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Nach dem Erdbeben in ItalienWiederaufbau mit leeren Kassen

In Italien ist nach dem Erdbeben die Diskussion um den Wiederaufbau in vollem Gange. Fehler aus der Vergangenheit nach dem Beben von 2009 in L'Aquila sollen nicht wiederholt werden. Hauptproblem ist die Finanzierung, denn die öffentlichen Kassen sind chronisch leer. Nicht für alle malerischen Orte wird es wohl eine Zukunft geben.

Von Karl Hoffmann

Aufräumarbeiten nach dem Erdbeben in Amatrice (dpa/picture alliance/ANSA/Massimo Percossi)
Die wiederholten Beben in Amatrice säen Zweifel, ob es überhaupt möglich ist, auf diesem Boden wieder neu anzufangen (dpa/picture alliance/ANSA/Massimo Percossi)
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Noch ist keine Woche seit dem schweren Erdbeben vergangen, schon wird eifrig diskutiert über einen möglichst schnellen Wiederaufbau der zerstörten Orte in Mittelitalien. Einig scheinen sich alle zu sein, dass die obdachlosen Bürger - etwa 2.500 in und um Amatrice - übergangsweise in Behelfsbauten möglichst nahe am zerstörten Wohnort untergebracht werden sollen, damit das, was noch an sozialen Beziehungen vorhanden, erhalten bleibt, sagt Bürgermeister Sergio Pirozzo:

"Wir werden umgehend Flächen in der Stadt bestimmen, auf denen Behelfsquartiere für die Bewohner entstehen. Damit werden wir verhindern, dass das Sozialgefüge unserer Bewohner verloren geht. Ich halte diese Initiative für einen außergewöhnlichen Erfolg, schließlich sind seit dem Beben erst fünf Tage vergangen."

"Den Bürgern die Chance geben, in ihre Wohnorte zurückzukehren"

Aber auch beim Wiederaufbau soll den Bürgern möglichst viel Mitsprache und Eigeninitiative eingeräumt werden. Ein zentral gesteuerter Wiederaufbau wie nach dem Beben von L‘Aquila vor sieben Jahren habe sich als Fehlschlag erwiesen, sagt der Architekturhistoriker Luigi Prestinenza:

"Man muss den Bürgern auf jeden Fall die Chance geben, in ihre Wohnorte zurückzukehren. Denn das wollen sie, sie lieben ihre Heimat. Man muss ihnen also die Mittel zur Verfügung stellen, damit sie den Wiederaufbau so gut es geht selbst leisten können. Und natürlich auch genügend Geld dafür bekommen, damit sie ihre Zukunft selbst bestimmen können."

Völliger Wiederaufbau unwahrscheinlich

Das Geld ist allerdings das Hauptproblem in Italien, wo die Kassen chronisch leer sind. Die Regierung Renzi wird versuchen, durch eine Lockerung des Stabilitätspaktes zusätzliche Schulden von 20 Milliarden Euro für die nächsten zehn Jahre flüssig zu machen. Damit ließe sich ein Plan zumindest in Angriff nehmen, der die Sanierung bisher nicht erbebensicherer Häuser und öffentlicher Gebäude vorsieht. Ob es allerdings zu einem völligen Wiederaufbau aller jetzt zerstörten Ortsteile in Mittelitalien kommt, hält der Lokaljournalist Paolo Ricci Bitti für unwahrscheinlich. Viele alten Steinhäuser waren längst verlassen oder dienten nur noch als Ferienhäuser für wenige Wochen im Jahr:

"Es besteht sogar die Möglichkeit, dass in den nächsten Tagen noch Tote in irgendwelchen Ruinen gefunden werden, denn es gibt keinerlei Daten über die tatsächlichen Bewohner vieler Häuser. Diese Trümmer wieder erdbebensicher neu aufzubauen das halt ich für völlig unrealistisch."

Es wird am Ende wohl nicht für alle der malerischen alten Orte in und um Amatrice eine neue Zukunft geben. 

Staatsbegräbnis für die Opfer in Amatrice

In der vergangenen Nacht wurde in Amatrice eine weibliche Leiche gefunden, zwei andere Personen sind offensichtlich entdeckt, aber noch nicht geborgen worden. Die Bergung gestaltet sich außerordentlich schwierig. Amatrice liegt auf einem kleinen Felsplateau, die Reste der zerstörten Häuser brechen an den Steilhängen immer wieder ab und drohen die Helfer zu erschlagen. Morgen wird in Amatrice erneut ein Staatsbegräbnis für die mehr als 200 Opfer in der kleinen Stadt zelebriert.

 

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