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StartseiteEssay und DiskursDer Glücksimperativ - ein Fallstrick?21.04.2019

Moderne LebensqualitätDer Glücksimperativ - ein Fallstrick?

"Sei glücklich!" lautet der gängige Imperativ. Sind wir glücklich, wenn wir euphorisch gestimmt sind? Bedeutet Glück die Realisierung dessen, was wir verlangen? Der Ethiker Jean-Pierre Wils stellt viele Fragen an das Glücklich sein - und lässt auch die Abgründe des Glücks nicht außer Acht.

Von Jean-Pierre Wils

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Ein Mann steht auf einem Bein auf einem grünen Teppich am Strand (imago / Milena Boniek)
Moderne Menschen streben nach einem möglichst erfüllten Dasein (imago / Milena Boniek)
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In modernen Zeiten sind Menschen auf ein glückliches Leben geeicht. Sie werden rund um die Uhr dazu angehalten, in dieser Angelegenheit nicht zu verzagen. Sie streben nach einem möglichst erfüllten Dasein, sorgen sich um ihre Lebensqualität und sind der Meinung, dass guter Rat und beste Planung zu diesem Ziel führen. Was Glück aber ist, bleibt meistens unbeantwortet. Sind wir glücklich, wenn wir euphorisch gestimmt sind und von Hochgefühlen übermannt werden? Kann man Glück quantifizieren und seine Bestandteile gleichsam sammeln? Ist individuelles Glück in einer unglücklichen Gesellschaft vorstellbar? Bedeutet Glück die Realisierung dessen, was wir verlangen, oder existieren Maßstäbe des Glücks, die davon unabhängig sind?

Vielleicht führt der Glücksimperativ, wenn wir nicht äußerst vorsichtig sind, schnurstracks ins Unglück - in die permanente Enttäuschung, in die traurige Kunst der Selbstüberforderung, in die Entfremdung von sich selbst. Welche sind die Gründe des Glücks - und welche seine Abgründe?

Jean-Pierre Wils studierte in Leuven und Tübingen und lehrt an der Universität Nijmegen in den Niederlanden. Bei Klöpfer & Meyer erschien 2014 sein Essay "Kunst. Religion. Versuch über ein prekäres Verhältnis".


Wer möchte nicht glücklich sein? Gehört es nicht geradezu zu unserer Natur, nach Glück zu streben? Kommen wir überhaupt umhin, glücklich sein zu wollen? Wäre der Verzicht auf Glück nicht gleichzusetzen mit einem abgründigen Missverständnis hinsichtlich dessen, was wir sind - nämlich das Glück suchende Wesen?

Es gibt in der Tat gute Gründe zu vermuten, dass nur Menschen glücklich sein können. Letzteres - also "glücklich sein können" - scheint unser Alleinstellungsmerkmal zu sein. Natürlich hindert uns nichts daran, auch Tiere gelegentlich "glücklich" zu nennen. Damit meinen wir vermutlich, dass ihr Leben sich in den Bahnen eines ihrer Natur entsprechenden Musters vollzieht, jedenfalls in einem von Menschen nicht gravierend gestörten Ablauf. Ob ein Tier allerdings selbst glücklich sein kann, dürfte jedoch zweifelhaft sein. Dem Tier fehlt vermutlich das Vermögen, seinen Zustand als glücklich zu erfahren. Ihm fehlt das nötige Bewusstsein, das nötige Selbstbewusstsein.

Gefühl des Glücklichseins braucht Bewusstsein

Man kann nämlich nicht "glücklich sein", ohne sich dessen bewusst zu sein. Glück muss man als solches erfahren. In aller Regel benötigen wir sogar eine Sprache, damit wir uns glücklich nennen können. Und das setzt erneut Bewusstsein - Selbstbewusstsein - voraus.

Wer sich als glücklich erfährt (und sich so nennt), nimmt Stellung zu seinem Dasein. Die jeweilige Person ist sich dessen bewusst, glücklich zu sein, weil sie ihren Zustand bewertet. Zu solchen Bewertungen sind Tiere, soweit wir wissen, nicht in der Lage. Ihnen mangelt es an Selbstbewusstsein, an der Fähigkeit, sich bewusst auf sich zu beziehen und ihr Leben zu bewerten. Menschen sind deshalb zweifelsohne glücksbegabte Tiere. Aber wir sollten uns nicht zu früh über diese Auszeichnung freuen. Unseren Stolz über diese evolutionäre Errungenschaft müssen wir mäßigen, denn unsere Unglücksbegabung ist mindestens genau so ausgeprägt. Menschen sind talentierte Unglücksraben. Wäre es da nicht besser oder zumindest vernünftiger, vom Streben nach Glück abzusehen und eher auf die Unglücksvermeidung zu setzen?

Aber nochmals - gehört es nicht zu unserer Wesensnatur, dass wir das Glück aufsuchen?

Oft wird Aristoteles unterstellt, dieser habe die "eudaimonia", also das Glücklichsein, als Ziel der menschlichen Existenz hervorgehoben. Aber wir müssen uns davor hüten, hier bereits das moderne Glücksverlangen am Werke zu sehen. Das Glück wird nämlich in der "Polis" realisiert, in der Gemeinschaft der Bürger. Das Glück ist hier eher eine politische Kategorie als die eines individuellen Lebens. Und zur Polis gehört bekanntlich nur eine kleine Elite - die der Bürger. Nur sie besitzen das Glücksprivileg. Die Glückspforte bleibt den Fremden und den Sklaven jedenfalls verschlossen. "Glücklich sein" ist keine Fähigkeit des Menschen schlechthin, sondern lediglich bezogen auf eine Auswahl.

Lebensqualität als Glückskategorie?

Auf etwas einfacherem Gelände befinden wir uns, wenn wir Glück mit dem Begriff der Lebensqualität verbinden. Diese lässt sich tatsächlich anhand einiger wenigen Kriterien, zusammengefasst in einer kleinen Liste, beurteilen: Zur Lebensqualität gehört, das wir in einigermaßen sicheren Verhältnissen leben und uns nicht ständig ängstigen müssen. Wir verfügen über ein gewisses Maß an materiellen und immateriellen Gütern und unser Dasein ist nicht arm an positiven Erfahrungen. Wir bleiben verschont von Schmerzen oder langwierigen Leiden. Ein solches Leben hat seine Qualität und wir würden es zweifelsohne wählen, falls es zur Wahl stünde. Diese Art der Lebensbilanzierung ist jedoch im Falle des Glücks offenbar unzureichend, sie gelangt hier bald an ihre Grenze.

Eigenartigerweise entzieht sich das Glück einer solchen Bilanzierung. Wenn die Bilanz 'per saldo' positiv ist, bedeutet das nämlich noch längst nicht, dass das Leben glücklich sei. Nicht einmal ein reiches Lebensqualitätskonto garantiert, dass die betreffende Person sich glücklich nennt. Ihr fehlt es womöglich an Lebenssinn, obwohl sie sich in äußerst angenehmen Lebensumständen befindet. Offenbar sind die Gründe des Glücks schwer zu bestimmen. Vielleicht brauchen wir eine Übung in Glückbescheidenheit und ist es deshalb ratsam, sich zunächst historisch belehren zu lassen.

Zweifelsohne haben Menschen schon immer eine Art Glücksverlangen gekannt, aber es ist zu bezweifeln, dass dies schon immer ihre primäre Sorge gewesen ist. Das, was wir gemeinhin ein glückliches Leben nennen, setzt nämlich erhebliche Zivilisationsschritte - Zivilisationsfortschritte - voraus. Wer von Gewalt umgeben ist und von Bedrohungen an Leib und Leben umzingelt, dem bleibt eben das Glück zeitlebens ein fremdes Ansinnen. Über lange Zeiten hinweg blieb den Menschen deshalb wenig anderes übrig, als gegen Ende ihres Lebens festzustellen, sie hätten "Glück gehabt". Gemeint war damit, dass ihnen das Schlimmste erspart geblieben war, dass sie nicht allzu frühzeitig aus dem Leben gerissen wurden, dass das Schicksal oder wahlweise Gott es nicht schlecht mit ihnen gemeint hatte. Nicht selten sah das Leben jedoch ganz anders aus.

In seinem Roman "Die Fremde" hat Stefan Hertmans das Schicksal einer Frau - einer historisch verbürgten Person namens Hamutal - beschrieben, die sich im Frankreich des endenden 11. Jahrhunderts, zeitgleich zu dem ersten Kreuzzug, in David verliebt, einen jüdischen jungen Mann. Sie verlässt ihr christliches Zuhause, konvertiert zum Judentum, weshalb sie ihren Geburtsnamen Vigdis ablegt und fortan Hamutal heißen wird. Sie wird einen hohen und bitteren Preis für diese Entscheidung entrichten und nach dem frühen, durch einen Pogrom verursachten Tod ihres Mannes, ein Leben inmitten unvorstellbaren Leidens führen müssen. "Mein Gott, egal welcher Gott, was habe ich dir getan?", schreit sie gegen Ende ihres Lebens. Und sie endet im Wahnsinn. Hertmans ist den Fluchtwegen dieser Frau gefolgt, die ihn bis nach Kairo führen, und lässt uns in seiner literarischen Verdichtung am schrecklichen Los dieser Frau teilnehmen. Hamutal hat, wie gesagt, für ihre verliebte Wahl, sich mit David zu verbinden, einen äußerst hohen Zoll entrichten müssen.

Auf ein glückliches Leben geeicht

Und es dauerte noch geraume Zeit, bis Individuen in sich die Ambition entdeckten, glücklich werden zu wollen, und sich dies auch zutrauten. In modernen Zeiten sind Menschen dagegen geradezu auf ein glückliches Leben geeicht. Man könnte regelrecht von einem Glücksimperativ sprechen, von der Erwartung, ja sogar von der Pflicht, glücklich zu werden. Rund um die Uhr werden wir dazu angehalten - dauerhaft beschallt durch Glücksaufforderungen und von bildhaften Suggestionen geradezu in Geiselhaft genommen -, in dieser Angelegenheit nicht zu verzagen. Wir sollten nach einem möglichst erfüllten Dasein streben, uns ständig um unsere Lebensqualität sorgen. Uns wird ans Herz gelegt, dass guter Rat und sorgfältige Planung zu diesem Ziel führen werden. Auf dem Weg zum Glück stehen wir uns höchstens selbst im Wege.

Was "Glück" eigentlich ist und woraus es besteht, bleibt jedoch meistens unbeantwortet.

Sind wir glücklich, wenn wir euphorisch gestimmt sind und von Hochgefühlen übermannt?

Falls das so wäre, bliebe das Glück auf einzelne Momente beschränkt. Es wäre von kurzer Dauer.

Oder kann man Glück quantifizieren und seine Bestandteile gleichsam einsammeln?

Diese optimistische Version stellt in Aussicht, dass es Strategien zur Glücksrealisierung gibt. Eine Glückspädagogik wäre demnach wünschenswert.

Ist individuelles Glück in einer unglücklichen Gesellschaft vorstellbar?

Das würde vom Einzelnen Erhebliches verlangen - Durchhaltevermögen, Resilienz, Unabhängigkeit und Charakterstärke.

Gibt es Maßstäbe des Glücks?

Bedeutet Glück vielmehr die Realisierung all dessen, was wir verlangen, und ist dieses Verlangen - je nach Person - ein jeweils anderes Verlangen? Oder existieren eventuell Maßstäbe des Glücks, die davon unabhängig sind?

Offenbar ist das Glück ziemlich vage, weshalb der Glücksimperativ, wenn wir nicht äußerst vorsichtig sind, schnurstracks ins Unglück führt - in die permanente Enttäuschung, in die traurige Kunst der Selbstüberforderung, in die Entfremdung von sich selbst.

"Glück" verbinden wir heute vor allem mit Empfindungen von Lust und Genuss. Es ist hedonistischer Natur. Glück muss man mit anderen Worten fühlen und erfahren. Es ist sinnlich in seiner Art, sensorisch. Das leuchtet zunächst unmittelbar ein, aber diese Auffassung hat dennoch ihre Tücken. Wir befinden uns nämlich kaum längere Zeit in einem solchen Zustand. Lust und Genuss sind in aller Regel von kurzer Dauer, manchmal sogar bloß augenblicksgebunden. Falls wir uns also mit dieser Glücksauffassung begnügten, bestünde Glück lediglich aus einzelnen Momenten. Unser Leben über längere Zeit als glücklich zu bezeichnen, wäre dann kaum möglich.

Darüber hinaus ist die Rückbindung von Glück an Lust und Genuss auch in anderer Hinsicht problematisch: Auch wenn ich meinen Beruf liebe und glücklich darüber bin, ihn gewählt zu haben, bedeutet das längst nicht, dass ich während meiner beruflichen Tätigkeit immer Lust und Genuss erfahre. Oftmals ist die Ausübung des Berufs mit Mühen und Schwernissen verbunden. Aber diese vermögen - vorausgesetzt, sie nehmen nicht überhand - meine positive Einstellung zum Beruf nicht grundsätzlich zu verändern. Und vorausgesetzt, ich hätte ein Mittel gefunden, mich ständig glücklich zu fühlen - sei es durch pharmazeutische Hilfen oder in einer mich gänzlich umhüllenden Glücksmaschine, wie sie Robert Nozick mal in die Diskussion geworfen hat - wäre längst nicht gewährleistet, dass ich auch wirklich glücklich bin. Wir wollen unser Glück nicht bloß geschenkt bekommen, es passiv entgegennehmen oder es einkaufen, denn wir wollen etwas tun, damit wir glücklich sind, einen eigenen, aktiven Beitrag zu unserem Glück leisten.

Vielleicht sollten wir uns auf eine andere Auffassung konzentrieren. Wäre es möglich, dass Glück aus der Befriedigung unserer Verlangen besteht? Reicht es nicht aus, dass meine Verlangen befriedigt werden, damit ich glücklich bin? Wenn ich bekomme, was ich will und was ich mir wünsche, bin ich dann nicht glücklich?

Auch hier lautet die Antwort leider "nein". Es gibt jede Menge Verlangen, die uns geradezu ins Unglück führen. Es gibt Dinge, die wir zwar wollen, aber die wir besser nicht wollen sollten.

Was heißt hier "besser"? "Besser" heißt: Wir müssen uns über unsere Verlangen und ihre Folgen und Auswirkungen aufklären. Wir benötigen informierte Verlangen, aufgeklärte Wünsche. Wir sollten wissen, was es für Folgen hat, wenn wir nach etwas verlangen und es uns wünschen. Die sofortige oder schnelle Befriedigung eines Verlangens steht nicht selten einer eher langfristigen Befriedigung eines anderen Wunsches im Wege. Aber mehr noch: Die Erfüllung eines Verlangens hat oft zur Folge, dass ich nach Neuem verlange und so weiter und so weiter. Ich befinde mich dann in einer Kaskade von Verlangen, verliere irgendwann die Orientierung - und bin dann ein unglücklicher Gefangener meiner Wünsche. Und zuletzt: Es ist gar nicht leicht zu wissen, was wir wirklich verlangen. Wir passen unsere Verlangen oft den Umständen oder den Angeboten an. Wir wählen dann nicht etwas, weil wir danach verlangen, sondern wir verlangen danach, weil es augenscheinlich leicht zu haben ist.

Eine glücksbesessene Gesellschaft

Aber trotz dieser Schwierigkeiten mit dem Glück halten wir hartnäckig an ihm fest. Warum eigentlich? Warum sind wir so glücksbesessen? Warum gelingt es uns nicht, etwas mehr an Glücksgelassenheit zu realisieren?

Der Soziologe Hartmut Rosa hat in diesem Zusammenhang eine interessante Diagnose gestellt. Wir Modernen, so Rosa, verfügen nicht länger wie unsere Vorfahren über die Vorstellung der Ewigkeit, über die Vorstellung eines Lebens nach dem Tod. Uns ist es nicht länger vergönnt, darauf zu hoffen, dass Dinge, die wir im Leben verpasst oder nicht realisieren konnten, in der Ewigkeit kompensiert werden. Dieses Tor ist nun verschlossen. Und deshalb bleibt uns nichts anders übrig, als unsere Lebenszeit zu füllen, getrieben von einer anhaltenden Versäumnisangst. Wir müssen das Leben genießen, es "in all seinen Zügen, Höhen und Tiefen und seiner Komplexität auskosten", wie Rosa schreibt. Um das zu realisieren, sollten wir keine Zeit verlieren. "Beschleunigung", so Rosa weiter, sei "ein funktionales Äquivalent für die Verheißung der Ewigkeit". Angesichts der verschwundenen Ewigkeit können wir uns ein langsameres Leben offenbar nicht mehr leisten. Mittels Beschleunigung, damit das Leben durch Genusssättigung gefüllt werde, reagieren wir letzten Endes auf das Problem des Todes.

Mit dieser Diagnose geht selbstverständlich nicht die Empfehlung einher, wieder ewigkeitsgläubig zu werden. Das lässt sich auf Knopfdruck nicht realisieren. Wohl aber bietet Rosas Diagnose uns ein interessantes Erklärungsmodell an, das uns dabei hilft, unsere kollektive Versäumnisangst zu verstehen. Wir wissen nun, weshalb wir unaufhaltsam und in einem rasenden Tempo auf Glück aus sind - auf Genuss, Lust und auf die Befriedigung unserer Verlangen. Aber auch hier gilt, dass wir auf bestem Wege sind, getrieben durch unsere Versäumnisangst, das Glück selber zu versäumen. Wir tappen von einem Fallstrick in den nächsten.

Vielleicht hilft es, auf die Frage des Glücks nicht länger unmittelbar zuzusteuern. Auch über einen kleinen Umweg lässt sich die Antwort womöglich finden. Dabei sollten wir den Gedanken riskieren, dass Glück nicht das Wichtigste sei im Leben, jedenfalls nicht dasjenige Glück, das wir uns bisher näher angeschaut haben - der Genuss, die Lust, die Befriedigung unserer Wünsche und Verlangen.

Könnte es sein, dass unserem Glücksstreben ein missliches oder zumindest ein fragwürdiges Bild über das menschliche Leben zugrunde liegt? Ausgangspunkt könnte der bekannte Spruch sein, das Leben sei ungerecht. Mit diesem Urteil ist gemeint, dass es viele Zufälle und Unglücke gibt, die das Leben eines Menschen schwer machen.

Das Leben ist tragisch

Schicksalsschläge sind nicht wohldosiert über die Einzelnen verteilt. Viele Menschen kommen zur Welt mit einem Rückstand auf andere, den sie niemals werden rückgängig machen können. Ganz offensichtlich gleicht das Leben keinem leeren Behälter, den wir bloß in eigener Regie und eigener Zuständigkeit füllen müssen, sodass jeder selbst schuld daran ist, wenn das nicht gelingt. Dass das Leben ungerecht sei, meint demnach: Für einige scheint das Glück nicht vorgesehen zu sein.

Aber mit dieser wahren Feststellung sollen wir die Frage verbinden, ob wir das Leben überhaupt richtig fassen, wenn wir es unter der Ägide des Glücks betrachten. Unter Umständen ist eine andere Sicht möglich, eine realistischere und eine würdigere. In seinem überaus wichtigen, dem amerikanischen Rassismus gewidmeten Essay "Vor dem Kreuz", den James Baldwin erstmals im Jahre 1962 veröffentlichte, rief dieser zu einer Konfrontation mit der Wirklichkeit des Lebens auf, mit der "Tatsache", so Baldwin, "dass das Leben tragisch ist". Der Verkennung dieser Tatsache geschuldet sei eine falsche Sicht auf das, was im Leben wirklich wichtig sei und was dem Leben einen Sinn zu verleihen vermag. Hören wir auf Baldwin:

"Das Leben ist tragisch, weil die Erde sich dreht und die Sonne unerbittlich auf- und untergeht und eines Tages, für jeden von uns, ein letztes, ein allerletztes Mal untergehen wird. Vielleicht liegt die Wurzel unserer Misere, der menschlichen Misere darin, dass wir die ganze Schönheit unseres Lebens opfern, uns von Totems, Tabus, Kreuzen, Blutopfern, Kirchtürmen, Moscheen, Rassen, Armeen, Flaggen und Nationen einsperren lassen, um die Tatsache des Todes zu leugnen, die einzige Tatsache, die wir haben. Mir scheint, wir sollten uns an der Tatsache des Todes erfreuen - ja, sollten beschließen, unseren Tod zu verdienen, indem wir uns mit Leidenschaft dem Rätsel des Lebens stellen. Wir tragen Verantwortung für das Leben: Es ist das kleine Signalfeuer in der beängstigenden Dunkelheit, aus der wir kommen und in die wir zurückkehren werden. Diese Reise müssen wir so würdevoll wie möglich unternehmen, und zwar um derer willen, die nach uns kommen."
James Baldwin.

Das Leben nach dem Tod ist hier zum Leben derer geworden, die nach unserem Tod noch da sein werden und kommen werden. Das Tragische des Lebens besteht aus seiner Begrenztheit. Es ist eingebettet in eine unermessliche Dunkelheit, die uns umgibt, die aber, so dürfen wir Baldwin verstehen, das Leben umso heller strahlen lässt, vorausgesetzt, wir nehmen unsere Verantwortung für es wahr. Vielleicht besteht unser Glück darin, verantwortlich dafür sein zu dürfen, dass die Späteren nicht unglücklich werden müssen. Oder wie es Baldwin so schön ausdrückt, die Lebensreise "so würdevoll wie möglich zu unternehmen". Das ist tatsächlich etwas anderes, als das eigene Glück voranzustellen und das Leben auf dieses direkt auszurichten. Wir sollten bescheidenere Glückssucher werden und dann lässt uns das Glück - auch das eigene - vielleicht nicht im Stich.

Im Januar des Jahres 1922 notiert der einsame und unglückliche, nach einer Ehe verlangende Franz Kafka in seinem Tagebuch:

"Das unendlich tiefe warme erlösende Glück neben dem Korb seines Kindes zu sitzen der Mutter gegenüber. Es ist auch etwas darin von dem Gefühl: es kommt nicht mehr auf Dich an, es sei denn daß Du es willst. Dagegen das Gefühl des Kinderlosen: immerfort kommt es auf Dich an ob Du willst oder nicht, jeden Augenblick, immerfort kommt es auf Dich an und ohne Ergebnis. Sisyphus war ein Junggeselle."

Da ist die Sehnsucht nach Glück, die unerfüllt bleibt. Sogar wenn Kafka festhält, dass er eines Morgens, bei einem sehr frühen Erwachen und "noch schläfrig", "außergewöhnliches Glück" empfunden habe, überfiel ihn der Gedanke:

"So viel Glück verdienst Du nicht, alle Götter der Rache stürzten auf mich herab."

Er ist des Glücks nicht würdig, er ist zu klein für es. Das Glück, das er in einer Ehe und in Nachkommenschaft sucht, ist nicht für ihn gedacht. Zwar sei er oftmals von "wilder Vorfahrens-, Ehe- und Nachkommenslust" erfasst, aber dies alles sei vergebens:

"Alle reichen mir die Hand: Vorfahren, Ehe und Nachkommen, aber zu fern für mich."

Es sieht fast so aus, als hätte er noch keinen Zugang zum Leben gefunden, als sei er eben noch sehr weit entfernt von jenem Moment, der das Glück wenigstens am Horizont für ihn bereithält. Fast weh tut die Schonungslosigkeit, mit der Kafka dieses Empfinden zum Ausdruck bringt:

"Das Zögern vor der Geburt. Gibt es eine Seelenwanderung, dann bin ich noch nicht auf der untersten Stufe. Mein Leben ist das Zögern vor der Geburt."

Glück =Eheglück?

Im Oktober des vorangegangenen Jahres klang die Unerreichbarkeit des Glücks noch wesentlich vertrackter und abgründiger. Und wiederum stand das Eheglück für das Glücklichsein überhaupt:

"Ich beneide nicht das einzelne Ehepaar, ich beneide nur alle Ehepaare, auch wenn ich nur ein Ehepaar beneide, beneide ich eigentlich das ganze Eheglück in seiner unendlichen Vielgestalt, im Glück einer einzigen Ehe würde ich selbst im günstigsten Fall wahrscheinlich verzweifeln."

Selbst in allen Varianten eines Beziehungsglücks, sogar "im günstigsten Fall", wie es heißt, ahnt Kafka sein Unvermögen, glücklich zu werden. Gelänge ihm eine glückliche Ehe, würde er sogar dort "wahrscheinlich verzweifeln". Spätestens hier wird deutlich, dass sein Unglück tiefere Gründe als die Abwesenheit einer Ehe hat. Sein vermutliches Scheitern in einer sogar glücklichen Ehe weist auf das Problem hin, das einem solchen Misslingen bereits zugrunde liegt - das Problem zu leben.

In dem "Brief an den Vater" hat Kafka mit großer Hellsicht auf jene Gründe hingewiesen, die ihn scheitern lassen müssen - diese liegen "im besonderen Unglücksverhältnis, in welchem ich zu Dir stehe". Sein Vater ist der Grund seiner "Angst", seiner Schwäche, seiner "Selbstmissachtung". Der Vater symbolisiert gerade in seiner Rolle als Ehemann und Familienoberhaupt "das Höchste, was man meiner Meinung nach erreichen kann", aber genau in dem Maße, wie der Vater dieses Höchste gleichsam besetzt, vernichtet er das Glücksansinnen des Sohnes.

"So wie wir aber sind, ist mir das Heiraten dadurch verschlossen, dass es gerade Dein eigenstes Gebiet ist. Manchmal stelle ich mir die Erdkarte ausgespannt und Dich quer über sie hin ausgestreckt vor. Und es ist mir dann, als kämen für mein Leben nur die Gegenden in Betracht, die Du entweder nicht bedeckst oder die nicht in Deiner Reichweite liegen. Und das sind entsprechend der Vorstellung, die ich von Deiner Größe habe, nicht viele und nicht sehr trostreiche Gegenden und besonders die Ehe ist nicht darunter."

Die Ehe als Signum des Glücks, dasjenige, das Kafka ersehnt, ist gleichzeitig das Signum seines Unglücks, denn der Vater, dessen pure Existenz ihn erdrückt, gleicht in seiner wuchtigen und vernichtenden Präsenz einem Besatzer, der das Land der Ehe schon immer okkupiert hat. Die Ehe ist für Kafka Verheißung und Fluch zugleich, das Ideal lockt und ist ebenso Bedrohung, weil es vom mächtigen Schatten des Vaters bereits längst verdüstert ist. Genau dieser Zwiespalt gebiert Verzweiflung.

"Es ist so, wie wenn einer gefangen wäre und er hätte nicht nur die Absicht zu fliehen, was vielleicht erreichbar wäre, sondern auch noch, und zwar gleichzeitig die Absicht, das Gefängnis in ein Lustschloss für sich umzubauen. Wenn er aber flieht, kann er nicht umbauen und wenn er umbaut, kann er nicht fliehen."

Die Ehe steht stellvertretend für das Unglück, dem Leben nicht gewachsen zu sein, weil Kafka sich angesichts der Übergröße des Vaters gleichsam kleinwüchsig in Glücksangelegenheiten vorkommen muss. Seine Situation erlebt er buchstäblich als Ausweglosigkeit. Es gibt kein Entkommen, wie die bedrückende Gefängnismetapher es soeben gezeigt hat. Dennoch verdüstert sich das Leben nicht in Gänze. Die Verzweiflung, die Kafka heimsucht, ringt ihn nicht völlig nieder. Es gibt, wie überraschend das auch klingen mag, sogar einen kleinen Gewinn, wie es in dem folgenden Tagebucheintrag vorsichtig tastend zum Ausdruck kommt.

"Derjenige der mit dem Leben nicht lebendig fertig wird braucht die eine Hand, um die Verzweiflung über sein Schicksal ein wenig abzuwehren - es geschieht sehr unvollkommen - mit der andern Hand aber kann er eintragen, was er unter den Trümmern sieht, denn er sieht anderes und mehr als die andern, er ist doch tot zu Lebzeiten und der eigentlich Überlebende. Wobei vorausgesetzt ist, daß er nicht beide Hände und mehr als er hat, zum Kampf mit der Verzweiflung braucht."

Der Verzweifelte sieht mehr, vorausgesetzt, er unterliegt nicht ganz in seinem Kampf. Er wird nicht getäuscht durch seine Absicht, die Welt zu verschönern, damit er in ihr glücklich werden kann. "Unter den Trümmern" erblickt er, was der Glückliche, vielleicht bereits der Glückssucher, übersieht und ignoriert - das Unglück, die Leiden, den Preis für den Glücksdrang.

Möglichkeit des sich einstellenden Glücks

Ein ebenso Verzweifelter, obzwar aus völlig anderen Gründen, war Walter Benjamin. Wenige Monate vor seiner Selbsttötung in der Nähe von Portbou auf der Flucht vor den Nazis griff Benjamin in seinen berühmten geschichtsphilosophischen Thesen des Jahres 1940 auf einen Gedanken zurück, der dem Kafkas ähnelt. Auch dieser Verzweifelte sieht mehr und benutzt dafür ein Bild, ein tatsächliches Bild. Dieses Mal ist es - inspiriert durch Paul Klees kleines Gemälde "Angelus Novus" - der Engel der Geschichte, der "das Antlitz der Vergangenheit zugewendet" mehr wahrnimmt als derjenige, der fortschrittsberauscht auf die Zukunft setzt.

"Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert."

Aus einer solchen Lage heraus vermag nur eine Erlösung zu retten, ein Setzen auf das Messianische, das nicht am Ende der Geschichte wartet, sondern diese - gewissermaßen in sie einfallend - unterbricht und augenblicklich beendet. Das Glück fällt uns zu.

Die Permanenz des Unglücks hat also nicht ganz das letzte Wort. Es bleibt, auch bei Kafka, die Möglichkeit des sich einstellenden Glücks, wobei die Betonung unzweideutig auf der Möglichkeit des Glücks liegt. Da bleibt der Gedanke fern, wir Menschen seien glücksbegabte Wesen, die - vorausgesetzt, sie verhielten sich klug und bedacht - die Bedingungen eines glücklichen Lebens gleichsam in eigenen Händen hielten. Noch ferner liegt die Vorstellung, wir hätten eine Art Recht auf Glück. Jedoch abwesend ist dieses keineswegs. Allerdings findet nun eine folgenreiche sprachliche Modifikation statt. Franz Kafka schreibt im Oktober des Jahres 1921 in seinem Tagebuch:

"Es ist sehr gut denkbar, dass die Herrlichkeit des Lebens um jeden und immer in ihrer ganzen Fülle bereit liegt, aber verhängt, in der Tiefe, unsichtbar, sehr weit. Aber sie liegt dort, nicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub. Ruft man sie beim richtigen Wort, beim richtigen Namen, dann kommt sie. Das ist das Wesen der Zauberei, die nicht schafft, sondern ruft."

Dass hier von der "Herrlichkeit des Lebens" die Rede ist und nicht vom Glück, weist auf eine Veränderung der Perspektive hin. Und diese trifft sich mit Kafkas Beschwörung des Glücks, das darin läge, "neben dem Korb seines Kindes zu sitzen der Mutter gegenüber", wie es vorhin hieß. Diese Situation erhielt ihren Glanz aus der Erwägung heraus, nun nichts Wesentliches mehr tun zu müssen. "Es kommt nicht mehr auf dich an", hatte Kafka dort geschrieben, während das Unglück darin läge, dass es immer auf einen ankommt. Das Glückmachen vereitelt das Glücklichsein, dass sich offenbar erst einstellt, nachdem das unablässige Tun seinerseits eingestellt worden ist.

Aber nun ist, wie gesagt, von der "Herrlichkeit des Lebens" die Rede, die da "bereit liegt". Wer genau hinhört, entdeckt in dieser Formulierung eine durchaus radikale Verschiebung: Die "Herrlichkeit" ist eine Gabe, die das Leben für uns bereithält, eine mögliche Gabe jedenfalls. Es sind also nicht wir, die über diese "Herrlichkeit" befinden. Sie stellt sich ein, wenn wir auf richtige Worte für sie stoßen. "Zauberei" nennt Kafka diese Kunst der richtigen Wortfindung. Es gilt mittels des richtigen Wortes zu rufen und nicht zu schaffen.

"Es kommt nicht mehr auf dich an" und - so müsste man ergänzen - du brauchst nur zu rufen. Das Glück lässt sich nicht erzwingen: Es kann mittels des richtigen Wortes nicht geschaffen werden. Es zu rufen, heißt aber nicht, nichts mehr zu tun. Als Kafka schrieb "Es kommt nicht mehr auf dich an", vergaß er nicht hinzuzufügen: "Es sei denn daß Du es willst."

Wenn wir weiterhin etwas tun - und das sollten wir -, sind wir aber keine Getriebenen mehr. Unserem Tun könnte der Entschluss zugrunde liegen, ein Leben in Verantwortung und Würde führen zu wollen, damit unser Glück dem der Kommenden nicht im Wege steht.

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