aus und wie sehen Sie da die Zukunft? Zerbröseln die Volksparteien?

Schöppner: Wir haben im Prinzip eine Situation, dass die Parteien nicht mehr als kompetent und vertrauenswürdig gesehen werden. Wenn ich kein Zutrauen mehr habe, dann glaube ich auch nicht, dass die Parteien irgendwas bewegen werden, und ich richte mich nicht mehr danach. Das führt dazu, dass wir Partialinteressen haben, dass wir eine Egozentrik der Bürger haben, jeder kümmert sich um seine Probleme. Und auf Ihre Frage zurückkommend, führt das dazu, dass die Volksparteien möglicherweise ein Auslaufmodell sind und die Wähler sich die Partei suchen, die ihrem Interesse am ehesten neigt. Es sei denn – und das ist eigentlich das, was man den Volksparteien vorschlagen würde, sie fühlen sich nicht mehr als eine Partei, die letztendlich für alles zuständig ist, sondern als Dachmarke. Nehmen Sie das Beispiel VW: Auf der einen Seite baut der Konzern Porsche, auf der anderen Seite aber auch langweilige Golf Diesel. Das heißt, für ein ganz breites Spektrum der Autofahrer ist VW im Prinzip zuständig. Die Volksparteien schaffen es nicht, sowohl für die Älteren als auch vor allen Dingen für die Jüngeren das Wort zu ergreifen. Eine Junge Union und eine alte Union, die wirklich eine große Selbständigkeit innerhalb der Partei hat, das ist den Parteien aus CDU-Sicht in diesem Falle anzuraten.

Nicht auf die Demoskopen gehört

Zagatta: Wenn die junge Generation, so wie wir das jetzt erlebt haben, sich gegen Union und SPD wendet, krempelt das  alles um? Wird der nächste Kanzler von den Grünen oder die nächste Kanzlerin von den Grünen gestellt? Halten Sie das für möglich? Oder ist das jetzt alles ein Hype?

Schöppner: Möglich ist es. Allerdings ist das eher ein Hype. Die politischen Parteien haben bei der Europawahl den großen Fehler gemacht, dass sie nicht auf die Demoskopie gehört haben. Wir haben festgestellt, unmittelbar vor der Europawahl, dass 90 Prozent der Bürger sagten, das wichtigste Thema ist, was europaweit angefasst werden sollte, der Klimaschutz. Wir haben auch damals festgestellt, dass der Klimaschutz auch für Deutschland das wichtigste Thema geworden ist. Das heißt, die Parteien haben überhaupt nicht auf die Wähler gehört, und das schlägt ihnen jetzt zurück.

Auf der anderen Seite: Die Mehrheit der Deutschen weiß, dass dieser Grünen-Hype den glücklichen Umständen, einerseits die Themenauswahl und zum anderen dem Faktor geschuldet ist, dass sie sich nicht um Personalquerelen kümmern, dass sie nach außen den Eindruck erwecken, die Personen sind sekundär, uns geht es wirklich inhaltlich um die Themen, wir sind intrinsisch motiviert, wir wollen hier irgendwie inhaltlich was bewegen, und das werden sie nicht auf alle Zeit durchsetzen können, wenn der Praxistest kommt. Der Praxistest nämlich, wenn es darum geht, Umwelt und Arbeit wie auch immer miteinander zu verquicken. Wenn es den Grünen gelingt, aus Umwelt, aus Klima viele Arbeitsplätze zu machen, dann haben sie wirklich gewonnen, aber da ist der Weg weit, weil diese Dinge jetzt derzeit ja noch konträr gesehen werden, vor allen Dingen von der Wirtschaft.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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