Sonntag, 25. September 2022

Vierte Corona-Welle in Deutschland
Modelliererin Priesemann: Politik muss Notfall-Mechanismus planen

In einem Strategiepapier empfehlen Wissenschaftler eine Booster-Offensive, um die vierte Coronawelle zu brechen. Zur Überbrückung seien aber weitere Maßnahmen nötig, sagte die an dem Papier beteiligte Physikerin Viola Priesemann im Dlf. Auch ein Notfall-Shutdown dürfe nicht ausgeschlossen werden.

Viola Priesemann im Gespräch mit Christiane Knoll | 11.11.2021

Intensivpfleger laufen in der Corona-Intensivstation des Universitätsklinikums Dresden über den Gang während im Vordergrund ein Schild mit der Aufschrift "Stop Covid-19" an der Tür zu sehen ist.
Es gibt ganz viele Maßnahmen, die man an die Hand nehmen sollte, bevor man auch nur darüber nachdenkt, die Schulen zu schließen, sagt Expertin Viola Priesemann (dpa-Zentralbild / Robert Michael)
Die Zahl der Corona-Neuinfektionen erreicht in diesen Tagen Rekordwerte, die Zahl der Covid-19-Patienten in den Krankenhäusern steigt - in manchen Regionen droht bereits die Überlastung der Intensivstationen. Die vierte Corona-Welle hat Deutschland voll erfasst. Wie diese gebrochen werden und noch Schlimmeres verhindert werden kann, dazu haben jetzt Wissenschaftler aus verschiedenen Fachrichtungen ein Papier mit Strategien vorgelegt.
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Die Gruppe um die Physikerin und Modelliererin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen empfiehlt vor allem schnelle Auffrischungsimpfungen für die Hälfte der Bevölkerung. Damit könnten die negativen epidemiologischen Effekte durch den relativ hohen Anteil von bislang Ungeimpften "teilweise" wettgemacht werden. Die Booster-Kampagne müsste jedoch deutlich schneller vorankommen als die Kampagne für Erst- und Zweitimpfungen im Sommer.

Besser jetzt über einen "Notfall Shutdown" diskutieren

Das Boostern sei jedoch eine langfristige Strategie, sagte Priesemann in Forschung aktuell. "Zur Überbrückung wird es Maßnahmen brauchen", betonte die Wissenschaftlerin und verwies auf die Empfehlungen im Strategiepapier: Kontaktbeschränkungen, Testen, 2G, 3G, und möglicherweise auch einen "Not-Schutzschalter", eine Art Notfall-Shutdown für den Fall, dass eine Überlastung des Gesundheitssystems droht. Zwar halte man es für sehr unwahrscheinlich, dass ein solcher "Not-Schutzschalter" gebraucht werde. Falls er aber nötig wäre, "wäre es wesentlich besser, wenn wir jetzt darüber diskutieren und nicht erst, wenn es zu spät ist", sagte die Wissenschaftlerin.

Das Interview in voller Länge:
Christiane Knoll: : Impfen wäre die Lösung, damit sind wir aber jetzt leider zu spät, oder?
Viola Priesemann: Zu spät ist vielleicht ein ganz typisches Motto dieser Pandemie. Das Gute ist: Viele Menschen sind geimpft, und wir haben die Möglichkeit, eine Booster-Impfung zu nutzen. In Israel haben sich 50 Prozent der Menschen boostern lassen, und dieser Booster-Schutz hat dort die Wirkung gegen Übertragung und gegen einen schweren Verlauf, beides noch mal um den Faktor zehn erhöht. Das heißt, das ist noch mal besser als die zweite Impfung.
Und insofern bin ich ganz optimistisch, dass wir das im Prinzip zügig hinbekommen. Wie schnell können wir das hinbekommen? Nun, im letzten Frühjahr oder Sommer haben wir bis zu sieben Prozent der Menschen am Tag geimpft. Wenn wir sieben Prozent hinbekommen, dann haben wir nach sieben Wochen diese 50 Prozent etwa erreicht.
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"2G und 3G alleine werden das wahrscheinlich nicht stoppen"

Knoll: Ja, aber bis dahin sind die Zahlen wahrscheinlich in den Himmel gestiegen. Das Boostern und das Impfen wird uns kurzfristig erst mal nicht helfen.
Priesemann: Genau. Das ist aber auf jeden Fall die langfristige Strategie. Zur Überbrückung wird es Maßnahmen brauchen, das ist ja auch klar, das ist in der öffentlichen Debatte klar. Dort haben wir angeschaut, was die verschiedenen Maßnahmen bringen können. In unserer Stellungnahme beschreiben wir die Wirksamkeit der einzelnen Maßnahmen. Es ist natürlich Güterabwägung der Politik, was man macht oder nicht.
Nach dem Impfen und Boostern ist es ganz arg wichtig zu betonen, dass die AHA-Maßnahmen wirken, und sie wirken natürlich so gut wie sie umgesetzt werden. Eine Maske wirkt eben auch genau so gut, wie sie aufgesetzt wird. Danach kommen diese Aspekte wie Kontaktbeschränkungen, Testen, 2G, 3G, und möglicherweise auch ein "Not-Schutzschalter", falls die Intensivstationen derart überlastet sind, dass wir die Situation nicht mehr akzeptieren können.
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Knoll: Damit haben Sie jetzt schon ein paar Maßnahmen genannt, die im Widerspruch zur politischen Debatte stehen. Lassen Sie uns mal die einzelnen Punkte durchgehen. Was heute Vormittag im Bundestag beraten wurde, ist vor allem 2G und 3G. Also es geht darum: Wer darf sich versammeln, wer darf wen treffen? Aber es ist nicht mehr die Rede davon, dass es Versammlungsverbote geben soll oder Schulschließungen. Wie sehen Sie das? Wird man mit 2G und 3G diesen riesigen Anstieg irgendwie bremsen können?
Priesemann: 2G und 3G alleine werden das wahrscheinlich nicht stoppen. Wir brauchen auf jeden Fall AHA-Maßnahmen, wir wissen auf jeden Fall, dass Menschen sich auch freiwillig einschränken. Es gibt ganz viele Maßnahmen, die man an die Hand nehmen sollte, bevor man auch nur darüber nachdenkt, die Schulen zu schließen. Es geht da um Home Office, es geht um Testen, es geht darum, auch noch mal nach wie vor, ich komme da immer wieder drauf zurück, das Impfen und das Boostern voranzubringen.
Das Boostern ist ja etwas, wo wir nicht, wie beim Impfen, sechs Wochen oder acht Wochen warten müssen, bis auch die zweite Impfung gewirkt hat. Es wirkt ja wesentlich schneller. Insofern bin ich optimistisch, dass wir jetzt, wenn wir das Boostern schnell hinbekommen, mit gewissen Maßnahmen die Zeit bis dahin überbrücken können.

"Mir ist wahnsinnig wichtig, dass wir transparent sind"

Knoll: Warum haben Sie sich eigentlich zusammengetan mit all den anderen Experten, um dieses Papier auszuarbeiten? Die Maßnahmen liegen ja schon lange auf dem Tisch, die Politik ist am Beraten. Ging es darum, dass Sie das Gefühl hatten, da wird nicht genug gedacht, da wird nicht langfristig genug gearbeitet, da werden die falschen Maßnahmen eingesetzt? Was war Ihre Motivation?
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Priesemann: Meine Motivation war vor allen Dingen die folgende: Es gibt ja viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die in der Politikberatung aktiv sind. Diese Gespräche finden dann häufig, sage ich mal, per Zoom oder WebEx oder so statt. Und die Informationen, die dort ausgetauscht werden, das sind genau dieselben Informationen, die einzelne Personen wie Christian Drosten oder auch ich dann auch in der Öffentlichkeit ansprechen. Aber wir sprechen ja immer als Einzelpersonen. Was wir wollten, ist, genau das Wissen, was wir auch an die Politik weitergeben, einmal aufzuschreiben, damit jede Person dazu ganz einfach Zugang hat. Mir ist das wahnsinnig wichtig, dass wir transparent sind.
Und das ist unglaublich viel Arbeit für uns gewesen, das nicht nur einfach mündlich zu erzählen, sondern jetzt hier auch so in die Diskussion einzubringen. Wir wissen, dass es möglicherweise einen gewissen Impact hat, dass es möglicherweise missverstanden wird. Uns war es aber wichtig, hier den Stand des Wissens, den wir haben, aufzuschreiben und dann sowohl für die Bevölkerung, aber auch für Ministerien und andere zur Verfügung zu stellen, dass sie das jederzeit nachlesen können. Und nicht nur die wenigen Personen, die in den Gesprächsrunden drin sind, da Zugriff zu haben.
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Knoll: Sie sprechen Maßnahmen an, die in der Politik eigentlich überhaupt nicht mehr in Betracht gezogen werden. Es taucht bei Ihnen zum Beispiel der Shutdown auf, und zwar ein Kurzzeit-Shutdown – kann man sich im Moment nicht vorstellen, dass das noch kommt. Also explizit ist in den Vorschlägen der Ampelkoalition auch davon die Rede, dass Maßnahmen ausgeschlossen werden, und dazu gehört eben auch der flächendeckende Lockdown. Das ist dann eben so, das steht dann eben so nebeneinander?
Priesemann: Wir sind eine Gruppe von Epidemiologinnen und Epidemiologen, Virologinnen und Virologen und noch vielen weiteren Expertinnen und Experten. Juristen waren in der Gruppe nicht dabei. Das heißt, wir haben uns erst mal angeschaut, wie wirksam wäre eine Maßnahme? Ob die dann rechtlich oder politisch umgesetzt wird, das ist nicht unsere Aufgabe. Wir wollen aufzeigen, was die Wirksamkeit dieser Maßnahmen wäre.
Und um zu diesem Notschutzschalter zu kommen: Das haben wir viel diskutiert, ob wir es reinnehmen oder nicht, wir wollen darauf nicht reduziert werden. Wir sagen ganz klar: Wenn wir eine Verzweiflungssituation haben, wenn wir echt nicht wissen, wie weiter, bevor man in irgendeiner Form auch nur drüber nachdenkt, die Schulen zu schließen, sollte man, wenn überhaupt, in dieser Verzweiflungssituation alles zumachen. Uns ist es da extrem wichtig, wieder zu betonen: Wenn man alles so weit wie möglich, also natürlich wieder so weit wie möglich, zumacht, ist der Effekt ungleich größer, als wenn man nur einen halbherzigen Not-Schutzschalter macht.

Politik soll sich über Notfall-Maßnahmen Gedanken machen

Und das ist das, was wir ja im letzten Jahr gemacht haben, wir haben immer so wenig wie möglich gemacht, um irgendwie an der Grenze der Intensivstationen langzueiern. Was hat das gebracht? Wir haben über Monate volle Intensivstationen gehabt, wir hatten die Alphavariante, was echt ungünstig war, aber wir hatten halt über Monate volle Intensivstationen, ohne irgendeine langfristige Lösung. Und genau das ist etwas, was, glaube ich, niemand von uns möchte. Wir wollen alle nicht mehr über Covid sprechen, wir wollen alle unsere Freiheiten an sich haben, und die Frage ist eben, was tut man für den Fall, dass man über andere Maßnahmen die Pandemie nicht in den Griff bekommt?
Wir haben auch explizit gesagt: Die Politik soll sich über einen solchen Mechanismus Gedanken machen, wie und ob sie den umsetzen möchte. Es ist schlecht, komplett unvorbereitet in Situationen zu gehen. Wir können nicht mit Sicherheit ausschließen, dass es noch mal eine Variante gibt, wo so etwas gebraucht wird. Wir sollten uns Gedanken machen, wie wir damit in Zukunft umgehen. Wir halten es für recht unwahrscheinlich, dass das gebraucht wird, wir halten es wirklich für unwahrscheinlich. Das liegt daran, dass wir ja dieses sehr mächtige Werkzeug der Impfung haben. Aber falls es gebraucht wird, wäre es wesentlich besser, wenn wir jetzt darüber diskutieren und nicht erst, wenn es zu spät ist.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.