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StartseiteInterviewMeyer: Die Ortskirchen und Synoden stärken18.04.2005

Meyer: Die Ortskirchen und Synoden stärken

ZdK-Präsident Hans-Joachim Meyer über die neue Verantwortung der Kirche

Der neue Papst sollte nach dem Willen des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) den Ortskirchen und den nationalen Bischofskonferenzen mehr Verantwortung übertragen. ZDK-Präsident Meyer sagte, auf diese Weise könne sich die Kirche der größeren Vielfalt in einer zusammenwachsenden Welt besser stellen.

Von Doris Simon

Christen auf dem Kirchentag 1994 (AP)
Christen auf dem Kirchentag 1994 (AP)

Doris Simon: Noch in dieser Woche, so hoffen Optimisten, könnte der neue Papst gewählt sein. Heute Nachmittag beginnt das Konklave, 115 Kardinäle suchen nach einem Nachfolger für Johannes Paul II. Am Telefon ist Hans-Joachim Meyer, der Vorsitzende des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Guten Tag.

Hans-Joachim Meyer: Einen schönen guten Tag.

Simon: Herr Meyer, wie gespannt sind Sie eigentlich auf den Ausgang des Konklaves? Sie müssen es ja eh nehmen wie es kommt.

Meyer: Aber dennoch bin ich natürlich sehr gespannt, denn es wird für den weiteren Weg der Kirche sehr bedeutsam sein und es ist in einem seltenen Maße offen. Daher bin ich natürlich wirklich gespannt.

Simon: Was meinen Sie, wenn Sie sagen, es ist in einem seltenen Maße offen?

Meyer: Es hat Konklaven gegeben, wo bereits vorher ziemlich deutlich war, auf wen die zulaufen werden. Das war die Wahl Pius XII., alles hatte sich vorher bereits auf Pacelli konzentriert, der war vorher Kardinalstaatssekretär. Ähnlich war es bei der Wahl Paul VI., auch da lief alles auf Montini zu. Aber hier und jetzt wie auch bei anderen, man wird sagen können, bei den meisten Papstwahlen gibt es ein breiteres Spektrum von möglichen Kardinälen. Auch die Fachleute, die so genannten Vatikanistsi wissen auch nur zu sagen, wie breit dieses Feld ist.

Simon: Das heißt, wenn immer wieder gesagt wird, zum Beispiel der Kardinal Joseph Ratzinger habe sehr gute Aussichten, dann ist das nur eine Meinung unter vielen, meinen Sie?

Meyer: Mit Sicherheit. Das ist in Deutschland besonders stark, selbstverständlich, er kommt aus Deutschland, auch in Italien scheint es so zu sein, weil er lange ja in Rom gelebt und gewirkt hat. Aber er ist mit Sicherheit ein Papabile, ein Kandidat für die Papstwahl, aber einer eben neben mehreren.

Simon: Welche Eigenschaften, Herr Meyer, sind denn für Sie, für die deutschen Katholiken, wenn man das so allgemein fassen darf, wichtig beim nächsten Papst?

Meyer: Wenn man jetzt über die Nachfolger spricht, steht man immer in der Gefahr, dass sich das als eine Abgrenzung oder Abwertung des bisherigen Pontifikats anhört. Das liegt mir völlig fern. Ich will deshalb am Anfang auch gleich betonen, dass das große Engagement des verstorbenen Papstes für die Wahrheiten des Glaubens in der Welt und für den Dienst der Kirche an Frieden und für die Menschenwürde, dass ich hoffe, dass dies mit großer Kraft fortgeführt wird. Denn das gehört zu diesem Amt und das gehört zum Verständnis der Kirche. Zugleich wissen wir, dass das Gespräch innerhalb der Katholischen Kirche in den letzten Jahren - ich wage es zu sagen - eher schwierig geworden ist. Hier hatte es ja nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil und unter Papst Paul XI. Bewegung gegeben, es hatte Synoden gegeben und dieser Prozess, ich will nicht sagen, er kam zum Stoppen, aber Papst Johannes Paul II. legte den Akzent auf die Hervorhebung des Glaubens, der Glaubensbotschaft und darauf, das Wesentliche für Menschenwürde und Freiheit in der großen, weltweiten Auseinandersetzung vorzustellen. Es hat gewiss auch weitere Entwicklungen gegeben im Bezug auf die Bischofssynode und auf seine Idee und seine Praxis, Bischofssynoden für unterschiedliche Weltteile durchzuführen. Aber insgesamt hat der synodale Gedanke, die synodale Dimension, die ja einen großen Impuls durch das Zweite Vatikanische Konzil erfahren hat, in den letzten Jahren eine geringere Rolle gespielt im kirchlichen Leben. Ich glaube, dass dies eine Ausprägung des notwendigen geschwisterlichen Dialogs in der Kirche ist, die sich ja immer um die Frage drehen muss, wie vermitteln wir die Botschaft, wie verkünden wir die Botschaft in eine konkrete Welt hinein, damit sie dort gehört wird, verstanden wird und wirkt.

Simon: Würde Sie sich in dem Zusammenhang wünschen, dass der Nachfolger von Johannes Paul II., gerade was Deutschland angeht, in manchen Fragen liberaler ist?

Meyer: Das Wort liberal ist etwas, mit dem ich in kirchlichen Fragen schwer umgehen kann. Jeder Papst, jeder Bischof ist in dem Sinne konservativ, als es um die Bewahrung der Glaubensbotschaft geht. Die steht ja nicht zur Verfügung. Liberal, - ich will Menschen, die sich als liberal bezeichnen, jetzt nicht kränken -, aber im innerkirchlichen Bereich hört sich das gelegentlich an so wie Glauben light. Ich meine, dass das Gespräch über die gegenwärtige Gestalt der Kirche und der Gemeinde und deren Möglichkeiten, dass das in der Tat weitergeführt werden muss. Denn wir sehen ja, dass da große Veränderungen in der traditionellen Gestalt der Ortsgemeinde vor sich gehen. Wir haben Priestermangel, es gibt andererseits auch neue Aufbrüche. Da scheint mir ein Wesen des vergangenen Pontifikats gewesen zu sein, zunächst einmal auf solche Entwicklungen zu setzen innerhalb der Kirche, beispielsweise bei den Movimienti, bei den geistlichen Bewegungen, aber nicht Vorschläge zu neuen Möglichkeiten, zur weiteren Entfaltung des geistlichen Amtes, zur Rolle der Frau in der Kirche, aufzugreifen. Ich übersehe nicht, dass es gerade bei der Rolle der Frau weitere Entwicklungen gegeben hat, die man vorher nicht für möglich erachtet hat. Dennoch ist dies etwas, wo wir am Anfang einer Entwicklung stehen, die für die Kirche notwendig ist.

Simon: Was würde das denn für die Katholische Kirche in Deutschland bedeuten, wenn jemand denselben Weg fortführt, der eingeschlagen worden ist und den Sie ja zumindest in Teilen als problematisch für die Entwicklung der Kirche hierzulande empfinden? Würde das noch mehr Leute aus der Kirche treiben oder sie der Kirche entfremden?

Meyer: Wer, wie man das gelegentlich tut - und darauf weisen Sie ja mit Recht hin - wer mit dem Argument bei der Debatte über kirchliche Erneuerung argumentiert, wenn sich die Kirche so nicht ändert, "dann gehe ich", der schwächt die Kirche, der zeigt seine Distanz zu Glauben und Kirche und trägt eigentlich nicht zur Erneuerung bei. Dieser Ruf, der ja etwa so klingt wie Tarifpartnerschaft - ändere dich, Kirche, so, wie ich das möchte,und dann setze ich mich wieder für dich ein - ist etwas, was in Wahrheit die Sache der Erneuerung schwächt. Die wesentliche Voraussetzung für Kirchenerneuerung ist Kirchentreue, denn das ist ja die Basis dafür, dass man drüber streitet, wie soll es mit der Kirche weitergehen, wie muss sie sich auseinandersetzen, zugleich einstellen auf Zeit. Kirche ist ja in einem Spannungsfeld zwischen Glauben und Geschichte. Die Vorstellung, dass die Kirche die stets Unwandelbare ist, ist ein historischer Irrtum. Es besteht ja die Kraft der Kirche darin, wenn auch unter Mühen und Schwierigkeiten, in immer wieder neuen Zeiten zu wirken und natürlich in einem Austausch, in einem Wechselverhältnis zu den Wechseln, zu den sich verändernden Zeiten zu stehen. Ich kann nicht bestreiten, dass es Menschen gibt, die sagen, dann gehe ich. Aber dann frage ich mich, was liegt ihnen dann an Kirche?

Simon: Sie sagen, Kirche ist wandelbar. Aber ist das eigentlich in der heutigen Zeit nicht zu viel verlangt, eine Person, die alles möglich machen soll? Denn ein Katholik in Mozambique hat andere Probleme als ein Katholik in Deutschland und wahrscheinlich noch andere als in China. Kann es überhaupt jemanden geben, einen Papst, der alle drei in gleicher Weise anspricht?

Meyer: Ja, sicherlich, das ist möglich. Aber es ist sicherlich ein notwendiges Element von Führung, den Dienst an der Einheit, wie ja die Aufgabe, die wesentliche, vornehmste Aufgabe des Papstes ist, in eine richtige Beziehung zu setzen zu der Verantwortung der Ortskirche. Das scheint mir das wesentliche Problem zu sein. Auch das sollte man nicht diskutieren im Gegensatz zwischen Zentralismus und Dezentralismus. Die Katholische Kirche hat über Jahrhunderte am Prinzip der Einheit festgehalten und heute, wo die Welt immer mehr zusammenwächst, ist das mit Sicherheit kein Prinzip, das in Frage gestellt werden kann. Aber wahr ist natürlich, dass dadurch, dass die Welt stärker zusammenwächst, auch die unterschiedliche Vielfalt deutlicher wird. Ich glaube schon, und das scheint mir auch eine richtige Konsequenz des Zweiten Vatikanischen Konzils, eine notwendige Konsequenz, die sich ergibt aus der Kollegialität der Bischöfe, dass den Ortskirchen und den nationalen Bischofskonferenzen eine große Verantwortung zukommt und sie nach meiner Überzeugung auch einen größeren Verantwortungsraum zugestanden bekommen müssen als das in den letzen Jahren der Fall war.

Simon: Das war Hans-Joachim Meyer, der Vorsitzende des Zentralkomitees der Katholiken in Deutschland.

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