Montag, 16.07.2018
 
Seit 01:10 Uhr Interview der Woche
StartseiteEuropa heuteWarum Europas Gurken auch ohne Verordnung gerade sind11.06.2018

Mythen der EU (1/5)Warum Europas Gurken auch ohne Verordnung gerade sind

Vor 30 Jahren schrieb die EU die maximal zulässige Krümmung von Salatgurken vor – bis heute ein Symbol für ihren angeblichen Regulierungswahn. Die Verordnung wurde längst wieder abgeschafft. Aber ihr Geist lebt in Europas Gewächshäusern fort.

Von Benjamin Dierks

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Der Landwirt Kees Vahl zeigt auf eine gerade Gurke (Deutschlandradio / Benjamin Dierks)
Der Landwirt Kees Vahl zeigt auf eine gerade Gurke. Zu krumme passen nicht in die Kisten und sind nur zu einem niedrigeren Preis zu verkaufen. (Deutschlandradio / Benjamin Dierks)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast

Gurken mögen es nicht zu kalt, aber auch nicht zu trocken. Regen wiederum haben sie auch nicht so gern und wehe, wenn sie mal einen Stoß abkriegen. Die Radiomusik im Gewächshaus im brandenburgischen Bralitz scheint sie nicht zu stören. Aber wenn ihnen etwas im Weg hängt, dann nehmen sie das krumm — und zwar ganz wörtlich.

"Wenn die nach unten hängen, werden sie schön gerade. Aber es passiert mal, dass sie auf einem Blattstiel hängen oder zwischen der Schnur, und dann wachsen sie eigentlich krumm. Dann hat sie nicht den freien Weg nach unten und dann kriegt man so etwas."

Kees Vahl schiebt ein paar der borstig behaarten Blätter zur Seite und zieht behutsam eine Gurke hervor, die am unteren Ende gebogen ist. Sie ist beim Wachsen auf eines der drahtdünnen Seile gestoßen, die den Pflanzen Halt bieten sollen.

"Die kann man eigentlich schon abernten, damit eine gerade Gurke wachsen kann."

Ein Berufsleben für die Gurke

Mit dieser Krümmung ist die Gurke Ausschussware. Vahl ist Geschäftsführer des Gewächshauses und bereits in der dritten Generation Landwirt. Seine Familie in den Niederlanden baut seit den 50er-Jahren Gemüse an. Vor vier Jahren kam Vahl mit Frau und Kindern nach Brandenburg. Er wollte immer mal ins Ausland gehen. Sein Berufsleben lang hat der 38-jährige studierte Gartenbauer sich mit kaum etwas anderem als Gurken beschäftigt. Er weiß, wann eine von ihnen zu schief ist, um in den Verkauf zu gehen.

"Das haben ich und meine Mitarbeiter genau im Blick. Das ist eine Erfahrung, die muss man haben. Wie mit dem Gewicht, man kann nicht jedes Mal die Gurke auf die Waagschale legen, ah, die ist groß genug, man muss die Erfahrung haben, dann kann man schneller arbeiten."

Die Verordnung ist tot, es lebe die Verordnung

Was Kees Vahl und seine Mitarbeiter schon im Gespür haben, ist aber auch millimetergenau festgelegt. Auf einer Länge von zehn Zentimetern darf die Gurke nicht stärker als einen Zentimeter gekrümmt sein, um zur höchsten Güteklasse zu gehören. Diese Vorschrift stand auch in der Gurkenkrümmungsverordnung. Kein anderer Rechtsakt wurde derart zum Sinnbild für die Regulierungswut, die viele der EU vorwerfen.

Eines jedoch ist merkwürdig: Die Gurkenverordnung, angeblich Machwerk irrer Eurokraten, wurde vor nun bald zehn Jahren wieder abgeschafft. Aber die in Europa verkauften Gurken sind trotzdem nicht krummer geworden.

"Das hat für uns eigentlich nichts geändert. Bei der Logistik und allem passt die krumme Gurke nicht und im Laden nicht. deswegen müssen wir die noch immer aussortieren als Klasse II. Und die werden dann auch sofort als Klasse II verkauft."

In großen Karren, die wie eine Eisenbahn hintereinander gehängt sind, fahren Kees Vahls Mitarbeiter die geernteten Gurken aus dem Gewächshaus in die angrenzende Halle, in der eine Sortiermaschine rattert. Einzeln rutschen die Gurken auf ein Transportband und werden gewogen. Die Maschine verteilt die Gewächse dann nach Gewicht auf große runde Auffangteller und etikettiert sie. Mitarbeiter verpacken sie dort für den Versand.

Krumme Gurken passen nicht gut in die Kisten

Die krummen Gurken wurden schon vor dieser Prozedur aussortiert. Sie gehen zu einem günstigen Kilopreis an Restaurants oder Lebensmittelbetriebe, die sie ohnehin kleinschneiden. Beim Kunden im Supermarkt tauchen auch heute in der Regel keine krummen Gurken auf.

"Wir können einfach nicht in die Klasse I die krummen Gurken tun, weil die dann nicht mehr in die Kisten passen. […] Das ist eigentlich Kundenbedingung, so Rewe, Edeka, die legen das fest: So muss eine Gurke aussehen. Die greifen eigentlich immer noch zurück auf das EU-Verfahren: So und so viel Krümmung bei so viel Zentimeter darf das sein."

Diese Gurken kommen nicht in den Supermarkt, sondern gehen zum Beispiel direkt an Restaurants, die sie ohnehin kleinschneiden (Deutschlandradio / Benjamin Dierks)Diese Gurken kommen nicht in den Supermarkt, sondern gehen zum Beispiel direkt an Restaurants, die sie ohnehin kleinschneiden (Deutschlandradio / Benjamin Dierks)

Die Gurkenkrümmungsverordnung ist tot, es lebe die Gurkenkrümmungsverordnung. Die EU-Vorschriften gibt es nicht mehr. Deswegen verweist die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung heute auf die Norm FFV-15 der UNECE, der Uno-Wirtschaftskommission für Europa. So abwegig wie gern behauptet war die europäische Vorschrift also nicht. Und wie in vielen anderen Fällen, in denen der EU-Kommission überbordende Bürokratie vorgeworfen wird, war sie keine Ausgeburt europäischer Lust am Regulieren.

Es waren Handelsverbände und Agrarminister der Mitgliedsstaaten, die in den 80er-Jahren eine einheitliche europäische Regel verlangten. Und Politiker der Mitgliedsstaaten, darunter deutsche, waren es auch, die 2009 Einspruch erhoben, als die EU-Kommission sich wieder von der Verordnung verabschiedete. Das freilich hielt niemanden davon ab, spöttelnd die Gurkenkrümmung hervorzukramen, wenn ein paar Seitenhiebe gegen die EU politisch opportun waren.

Konsumenten sind krumme Gurken nicht gewöhnt

Im Gewächshaus bespricht Kees Vahl sich im Vorbeigehen mit einem Mitarbeiter. Sein Betrieb ist wahrlich europäisch: Der Chef ist Niederländer, der Sitz liegt in Deutschland, und fast alle Beschäftigten sind Polen. Die polnische Grenze liegt nur eine Viertelstunde Autofahrt entfernt. Geschäftssprache ist meistens Englisch.

Im Büro nebenan empfängt Vahl Petra Lack, Geschäftsführerin von Werderfrucht. Der brandenburgische Obst- und Gemüsevertrieb ist mit 40 Prozent an Vahls Gewächshaus beteiligt und beliefert Supermärkte mit seinen Gurken. Vahl kommt ins Sinnieren. Vielleicht wären die Konsumenten heute eher bereit, natürliche Vielfalt zu akzeptieren, wenn die krumme Gurke nie verbannt worden wäre.

"Alles ist gerade und schön, so ist das eigentlich nicht. Wir bauen an und da kommt ein Teil, der richtig super Qualität ist und dann, wenn man bei der krummen Gurke von Qualität sprechen kann, weicht die ab. Und weil die meisten Leute nicht genau wissen, wie der Anbau funktioniert, haben die keine Ahnung, dass es auch krumme Gurken gibt."

Mehr Realismus wäre riskant fürs Geschäft

Manchmal gebe es Verkaufsaktionen, da kämen auch mal krumme Gurken ins Geschäft, berichtet Petra Lack:

"Aber letztendlich ist es so, dass genügend gerade Gurken da sind und man sich dann auch irgendwann den Preis damit kaputt machen kann, also da muss man sicherlich auch aufpassen."

Am Ende ist es so, wie es immer ist: Gerade Gurken bringen mehr ein. Da kann natürliche Vielfalt nicht mithalten.  

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk