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StartseiteEuropa heuteWachsender Druck an der türkischen Grenze24.09.2015

MigrantenWachsender Druck an der türkischen Grenze

Die Türkei nimmt weltweit die meisten syrischen Flüchtlinge auf – und sie bleibt eines der wichtigen Transitländer. Lange Zeit galten die Syrer in der Türkei offiziell als muslimische Brüder, als Gäste, die gerne bleiben dürften. Doch nun kippt auch vielerorts die Stimmung.

Von Gunnar Köhne

Ein Bus mit Flüchtlingen an Bord (picture alliance /dpa /Sedat Suna)
Syrische Flüchtlinge werden per Bus zurück nach Istanbul gebracht, nachdem sie von der Polizei daran gehindert worden waren, zu Fuß in die Grenzstadt Edirne zu gelangen. (picture alliance /dpa /Sedat Suna)
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Endstation auf der Autobahn. Ein Großaufgebot der türkischen Bereitschaftspolizei hat die Fahrbahn gesperrt und lässt niemanden mehr weiter ziehen. Rund 500 syrische Flüchtlinge harren auf dem Asphalt aus – einige von ihnen fordern lautstark , weiter zur griechischen Grenze gelassen zu werden. Die Stimmung ist angespannt.

"Wenn sie die Grenze nicht aufmachen, dann arbeiten sie mit den Schleppern Hand in Hand. Dann wollen sie, dass wir übers Meer gehen. Wenn es hier nicht weiter geht, werden wir den Weg über die Ägäis nehmen. Und dort sind schon Tausende von uns umgekommen."

Tausende Syrer und Iraker versuchen in diesen Tagen, von Istanbul aus nach Westen zur griechischen Grenze zu kommen. Mehrere hundert von ihnen sitzen seit Tagen auf dem Busbahnhof von Istanbul fest, weil ihnen keine Fahrkarten verkauft werden.

In der Türkei wollen diese Menschen auf keinen Fall bleiben, berichten sie türkischen Medien. Sie fühlen sich hier im Stich gelassen und auf dem Arbeitsmarkt diskriminiert. Die türkische Regierung dagegen sieht sich zu Unrecht an den Pranger gestellt und verweist darauf, dass sie allen zwei Millionen syrischen Flüchtlingen eine kostenlose staatliche Gesundheitsversorgung gewährt.

Über 2.000 von ihnen befinden sich derzeit in der Grenzstadt Edirne. Einige hundert harren im Stadtpark, im Schatten der berühmten Selimiye-Moschee von Mimar Sinan, unter Bäumen aus. Eine Cateringfirma verteilt dünne Suppe und Brot, eine islamische Hilfsorganisation Wasser.

Die Soziologin Nese Özgen gehört zu den wenigen in der Türkei, die sich für die Flüchtlinge auf ihrem Marsch nach Europa einsetzen. Sie kritisiert, dass sich die Regierung für die Flüchtlinge im Land nicht mehr interessiere. In den Lagern an der Grenze vegetierten sie vor sich hin, in den Städten seien sie der Willkür von Arbeitgebern und Behörden ausgesetzt.

"Es gibt Zehntausende Flüchtlinge, die gar nicht registriert und damit der Armut überlassen sind. Niemand, besonders nicht die Behörden, interessieren sich für sie. Wir haben davor gewarnt, dass die rechtlose Situation dieser Menschen und die zunehmend feindliche Haltung der Bevölkerung ihnen gegenüber nicht ohne Folgen bleiben würde."

Die Stimmung kippt

Lange Zeit galten die Syrer in der Türkei offiziell als muslimische Brüder, als Gäste, die gerne bleiben dürften. Doch nun kippt auch hier vielerorts die Stimmung. Die Ladenbesitzer in Edirnes Innenstadt klagen, die lagernden Flüchtlinge im Park machten ihnen das Geschäft kaputt:

"Die Bürger haben Angst. Natürlich gibt es unter den Flüchtlingen solche, die vor Krieg und Gewalt fliehen. Aber unter ihnen sind auch andere Typen, vielleicht sogar Terroristen."

"Das ist doch für die ganze Türkei tragisch und eine Belastung. Sollen sie doch die Grenze aufmachen und diese Menschen weiter ziehen lassen."

Menschenrechtler wie Nese Özgen geben den türkischen Behörden eine Mitschuld an der wachsenden Fremdenfeindlichkeit. Die Stadt Edirne sei – allen Vorzeichen zum Trotz - auf den Grenzmarsch der Flüchtlinge nicht vorbereitet gewesen.

"Anfangs dachten sie, mit ein wenig polizeilicher Abschreckung könne man die Flüchtlinge wieder in die Lager zurückschicken. Dabei liegt diese Stadt ja schon seit mehr als zehn Jahren an der Fluchtroute vom Nahen Osten nach Europa. Aber dennoch scheinen sie überfordert zu sein. Darum fordern wir, dass sich internationale Hilfsorganisationen hier einschalten."

Am sechs Kilometer entfernt gelegenen türkisch-griechischen Grenzübergang ist es noch ruhig. Die einzige Zufahrtstrasse wird von der Polizei kontrolliert. Aber mit der Ruhe könnte es schnell vorbei sein. Täglich machen sich neue Gruppen von Flüchtlingen zu Fuß von Istanbul auf gen Westen. Der einsetzende Herbstregen und die immer kälter werdenden Nächte könnten ihnen auch hier keine andere Wahl lassen als zu versuchen, die Grenze zu stürmen.

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