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StartseiteSport am WochenendeKinderschutz im Verein04.07.2015

Missbrauch im SportKinderschutz im Verein

Viele Kinder besuchen während der Sommerferien ein Sportcamp. Das bedeutet Spiel und Spaß auf der einen Seite – aber auch eine große Verantwortung des Umfelds für den Schutz der Kinder. Das hat der Deutsche Fußballbund erkannt und deshalb jetzt einen Handlungsleitfaden veröffentlicht.

Von Andrea Schültke

Ein Fünfjähriger steht verzweifelt an eine Wand gelehnt. (imago/Roland Mühlanger)
Ein Fünfjähriger steht verzweifelt an eine Wand gelehnt. (imago/Roland Mühlanger)
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Potenzielle Täter verschaffen sich auch über den Fußball Kontakt zu Kindern. Und es gelingt: Das belegen Verurteilungen und bekannt gewordene Ermittlungen. Aktuell die bei Adler Union Frintrop in Essen.

Während einer Pfingstfahrt soll ein Betreuer des Vereins drei Jungen sexuell missbraucht haben. Die Eltern haben Anzeige erstattet. Für Andreas Jacob, den Jugendleiter des Vereins war besonnenes Handeln wichtig - trotz der schwierigen Situation: "Wenn man jemanden vermeintlich kennt und das ist dann so dass dieser beschuldigt wird, dass man dann aus allen Wolken fällt und das gar nicht realisieren kann. Das muss man dann emotional zurückstecken und versuchen sachlich damit umzugehen, aber das ist sicherlich für uns extrem überraschend gewesen."

Schnelle Maßnahmen ergriffen

Der Verein wollte - so Jacob - noch in diesem Jahr ein Kinderschutzkonzept auf die Beine stellen. Jetzt wurde der Club von den aktuellen Ereignissen überholt. Es ging zunächst um schnelle Maßnahmen: "Dass einer unserer Kollegen im Jugendvorstand mit den Eltern und Kindern zum Psychologen gefahren ist. Das andere war, dass wir den Beschuldigten sofort darüber informiert haben, dass er die Platzanlage nicht mehr zu betreten hat und er natürlich bei uns im Verein kein Amt mehr bekleiden kann so lange diese Vorwürfe im Raum stehen."

Schnell habe sich der Jugendvorstand getroffen und das weitere Vorgehen besprochen. Informationen suchten sie im Internet. Dort stieß Jacob auch auf die neue Broschüre des Deutschen Fußballbundes (DFB). Mitinitiator der übersichtlichen 32 Seiten zum Download war Stephan Osnabrügge. Der Vizepräsident des Fußballverbands Mittelrhein ist im DFB zuständig für das Thema Kinderschutz. Für ihn soll die Broschüre klar machen: "Welche ganz konkreten Schritte ein Verein im Vorstand und seinem Verein vornehmen sollte um sich gut aufzustellen. Wir informieren über typische Täterprofile und typisches Täterverhalten und beschreiben die Formen sexualisierter Gewalt so, dass dem Verein das Erkennen einer Problemlage erleichtert wird."

Gute Anhaltspunkte für Kinderschutzkonzept

Jugendvorstand Andreas Jacob fand hier - wie er sagt - gute Anhaltspunkte für das zukünftige Kinderschutzkonzept in seinem Verein: "Was Merkblätter betrifft, Vordrucke wo man schauen kann, wie komm ich an ein erweitertes Führungszeugnis, was muss ich damit tun, wie mache ich einen Verhaltens- und Ehrenkodex mit den Trainern und wie baue ich das ganze auf."

Ein erweitertes Führungszeugnis listet Verurteilungen einer Person wegen sexuellen Missbrauchs auf. Es ist ein Baustein eines Kinderschutzkonzeptes. Deshalb empfiehlt der DFB seinen Vereinen: bevor ihr einen neuen Trainer einstellt - lasst Euch sein erweitertes Führungszeugnis zeigen. Das soll kein Generalverdacht sein, betont Stephan Osnabrügge. "Es geht darum Täter die von Außen in den Fußballsport kommen und dort ihr Unwesen treiben, zu erkennen und ihnen wirksam zu begegnen."

Die etwa 80 Trainer und Betreuer von Adler Union Frintrop sollen bis zum Beginn der neuen Saison ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen. Laut Jugendvorstand Andreas Jacob seien die Reaktionen darauf positiv gewesen: "Ich glaube aber, das hängt damit zusammen, dass wir jetzt einen Vorfall hatten. Ich kann mir vorstellen dass es in anderen Vereinen wo es keinen Vorfall gegeben hat vielleicht schwieriger ist. Weil man fühlt sich auch vielleicht persönlich angegriffen."

Den Vordruck für die Anträge auf ein Führungszeugnis gibt es über die DFB-Broschüre im Netz genau so wie ein Merkblatt mit weiteren Bausteinen für ein Kinderschutzkonzept und Verhaltensregeln für Trainer und Betreuer. Für Ursula Enders, Leiterin der Beratungsstelle Zartbitter ist die Broschüre "vorbildlich."

Nicht alle setzen die Regeln um

Denn sie benennt ganz konkrete Anweisungen für das Verhalten von Trainern zum Beispiel nicht gemeinsam mit Mädchen und Jungen im Raum zu schlafen und nicht gemeinsam mit ihnen zu duschen. Wenn alle Vereine dies umsetzen würden, wäre sicherlich schon ein großer Teil des sexuellen Missbrauchs beendet.

Für Berufstätige mit einem Ehrenamt im Fußball scheint das Umsetzen der Regeln nicht immer so einfach - vor allem aus Zeitmangel. Andreas Jacob wünscht sich in Sachen Kinderschutzkonzepte mehr direkte Ansprache von übergeordneten Stellen im DFB.

Nach dem Missbrauchsvorwurf im Verein ist Adler Union Frintrop eigenständig aktiv geworden. Die Vorbereitungen für ein umfassendes Kinderschutzkonzept laufen. So sei ein zukünftiger Kinderschutzbeauftragter für den Verein bereits gefunden, Kontakte zu Beratungsstellen geknüpft.  Andere Punkte seien in Arbeit, sagt Andreas Jacob. "Ich glaube, dass man alles ausschöpfen muss, was machbar und möglich ist und wenn es uns gelingt auch nur einen fernzuhalten bei Kindern missbräuchlich zu werden weil er sagt da geh ich erst gar nicht hin weil die machen das und das, dann hat sich der Aufwand gelohnt."

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