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StartseiteInterview"In erster Linie geht es ums Überleben"15.07.2017

Nach der Befreiung Mossuls"In erster Linie geht es ums Überleben"

Vor wenigen Tagen hat die irakische Regierung die bisherige IS-Hochburg Mossul als befreit erklärt. Die Lage in der irakischen Stadt sei eine absolute Katastrophe, sagte Kim Hartzner von der Hilfsorganisation Mission East im Dlf. Hunderttausende Menschen hätten nichts zu essen. Der UNO fehle das Geld, um die Menschen in Mossul zu versorgen.

Kim Hartzner im Gespräch mit Martin Zagatta

(dpa/Andrea DiCenzo )
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Das Interview war an einigen Stellen von schlechter Tonqualität und konnte deswegen nicht komplett transkribiert werden.

Martin Zagatta: Drei Jahre lang war Mossul in den Händen des Islamischen Staates, Anfang der Woche ist die Terrororganisation vertrieben worden aus der zweitgrößten Stadt des Irak. Neun Monate hat die Schlacht gedauert, Westmossul ist fast vollständig zerstört und die Überlebenden wie auch Flüchtlinge sind ganz dringend auf Hilfe angewiesen. So hat uns das Kim Hartzner geschildert, ein Däne, der Geschäftsführer der internalen Hilfsorganisation Mission East, die sich um die Menschen in Mossul und der Umgebung kümmert.

Kim Hartzner: Das ist eine Situation wie in den schwersten Situationen im Zweiten Weltkrieg, Stalingrad, Berlin und so weiter. Es sind also total zerstörte Städte, die Stadt Mossul, da hat man festgestellt vor Neuem, dass 5.500 Gebäude total zerstört sind, hauptsächlich im westlichen Teil der Stadt. Und man weiß, dass schätzungsweise eine Million Menschen sind aus West- und Ostmossul zusammen geflohen seit Anfang der Angriffe im Oktober 2016.

Und das ist natürlich eine enorme Zahl, 33 Prozent von diesen Leuten, ein Drittel von denen, die harren in den Camps aus, die von der UN versorgt sind. Aber was die große Katastrophe ist, dass 48 Prozent dieser Million, ihr Aufenthaltsort ist der UN unbekannt. Das heißt, die harren in unfertigen Gebäuden aus, die kriechen von den Gebäuden aus jetzt von einem befreiten Mossul, und man sieht Szenen, die kaum vorstellbar sind. Es sind große Zahlen von Familien, die schwer verhungert sind, die in diesen Gebäuden ausgeharrt haben seit Monaten, um zu überleben. Und natürlich, diesen Leuten, die Bedarfe sind ja enorm, die verhungern, die brauchen Nahrungsmittel, die brauchen Unterkunft, die brauchen Wasser, die brauchen Sanität.

"Wir benötigen dringend, dringend Hilfe"

Zagatta: Haben Sie denn diese Lebensmittel, können Sie diese Lebensmittelversorgung – was offenbar das Wichtigste scheint, Lebensmittelversorgung, Wasserversorgung –, können Sie die denn sicherstellen?

Hartzner: Wir können die sicherstellen, auch unter der IS-Besetzung sind wir reingefahren, mit großen Lastwagen, nur zum Stadtrand, dann haben wir die verlagert in kleine Lastwagen, die wir dann (…) in zig Operationen in zehn verschiedene Punkte in West- und Ostmossul eingefahren haben. Und dort haben wir die verteilt. So ein kleiner Kia hat die Versorgung für 50 Familien für einen Monat … Das war natürlich schwierig, ab und zu haben wir auch militärische Unterstützung benötigt und eingerufen sozusagen, um unsere Leute zu schützen. Mit Lebensgefahr haben wir bisher 60.000 Menschen versorgt mit Nahrungsmitteln.

Die Situation vor Ort im Moment ist so, dass wir schätzen, dass hunderte Tausend von Menschen nichts zu essen haben. Und das ist natürlich eine absolut akute Katastrophe. Wir kriegen Gelder vom Auswärtigen Amt, leider haben sie zurzeit eben in diesem Moment keine weiteren Gelder für Mossul, wir haben schon eine halbe Million gekriegt, zusätzlich zu unseren Bewilligen von vorher, wir benötigen dringend, dringend Hilfe, um mehr von diesen Hunderttausend von Menschen zu versorgen, denn wir können das. Wir haben den Apparat, wir haben den Mechanismus und wir können diesen Menschen helfen!

"Uns fehlt im Moment akut das Geld"

Zagatta: Ich denke, dass es Ihre Arbeit jetzt wahrscheinlich leichter macht, wenn der IS vertrieben worden ist. Auf der anderen Seite, Sie haben diese Zahl auch genannt, eine Million Menschen soll vertrieben worden sein. Gehen Sie denn davon aus, kehren diese Menschen jetzt schon wieder zurück oder ist das gar nicht möglich in dieser zerstörten Stadt, wie Sie uns die geschildert haben?

Hartzner: Was wir bisher gesehen haben im östlichen Teil von der Stadt - ich war vor Kurzem im östlichen Teil der Stadt - und da sind die Menschen zurückgekehrt, was natürlich mich sehr gewundert hat. Das sind oft Menschen, die mehrmals vertrieben worden sind, sie sind also … Man sieht Szenen, gerade so, wie ich es gesagt habe, wie im Mai '45 in Deutschland, also ganze Familien, die mit ihrem kleinen Guthaben herumlaufen, die haben fast nichts, die können das in den Händen tragen. Und diese Menschen sind mehrmals geflohen, als der Krieg seit Oktober langsam vorwärtsgegangen ist, sind sie natürlich vor den Kriegshandlungen geflohen und dann hinterher wieder zurück.

Es gibt auch (…) Minderheiten, aber der Großteil von der irakischen Armee sind natürlich Schiiten und es gibt auch diese schiitischen Milizen. Und daher gibt es natürlich ein Problem, dass diese Leute - die fühlen sich nur sicher, wenn sie unter sich selber sozusagen wohnen -  das heißt, die möchten lieber dort wohnen, wo sie immer gewohnt haben, statt irgendwo anders hinzuziehen. Und das birgt natürlich ein Risiko, dass diese (…) Kämpfe noch mal aufkommen werden. Aber mich wundert, dass der Großteil von diesen Leuten - die kehren zurück, die versuchen, irgendwas zu machen mit den Trümmern - und daher werden wir auch Gelder kriegen vom Auswärtigen Amt, wo wir sozusagen Bargeld für die Arbeit, den Einsatz geben können, dass sie die Trümmer aufräumen, dass sie damit anfangen, ein Wassersystem aufzubauen und so weiter, einen sicheren Lebensunterhalt noch mal zu schaffen.

Aber in erster Linie geht es um das Überleben. Man sieht also ein großes Ausmaß an verhungerten Leuten, die an schwerer, akuter Unterernährung leiden. Und daher ist natürlich das Bedürfnis, dass sie ab sofort Nahrungsmittel kriegen, dann können wir über die Zukunft reden. Die Hilfsleistungen können wir reinbringen, wir können die Nahrungsmittel reinbringen, aber uns fehlt im Moment akut das Geld, um das durchzuführen.

"Die UN hat nicht die Gelder dafür"

Zagatta: Gehen Sie davon aus, dass da Menschen jetzt unter Umständen noch sterben, weil das Geld fehlt, oder sind Sie zuversichtlich – das muss ja jetzt ganz schnell gehen –, dass das zusammenkommt, dass man das leisten kann?

Hartzner: Das ist nicht zu umgehen, dass Menschen sterben. Die haben drei Jahre überlebt unter der IS-Herrschaft und …

Zagatta: Ist die UNO nicht in der Lage, das zu gewährleisten?

Hartzner: Die Katastrophe ist, die UN hat nicht die Gelder dafür. Die Gelder sind schon erschöpft, die Gelder sind nur für die Camps. Die haben keine Gelder für die Leute, außer die Camps. Und aus meiner Sicht ist das natürlich eine Katastrophe von einem riesigen Ausmaß. Wir haben das immer gewusst, seit Oktober haben wir gewusst, dass so ungefähr eine Million da rauskommen würde zu irgendeiner Zeit. Jetzt sind sie raus, jetzt sind sie befreit und es fehlt der UN das Geld, um diese Menschen zu versorgen.

"Streit zwischen Sunniten und Schiiten ist noch nicht gelöst"

Zagatta: Mossul ist ja irakisches Staatsgebiet, die irakische Armee hat die Stadt offiziell auch befreit, feiert sich dafür. Was leistet denn Bagdad, also, was leistet denn der Irak jetzt? Ist der nicht in der Lage, seine Bevölkerung zu ernähren?

Hartzner: Bisher haben sie es noch nicht getan, und natürlich, man muss einsehen, das ganze Gesundheitssystem, alles ist natürlich am Rande, am Ende. Und es kommen natürlich Leute rein, die geschickt werden nach Erbil, zur Hauptstadt in Kurdistan, so ungefähr 30 Kilometer entfernt. Dort werden sie notdürftig versorgt, aber sehr viele Leute sterben auf dem Wege. Es sind sehr, sehr viele Verwundete, die in diesen Gebieten ausharren und die auf dem Weg sterben.

Der irakische (...) hat sich hier nur auf den militärischen Einsatz fokussiert und es gibt meines Erachtens keine Pläne für den Wiederaufbau. Und das könnte zu der nächsten Katastrophe führen. Denn wenn der irakische Staat nicht ab sofort einen Plan ausfertigt, wie man mit diesen Leuten umgehen wird, dann haben wir immer noch den Kern der ursprünglichen Probleme, die damals vor drei Jahren dazu geführt haben, dass der IS angegriffen hat. Das heißt, dieser Streit zwischen Sunniten und Schiiten, der ist noch nicht gelöst und das muss absolut sofort gelöst werden. Und dann muss das Überleben dieser ausharrenden Menschen sichergestellt werden.

Zagatta: Kim Hartzner, der Geschäftsführer der internationalen Hilfsorganisation Mission East. Herr Hartzner, vielen Dank für Ihre Schilderungen, für dieses Gespräch heute Morgen!

Hartzner: Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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