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StartseiteTag für TagWie deutsche Muslime auf islamistischen Terror reagieren 10.11.2020

Nach Anschlägen Wie deutsche Muslime auf islamistischen Terror reagieren

Nach Anschlägen in Paris, Nizza und Wien haben sich in Deutschland alle muslimischen Verbände geäußert. Betroffenheit, Empörung oder Distanzierung - wie die Reaktion auf islamistischen Terror aussehen soll, darüber sind sich viele Muslime uneinig.

Von Luise Sammann

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Ein Kerzen- und Blumenmeer an einem der Tatorte im Bereich der Seitenstettengasse in der Wiener Innenstadt nach einem islamistischen Terroranschlag (picture alliance/APA/picturedesk.com / Barabara Gindl)
Nach der jüngsten Anschlagswelle: Sollen oder müssen Muslime sich von islamistischen Terroristen distanzieren? (picture alliance/APA/picturedesk.com / Barabara Gindl)
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Der Berliner Imam Taha Sabri wollte keinen Zweifel aufkommen lassen. Unter dem Titel "Berliner Musliminnen verurteilen Terror" äußerte er sich gemeinsam mit anderen islamischen Vertretern in einer Presseerklärung: "Es schmerzt uns und erfüllt uns mit Wut, dass sich Unmenschen, die solch ein Leid und Angst gesät haben, auf unseren Glauben berufen und ihre blinde Gewalt mit der Religion des Islams begründen." Im Interview sagt er: "Wir müssen jetzt vereint gegen dieses Gedankengut in unserer Community vorgehen. Eine solche Erklärung ist ein erster Schritt in diese Richtung."

"Es ist etwas, was jeden einzelnen Muslim betrifft"

Auch wenn dieser Anfang für einige zu spät kommen mag. In den vergangenen Wochen äußerten sich – anders als nach früheren Anschlägen – sämtliche muslimische Verbände in Deutschland. Richtig so, betont Mohamad Hajjaj, Landesvorsitzender des Zentralrats der Muslime in Berlin: "Ich finde, dass man sowohl als Privatperson Position beziehen muss, wie auch als Verband Position beziehen muss. Denn am Ende ist es etwas, was jeden einzelnen Muslim betrifft."

  (imago images / ZUMA Wire) (imago images / ZUMA Wire)Frankreichs Islam-Debatte
Im Angesicht des islamistischen Terrors wird in Frankreich erregt darüber diskutiert, wie sich das laizistische Prinzip durchsetzen lässt. Zur Debatten stehen neue Verbote von Kopftuch und Schleier.

Wie aber kann, wie sollte die "richtige" Reaktion von Muslimen auf islamistischen Terror aussehen? Reichen allgemeine Verurteilungen von Gewalt und Terror, wie DITIB und andere sie nach den jüngsten Anschlägen auf ihren Websites veröffentlichten?

Auch innerhalb der muslimischen Gemeinschaften wird das dieser Tage viel diskutiert. Die häufig geforderten "Distanzierungen" lehnen dabei viele ab. "Man soll sich von etwas distanzieren, was man nicht begangen hat. Was soll das?", fragt ein Twitter-Nutzer unter dem Pseudonym Ophorus. Und ein anderer Nutzer namens Abdelkarim meint: "Von Muslimen zu verlangen, dass sie sich von einem Anschlag distanzieren, ist so, als würde man sie auf die Anklagebank setzen und sagen: ‚Jetzt beweis uns mal, dass du kein Terrorist bist.‘

"Distanzieren" als umkämpfter Begriff

Auch Pinar Cetin, Vorstandsvorsitzende der Deutschen Islam Akademie und ebenfalls Unterzeichnerin der Erklärung "Berliner MuslimInnen gegen Terror", tut sich schwer mit der Erwartungshaltung, die gerade Nicht-Muslime in diesen Tagen an sie herantragen.

"Ich habe Schwierigkeiten mit dem Begriff Distanzieren. Distanz bedeutet ja, dass man vorher eine gewisse Nähe haben muss. Ich denke nicht, dass die Muslime sich allesamt von irgendeiner Terroraktion distanzieren müssen, weil keiner auch gesagt hat, dass er vorher irgendeine Nähe dazu gehabt hat."

Eine Positionierung – und zwar gegen jede Art von Gewalt und Terror – hält Pinar Cetin für notwendig. Eine Distanzierung lehnt sie dennoch ab.

Pinar Cetin, Vorsitzende der Deutschen Islam-Akademie, spricht auf der Veranstaltung (Deutschlandradio/Engelbrecht)Pinar Cetin sieht den Begriff der "Distanzierung" kritisch (Deutschlandradio/Engelbrecht)

"Nach außen schaffen die Täter eine Nähe"

Murat Kayman, früherer DITIB-Koordinator und heute einer der schärfsten Kritiker der größten sunnitischen Organisation in Deutschland, ist anderer Meinung.

"Ich verstehe diesen Reflex, dass man sich von etwas nicht distanzieren möchte, was einem vom Selbstverständnis ohnehin fern ist. Aber nach außen schaffen die Täter eine Nähe. Sie bleiben nicht auf Distanz zu anderen Muslimen - sobald sie Allahu Akbar rufen, sobald sie sich ein religiöses äußeres Erscheinungsbild geben, in der Kleidung oder im Verhalten oder in Ritualen."

So der muslimische Blogger und Jurist:

"Ich kann dafür nichts, aber ich kann nach außen artikulieren, dass ich diese Nähe nicht zulasse, nicht dulde. Denn wenn ich mich ihr nicht widersetze, dann gibt es zwei Signale: Einmal in die Gesellschaft hinein, dass ich diese wahrgenommene Nähe nicht als problematisch empfinde, und dann in Richtung der Täter oder deren Umfeld, dass ich diese Nähe zulasse als Muslim. Dass ich sage, ja, auch du bist jemand, der muslimisch gehandelt hat. Und dagegen widersetze ich mich."

"Diese Taten haben etwas mit dem Islam zu tun"

Viele Verbandsvertreter tun das inzwischen ebenfalls. Der Imam Benjamin Idriz, Vorsitzender des Münchner Forums für Islam erklärte, die "abscheulichen Taten" seien "ebenso unislamisch wie unmenschlich". Eine Art verbaler Ausschluss der Täter, mit dem man es sich zu einfach macht, glaubt Mohamad Hajjaj vom Zentralrat der Muslime in Berlin: "Diese Taten haben etwas mit dem Islam zu tun. Sie haben etwas mit falsch verstandener Religiosität zu tun, mit einem meiner Ansicht nach falschen Islamverständnis. Aber zu sagen, das hat nichts mit dem Islam zu tun, verkennt natürlich die Realität."

Murat Kayman, DITIB-Vorstand NRW, zu Gast in der ARD Talkshow "Maischberger" am 11.05.2016 in Köln.  (Picture Alliance / dpa / Horst Galuschka)Murat Kayman fordert von den Islamverbänden einen Kulturwandel (Picture Alliance / dpa / Horst Galuschka)

Der Kölner Blogger Murat Kayman geht noch weiter. "Das hat was mit uns Muslimen zu tun" heißt ein Artikel, den er kurz nach dem Mord am Lehrer Samuel Paty in Paris veröffentlichte.

"Der Wert eines Lebens darf nicht erst im Angesicht des Todes hervorgehoben und angepriesen werden, in Pressemitteilungen. Der Wert eines jeden Menschen muss hochgeschätzt und hochgeachtet werden - egal, welches Geschlecht dieser Mensch hat, welche sexuelle Identität, welchen Glauben, welche ethnische Herkunft dieser Mensch hat. Und da gibt es für mich noch viele problematische Baustellen innerhalb der religiösen Gemeinschaften, wo es einfach Erzählungen von Ungleichwertigkeit gibt. Und damit muss man sich befassen."

Braucht es einen Kulturwandel?

Gerade die großen muslimischen Verbände sieht Murat Kayman in der Pflicht. Statt sich allein hinter betroffenen oder empörten Pressemitteilungen zu verstecken, fordert er sie auf, einen Kulturwechsel innerhalb ihrer Gemeinden einzuleiten. Nicht etwa, weil er ihnen unterstellt, gewalttätiges Gedankengut zu fördern. Aber weil sie es zu häufig zuließen.

"Solange man auch diese kleinste Schnittmenge zu den Tätern duldet in der Gedankenwelt, dass es nämlich doch Menschen gibt, die aufgrund bestimmter Kriterien weniger wert sind als Muslime, solange man diese Schnittmenge duldet, auch nur im Denken, ohne Gewalt zu befürworten, ist das das Fundament, auf dem Gewalt wächst. Und dagegen müssen sich die organisierten Muslime positionieren. Öffentlich. Und das fehlt mir."

Eins zeigen die vielen Stimmen, die sich dieser Tage zum islamistischen Terror äußern, deutlich: Schweigen ist für die Mehrheit der deutschen Muslime längst keine Option mehr.

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