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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenWohlstand und Selbstverständnis bewahren23.05.2019

MittelschichtWohlstand und Selbstverständnis bewahren

Dass die Mittelschicht eine große Rolle für die Stabilität der Demokratie spielt, ist eine alte politologische Einsicht. Im Projekt „Status-Erhalt der Sozialen Mitte“ erforschen Sozialwissenschaftler, wie Familien versuchen, sich über mehrere Generationen dem gesellschaftlichen Wandel anzupassen.

Von Isabel Fannrich-Lautenschläger

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Symbolbild: Mittelschicht (image)
Mein Haus, mein Baum... Wer zur Mitte der Gesellschaft gehört, möchte diesen Status bewahren (image)
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Es handelt sich um ein Experiment, betont Prof. Berthold Vogel vom Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen. Rund 20 Familien holen die Sozialwissenschaftler nach und nach an ihren Tisch, um sich jeweils mit drei Generationen gemeinsam zu unterhalten:

"Als Ankergruppe die aktuell erwerbstätige Generation und dann die Elterngeneration und die Kindergeneration. Das ist nicht so ganz einfach, denn man muss ja Familien finden, die dazu bereit sind, mitzumachen, sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen und darüber zu sprechen: Wie organisiert man eigentlich das berufliche Leben, wie gibt man bestimmte berufliche Erfahrungen weiter, mit welchen Konflikten ist das möglicherweise in der Familie verbunden? Denken Sie an das Handwerk: Ist es für die Kindergeneration noch attraktiv, den elterlichen Handwerksbetrieb zu übernehmen, der vielleicht auch eine Tradition noch von den Großeltern her hat? Also all diese Fragen kommen da auf den Tisch."

Bildung, Beruf und Einkommen definieren die Mittelschicht

Wer zur Mitte der Gesellschaft gehört, hängt – so die gängige Formel – von Bildung, Beruf und Einkommen ab. Lange Zeit habe die Mittelschicht für ökonomische und politische Stabilität in der Gesellschaft gestanden, betont Nicole Burzan, Professorin für Soziologie an der Universität Dortmund.

Seit rund zehn Jahren steht allerdings die Schrumpfungsthese im Vordergrund – die Annahme, dass das Einkommen dieser Schicht sinkt. Zu der ökonomischen Irritation, so die Soziologin, habe sich bei Teilen der Mittelschicht auch die Furcht vor einem Werteverlust gesellt.

"Wichtig ist dabei ja, dass es sich nicht um eine willkürliche Abgrenzung handelt: Ab so und so viel Euro Einkommen sind Sie in der und der Schicht. Sondern dass es darum geht, sind damit verschiedene Lebenschancen, politische Artikulationschancen oder auch Mentalitäten verbunden? Und die Mittelschicht speziell, die ist, jetzt auf die Ressourcen bezogen, eine Gruppe zwischen sorglosem Wohlstand einerseits und aber auch einer Situation – sie haben noch etwas zu verlieren – andererseits angesiedelt. Als typische Mentalitäten wurde ihnen lange Zeit so etwas zugeschrieben wie Leistungsbereitschaft, langfristige Planung, aufgeschobene Bedürfnisbefriedigung, und dass sie auch insgesamt Maß halten und nicht zu viele Risiken eingehen."

Unterschiedliche Strategien bei der Statussicherung

Allerdings ist die Mittelschicht sehr heterogen, und deshalb befragen die Wissenschaftler Menschen, die aus drei unterschiedlichen und typischen Berufsfeldern stammen: etwa Juristen, Lehrer und Verwaltungsbeamte aus dem Bürgertum, mittelständische Handwerker und qualifizierte Angestellte im technischen Bereich wie zum Beispiel Ingenieure.

Alle drei Berufsfelder unterliegen einem starken Wandel, auf den die Familien mit zwei unterschiedlichen Strategien reagieren, wie Nicole Burzan berichtet.

"Wir haben einerseits Familien, die noch relativ stark den bewährten Strategien anhängen, also Leistung, langfristige Planung, fleißig sein, also diese Strategien, die in den letzten Jahrzehnten vielleicht gut funktioniert haben, das auch unter veränderten Bedingungen weiterhin zu versuchen als möglichst guter Garant für die Statussicherheit. Und es gibt aber auch Familien, die viel mehr so ein kurzfristiges Sich-Durchwurschteln verfolgen, die zum Beispiel in kleinen Familienunternehmen Nachfolgefragen erst mal so ein bisschen so auf die lange Bank schieben und damit die Statussicherung sowohl für die mittlere als auch für die junge Generation in Frage stellen."

Die bislang geführten Interviews zeigen, dass der Übergang von der älteren zur mittleren Generation – der heute 70- bis 80-Jährigen zu den ungefähr 50-Jährigen – noch relativ glatt verlief. Dass diese in den elterlichen Betrieb einsteigen sollten, habe außer Frage gestanden. Ganz anders bei der jüngeren Generation:

"Bei den Jüngeren ist das viel stärker so ein Trial-and-Error-Prozess. Und da ist es natürlich auch ein Effekt der Mittelschicht, also einmal von ihrem ökonomischen Kapital aus gesehen, dass sie sich meistens leisten können, dass ihr Kind ein freiwilliges soziales Jahr macht. Und dann von ihrem sogenannten kulturellen Kapital, also von ihren Werten auch und ihrer Bildung, dass es für die jüngeren Menschen durchaus möglich ist, da mal so eine Durststrecke eines längeren Durchgangs durch die tertiäre Bildung, die akademische Bildung, zu vollziehen und sich da auch einigermaßen souverän im Bildungssektor zu bewegen."

Nachfolgesicherung im Handwerk existenziell

Allerdings zeigte sich zwischen den drei Berufsfeldern ein wesentlicher Unterschied: Anders als bei den Ingenieuren oder Verwaltungsbeamten hat es für selbstständige Handwerker eine existentielle Bedeutung, die Nachfolge im Betrieb zu sichern.

"Eine Dachdeckerfamilie, da hatten wir vier Generationen sogar an einem Tisch gehabt, die sich darüber verständigt haben, wie der Betrieb groß geworden ist, wie er aufgeblüht ist, wie er weitergeführt worden ist. Was schon ganz interessant ist, welche Last auf der jüngeren Generation drückt, praktisch die Erfolgsgeschichte, die dort erzählt worden ist, fortzuschreiben und die konkrete Frage: Bekommen wir das eigentlich weiter geführt mit Blick auf die Arbeitskräfterekrutierung, aber auch schon sehr konkret: Ist die jüngere Generation nicht nur bereit dazu, sondern auch imstande?"
 
Dass Ressourcen wie Qualifikation und Einkommen, aber auch kulturelles Kapital wie Werte und Mentalitäten innerfamiliär weitergegeben werden können, hängt, so die Wissenschaftler, mit einer besonderen Strategie der Unterstützung zusammen. Räumliche Nähe, enge Kommunikation und nicht zuletzt Verbundenheit spielten dabei eine große Rolle.

"Und das berichtet auch die aktuelle Elterngeneration mit Blick auf die Großeltern, dass das für sie immer eine wichtige Rolle gespielt hat, und dass sie eigentlich diese Art von Vertrauen und Weitergabe von Kompetenzen, Beratung, von Miteinander-im-Gespräch sein auch an die Kindergeneration weitergeben. Insofern ist es fast auch ein bisschen eine familiensoziologische Studie, man erfährt eine ganze Menge, wie Familien funktionieren, das ist ganz interessant zu beobachten. Ich war davon überrascht, weil wir immer in der Soziologie auch diese Debatte haben: Familie verliert an Bedeutung."

Elterngeneration will Werte weitergeben

Unabhängig vom Beruf hat die mittlere Generation ein gemeinsames Interesse: ihre Werte und Mentalitäten sowie das ökonomische Kapital an die nachfolgende weiterzugeben. Diese plant zwar nicht mehr langfristig, rechnet aber nach wie vor mit einem sicheren Job irgendwann in der Zukunft, so lautet die Momentaufnahme der Studie. All dies erfordert harte familiäre Arbeit, stellt Berthold Vogel fest. Das Ergebnis ist allerdings noch offen.

"Es ist einfach ein sehr großes Thema in der Mitte der Gesellschaft: Wie schafft man eine Statusstabilität? Und es ist weniger ein Thema, das von vorneherein angst- oder sorgebesetzt ist, wie das in den öffentlichen Debatten häufig zum Ausdruck kommt: Also die Mitte hat nur noch schlaflose Nächte und rauft sich die Haare darüber, wie es mit sich selbst und den nachfolgenden Generationen weitergehen soll. So ist das nicht, sondern es sind schon sehr selbstgewisse Familien, auf die wir da treffen, die sehr selbstbewusst und sehr kritisch ihr eigenes Berufsfeld wahrnehmen, mit ihren Kindern darüber diskutieren, und so ein bisschen auf familiäre Stärke setzen: Wir als Familie wir werden das schon schaffen."

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