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StartseiteSport AktuellAusgehungert, angeschrien und beschimpft07.07.2020

Missbrauchsvorwürfe britischer TurnerinnenAusgehungert, angeschrien und beschimpft

Sie wurden geschlagen, mussten hungern und trainierten bis die Hände bluteten: Ehemalige führende britische Turnerinnen erheben schwere Missbrauchsvorwürfe gegen den Verband. Die Methoden hatten wohl System.

Von Burkhard Birke

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Lisa Mason (Großbritannien) am Stufenbarren bei der Turn-Europameisterschaft 2000 in Paris (imago / Ulmer )
Die 38-jährige Lisa Mason, hier am Stufenbarren bei der Europameisterschaft im Jahr 2000 in Paris, erhebt schwer Vorwürfe gegen den Verband. (imago / Ulmer )
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"Ich wurde gezwungen, zu hungern. Das hat mein Körper nicht ausgehalten. Keine Kohlenhydrate bei zweimal Training am Tag. Das hat mein Stoffwechsel als Zehnjährige nicht mitgemacht. Wenn ich dann zu Hause wieder normal gegessen habe, musste ich mich übergeben."

Mädchen wurden in Schränke eingesperrt

Catherine Lyons erhebt schwere Vorwürfe gegen die Methoden beim Britischen Turnverband. Lyons war britische Juniorenmeisterin und Junioren-Europameisterin im Turnen. Der Preis für den Erfolg war der heute 19-Jährigen jedoch zu hoch. Ausgehungert, angeschrien und beschimpft zu werden, hatte offenbar System. Gelegentlich wurden Mädchen sogar in Schränke eingesperrt. Albträume und Bettnässen waren oft die Folge.

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Barrentraining bis die Hände bluteten

Catherine Lyons wurde eineinhalb Jahre lang wegen posttraumatischer Störung behandelt.

In einer Dokumentation des Fernsehsenders ITV erhebt auch die frühere Olympiateilnehmerin und Commonwealth-Spiele-Goldmedaillengewinnerin Lisa Mason schwere Vorwürfe. Die mittlerweile 38-Jährige berichtet vom Barrentraining bis die Hände bluteten und anderen Methoden, um die Turnerinnen zu Höchstleistungen zu treiben. Auf Verletzungen wurde keine Rücksicht genommen.

"Einige meiner Mannschaftskollegen warfen rezeptpflichtige Voltaren-Tabletten ein, sonst hätten sie das Training nicht überstanden. Und wenn die Wirkung nachließ, kam die Cortison-Spritze."

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Bisher keine Vorwürfe wegen sexueller Gewalt

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Viele Turnerinnen haben Angst

Anders als in den USA sind in Großbritannien bislang jedoch keine Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs erhoben worden. Der Verband verurteilte das Verhalten einiger Trainer, das nicht den Standards entspräche. Die Athleten wurden aufgefordert, jedwedes Fehlverhalten der Integrity Unit, also der Ethikkommission zu melden. Lisa Mason bleibt jedoch skeptisch:

"Viele haben Angst, sie würden gerne offen sprechen, fürchten aber um ihre Position. Wir wissen warum: Nächstes Jahr ist Olympia und niemand will die Personen verärgern, die über Nominierungen entscheiden."

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