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Minderjährige Flüchtlinge in Europa
Sorge vor einer verlorenen Generation

Etwa jeder vierte Flüchtling in der EU ist ein Kind oder Jugendlicher. Die EU-Kommission warnt, dass ein Teil von ihnen allein unterwegs ist und Gefahr läuft, weitere Traumata zu erleben oder zu verschwinden. So seien viele minderjährige Flüchtlinge leichte Beute für Kriminelle. Die EU mahnt die Mitgliedsländer daher, den jungen Menschen eine Perspektive zu geben.

Von Karin Bensch | 07.02.2017

Ein afghanischer Flüchtling sitzt am 13.07.2016 im Garten eines Heims für unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge in Döberkitz bei Bautzen (Sachsen).
Ein afghanischer Flüchtling im Garten eines Heims für unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge in Döberkitz bei Bautzen (Sachsen) (picture alliance / dpa / Oliver Killig)
Sie wurden in einem Lastwagenanhänger entdeckt – drei minderjährige Flüchtlinge. Dort hatten sich die 10, 15 und 17 Jahre alten Jungen versteckt. Der Fahrer hatte sie beim Tanken in Polen entdeckt. Er war zuvor durch Ungarn und die Slowakei gefahren. Die drei Jungen sagten, sie kämen aus Afghanistan und wollten weiter nach Deutschland oder Belgien. Sie sind drei von vielen. Im Jahr 2015 gab es in Europa rund 100.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, sagt Vera Jourova, die in der EU-Kommission für Justiz zuständig ist.
Etwa jeder vierte Flüchtling in der Europäischen Union ist ein Kind oder Jugendlicher. Ein Teil von ihnen sei allein unterwegs. Die Mitgliedsländer müssen dafür sorgen, dass junge Flüchtlinge nicht in Europa umherwandern, wodurch sie in vielen Fällen weitere Traumata und schwierige Situationen erleben, sagte Justizkommissarin Jourova.
In Europa sind mindestens 10.000 minderjährige Flüchtlinge verschwunden
Hinzu kommt noch ein ganz anderes Problem: Kinder und Jugendliche ohne Aufsicht sind sehr leichte Beute für Kriminelle, warnt die 52-jährige Tschechin.
In Europa sind mindestens 10.000 minderjährige Flüchtlinge verschwunden, schätzt die europäische Polizeibehörde Europol. Viele tauchen wieder auf, dennoch wird vermutet, dass etliche Opfer von Kriminellen werden. Insider erzählen, dass minderjährige Flüchtlinge zum Beispiel als Drogenkuriere oder kleinkriminelle Drogenhändler arbeiten. Denn sie wollen schnell viel Geld verdienen. Geld, das sie ihren Familien zuhause zurückzahlen müssen, denn sie haben die teure Flucht gezahlt. Schlepper fordern - je nach Fluchtroute - mehrere tausend Euro. Darüber hinaus wollen oder müssen viele junge Flüchtlinge in Europa ihre Eltern und Geschwister in der Heimat finanziell unterstützen.
EU-Länder sollten den Minderjährigen eine Perspektive garantieren
Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge brauchen besonderen Schutz und sichere Orte. Sie benötigen spezielle Begleitung, Schulbildung oder Ausbildung, Freizeit- und Integrationsangebote. All das ist teuer für die Städte und Kommunen. Es ist wichtig, dass die EU-Länder den Kindern und Jugendlichen nicht nur Nahrung und Unterkunft garantieren, sondern auch eine Perspektive, fordert die Justizkommissarin. Anderenfalls bekommen wir hier eine neue verlorene Generation, mahnt Jourova.
Eine verlorene Generation Flüchtlingskinder: schlecht gebildet und ausgebildet, mit mangelnden Sprachkenntnissen, kaum integriert und möglicherweise kriminell. Damit würden sich die EU-Länder heute die Probleme von morgen schaffen.