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StartseiteHintergrundAbi - und was dann?19.07.2014

Nach der SchuleAbi - und was dann?

Viele Abiturienten legen nach der Schule erst mal eine Pause ein, um sich zu orientieren. Kritiker sehen die Schuld bei der Verkürzung der Schulzeit von neun auf acht Jahre: Junge Menschen könnten sich in der Oberstufe kaum Gedanken über ihre Zukunft machen. Nun seien die Unis in der Pflicht.

Von Claudia Plaß

Studenten sitzen am Campus Koblenz der Universität Koblenz-Landau im großen Hörsaal. (dpa / picture alliance / Thomas Frey)
Direkt nach dem Abitur wollen viele Schüler erst einmal eine Pause einlegen und nicht direkt an die Uni. (dpa / picture alliance / Thomas Frey)
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Geschafft. 99 Abiturienten des Helene-Lange-Gymnasiums in Hamburg erhalten ihr Abschluss-Zeugnis. Der große Hörsaal der Uni Hamburg ist bis zum letzten Platz gefüllt, Eltern und Geschwister beklatschen die Schüler. Jeder Einzelne wird zur Zeugnisübergabe auf die Bühne gebeten, Hände werden geschüttelt, Rosen verteilt, Reden gehalten. "Life happens while you are making other plans" - "Das Leben passiert, während du dabei bist andere Pläne zu schmieden". Mit diesem Zitat von John Lennon fordert die Schulleiterin die jungen Menschen auf, mit offenem Blick in das Leben nach der Schule zu starten, offen auch für Unvorhergesehenes. Nach der Entlassungsfeier wischen sich einige Mütter Tränen der Rührung aus dem Gesicht. Was sie fühlen?

"Natürlich in erster Linie Stolz - mehr weiß ich jetzt auch nicht."

- "Ich fand es auch wirklich lebensnah. Es war rührend. Ja, das ist ein großer Abschnitt, der endet. Fühlt sich schon so an."

- "Das ist nicht immer schön." (lacht)

Die Schüler sind aufgekratzt. Sie nehmen Glückwünsche entgegen und fotografieren sich gegenseitig.

"Ich kann es noch nicht wirklich glauben, dass es schon vorbei ist."

- "Erleichtert, ja."

- "Fühlt sich gut an, auf jeden Fall. Erst mal befreit von allem."

- "Jetzt wird's richtig real."

- "Ich glaube, das braucht ein bisschen länger, bis man das realisiert hat, kommt auf jeden Fall noch."

Wie geht es weiter nach dem Turbo-Abi?

Mehr Jugendliche als je zuvor haben in Hamburg in diesem Jahr ihre Abiturprüfung bestanden. Von den angetretenen knapp 9300 Schülern schafften fast 8950 ihren Abschluss. Die meisten von ihnen haben das sogenannte Turbo-Abi gemacht, nach zwölf Jahren Schulzeit. Sie verlassen früh die Schulbank. Jetzt stehen viele vor der Frage: Wie weiter?

Das Trockendock, ein Jugendmusikzentrum im Hamburger Stadtteil Barmbek. Claas, Julian und Kilian treffen sich regelmäßig zur Band-Probe. Sie nennen sich "Jacob the Liar" - "Jacob der Lügner". Musikmachen auch während der Abi-Zeit, das sei ihnen wichtig, sagt Gitarrist Julian. Möglicherweise aber ist diese Zeit bald vorbei. Alle haben ihr Abschlusszeugnis in der Tasche.

"Müssen wir mal schauen, die Wege trennen sich, die nächsten Monate werden wir noch was machen, und dann gucken wir, was passiert."

Julian möchte am liebsten ins Ausland gehen, wann genau und wohin ist aber noch unklar. Später könnte er sich vorstellen, Politik- und Gesellschaftswissenschaften zu studieren. Claas, Bassist der Band, will zunächst ein Jahr einen Freiwilligendienst in Indien absolvieren. Der Gedanke war dem 18-Jährigen nach einem Schüleraustausch gekommen:

"Ich fand das Land an sich faszinierend, ich wollte auf jeden Fall eine andere Kultur kennenlernen, und das lag dann nahe. Ich habe mich jetzt an einer Service-Stelle für Exiltibeter beworben. Die würde ich dann unterstützen, wenn ich genommen werde. Da würde ich dann assistieren bei der Öffentlichkeitsarbeit und auch bei den Seminaren, die sie dann veranstalten, um den Exiltibetern zu helfen sich weiterbilden zu können.

Auch Luisa, die an diesem Nachmittag zur Band dazu gestoßen ist, weiß schon, wie es nach ihrem Abi weitergeht. Sie will Stadtplanung studieren, und das in Amsterdam:

"Ich habe mich da im Dezember beworben. Es war mir schon ziemlich klar, was ich machen wollte, weil, ich war auf verschiedenen Seminaren zur Stadtentwicklung, Stadtplanung, und dann habe ich gezielt nach Unis geschaut, und dann bin ich bei Amsterdam gelandet. Und dann bin ich hingefahren zu einem Vorstellungsgespräch und dann wurde ich auch angenommen."

Viele Abiturienten wollen eine Pause und ins Ausland

Kilian, Schlagzeuger der Band und mit 17 der Jüngste in der Runde, interessiert sich für Umwelt und Erneuerbare Energien und will in dem Bereich auch studieren. Für die Zeit davor könnte er sich ein Praktikum vorstellen, vielleicht auch einen Auslandsaufenthalt:

"Studieren sofort will ich jetzt nicht, ich will noch dazwischen was anderes kennenlernen, und ich möchte mich auch jetzt noch nicht inhaltlich festlegen."

Vier Abiturienten, vier verschiedene Zukunftsvorstellungen. Fragt man die jungen Leute nach ihren Plänen, fallen häufig die Begriffe: Ausland und Pause. Das Sogenannte "Gap Year" zwischen Schule und Hochschule wird immer populärer.

So wie Claas bewerben sich jedes Jahr mehrere Tausend Schulabgänger beim entwicklungspolitischen Freiwilligendienst "Weltwärts". Sie wollen sich in einem Projekt in Lateinamerika, Afrika, Asien oder Osteuropa engagieren. "Weltwärts" wird getragen von 250 deutschen Nicht-Regierungsorganisationen. Daniela Heblik ist bei der Koordinierungsstelle "Weltwärts" zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit. Sie ist die Schnittstelle zwischen den Organisationen, die die Einsätze der Freiwilligen organisieren und dem zuständigen Entwicklungsministerium. Jeder Einsatz sei ein Gewinn für die Projekte vor Ort, aber natürlich in erster Linie für die Freiwilligen selbst, so ihre Beobachtung:

"Die Freiwilligen kommen zurück. Die sind selbstbewusster, offener. Die haben ein besseres Verständnis von Süd-Nord-Zusammenhängen, also von globalen Zusammenhängen. Die haben ihr eigenes Verhalten hinterfragt. Viele sagen auch, dass sich der Berufswunsch während des Einsatzes geändert hat, also es ist eine ganz umfassende Entwicklung.

Das Durchschnittsalter der Freiwilligen ist in den vergangenen Jahren leicht gesunken. Von 20 im Jahr 2008 auf 19,4 im Jahr 2013. So, wie die Schulabgänger, werden auch die "Weltwärts"-Teilnehmer immer jünger. Grundsätzlich befürworten Bildungsexperten eine Orientierungszeit nach der Schule. Der Soziologe und Bildungsforscher Klaus Hurrelmann sieht in dieser Entwicklung aber auch den Ausdruck einer verfehlten Bildungspolitik. Die Verkürzung der Schulzeit von neun auf acht Jahre führe dazu, dass sich junge Menschen in der Oberstufe kaum Gedanken über ihre Zukunft machen könnten. Mit dem Effekt, dass das Ende der Schulzeit scheinbar plötzlich und unerwartet kommt:

"Das hat sich auch verschärft. Man ist so früh fertig mit dem Abitur, wie man das in den westlichen Bundesländern bisher überhaupt nicht kannte, hat sich da durchgekämpft unter großem zeitlichen Druck - zumindest in diesen ersten Jahrgängen, wo das neu eingeführt wurde - und dann war man fertig und war überhaupt nicht vorbereitet darauf, jetzt mit dem Abitur in der Tasche, weiter zu machen."

Kein Schnell-Durchlauf nach dem Abi

Der ursprüngliche Gedanke, die Oberstufe zu verkürzen um sich internationalen Ausbildungs-Standards anzupassen, sagt Bildungsforscher Hurrelmann, erweise sich jetzt als Boomerang: Das gewonnene Jahr gehe durch ein "Gap Year" wieder verloren:

"Alle diese Muster - sie lösen den Effekt, den man durch eine Straffung der schulischen Laufzeit haben wollte, wieder auf, nämlich: Schneller Übergang in das Studium, schneller Übergang in den Beruf, kein Verbummeln der Lebenszeit, alles das ist im Grunde - durch die Verhaltensweise der jungen Leute selbst - ist das wieder zunichtegemacht worden."

Gitarrist Julian von der Band "Jacob the Liar" denkt jedenfalls gar nicht daran, nach dem Schnell-Durchlauf durch die Oberstufe im gleichen Tempo weiterzumachen:

"Um mir halt klar zu werden, was ich machen will. Weil, ich habe das Gefühl, wenn ich mich jetzt entscheiden würde, wäre das keine 100-prozentige Entscheidung, dann würde ich vielleicht doch wieder das Studium abbrechen."

Das sogenannte Turbo-Abi nach acht Jahren Schulzeit stellen die vier Freunde nicht infrage. Kilian hätte sich neben dem Unterricht aber mehr Berufsorientierung gewünscht:

"Ich finde schon, dass die Schule da mehr machen könnte. Dass man einerseits fürs Abitur lernt und für später muss man sich dann alles selber Zuhause beibringen - das könnte man besser verbinden. Wenn man Biologie als Hauptfach hat, dass man dann einen Biologen einlädt, der dann erzählt, was er so im Beruf macht, dass man sich das konkreter vorstellen könnte."

Mehr als die Hälfte eines Jahrgangs macht mittlerweile Abitur. Eine halbe Million Erstsemester strömen pro Jahr an die Unis. Trotzdem ist der Übergang zwischen den beiden Bildungseinrichtungen schlecht organisiert, bemängelt der Soziologe Klaus Hurrelmann:

"Das heißt, dass der Weg zum Studium durch das Abitur eigentlich sehr gut vorbereitet werden muss. Scheint aber immer noch nicht zu funktionieren."

Fragen des Alltags sind wichtig

Diesen Bruch versuchen viele Unis aufzufangen. Auf einer weiteren Messe in Hamburg mit dem Titel "Studieren im Norden" präsentieren Hochschulen aus den norddeutschen Bundesländern ihre Angebote. Umweltwissenschaften in Lüneburg, medizinische Ingenieurwissenschaft in Lübeck, Produktions- und Systemtechnik in Braunschweig. Interessierte Schüler, zum Teil begleitet von ihren Eltern, informieren sich über Dutzende Bachelor- und Master-Studiengänge mit zahllosen Studienmodulen. Neben den Studieninhalten sind die Fragen des Alltags wichtig. Am Stand der Uni Göttingen erkundigt sich die Schülerin Elina bei Studienbotschafterin Nellie Teske:

"Ein Punkt war halt das Bahnticket, das wir mit in unserem Semesterbeitrag haben, wir haben auch ein Kulturticket, warst du schon mal in Göttingen?"

- "Nee, noch nicht"

- "Ich bin da am Bahnhof angekommen, nur noch Fahrräder, das ist halt so ein Flair, in Göttingen, in fünf oder zehn Minuten erreichst du eigentlich fast alles."

- "Und dann wollte ich noch fragen, gibt es auch die Möglichkeit, einen Nebenjob zu machen in Göttingen, ist der einfach zu finden?"

Auch die Mutter von Elina, Ilona Schalk, hat Fragen:

"Gibt es da WGs? Oder wo wohnen Sie denn jetzt zum Beispiel?"

- "Ich wohne in einem Wohnheim, das ist vergünstigt."

Elina besucht derzeit die 11 Klasse eines Gymnasiums in Stade. Nächstes Jahr macht sie Abi. Ihre Prüfungsfächer sind Biologie und Chemie. Sie möchte sich möglichst früh erkundigen, wie es für sie nach der Schule weitergehen könnte.

"Ich hab auch nicht das Interesse, jetzt ins Ausland zu gehen. Ich würde lieber hier in der Nähe bleiben, zwar auch in eine Großstadt gehe. Ich möchte gleich weiter machen, dass ich auch arbeiten kann - wofür ich mich am meisten interessiere, wäre im Lebensmittelbereich, also, Lebensmittelchemie."

Neue Herausforderungen für die Unis

Isabel von Kolbe van de Viewe ist Studienberaterin in der Zentralen Studienberatung an der Uni Göttingen. Die Hochschule wolle Studierende gewinnen, die eine gute und nachhaltige Studienwahl getroffen hätten, sagt sie.

Ob die Schulabgänger mit Einführung von G8 zu jung sind? Schlecht zu generalisieren, sagt von Kolbe:

"Die speziellen Anforderungen, die die G8-ler erfüllen müssen, die setzen auch schon bestimmte Kompetenzen beim Thema Selbstmanagement und Zeitmanagement voraus, also da bringen die auch schon was mit. Dass vielleicht in der Gesamtentwicklung der Person das Thema Entscheidungskompetenz vielleicht noch nicht so reif ist wie bei älteren Studieninteressierten, das kann schon sein - dass es da etwas mehr Anleitung und Führung braucht."

Auch Dieter Lenzen, Präsident der Uni Hamburg und Vizevorsitzender der Hochschulrektorenkonferenz, sieht kein Problem im Turbo-Abi. An seiner Uni sind bis zu 50 Studienanfänger noch nicht volljährig, sie brauchen für die Einschreibung noch die Unterschrift der Eltern. Diese Entwicklung stelle die Unis vor neue Herausforderungen:

"Die gesamte Übergangsfrage von den Dingen, die man vor dem Studium getan hat, in das Studium hinein, stellt sich neu. Übrigens auch deswegen, weil das Abitur ja keineswegs der einzige Zugang zum Studium ist. Wir werden in größeren Zahlen Berufsabsolventen haben, die gar kein Abitur haben, wir werden vermehrt internationale Studierende haben, die auch kein Abitur haben. Wir gehen von mindestens 25 Prozent aus."

Es sei Aufgabe der Unis, sich ihre Studenten, wie er sagt, studierfähig zu machen. Ein Gymnasium könne das nicht leisten.

"Wir hier in Hamburg gründen - und haben das auch schon getan - ein Universitäts-Kolleg, was die Angebote für den Übergang in das Studium versammelt, die die jungen Leute aufnehmen können. Es kann werden Bestandteil eines achtsemestrigen Bachelor-Studiums, wie das international üblich ist, nur damit man sich mal orientiert: Wer in den USA ein Bachelor-Studium aufnimmt, macht vier Semester lang allgemeinbildende Studien und geht dann erst in den spezialisierten Studiengang. Mit anderen Worten: Die Universität wird Aufgaben übernehmen, die man früher den Gymnasien zugewiesen hat, die das Gymnasium aber nicht sinnvoll übernehmen kann, weil wir eben auch Studierende haben, die gar nicht im Gymnasium waren."

Flächendeckendes "Studium Generale"

Auch der Soziologe Klaus Hurrelmann sieht die Unis in der Pflicht. Er fordert ein flächendeckendes "Studium Generale" in Deutschland - in dem sich Studienanfänger nicht sofort auf ein bestimmtes Studienfach festlegen müssen:

"Das setzt die gymnasiale Oberstufe in einer klugen und sinnvollen Weise fort. Und ich sehe immer mit Kopfschütteln, dass wir immer noch nicht diesen Schritt in diese Richtung getan haben."

Fast ein Drittel der Studierenden beendet das Studium jedes Jahr ohne Abschluss. Offenbar stellen viele junge Menschen fest, dass sie nach der Schule einen Weg eingeschlagen haben, der nicht zu ihnen passt.

Dieter Lenzen von der Uni Hamburg fordert eine Reform der Bologna-Reform von 1999, mit der die Bachelor- und Master-Studiengänge eingeführt wurden. Mit Bologna habe sich das Studium zur Berufsausbildung entwickelt. Das müsse wieder geändert werden. Statt eines Durchhetzens durch sechs Semester Studium mit möglichst guten Noten will er, dass die Hochschulen wieder mehr Gewicht auf Bildung statt auf Ausbildung legen. Persönlichkeit statt Ellbogenmentalität, Kreativität statt Stromlinienförmigkeit:

"Nach einer Phase, in der die Unternehmen eine pure Berufsausbildung von den Hochschulen erwartet haben, stellt sich die Erkenntnis bei vielen ein, dass sie eigentlich doch interessiert sind an Persönlichkeiten, denen sie das erforderliche Fachwissen im Betrieb auch selber beibringen können. Ich habe mit einem Personalvorstandschef eines großen Dax-Unternehmens eine Wette abgeschlossen, die ich erfreulicherweise gewonnen habe: Wenn Sie 2000 Leute im Jahr einstellen, dann stellen Sie einige Hundert nicht nach den besten Noten ein, sondern aus dem zweiten Feld, aber mit einseitigen Begabungen. Das haben die gemacht, und sie waren begeistert."

Lenzen ist überzeugt: Um zu einer Persönlichkeit zu reifen, braucht es Zeit. Ein Jahr in Australien, ein Freiwilliges Soziales Jahr bei einer Kindertagesstätte oder einfach nur Jobben nach der Schule kann bei diesem Reifungsprozess helfen:

"Wenn wir Persönlichkeiten haben wollen, die Führungsqualitäten und eine gewisse Verhaltenssicherheit und Souveränität entwickeln, dann müssen sie wenigstens die Chance haben, 25 Jahre alt zu werden und ein bisschen Erfahrung gemacht zu haben, die das wirkliche Leben betreffen, und da kann ein 'Gap Year' durchaus sinnvoll sein."

Angst vor der Lücke im Lebenslauf

Gleichzeitig aber, das beobachtet auch der Soziologe Klaus Hurrelmann, haben viele Abiturienten Angst vor der berühmten Lücke im Lebenslauf. Es ist die Angst, sich gegenüber einem späteren Arbeitgeber für vermeintlich vergeudete Zeit rechtfertigen zu müssen. Außerdem, so Hurrelmann, spürten die jungen Leute, dass der Arbeitsmarkt in Europa instabil ist - und misstrauten der derzeitigen positiven Situation in Deutschland:

"Da ist schon eine Unsicherheit und ein Gefühl, dass Wettbewerb kommen könnte, und ich glaube, aus diesem Grund sind junge Leute heute sehr wachsam, sehr pragmatisch, sehr darauf bedacht sich gut zu qualifizieren. Die Bildungsabschlüsse werden immer höher, man möchte sich damit eine gute Position verschaffen, man achtet darauf, dass man lückenlos qualifiziert ist."

Die jungen Leute gehören zur Generation Ypsilon. Die Metapher kommt aus dem Amerikanischen, dort heißt es: "Generation Why". Diese Generation ist in einer Zeit der Krisen großgeworden. Der Anschlag vom 11. September 2001, Finanzkrise, Wirtschaftskrise, politische Umwälzungen. Sie fragt: Wie geht es weiter?

"Eine junge Generation also, die aus der Ungewissheit heraus eine erstaunliche Ruhe entwickelt, auf den ersten Blick, aber untergründig schon nervös ist und weiß, dass sie sich keine großen Patzer leisten kann, wenn sie weiter kommen will."

Angesprochen auf ihre künftigen Berufschancen geben unsere jungen Abiturienten und Musiker zu, darüber hätten sie sich noch keine Gedanken gemacht. Man denke zwar irgendwie an die Zukunft, sagt Julian, erledige aber das, was unmittelbar bevorsteht. Und Luisa ergänzt:

"Es ist natürlich schön, dass wir so viel Auswahl haben, aber wenn man die Qual der Wahl hat, dann ist es schon schwierig, wenn man so ein großes Angebot hat, aber man muss sich schon selbst da rein finden, seine Interessen haben und dann auch danach gucken."

Umso wichtiger ist es, ergänzt Dieter Lenzen, auch die Studienzeit wieder mehr als Zeit zur Selbstfindung zu erleben:

"Und denken wir doch mal einen Augenblick zurück an das, was man mal über die Studentenzeit gesagt hat, dass es die letzte Zeit der Freiheit ist, in der man sich orientieren kann. Das ist zurzeit zerstört über weite Strecken und ich trete entschieden dafür ein, dass wir versuchen, davon wieder etwas herzustellen."

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