Samstag, 04. Dezember 2021

Belastung der IntensivmedizinBaumann (DKFZ): Durch die Pandemie sterben wahrscheinlich mehr Menschen an Krebs

Auch in der vierten Welle der Corona-Pandemie müssten Operationen von Krebspatienten möglicherweise aufgeschoben werden, sagte der Vorsitzende des Deutschen Krebsforschungszentrums, Michael Baumann, im Dlf. Es sei zu befürchten, dass durch die Pandemie daher auch die Todeszahlen für Krebs steigen werden.

Michael Baumann im Gespräch mit Barbara Schmidt-Mattern | 15.11.2021

Corona Intensivstation
Ärzte und Pfleger untersuchen einen Patienten auf der Covid-19 Intensivstation im SRH Waldklinikum. Hier werden derzeit 13 an Covid-19 erkrankte Menschen intensivmedizinisch versorgt. (picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)
Die vierte Welle der Corona-Pandemie sorgt zunehmend für eine Belastung der Intensivmedizin. In manchen Bundesländern sind bereits circa 20 Prozent der Betten auf Intensivstationen mit Covid-Patienten belegt. Es sei zu befürchten, dass deshalb Operationen und Therapien von Menschen mit Krebserkrankungen aufgeschoben werden, sagte der Vorsitzende des Deutschen Krebsforschungszentrums, Michael Baumann, im Deutschlandfunk. Auch in der ersten Welle der Pandemie sei das bereits passiert. In der Folge könnten mehr Menschen an Krebs und auch anderen Krankheiten sterben.
Baumann sprach sich im Interview auch für eine Impfpflicht aus. Ungeimpfte gefährdeten insbesondere Menschen, die ein geschwächtes Immunsystem haben. Das sei ein weiterer Grund, warum Krebspatienten unter der Pandemie besonders litten.
"Die Wissenschaft wird einen Schub durch die Pandemie erzielen", prognostiziert Baumann. Die Gesellschaft habe gesehen, wie bedeutend Forschung im Kampf gegen Krankheiten sei. Davon würde nicht nur die Forschung zu Corona profitieren.
Michael Baumann
Der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg, Michael Baumann (picture alliance / Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa)

Das vollständige Interview im Wortlaut:

Barbara Schmidt-Mattern: Herr Baumann, sterben in Folge der Pandemie in Deutschland auch mehr Menschen an Krebs?
Michael Baumann: Wir müssen befürchten, dass das passieren wird. Der Punkt ist, dass man an Krebs nicht völlig akut stirbt. Das ist anders als bei meinetwegen der Covid-Erkrankung. Wenn man auf Intensivstationen nach wenigen Wochen stirbt, dauert das bei Krebs Monate bis Jahre, bis die Krankheit dann so weit fortgeschritten ist, dass man daran stirbt. Diese Zahlen liegen derzeit für Deutschland noch nicht vor. Wir haben aber Abschätzungen dafür und auch Zahlen in Abschätzungen weltweit und die lassen befürchten, dass Krebserkrankte sehr unter der Pandemie leiden und wir auch mit erhöhten Sterbefällen rechnen müssen.
Schmidt-Mattern: Ich höre aus Ihren Worten schon heraus, der Faktor Zeit spielt gerade bei dieser Erkrankung eine wichtige Rolle. Nun hat die Charité letzte Woche in Berlin alle planbaren Operationen bereits wieder abgesagt. Bayern muss auch schon Intensivpatienten bereits an andere Orte verlegen. Was bedeutet das für Menschen in einer Krebstherapie?
Baumann: Wenn Patienten mit einer Krebserkrankung operiert werden müssen oder eine andere schwerwiegende Therapie erhalten, die notwendig macht, dass man ein Intensivbett im Hintergrund hat, dann können diese Therapien unter der Covid-Pandemie eingeschränkt sein oder auch teilweise an manchen Stellen in Deutschland gar nicht mehr stattfinden.

Baumann: Daten zu Krebsbehandlungen haben erhebliche Zeitverzögerung

Schmidt-Mattern: Sind wir denn jetzt in der vierten Welle, in der wir mitten drinstecken, besser gerüstet als zuvor? Man kann ja sagen, drei Wellen haben wir hinter uns, da müsste jetzt ein gewisser Erfahrungshorizont da sein.
Baumann: Das sollte man hoffen. Das kann ich Ihnen aber noch nicht sagen. Das liegt daran, dass im Gegensatz zu der Erfassung der Covid-Zahlen, die wir ja jeden Abend direkt vom RKI hören und die dann auch in den Medien verbreitet sind, wir die Zahlen für die Behandlung von Krebserkrankungen erst mit erheblicher Verzögerung von Monaten oder Jahren über die Krankenkassen oder die Krebsregister bekommen. Insofern kann ich nur sagen, dass die Daten der Krankenkassen, die mittlerweile für die ersten Wellen vorliegen, von einigen Kassen, zum Beispiel der AOK, dass diese Zahlen zeigen, dass innerhalb der ersten Wellen weniger Operationen stattgefunden haben als in Vergleichsjahren.
Insofern müssen wir befürchten, dass dies auch in der vierten Welle passieren kann, und wir müssen deshalb alles tun, dass Krebspatienten, im Übrigen auch andere schwer erkrankte - wenn man einen Autounfall zum Beispiel hat und kein Intensivbett frei ist, dann ist ebenfalls ein Problem, und beim Schlaganfall oder Herzinfarkt auch -, wir müssen alles dafür tun, dass nicht andere unter der Covid-Pandemie mit leiden.

Baumann: Ungeimpfte gefährden Menschen mit schwachem Immunsystem

Schmidt-Mattern: Sie sagen, wir müssen alles dafür tun. Wird denn nach Ihrem Eindruck  genug getan? Wird das Schicksal vor allem von Krebskranken, aber auch von Schlaganfall- oder herzkranken Patientinnen und Patienten genügend gesehen in der Politik?
Baumann: Es wird nicht genügend gesehen, aber nicht nur in der Politik nicht, sondern in der ganzen Gesellschaft nicht, weil Sie sehen ja, dass die Zahlen ansteigen. Wir haben ein Drittel etwa ungeimpfte Menschen in Deutschland. Man müsste erwarten, dass jeder, der sich nicht impfen lässt, so vorsichtig ist, ultravorsichtig ist, dass er absolut das Risiko nicht hat, angesteckt zu werden und damit womöglich ein Intensivbett in Anspruch zu nehmen, oder Kranke anzustecken, die dann wegen Immunsuprimierung, Immunschwäche, zum Beispiel unter dieser Ansteckung noch mehr leiden können. Das heißt, die Gesellschaft müsste erheblichste Rücksicht nehmen. Das kann ich im Moment anhand der Zahlen nicht erkennen.

Schmidt-Mattern: Wenn Sie das nicht erkennen können, halten Sie dann eine Impfpflicht in Deutschland für ratsam?
Baumann: Ich persönlich ja.

"Die Wissenschaft wird einen Schub durch die Pandemie erzielen"

Schmidt-Mattern: Dann lassen Sie uns auf die Forschung gucken. Die sogenannten MRNA-Impfstoffe waren bisher vor allem ein wichtiger Teil der Krebsforschung und dann kam die Corona-Pandemie. Welche Auswirkungen hat das auf die Verteilung von Forschungsgeldern? Ist das jetzt zum Nachteil der Krebsforschung?
Baumann: Das können wir nicht erkennen. Zumindest kann ich das für unsere Institution, die die größte Institution für Krebsforschung in Deutschland ist, das Deutsche Krebsforschungszentrum, nicht erkennen, dass die Corona-Pandemie sich negativ auf die zur Verfügung Stellung von Forschungsmitteln für Krebs auswirkt.
Schmidt-Mattern: Die Suche nach den Corona-Impfstoffen hat in den letzten anderthalb Jahren auch viele Kräfte gebunden. Hat das negative Auswirkungen auf die Forschungsarbeit?
Baumann: Nein! Ich glaube im Gegenteil, dass wir erkannt haben, oder die meisten von uns erkannt haben, wie wichtig Forschung ist, um gegen Krankheiten vorzugehen, und das gilt für alle Krankheiten. Wir haben in enorm kurzer Zeit, wirklich unter Rekrutierung aller Möglichkeiten, die die Forschung zu bieten hat, so schnell so viel über Corona gelernt, wie die Wissenschaft in der Vergangenheit noch nie über eine Krankheit in so kurzer Zeit gelernt hat. Das ist sehr, sehr breit auch in den Medien diskutiert worden, in der Bevölkerung diskutiert worden, und ich glaube, die Wissenschaft wird einen Schub durch die Pandemie erzielen.

Baumann: Covid-Zahlen sind sehr beunruhigend

Schmidt-Mattern: Dann vielleicht abschließend, Herr Baumann. Das ist dann eine eher zuversichtliche Einschätzung, die Sie treffen. Welches Gesamtfazit ziehen Sie jetzt mit Blick auf den kommenden Winter? Welche Prognose geben Sie uns da?
Baumann: Ich bin sehr beunruhigt. Ich sehe die Zahlen, wie sie ansteigen. Die Erkrankungszahlen, aber auch die Sterbezahlen steigen sehr stark exponentiell an und ich bin sehr beunruhigt, dass wir in eine sehr große vierte Welle hineinrutschen können. Dies wird man im Moment nicht durch zusätzliche Impfungen von heute auf morgen abfedern können. Die muss man trotzdem durchführen. Ich habe meine Meinung dazu kundgetan. Aber wir müssen auch aufpassen, ob wir über Kontaktbeschränkungen und andere Maßnahmen im Moment sprechen können.
Schmidt-Mattern: Zu denen würden Sie ebenfalls raten, zu den Kontaktbeschränkungen?
Baumann: Es gibt wissenschaftliche Abschätzungen, was man bei bestimmten Impfraten und bestimmten Erkrankungshäufigkeiten an zusätzlicher Kontaktbegrenzung erreichen muss, und diese wissenschaftlichen Voraussetzungen sind absolut vernünftig einzuhalten. Die Umsetzung muss die Politik erzielen, aber diese Begrenzungen insgesamt sind möglicherweise zumindest in Teilgebieten Deutschlands unvermeidbar.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.