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StartseiteInterview"Viele Piloten verstehen sich nur als Knöpfchendrücker"12.03.2019

Nach Boeing-Absturz in Äthiopien"Viele Piloten verstehen sich nur als Knöpfchendrücker"

Viele Piloten würden nicht ausreichend für die jeweiligen Flugzeugtypen geschult, sagte der Luftfahrtexperte Elmar Giemulla im Dlf. Es sei wichtig, die Maschinen selbstständig fliegen zu können, sobald die Bordcomputer ausfielen. Damit hätten viele Piloten allerdings Schwierigkeiten.

Elmar Giemulla im Gespräch mit Dirk Müller

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Ein Pilot im Cockpit von einem Flugzeug der Luftwaffe (Airbus A 340) auf dem Flug nach Addis Abeba (Imago)
Die Fähigkeit des persönlichen Fliegens komme heute oftmals zu kurz - und soll auch gar nicht der Regelfall sein, sagt Luftfahrtexperte Elmar Giemulla (Imago)
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Nach Absturz in Äthiopien Flugzeughersteller Boeing unter Druck

Dirk Müller: Erschütterung auch bei den Vereinten Nationen. Mindestens 19 Insassen des Fluges ET302 waren Mitarbeiter der UN oder anderer internationaler Organisationen. Auch fünf Deutsche sind unter den Opfern des Flugzeugabsturzes in Äthiopien an diesem Wochenende. Alle 157 Passagiere sind dabei ums Leben gekommen.

Jetzt fokussiert sich die Ursachensuche auch auf den Typ der Maschine, auf die Boeing 737 Max 8, das neueste Modell der altgedienten und vielbewährten 737, das meistverkaufte Flugzeug der Welt. In den Fokus geraten, weil erst im Oktober ein Modell Max 8 abgestürzt war in Indonesien mit 189 Menschen an Bord. Es hat keine Überlebenden gegeben. Eine Maschine war das der Fluggesellschaft Lion Air.

China, Indonesien und auch Äthiopien haben gestern ein Startverbot für alle Max-8-Maschinen verkündet. Die Amerikaner haben bislang darauf verzichtet, aber auch heute Morgen Software-Verbesserungen angemahnt. Die Boeing 737, die Verlässlichkeit schlechthin und jetzt zwei baugleiche Maschinen, die abgestürzt sind binnen sechs Monate – das ist unser Thema mit Professor Elmar Giemulla, Experte für Luftfahrt und Honorarprofessor für Luftverkehrsrecht. Guten Morgen!

Elmar Giemulla: Guten Morgen.

Müller: Gibt es am Himmel Zufälle?

Giemulla: Es gibt Zufälle, natürlich. Der Begriff "Unfall" kennzeichnet sich dadurch, dass es ein Zusammentreffen ganz unglücklicher und unwahrscheinlicher Umstände ist, jedenfalls in der Regel. Da kann man tatsächlich vom Zufall reden und deswegen sind ja auch die Sicherheitsvorkehrungen in der Luftfahrt fast neurotisch genau und akkurat – mit dem Erfolg, den wir alle kennen, dass man wirklich tatsächlich die Luftfahrt als das sicherste Verkehrsmittel bezeichnen kann.

Was den Fall, diese jüngste Serie, muss man ja schon fast sagen bei zwei Fällen, was das anlangt, scheint es mir kein Zufall zu sein, denn zwei Abstürze innerhalb kurzer Zeit mit derselben Maschine, die soeben erst ja, wenn man so will, wenige Jahre, zwei Jahre überhaupt auf dem Markt existiert, das kann kein Zufall sein. Da spielen doch tatsächlich Fehler technischer und auch menschlicher Art eine große Rolle.

Müller: Die 737 – ich habe das gesagt – ist das begehrteste, verlässlichste Flugzeug der Welt, wird jedenfalls oft so interpretiert. Auf jeden Fall ist es auch das meistverkaufte Flugzeug der Welt. Wie kann es sein, dass eine Weiterentwicklung des Modells, ein neues Modell mit allem technischen Schnickschnack auf der Höhe der Zeit unsicherer ist als die alte?

Giemulla: Bei jeder neuen Entwicklung technischer Art betritt man natürlich in gewisser Weise Neuland, wobei hier gar nicht mal – und das ist etwas, was noch untersucht werden muss – so großartig Neuland betreten worden ist, denn es geht hier tatsächlich um die Schnittstelle Mensch-Maschine, dass die Maschine, hier der Bordcomputer offensichtlich versagt hat. Das kann man zumindest für den Lion-Air-Fall sicherlich jetzt sagen. Bei dem äthiopischen Fall müssen wir noch die ersten Ergebnisse, die Auswertung der Blackboxes abwarten. Aber das ist so gesehen nicht unbedingt etwas Überraschendes.

Was hier wirklich wohl versäumt worden ist von Boeing, dem Hersteller: Bei der Auslieferung der Maschinen müssen natürlich die Piloten des jeweiligen Bestellers auf dieses Luftfahrzeug eintrainiert werden, vor allen Dingen auf die Schnittstelle zur Technik, zum Computer. Das scheint hier wohl nicht in ausreichendem Maße getan worden zu sein. Was ich weiß, was man weiß ist, dass die Einführungstrainings nur die Hälfte der Zeit gedauert haben, wie sie eigentlich angemessen gewesen wären. Ob das jetzt mit zu dem Unfall beigetragen hat, ist im Moment relativ wahrscheinlich, aber natürlich noch nicht sicher.

"Piloten gehen davon aus, dass sie gar nicht mehr das Flugzeug fliegen"

Müller: Herr Giemulla, wenn wir dabei noch mal bleiben. Ich bin da gestern auch sehr stutzig geworden bei der Vorbereitung. Da haben wir auch hier in der Redaktion diesen Satz gefunden: Die Piloten sollen nicht ausreichend geschult worden sein. Jetzt sagen Sie, vielleicht nur 50 Prozent des normalen Ausbildungsvolumens. Wie kann so was passieren? Warum haben die Piloten das denn akzeptiert?

Giemulla: Die Piloten gehen eigentlich davon aus, jedenfalls leider heute viele moderne Piloten, dass sie gar nicht mehr das Flugzeug fliegen, sondern dass es die Maschine tut, was ja tatsächlich der Fall ist. Das heißt, viele Piloten verstehen sich eigentlich nur als Knöpfchendrücker und Bediener eines technischen Geräts. Da kommt die Fähigkeit des persönlichen Fliegens oftmals zu kurz und soll ja auch gar nicht der Regelfall sein. Das soll ja wenn überhaupt in einem Notfall gemacht werden, dass man die Maschine abschaltet und dann selbst das Flugzeug übernimmt.

Das Problem ist, dass das natürlich nicht in einer ganz ruhigen Situation passiert. Wenn ich die Maschine abschalte beziehungsweise abschalten muss, den Computer abschalten muss, dann bin ich in einer kritischen Situation, dann bin ich in einer Situation, die mein eigenes Leben bedroht, und da bleibt kein Mensch ruhig. Ausgerechnet in einer solchen Situation soll ich jetzt plötzlich mir völlig klar sein, in welcher Fluglage die Maschine ist, was ich tun muss, händisch tun muss und so weiter. Das ist eine hohe Herausforderung und das muss natürlich trainiert werden, nicht nur rein technisch, sondern auch psychologisch.

Müller: Wenn ich Sie hier unterbrechen darf, Herr Giemulla? Das bedeutet ja, dass es Piloten gibt – ich unterstelle das jetzt -, die nicht in der Lage sind, per Handarbeit zu fliegen, sondern auf die moderne Technik angewiesen sind.

Giemulla: Nicht in der Lage sind, ist vielleicht etwas überzogen, aber die Schwierigkeiten haben damit, weil sie es nicht hinreichend trainiert haben, weil sie es nicht gewohnt sind, weil der Computer ja sicherer ist und fliegt, normalerweise jedenfalls als sie selber. Dann vergisst man, selbst wenn man es mal antrainiert hat, im Laufe der Zeit diese Techniken. Das wird zwar im Simulator immer wieder wiederholt und ins Bewusstsein gebracht, aber es ist ja nicht der Alltag der Piloten und da fehlt es natürlich an der Selbstverständlichkeit, wie man mit so einer Maschine umgeht – jedenfalls bei vielen Piloten.

Müller: Jetzt haben die chinesischen Behörden argumentiert, die Maschinen, die in China starten, müssen erst mal am Boden bleiben, weil beide Unglücksmaschinen – das ist jedenfalls zu lesen – hätten Schwierigkeiten bei der Startphase gehabt. Gibt es darauf Hinweise?

Giemulla: Ja, das scheint so tatsächlich zu sein. Jedenfalls bei dem indonesischen Fall ist es wohl so. Da gibt es ja die ersten Untersuchungsergebnisse. Das ist aber auch logisch, jedenfalls wenn man die Kette der Ereignisse, wie man sie jetzt kennt, sich vergegenwärtigt. Die Startphase ist dadurch gekennzeichnet, dass das Flugzeug in einer Steiglage ist, die Nase nach oben, und das war ja wohl das Signal des Sensors, des wahrscheinlich defekten Sensors in dem indonesischen Fall, dass die Nase viel zu hoch angezeigt wurde, höher als sie selbst war, als sie tatsächlich war.

"Da gab es einen Kampf zwischen Piloten und Maschine"

Müller: Ist das der Geschwindigkeitsmesser, über den wir jetzt reden?

Giemulla: Der Geschwindigkeitsmesser und der Messer, der die Fluglage selbst anzeigt im Verhältnis zum Boden, welche Gradzahl ich in der Steigung oder später auch im Sinken einnehme. Das muss ja mit der Geschwindigkeit jeweils auch koordiniert werden. Dieser Bordcomputer hat das falsche Signal offensichtlich bekommen und hat die Nase nach unten gedrückt, obwohl die Maschine in Realität in der normalen Fluglage war. Da gab es einen Kampf, wenn man so will, zwischen Piloten und Maschine. Die Piloten haben die Maschine immer wieder aufzurichten versucht. Was sie hätten tun sollen wäre, den Computer abzuschalten.

Müller: Aber die Ursache wäre dann die Software, das was die amerikanische Flugaufsicht heute Morgen dann lanciert hat, Software überprüfen, nachrüsten, wie auch immer gemeint?

Giemulla: Das ist offensichtlich eine der Ursachen, jedenfalls der Auslöser der Ursachen: die Software. Die muss offensichtlich korrigiert und nachgebessert werden. Aber auch das Training der Piloten für den Fall, dass das wieder passieren sollte, auch aus anderen Gründen, vielleicht, dass der Computer nicht richtig reagiert, dass sie tatsächlich auch darauf trainiert werden, dann nicht mit der Maschine, mit dem Computer zu kämpfen, sondern ihn abzuschalten und selbst zu fliegen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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