Mittwoch, 05. Oktober 2022

Anne-Sophie Mutter über Roger Federer
"Das ist große Kunst"

Als Violinistin begeistert Anne-Sophie Mutter Musikfans auf der ganzen Welt. Beim Tennis ist sie aber selber Fan - des schweizerischen Tennisspieler Roger Federer, der gerade sein Karriereende verkündet hat. Für Mutter hat Federers Spiel ganz viel mit der Arbeit eines Künstlers gemeinsam.

Anne-Sophie Mutter im Gespräch mit Marina Schweizer | 17.09.2022

Der Schweizer Tennisspieler Roger Federer schlägt eine einhändige Rückhand.
Roger Federer im Match gegen den Franzosen Gael Monfils (imago images / ZUMA Press)
„Wir waren seelisch und körperlich einfach nicht mehr funktionstüchtig“, sagt Anne-Sophie Mutter über das Wimbledon-Finale 2008, das Roger Federer dramatisch nach fast fünf Stunden gegen Rafael Nadal verlor. Sie habe ihrem Sohn für den Tag danach eine Entschuldigung für die Schule geschrieben. Die Narbe durch dieses Spiel schmerze immer noch.
Anne-Sophie Mutter und ihr Sohn Richard sitzen in einer Loge im Tennisstadion.
Mutter fühlt bei der Ankündigung von Federers Karriereende auf der ATP-Tour mit. Es sei eine Entscheidung, die schwer falle: „Eine Entscheidung, die auch jedem Künstler bevorsteht. Und auch da gilt es, den richtigen Moment zu wählen.“ Sie selbst ist Federer für viele große Spiele in seiner Karriere nachgereist, hat sich nachts den Wecker gestellt und sagt: "Mein Debüt in Australien hat nur zu dem Zeitpunkt stattgefunden, weil da Australian Open waren."
Federer habe nur so lange auf so hohem Niveau spielen können, weil er schon lange seine Turnier-Planung auf seine körperlich Verfassung und Familienbedürfnisse angepasst habe: „Es ist auf jeden Fall ein Sportler, der auch mit sehr viel Weitblick, Intelligenz und Stringenz sein Leben geführt hat. Und auch dafür gebührt ihm großer Respekt.“

"So viel Eleganz und scheinbare Mühelosigkeit"

Auf Federers Besonderheit angesprochen, gerät Mutter ins Schwärmen: „Was, glaube, ich wir alle an Roger Federer bewundert haben und auch immer bewundern werden, ist die Variationsfähigkeit seines Spiels. Es ist die Klugheit des Aufschlages. Es ist also nicht nur die körperliche Kondition und Wucht, die ja auch beeindruckend sein kann an einem Tennisspieler. Aber bei Federer war es eben auch immer dieser künstlerisch gewählte Aspekt, auch der Überraschung, der Individualität und der Spontaneität in seinem Spiel, die uns immer wieder einfach hat staunen lassen. Diese einhändige Rückhand! Für mich als Streicher – das ist einfach Heifetz (Jascha Heifetz, berühmter Violinist, Anm. d. Red.) auf dem Tennisplatz. Da ist so viel Gefühl dahinter, so viel Ballgefühl, so viel Eleganz und scheinbare Mühelosigkeit – das ist große Kunst.“
Auch die Bescheidenheit und Bodenständigkeit hebt Anne-Sophie Mutter als Qualität an Federer hervor. Es gebe eine ganze Generation junger Tennisspieler, die von dem Schweizer „geführt“ worden sei. Sie selbst plant, bei seinem letzten ATP-Turnier in London Ende September vor Ort zu sein.