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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische Literatur"From Cold War to Hot Peace"27.08.2018

Michael McFaul"From Cold War to Hot Peace"

Der Ost-West-Konflikt: Michael McFaul beschäftigt sich seit den 80er Jahren mit den Beziehungen zwischen Russland und den USA. Von 2012 bis 2014 war er US-Botschafter in Moskau. Sein Buch ist Erfahrungsbericht und fundierte Übersicht über die Annäherungsversuche der beiden Länder.

Von Gesine Dornblüth

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Der ehemalige US-Botschafter Michael McFaul in der US Botschaft in Moskau im November 2012. (picture alliance/ RIA Nowosti/Valery Sharifulin)
Der ehemalige US-Botschafter Michael McFaul im November 2012 in der amerikanischen Repräsentanz in Moskau (picture alliance/ RIA Nowosti/Valery Sharifulin)
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Michael McFaul ist einer der besten Zeitzeugen, wenn es um die amerikanisch-russischen Beziehungen der letzten dreißig Jahre geht. Bereits Mitte der 80er Jahre kam er als Student das erste Mal in die Sowjetunion.

"Ich stand in langen Schlangen, um Toilettenpapier zu kaufen und Bananen. Ich versteckte mich eines Nachts im Wandschrank, während meine verängstigten russischen Gastgeber die Tür öffneten und der Polizei sagten, dass in ihrer Wohnung keine Ausländer seien. [...] Dieses Semester in Moskau hat meine Überzeugungen gestärkt, was die Bedeutung von Grundrechten, Freiheit und Demokratie angeht. [...]Nur der demokratische Wandel innerhalb der Sowjetunion würde es unseren beiden Regierungen und unseren beiden Gesellschaften ermöglichen, einander näherzukommen."

Putin ignoriert "Reset-Politik" der USA

Seitdem lässt ihn das Thema nicht mehr los.
McFaul kam immer wieder nach Moskau, als Wissenschaftler, als Leiter des NDI, des National Democratic Institute, das in vielen Regionen der Welt Demokratie fördert. Schon damals lernte McFaul Wladimir Putin kennen. Auch darüber schreibt er.

Später wurde Michael McFaul einer der Väter der "Reset-Politik", von den USA auf den Weg gebracht, um die Beziehungen zu Russland nach dem russischen Einmarsch in Georgien 2008 wieder zu normalisieren. Er war dabei, als die Präsidenten beider Länder 2010 in Prag ein Abkommen zur Begrenzung der Nuklearwaffen unterzeichneten. Dmitrij Medwedew und Barack Obama waren das damals.

Als Barack Obama Michael McFaul 2012 als Botschafter nach Moskau schickte, sollte er die Entspannungspolitik fortsetzen.

Der Neustart scheiterte. Und nun treibt Michael McFaul die Frage um, weshalb. Er nennt dabei auch Versäumnisse der USA. Insbesondere habe die Regierung unter Georg W. Bush junior die Demokraten in Russland seinerzeit zu wenig unterstützt. Georg W. Bush junior habe nicht erkannt, dass nur ein demokratisches Russland den USA nütze, nicht aber ein autoritäres.

Den Hauptgrund für das Scheitern des Neustarts sieht Michael McFaul jedoch bei Russland, und zwar bei Präsident Wladimir Putin persönlich. Der habe schlichtweg kein Interesse an guten Beziehungen zu den USA gehabt. Das sei bereits bei einem Treffen von Obamas Sicherheitsberater Tom Donilon mit Putin im Frühjahr 2012 deutlich geworden.

"Putin hörte höflich zu, aber nicht aufmerksam. Als Tom eloquent anhob, die Bedeutung vertiefter Beziehungen zwischen den USA und Russland zu erläutern, einschließlich weiterer Bemühungen um Raketenabwehr und Rüstungskontrolle, schien Putin desinteressiert. Stattdessen wollte er über Syrien und das allgemeinere Thema einer angeblichen amerikanischen Unterstützung für Regimewechsel im Nahen Osten sprechen. [...] Nach fast zwei Stunden deutete Putin an, dass er möglicherweise nicht am G8-Gipfel teilnehmen oder Obamas Einladung ins Weiße Haus im Mai annehmen könne.

In einer wenig überzeugenden, mäandernden Art versuchte er zu erklären, wie schwierig es sei, seine neue Regierung zusammenzustellen. [...] Wir brauchten während der Fahrt zum Flughafen einige Zeit, um das Gespräch zu rekonstruieren und sicherzustellen, dass wir Putin richtig verstanden hatten. Es schien uns seltsam und kam unerwartet. Aber wir hatten richtig gehört. Putin kam nicht zum G8 – dabei hatte Russland zwei Jahrzehnte für die Mitgliedschaft in dem internationalen Club gekämpft - und er lehnte Obamas Einladung ins Weiße Haus ab."

Das Feindbild Amerika in Politik und Fernsehshows

McFauls Schlussfolgerung ist plausibel: Putin brauchte das Feindbild Amerika, um seine Macht zu festigen.

Die weit verbreitete These, die USA hätten Russland mit der NATO-Osterweiterung in die Enge getrieben, lässt Michael McFaul nicht gelten. Schließlich habe Russland in den Jahren danach noch mehrere Jahre gut mit den Vereinigten Staaten zusammengearbeitet, sich also nicht daran gestört.

Michael McFaul hat seine Positionen auch während seiner Zeit als Botschafter geäußert, mitunter recht undiplomatisch. Von der russischen Propaganda wurde er von Anfang an verleumdet.

Bereits an seinem ersten Arbeitstag in Moskau warnte der bekannte Fernsehmoderator Michail Leontjew seine Zuschauer, Michael McFaul sei weder ein Russlandexperte noch ein Diplomat, sondern ein professioneller Revolutionär, der einen Umsturz in Russland organisieren solle. Aggressive kremltreue Jugendgruppen belagerten die Botschaft, es kam zu physischen Übergriffen, der Geheimdienst verfolgte McFauls Kinder auf dem Weg zur Schule.

Zwei Jahre später, an einem der letzten Abende vor der Heimkehr, traf Michael McFaul den Fernsehmoderator durch Zufall in einem Restaurant wieder. Michail Leontjew wollte Champagner spendieren, MichaelMcFaul lehnte ab.

"Leontjew war beleidigt und bedrängte mich. [...] Er habe nur versucht, freundlich zu sein. Ich erinnerte ihn höflich an all die falschen Nachrichten, die er in den letzten zwei Jahren über mich und mein Land verbreitet hatte, was mir nicht sehr freundlich erschien. Er tat das alles ab und sagte, ich solle die Dinge nicht so persönlich nehmen. Wir hätten alle nur unsere Arbeit gemacht. Dann erzählte er mir von der großartigen Reise, die er mit seiner Tochter kürzlich durch die Vereinigten Staaten unternommen hätte. Solch ein fantastisches Land, schwärmte er - er, der in Dutzenden seiner Fernsehshows Amerika in den Dreck gezogen hatte. Der Wortwechsel deprimierte mich."

Mc Fauls Buch "From Cold War to Hot Peace" ist nicht nur eine exzellente Darstellung der internationalen Politik, sondern auch ein unterhaltsamer, kenntnisreicher und teils erschreckender Einblick in die russische Gesellschaft. Und unbedingt lesenswert.

Michael McFaul: "From Cold War to Hot Peace. An American Ambassador in Putin's Russia",
Verlag Houghton Mifflin Harcourt, 528 Seiten, 24,99 EUR.

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