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StartseiteHintergrundKita und Pflegeheim á la Caritas für Muslime19.09.2015

Muslimischer WohlfahrtsverbandKita und Pflegeheim á la Caritas für Muslime

Soziale Aufgaben für Muslime übernehmen in Deutschland eine Vielzahl von muslimischen Verbänden und Moscheevereinen, aber oft ehrenamtlich oder mit eigenen Mitteln. Das soll sich nun ändern: Hinter den Kulissen wird um einen eigenen Wohlfahrtsverband gerungen - auch, damit eine staatliche Förderung einfacher wird.

Von Rainer Link

Fächer mit den Namen der Kinder in einer Kita in Berlin-Neukölln (dpa / picture alliance / Volkmar Heinz)
Kita in Berlin-Neukölln: Muslime wollen eigene Sozialeinrichtungen gründen. (dpa / picture alliance / Volkmar Heinz)
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Berlin Anfang 2015, die Deutsche Islamkonferenz tagt. Die Teilnehmer sind sich einig: Der Islam gehört mittlerweile zu Deutschland. Und diese schlichte Feststellung erfordert Konsequenzen. Eine der Konsequenzen: Die hier lebenden Moslems haben einen Anspruch auf einen eigenen Wohlfahrtsverband. Ulrich Maly, als Präsident des Deutschen Städtetages an der Islamkonferenz beteiligt, fasst das Fernziel ins Auge:

"Wenn der Moscheeverein als Anbieter des örtlichen Kindergartens vor Ort im Stadtquartier genau so selbstverständlich ist wie der evangelische, katholische, der von der Arbeiterwohlfahrt oder der vom paritätischen, dass wir dann einen Wahrnehmungswechsel, vielleicht sogar einen Paradigmenwechsel erreicht haben werden."

Die Realität der Kinderbetreuung sieht für Muslime heute landesweit noch gänzlich anders aus. Ein Beispiel aus Hamburg-Lurup. Lurup gehört zu den ärmeren Stadtteilen der Hansestadt. Ein Wohngebiet mit vielen schlichten Hochhäusern. Seit einem halben Jahrhundert bietet die evangelische Kita "Zu den 12 Aposteln" hier Betreuung für rund 130 Krippenkinder und Vorschulkinder an. Susanna Müller, die Leiterin der christlichen Einrichtung, kann auf bald vier Jahrzehnte Arbeit in dieser Kita zurückblicken: Ein komplettes Berufsleben, in dem sich die Zusammensetzung der Kindergruppen radikal gewandelt hat.

"Ich weiß noch, dass es Zeiten gab, da hatte ich nur ein einziges Kind mit schwarzer Hautfarbe hier: Und ich dachte, das kann doch nicht wahr sein. Ich brauche mehr. Und habe so richtig in den Himmel gerufen: Schick mir mehr Kinder mit schwarzer Haut."

Dieser Wunsch ist erhört worden. Kinder aus Afrika, der Türkei, aus Afghanistan, aus Syrien, dem Iran und dem Irak spielen hier einträchtig mit gleichaltrigen Deutschen. Susanna Müllers Kita ist überaus beliebt und das nicht nur bei Eltern mit christlichem Bekenntnis. Deshalb hat sie mit der Auslastung ihrer Einrichtung kein Problem.

"Weil wir hier in Lurup fast zu wenig Plätze haben, sind sie froh, überhaupt einen Platz zu kriegen. Aber die, die hier landen, die finden es Okay mit der Religiosität, wollen das auch in einer gewissen Form und freuen sich auch darüber."

Die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund ist hier in Lurup besonders hoch. Wie viele davon Muslime sind, weiß keiner so genau. Wie viele der Menschen, die in muslimische Familien hineingeboren wurden, überhaupt religiös sind, ist auch nicht bekannt. Die erfahrene Kita-Leiterin achtet sehr genau darauf, eine bunte Mischung von Nationalitäten und religiösen Bekenntnissen hinzubekommen.

"Wenn ich nicht aufpasse, könnte ich bis zu zwei Drittel Kinder mit Migrationshintergrund aufnehmen, aber ich passe auf – in Anführungsstrichen – dass wir so bei 50 zu 50 bleiben, damit es ein gutes, ausgewogenes Verhältnis ist."

Dominanz christlicher Erziehungseinrichtungen

Es gibt Muslime, die sprechen angesichts der Dominanz von christlichen Erziehungseinrichtungen von einer "Zwangschristianisierung". In den konfessionellen Kitas von Diakonie und Caritas würden Adventskränze aufgestellt, weihnachtliche Lieder gesungen und die Osterfeierlichkeiten begangen. Der Ramadan komme aber gar nicht vor. Dabei seien in manchen Großstadtkitas rund 90 Prozent der Kinder Muslime, während die Betreuer zu 100 Prozent den christlichen Kirchen angehörten. Dieses Ungleichgewicht auf der Personalseite trifft auch auf die Luruper Kita "Zu den 12 Aposteln" zu. Die Leiterin würde hier gern gegensteuern:

"Ob ich Fifty-Fifty will, weiß ich nicht, da bin ich noch unsicher. Aber auf jeden Fall mehr als eine."

Hier bestehen offenbar keine Bedenken, praktizierende Muslime als Erzieherinnen oder Erzieher einzusetzen. Dies würde den muslimischen Kindern guttun und manche Bedenken muslimischer Eltern entkräften helfen. Allerdings ist das kirchliche Arbeitsrecht in dieser Frage recht restriktiv. Im Grundsatz gilt: Wer für eine evangelische Einrichtung arbeitet, muss Mitglied der evangelisch-lutherischen Kirche sein. Ein Grundsatz, der eigentlich schon ein bisschen anachronistisch ist, sagt Landespastor Dirk Ahlers, Chef der Hamburger Diakonie. Auch er würde gern mehr Personal mit muslimischem Hintergrund beschäftigen.

Mingus Wendt (3 Jahre) lacht am Frühstückstisch der Krippen-Kinder, aufgenommen am 02.11.2012 in der Kita Mucklas in Hamburg. (dpa/Georg Wendt)Kita in Hamburg: Dominanz kirchlicher Träger an vielen Orten. (dpa/Georg Wendt)

"Für mich persönlich wäre das denkbar. Ich halte das auch für gut. Wir machen diese Ausnahmeregelungen auch in anderen Bereichen des Sozialen und Gesundheitlichen, also immer da, wo wir sagen: Hier brauchen wir Mitarbeiter mit einem besonderen muttersprachlichen Hintergrund oder auch mit einem besonderen kulturellen oder religiösen Hintergrund. Da besteht dann schon die Möglichkeit, so eine Person einzustellen. Und das tun wir auch."

Aber nur in sehr wenigen Einzelfällen. Die interkulturelle Öffnung der kirchlichen Einrichtungen findet statt, aber nur in der Form, dass sich die Kitas für nichtreligiöse beziehungsweise andersgläubige Kinder öffnen. Auf der Personalseite dagegen bleibt man restriktiv. Wohl auch, weil viele Amtsträger um das spezifische evangelische Profil fürchten:

"Niemand ist gezwungen, seine Kinder in einen evangelischen Kindergarten zu bringen. Wenn er oder sie das tut, dann sind wir allerdings verpflichtet, auch ein evangelischer Kindergarten zu sein."

Viele Angebote durch Moscheegemeinden

Besuch in der Centrum-Moschee in Hamburg St. Georg. Sie gehört zum Bündnis der Islamischen Gemeinden in Norddeutschland. 4.000 bis 5.000 Moslems gehen jede Woche ein und aus, sagt der zweite Vorsitzende des Bündnisses, Ahmet Yazici. Innerhalb der Gemeinde gibt es viele Angebote für Kinder und Jugendliche, auch Beratungsangebote für Erwachsene - was es nicht gibt, ist eine eigene Kita. Man schickt die Kinder in bestehende Einrichtungen.

"Also, ich würde sagen, dass mehr als 80 Prozent in die Kitas gehen. Ich finde nicht, dass eine Kita unbedingt religiös sein muss, katholisch, evangelisch, islamisch sein muss, aber sie sollte auch auf Muslime wie auch Christen oder andere Religionsgemeinschaften Rücksicht nehmen."

Und dies würde in erster Linie bedeuten, deutlich mehr Muslime einzustellen. Alles, was die Gemeinde der Centrum-Moschee derzeit an Sozialarbeit leistet, wird ehrenamtlich angeboten. Und das wiederum sorgt dafür, dass eine Ausweitung und Qualitätssteigerung des Angebots nicht stattfindet, weil die öffentlichen Mittel fehlen.

"Wir machen die praktische Wohlfahrtsarbeit, sind aber nicht imstande, sie formaljuristisch richtig einkleiden, so wie es die Diakonie macht oder die Caritas das macht. Woran wir kranken, ist, dass wir keine strukturierte Wohlfahrtsarbeit haben, die sozusagen in einen Wohlfahrtsverband aufgehen kann. Faktisch macht die islamische Gemeinde Wohlfahrtsarbeit, sie bekommt nur kein Geld dafür. Es geht um beträchtliche Beträge. Deshalb wird den Muslimen der Zugang noch eine ganze Zeit lang erschwert werden."

Ein Imam in der Sehitlik-Moschee am Columbiadamm in Berlin. (picture alliance / dpa / Rainer Jensen)Ein Imam in der Sehitlik-Moschee am Columbiadamm in Berlin: Moscheevereine betreiben Wohlfahrtspflege. (picture alliance / dpa / Rainer Jensen)

Innerhalb der islamischen Community Hamburgs finden sich verschiedene Glaubensrichtungen, von denen die Sunniten und die Schiiten am stärksten vertreten sind. Und dann kommen die Muslime an der Elbe auch noch aus verschiedenen Ländern und Kulturen. All dies macht das Projekt eines eigenständigen, muslimischen Wohlfahrtsverbandes zu einer großen Herausforderung, sagt der Sunnit Ahmet Yazici:

"Ich glaube, es ist an der Zeit, dass Muslime auch einen Wohlfahrtsverband bekommen. Das Problem sind die Hürden. Es gibt sehr viele nebeneinander konkurrierende Institutionen, was ich gar nicht so schlecht finde, weil, auch die Religion gibt es nicht her, so wie beim Katholizismus beispielsweise. Aber bei den sunnitischen Muslimen gibt es keine religiöse Hierarchie. Und weil es eben keine religiös begründete Hierarchie gibt, gibt es auch sehr viel Verschiedenes. Und ich merke immer, wenn es darum geht, dass, wenn Muslime sich auf Bundes- oder Landesebene bewegen sollen, dass man die Hürden sehr hoch macht. Einigt Euch mal untereinander, wo dann eigentlich jeder weiß, das ist eigentlich unmöglich."

"Gönüllü ist eine Kooperation für türkisches Leben mit Demenz. Wir unterstützen unsere älteren Landsleute und ihre Familien zum Thema Demenz."

Demenzkranke Muslime brauchen spezifische Betreuung

Rükiye Kusku ist Muslima, Hamburgerin mit türkischen Wurzeln und Diplom-Pädagogin. Sie leitet das Projekt Gönüllü. Viele türkische Frauen und Männer, die einst als Arbeitsmigranten nach Hamburg kamen, sind inzwischen im Seniorenalter und verbringen ihren Ruhestand an der Elbe. Sie alle haben die deutsche Sprache erlernt, aber wenn Demenz oder Alzheimer die Herrschaft über die Sinne erringt, geschieht Seltsames:

"Durch die Erkrankung geht die zweiterlernte Sprache verloren und die Menschen verfallen dann in ihre Erstsprache, in ihre Muttersprache. Und wenn wir dann jemanden schicken, der nur Deutsch spricht, das ist dann schwierig. Also, die türkische Sprache öffnet dann auch schon die Türen und auch das Vertrauen der Menschen."

Hier kann also die Betreuungsarbeit zwingend nur von Menschen mit türkischen Sprachkenntnissen und Kenntnissen des kulturellen und religiösen Hintergrunds geleistet werden. Sozialarbeit von Muslimen für Muslime. Die Mitarbeiter von Gönüllü besuchen die Erkrankten zuhause in deren familiärem Umfeld.

"Dann fragen wir die Familie, welche Besonderheiten sind bei ihnen zu beachten? Wenn ich eine tiefreligiöse islamische Familie hab, dann habe ich mit der Tochter gesprochen, sie wolle schon eine Freiwillige haben, die die Mutter dann beim Gebet unterstützt. Oder auch ein Gegenbeispiel: Ein Mann, ein älterer Alzheimer, wo die Tochter gesagt hat, bitte keine Kopftuchtragende. Ich denke, mit der Demenzkrankheit spielt das ja eigentlich keine Rolle, aber da gucken wir schon auf die Besonderheiten."

Gönüllü arbeitet mit Ehrenamtlichen, von denen die meisten keine Ausbildung für den Umgang mit dementen Senioren haben. Fortbildung soll sie fit machen für die Betreuung.

"Die Freiwilligen, die sind ja bunt gemischt. Wir haben Jüngere, Studenten, Hausfrauen. In der ersten Schulung lernt man sich allgemein kennen, die Rechte und Pflichten. Und in der zweiten Schulung wird dann eher auf das Krankheitsbild Demenz geguckt."

100.000 Muslime werden auf stationäre Pflege angewiesen sein

Man schätzt, dass deutlich mehr als 100.000 Muslime in den nächsten Jahren auf stationäre Pflege angewiesen sein werden. Zwar gibt es mittlerweile vereinzelt Alten- und Pflegeheime, die spezielle Abteilungen für Senioren mit Migrationshintergrund vorhalten, aber ihre Zahl ist gering. Ein flächendeckendes Tableau von Pflegeangeboten unter muslimischer Regie ist noch in weiter Ferne, während Heime unter nichtmuslimischer Leitung nur wenig Akzeptanz finden.

"Das geht immer um das Essen. Da wird dann mit Schwein gekocht. Und dann gibt es religionsspezifische Angelegenheiten, dass ein Mann jetzt keine Frau pflegt oder die Frau den Mann nicht. Und da müssen viele Pflegeheime umdenken und da auch eine Öffnung machen und andere Angebote machen."

Unter dem Dach des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes sind mehr als 10.000 Vereine, Organisationen, Einrichtungen und Initiativen versammelt. Darunter auch viele Organisationen, die für Migranten arbeiten und in vielen Fällen auch von Muslimen geführt werden, sagt Harald Löhlein, der beim Paritätischen Wohlfahrtsverband für den Bereich Migration zuständig ist und seinen Verband in der Islam-Konferenz vertritt.

Eine Pflegerinn begleitet am 12.02.2015 in Hamburg eine Bewohnerin eines Seniorenwohnheims mit ihrer Gehhilfe (Rollator). (picture-alliance / dpa / Christian Charisius)Pflege von Migranten hat spezfische Anforderungen. (picture-alliance / dpa / Christian Charisius)

"Wir betrachten sie immer als Muslime. Sie selbst sehen sich ja nicht in erster Linie als Muslime, sondern die leben eben hier und sind Deutsche oder Türken oder Marokkaner oder begreifen sich als Kölner oder Berliner. Ich bin evangelisch, aber ich mache nicht die Wahl einer Einrichtung davon abhängig, ob die nun evangelisch oder katholisch ist, sondern ob die fachlich gut ist, ob sie ein gutes Profil hat, ob sie meinen Interessen und Bedürfnissen gerecht wird oder nein. Und genau so wird ein Großteil der Muslime auch jetzt schon die Angebote hier in Anspruch nehmen oder auch nicht."

Die interkulturelle Öffnung der etablierten Träger der hiesigen Sozialarbeit sei seit Jahrzehnten ein Dauerthema, habe aber bis heute nur wenige Fortschritte gezeigt. Deshalb müssten eigene Strukturen aufgebaut werden, sagen die Vertreter der Muslim-Verbände. Und sie ernten Verständnis für dieses Zukunftsprojekt.

"Wir haben einen katholischen, einen evangelischen, einen jüdischen, dann macht es ja auch Sinn, dass man irgendwann einen muslimischen hat. Da haben sich die Verbände unterschiedlich positioniert. Aber keiner sagt, das kommt nicht in die Tüte, das wollen wir nicht oder wie auch immer, sondern Ja, wenn die Voraussetzungen denn gegeben sind, aber das ist erst mal eine Entscheidung der Moscheevereine selber."

Eigenständige Arbeit der Moscheegemeinden

Die meisten der rund 2.500 Moscheegemeinden in Deutschland arbeiten eigenständig und sind nur wenig vernetzt. Wie viele dieser Gemeinden leisten bereits heute ehrenamtliche Sozialarbeit? Samy Chachira, Diplom-Sozialpädagoge und ständiges Mitglied der Deutschen Islam-Konferenz kommt zu einer optimistischen Einschätzung:

"Es gibt Studien, die belegen, dass mehr als die Hälfte der Moscheegemeinden Erziehungsberatung machen, 40 Prozent machen Hausaufgabenbetreuung bei Kindern. Das bedeutet, dass sie das bisher ehrenamtlich und aus eigener Finanzierung geleistet haben."

Was häufig fehlt, ist der Zugang zu öffentlichen Finanzquellen. Und es fehlt an ausgebildetem Personal und wohl auch an Konzepten, sagt Harald Löhlein vom Paritätischen Wohlfahrtsverband:

"Wenn man heute eine Kita aufmachen will oder eine Sozialstation, dann bedarf es ja eines ziemlichen Know-hows. Es geht dabei ja auch um institutionelle Kenntnisse, wer ist zuständig für was? Wo kriege ich Zuschüsse her? Und all diese Fragen. Also das setzt natürlich auf beiden Seiten voraus, sich auch in die Strukturen aufzunehmen, sonst braucht man die Debatten nicht führen."

In Nordrhein-Westfalen arbeitet der Paritätische Wohlfahrtsverband sehr eng und gezielt mit muslimischen Initiativen und Vereinen zusammen. Mittelfristiges Ziel ist ein muslimischer Wohlfahrtsverband flächendeckend für das gesamte Bundesland. Wer an diesem Projekt beteiligt ist, steht noch nicht fest. Dass man sich hinter geschlossenen Türen streitet, wer welche Rolle spielen darf, ist bekannt. Wir verhandeln noch, heißt es bei den Initiatoren diplomatisch. Aber das Ziel ist definiert: Es soll ein Verband werden, der allen muslimischen Glaubensrichtungen wie auch eher weltlich orientierten Sozialarbeitsinitiativen der Migranten-Community offen steht.

In den letzten Jahren haben sich einige in Deutschland aufwachsende Muslime radikalisiert, sich dem Salafismus und anderen Spielarten des Islamismus zugewandt. Rund 500 junge Muslime haben Deutschland in Richtung Irak und Syrien verlassen, um dort als Krieger oder als Selbstmordattentäter der Terrororganisation IS zu dienen. Das sei ein Problem, das man nicht allein den deutschen Sicherheitsbehörden überlassen könne, sagt der Sozialpädagoge Samy Chachira.
Es stelle sich die Frage, welche Präventionsmaßnahmen durch muslimische Vereine und Moscheegemeinden leistbar sind?

"Ich halte das für das wichtigste Projekt von Muslimen in den letzten Jahren. Gerade, wenn wir uns die Jugendlichen anschauen, und wie wir sie an extremistische Gruppierungen verlieren. Da bietet die Wohlfahrtspflege eine Menge Potenzial, wo wir gemeinsam mit den Muslimen an bestimmten Konzepten arbeiten können, um adäquate Lösungen zu finden im Umgang mit unseren Jugendlichen - und sie nicht zu verlieren an diese Gruppierungen."

Ringen um den muslimischen Wohlfahrtsverband

Es wird also einen muslimischen Wohlfahrtsverband geben, auch, wenn heute noch niemand sagen kann wann, wie er aussehen wird und wer ihn tragen wird. Es müsse sichergestellt werden, dass solch ein Verband integrierend und nicht ausgrenzend wirke, sagen alle Beteiligten. Aber bereits bei der Frage, wer den Verband gründen darf, liegt eine gewisse Spannung in der Diskussion. Die sunnitischen Türken sind die größte muslimische Gruppe in Deutschland. Ihr größter Verband, die Ditip, verfügt über rund 900 Moscheegemeinden, deren Imame vom türkischen Staat geschickt und auch bezahlt werden. Er soll künftig Träger von muslimischen Kitas und von Jugendarbeit sein. Einen allein von der türkischen Ditib aufgebauten Wohlfahrtsträger halten die anderen großen Muslimverbände allerdings für schwierig.

Der Sprecher des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, plädiert für einen gemeinsamen Wohlfahrtsverband aller hiesigen Muslime. Aber da der Zentralrat nur für etwa 300 Moscheegemeinden sprechen kann, ist seine Position nicht besonders stark. Es gibt Konkurrenzdenken und nicht öffentlich ausgetragenen Streit. Es ist durchaus vorstellbar, dass nicht ein Verband, sondern mehrere muslimische Verbände mit dem Anspruch antreten werden, die Keimzelle des künftigen muslimischen Spitzenverbandes der Freien Wohlfahrtspflege zu sein. Harald Löhlein verweist darauf, dass auch die christlichen Verbände getrennte Wege gingen und gehen.

"Wir haben die katholische Kirche und wir haben die Caritas. Und das ist jetzt ja die Frage. Wie machen das die Moscheevereine? Also, wollen sie die soziale Arbeit dauerhaft als Teil ihrer religiösen Arbeit begreifen und organisieren? Oder gibt es da auch so einen Prozess der Ausgründung? Das finde ich eine sehr spannende Entwicklung: Organisatorisch ist es sicherlich viel leichter, wenn sie es ausgründen würden, aber es ist auch eine Frage ihres Selbstverständnisses."

Die deutsche Muslim-Community umfasst Menschen aus mehreren Dutzend europäischen und außereuropäischen Ländern, die jeweils ihre eigene kulturelle und religiöse Prägung besitzen. Ein islamischer Wohlfahrtsverband würde die Wahlfreiheit für diese vier Millionen Menschen starke Gruppe unbestritten erhöhen. Und er wäre eine Bereicherung für eine Einwanderungsgesellschaft, wenn seine sozialen Dienstleistungen interkulturell und für alle offen wären. So einen Verband zu schaffen, das dürfte in jedem Fall eine Herkules-Aufgabe sein.

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