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StartseiteCampus & KarriereZweite Chance für Studienabbrecher03.02.2015

Modellprojekt "Your turn"Zweite Chance für Studienabbrecher

Herbert Grönemeyer, Mark Zuckerberg, Volker Beck - alle drei haben ihr Studium abgebrochen. Trotzdem ist etwas aus ihnen geworden. Oder vielleicht gerade deshalb? In Zeiten fehlender Fachkräfte gehen Unternehmen vermehrt auf die Suche nach Studienabbrechern. In Berlin bringt sie ein Modellprojekt zusammen.

Von Claudia van Laak

Begrüßung der Erstsemester an der Westfälische-Wilhelms-Universität in Münster. 5400 Studenten haben zum Wintersemester 2014/2015 ihr Studium aufgenommen  (imago / Rüdiger Wölk)
Etwa jeder fünfte Student bricht sein Studium ab (imago / Rüdiger Wölk)
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Weiterführende Information

"Scheitern gehört dazu"
(Deutschlandfunk, Campus & Karriere, 27.07.2010)

Wie Hochschulen dem Studienabbruch vorbeugen
(Deutschlandfunk, Campus & Karriere, 10.06.2013)

Sven Buchholz ist 29 und drückt seit gestern wieder die Schulbank. Die Berufsschulbank. Sein Studium der Telekommunikationsinformatik hat er nicht geschafft, ist bei den Abschlussprüfungen durchgefallen.

"Ist natürlich schwierig, weil man für sich sagt, ist so eine Art Niederlage. Aber wenn man dann den Blick wieder nach vorne richtet, sich neu orientiert, erst dann habe ich es geschafft, noch mal zurückzublicken, was ist schief gelaufen, was war falsch, was hätte ich anders machen können."

Für Studienaussteiger halbiert sich die Lehrzeit

Sven Buchholz hat gestern seine Ausbildung zum Fachinformatiker für Systemintegration beim IT-Unternehmen Westcon begonnen. Der große Vorteil für ihn - sein vorheriges Studium wurde angerechnet, die Ausbildung von 3 auf 1,5 Jahre verkürzt. "Ich habe nicht bestanden, habe aber immer noch den Wunsch gehabt, einen qualifizierten Abschluss zu erreichen. Hab mich dann umgeschaut und mich für einen Ausbildungsberuf entschieden."

"Die drei Semester, die ich studiert habe, waren eine Grundlage, um im Unternehmen zu arbeiten. Das war eine sehr positive Erfahrung", sagt Filippo Boido. Genau wie Sven Buchholz hat er gestern mit seiner Ausbildung als Fachinformatiker begonnen. Er ist nicht an den Studienanforderungen gescheitert, ihm hat schlicht und einfach das Geld gefehlt. Deshalb ärgert sich der 28-jährige auch darüber, von einigen schief angesehen zu werden. "Vielleicht gehen viele davon aus, dass ein Studium eine Prestigesache ist. Wenn man nicht studiert hat, zählt man weniger als andere."

Das Projekt "Your turn" der Berliner Industrie- und Handelskammer IHK gibt es seit zwei Jahren. Wer ein Wirtschafts- oder Informatikstudium abgebrochen hat, kann in eine duale Ausbildung zum Fachinformatiker, Immobilienkaufmann oder Groß- und Außenhandelskaufmann wechseln. Die Lehrzeit halbiert sich - Jakob Schmachtel, Ausbildungsvermittler bei der IHK:

Lebenserfahrung und Vorkenntnisse als Plus

"Grundidee war, Studienaussteiger in die duale Ausbildung zu bekommen und ihnen so zu ermöglichen, einen Abschluss zu bekommen. Andererseits aber auch die erworbenen Studienleistungen wertzuschätzen."

Berlins Hochschulen melden jedes Jahr 5000 Studienabbrecher. Was aus ihnen wird, weiß keiner so genau. Auf der anderen Seite suchen Unternehmen – speziell im Technologiebereich – fähigen Nachwuchs.

"Und die sind sehr sehr offen dafür und wertschätzen das auch, dass Menschen älter sind, ein bisschen Lebenserfahrung haben und Kenntnisse aus dem Studium mitbringen. Und das Abi haben sie ja sowieso, also eine wichtige Hürde genommen."

Die IHK Berlin zieht eine positive Bilanz ihres Projekts "Your turn". Übertragbar auf ganz Deutschland sei es allerdings nicht – müssen doch genügend Auszubildende für eine eigene Berufsschulklasse zusammenkommen – in ländlichen Gegenden dürfte das schwierig werden.

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