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StartseiteInterview"Wir haben ein Rassismus-Problem in unserem Land"24.07.2018

Nach Özils Rücktritt"Wir haben ein Rassismus-Problem in unserem Land"

Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Grüne) hat den DFB für den Umgang mit Ex-Nationalspieler Mesut Özil kritisiert. Auch wenn das Treffen Özils mit Erdogan ein Fehler gewesen sei, hätte sich der Sportverband nach den teils rassistischen Beleidigungen hinter ihn stellen müssen, sagte sie im Dlf.

Claudia Roth im Gespräch mit Christine Heuer

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Die Grünen-Politikerin Claudia Roth (imago / Sven Simon)
Der DFB "muss Gesicht zeigen, muss deutlich machen, dass es nicht ausreicht, von Integration zu sprechen, aber Vielfalt nicht zuzulassen", fordert Claudia Roth (imago / Sven Simon)
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Das Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan bezeichnete Roth als "bescheuert". "Ich habe nicht verstanden, warum seine Manager das zugelassen haben". Das sei ein politischer Fehler gewesen, den man kritisieren müsse. Es sei aber kein Ausdruck von mangelnder Integration.

Der DFB habe eine "grobe und unglückliche Rolle" in dem Fall. "Wir haben eine harte Zeit in unserem Land", sagte Roth mit Blick auf Rassismus, Antisemitismus und Sexismus in der Gesellschaft. Der größte Sportverband der Welt müsse da Gesicht zeigen und verantwortungsvoller mit der Stimmung im Land umgehen. 

Der Bild-Zeitung warf Roth vor, eine Kampagne gegen Özil gefahren zu haben. Das sei schlimm. "Ich will nicht in einem Land leben, in dem eine Zeitung morgens erklärt, wer dazu gehört und wer nicht". 

Christine Heuer: Seit Sonntag ist es endgültig vorbei, scheint es, das deutsche Sommermärchen. Wo früher Weltoffenheit gefeiert wurde, da wird heute Rassismus beklagt. Mesut Özils spektakulärer Abschied aus der National-Elf schlägt weiter hohe Wellen. Hat der Fußballer alles richtig gemacht und der DFB alles falsch? Muss nach Özil nun auch Reinhard Grindel gehen? - Fragen über Fragen.

Am Telefon ist jetzt Claudia Roth, Grüne, Bundestags-Vizepräsidentin, Fußball-Fan. Guten Morgen, Frau Roth.

Claudia Roth: Schönen guten Morgen, Frau Heuer.

Heuer: Mesut Özil klagt, er fühle sich ungewollt. Ist er das?

Roth: Ich glaube, was Özil gesagt hat oder geschrieben hat, ist ein wirklicher Aufschrei, und wir sollten aufhören, über bescheuerte Fotos, die man kritisieren kann, zu diskutieren, dann aber, bitte schön, politisch und nicht über Integration dabei zu reden, sondern wir sollten darüber reden, was er auch schreibt, dass er sich nicht mehr dazugehörig fühlt, dass er das Gefühl hat, ausgebürgert zu werden, dass er das Gefühl hat, dass er, wenn eine Mannschaft schlecht spielt, plötzlich der Türke ist. Ich glaube, dieser Rassismus, der eine Realität ist in unserem Land, der muss uns angehen. Über den müssen wir reden und über den müssen wir uns Gedanken machen.

"Das ist doch Rassimus"

Heuer: War die Kritik an Özil aus Ihrer Sicht rassistisch motiviert?

Roth: Schauen Sie sich an, was los ist, was die "Bild"-Zeitung seit Wochen gegen Özil gefahren hat, was im Deutschen Bundestag eine Partei, die AfD fährt gegen den sogenannten "deutschen Spieler", eine AfD, die schon lange nicht mehr von der Nationalmannschaft spricht, sondern von der Mannschaft, und sagt, hätten wirklich echte Deutsche gespielt, dann hätte man die Weltmeisterschaft gewinnen können. Das ist doch Rassismus. Wenn ein Boateng nicht der gute Nachbar sein soll von einem Herrn Gauland, wenn muslimische Mädchen in unserem Land, wenn sie ein Kopftuch tragen, angespuckt werden, wenn eine Staatsministerin nach Anatolien entsorgt werden soll oder als Musterbeispiel misslungener Integration bezeichnet wird, dann haben wir ein massives Problem in unserem Land und das müssen wir angehen, dem müssen wir uns stellen.

Heuer: Aber, Frau Roth, darf man wegen all dem, was Sie jetzt erwähnen, darf man deshalb nicht kritisieren, wenn ein Mitglied der deutschen National-Elf sich im Wahlkampf mit diesem türkischen Präsidenten fotografieren lässt?

Roth: Ja, selbstverständlich! Das ist ein bescheuertes Foto gewesen. Ich habe es überhaupt nicht verstanden, warum die Massen an Managern, die ja um diese Spieler sind, das überhaupt zugelassen haben. Das kann man kritisieren, politisch, selbstverständlich politisch. Aber es ist doch nicht ein Ausdruck, ob jemand gut integriert ist oder nicht. Man kann doch nicht sagen, wenn jemand, der eine türkische Abstammung hat - dritte Generation übrigens -, wenn er ein Foto mit Erdogan macht, dann ist er nicht gut integriert. Mit Verlaub, wer hat etwas zu Matthäus gesagt? Ist Matthäus auch nicht gut integriert, der erzählt, die beste Weltmeisterschaft überhaupt hat Putin gemacht, der Putin-Bilder macht? Was sind denn das für Maßstäbe? - Ja, kritisieren, aber das ist sein Ding. Da hat er, finde ich, einen Fehler gemacht, einen politischen Fehler. Aber das sind Maßstäbe, die müsste man dann auch an die FIFA anlegen. Die müsste man übrigens auch an die Bundesregierung anlegen. Eine Frau Merkel hat auch eine Woche vor einer Wahl in der Türkei Wahlkampf für Herrn Erdogan gemacht. Man macht dicke Rüstungsgeschäfte und dicke Wirtschaftskooperationen mit der Türkei. - Kritik ja, aber deswegen ist er doch trotzdem integriert.

"Deswegen ist Özil doch nicht besser oder schlechter integriert"

Heuer: Der Unterschied, Frau Roth, ist aber doch: Frau Merkel muss mit Herrn Erdogan sprechen. Sie muss sich mit ihm fotografieren lassen. Mesut Özil hat das freiwillig gemacht, aus Respekt, wie er sagt, für die Tradition seiner Familie, und das sei nicht politisch gemeint gewesen. Muss er sich dafür nicht tatsächlich Kritik gefallen lassen und sich vielleicht auch mal entschuldigen

Roth: Frau Merkel muss nicht eine Woche vor einer Wahl in der Türkei Foto-Shooting mit Herrn Erdogan machen. Das muss sie nicht. Man muss auch keine Rüstungsgüter liefern und man muss auch nicht die Wirtschaft noch weiter brummen lassen, angesichts der Realität in der Türkei.

Herr Özil - noch einmal: Ich finde es falsch. Ich finde es politisch falsch. Das ist seine Meinung. Die ist politisch falsch. Dafür ist er heftig zu Recht auch kritisiert worden. Aber was jetzt passiert ist, ist ja, dass er plötzlich nicht mehr dazugehören soll, dass er sogar verantwortlich gemacht wird für das Scheitern der Nationalmannschaft, und das halte ich für richtig falsch. Übrigens bemerkenswert: Wer sich daran erinnert, dass Mesut Özil 92mal für die deutsche Nationalmannschaft gespielt hat, dass er in den letzten acht Jahren fünfmal Nationalspieler des Jahres war - das müsste man Uli Hoeneß vielleicht auch noch mal deutlich machen -, dass er 2010 in Berlin, als Deutschland gegen die Türkei gespielt hat, im Stadion als Volksverräter von türkischen sogenannten Fans aus der Türkei ausgepfiffen worden ist, und er hat trotzdem unglaublich gut gespielt, weil er Deutscher ist, das muss man doch jetzt in den Vordergrund stellen. Die politische Sache: Okay, da hat er einen Fehler gemacht, finde ich auch, geht nicht. Aber deswegen ist er doch nicht besser oder schlechter integriert.

"DFB hat sich nicht vor die Spieler gestellt"

Heuer: Ist Reinhard Grindel ein Rassist, Frau Roth? Mesut Özil in seiner dreiteiligen Abrechnung legt diesen Vorwurf ziemlich nahe.

Roth: Ich würde nicht sagen, dass Reinhard Grindel ein Rassist ist. Aber ich glaube, dass der DFB eine denkbar grobe und unglückliche Rolle gespielt hat. Das ist jetzt sehr diplomatisch ausgedrückt. Schauen Sie, es gab ja andere Vorfälle von sogenannten Fußball-Fans, die zum Beispiel einen schwedischen Nationalspieler türkischer Herkunft ähnlich angemacht haben, er gehört nicht dazu, er ist ja Türke und gar kein Schwede. Was hat die schwedische Nationalmannschaft, was hat der schwedische Verband getan? Die haben sich hingestellt und haben gesagt: "Fuck Racism!" Ganz eindeutig: Wir wollen mit Rassismus nichts zu tun haben. Das hat leider der DFB so nicht gemacht. Er hat sich nicht vor die Spieler gestellt, die angegriffen worden sind. Da gehört auch ein Boateng, da gehört auch ein Rüdiger dazu. Er hat das nicht gemacht. Und dann, und das war wirklich ein grobes Faul, dass Herr Bierhoff - dafür hat er sich entschuldigt - gemacht hat, für eine, na ja, gescheiterte Weltmeisterschaft dann ausgerechnet Özil verantwortlich zu machen und das dann auch noch auf ein bescheuertes Foto mit Erdogan zurückzuführen.

Heuer: Was treibt den DFB da? Bevor Sie sagen, das müssen Sie den DFB fragen, frage ich Sie: Was vermuten Sie hinter diesen ganzen Aktionen, die Sie jetzt kritisieren?

Roth: Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, was ihn treibt. Ich glaube, sie hätten sich einfach eindeutiger hinter eine Mannschaft stellen müssen, die vor vier Jahren abgefeiert worden ist, weil sie zu Recht eine wunderbare Weltmeisterschaft gewonnen hat. Aber es reicht nicht aus, dann, wenn es hart kommt, und wir haben eine harte Zeit in unserem Land. Wir haben Menschen, die Angst haben. Wir haben Juden, die Angst haben vor dem herrschenden Antisemitismus, Muslime, die Angst haben vor der Muslimen-Feindlichkeit. Wir haben Anti-Ziganismus, wir haben Sexismus in unserem Land, und da muss auch der größte Sportverband unserer Welt, der größte Sportverband in unserem Land muss Gesicht zeigen, muss die Stimme erheben und muss deutlich machen, dass es nicht ausreicht, von Integration zu sprechen, aber Vielfalt nicht zuzulassen.

Heuer: Das ist so, wie Sie es sich wünschen, nicht passiert. Klare Frage, Frau Roth: Muss Reinhard Grindel den Hut nehmen?

Roth: Das entscheide ich nicht heute Morgen am Telefon.

Heuer: Aber Sie haben ja eine Meinung dazu.

Roth: Ja. Ich würde mir sehr, sehr wünschen, dass der DFB wieder, sagen wir mal, verantwortlicher mit einer Stimmungsmache in unserem Land umgeht, mit den Spielern umgeht, aufhört zu sagen, Fußball hat nichts mit Politik zu tun. Wir sehen, wie massiv das mit Politik zu tun hat, mit Gesellschaftspolitik zu tun hat. Und ich verstehe, wenn Theo Zwanziger sagt, das ist unendlich traurig, was jetzt passiert, denn ein Stück weit war die Nationalmannschaft in den vergangenen Jahren, so wie sie ausgesehen hat, wie sie aufgestellt war und wie sie gespielt hat, auch ein Bild der Realität in unserem Land, und das ist die Realität. Wir sind eine multikulturelle, auch multireligiöse Gesellschaft, und da kann ein Spieler auch Muslim sein und da kann er, egal woher er kommt, ein sehr guter deutscher Nationalspieler sein.

"Da ist der DFB gefordert"

Heuer: Frau Roth, Ihre Parteikollegen Künast, Nouripour und Özdemir fordern alle den Rücktritt von Reinhard Grindel. Sie tun das nicht. Warum?

Roth: Weil ich Claudia Roth bin und nicht Künast oder andere.

Heuer: War es nicht so schlimm? War es am Ende nicht so schlimm, dass es für einen Rücktritt reicht, aus Ihrer Sicht?

Roth: Nee, nee, nee! Das muss der DFB untereinander entscheiden. Ich glaube, er hat wirklich ganz grobe Fehler gemacht, Reinhard Grindel und die gesamte DFB-Spitze, das ganze Team, und ich glaube, da sind einige jetzt gefragt. Da ist Grindel gefragt, da ist der DFB insgesamt gefragt, wie sich ein DFB nach einer solchen Geschichte neu aufstellt. Da wünsche ich mir aber auch andere. Warum hat Neuer zum Beispiel sich nicht geäußert als Kapitän? Wo ist Lahm, der lange Zeit der Kapitän war und mit Özil viele Spiele gewonnen hat? Da sind viele, da ist nicht nur Reinhard Grindel.

Heuer: Wo ist Joachim Löw, auch eine Frage?

Roth: Ja, Joachim Löw.

Roth: Oder Herr Bierhoff?

Roth: Die gehören eigentlich alle dazu. Da gehören alle dazu.

Heuer: Was erwarten Sie von denen? Weil die Diskussion, die bewegt ja ganz Deutschland im Moment, und man hört so gar nichts.

Roth: Moment! Wir haben ein Rassismus-Problem in unserem Land. Da ist der DFB gefordert, da ist aber auch die deutsche Politik gefordert. Und ich muss Ihnen eins sagen: Wenn unser Außenminister das Thema Rassismus so abhandelt, als wäre das gar kein Problem - es geht ja um einen in England lebenden Multimillionär -, dann, glaube ich, tickt der auch nicht ganz richtig, sondern dann hat er nicht erkannt, was los ist in diesem Land. Deswegen: Der DFB, ja, muss seine Hausaufgaben machen, Gesicht zeigen, sich dazu verhalten, und dann werden die sehr wohl entscheiden müssen, wer die richtigen Fähigkeiten hat, diesen großen Sportverband zu führen. Aber es ist wohlfeil, jetzt zu sagen, ich fordere den Rücktritt von Grindel, sondern ich sage, Grindel soll jetzt Verantwortung übernehmen und soll gucken, dass das wieder auf den richtigen Weg kommt und vielleicht sogar für Özil ein Abschiedsspiel organisieren.

Heuer: Vielleicht können die beiden ja mal wieder miteinander reden. Da bräuchte es vielleicht eine Moderatorin. Wie wäre es mit Ihnen?

Roth: Ich weiß nicht, ob ich da die richtige bin. Ich will nur sagen: Ich bin ein richtiger Fußball-Fan und ich finde es wirklich schlimm, was in diesem Land passiert, was auch im Bundestag passiert, dass man eine Mannschaft, eine Nationalmannschaft auf eine Art und Weise beschimpft, und zwar nicht, weil sie vielleicht nicht gut gespielt hat, das ist, glaube ich, unstrittig, sondern weil sie ja gar keine richtige Nationalmannschaft sei. Und wenn das die Reden im Bundestag sind, dann muss ich Ihnen sagen, Frau Heuer, dann haben wir insgesamt ein Problem in diesem Land und dann ist nicht nur der Abschied von Herrn Grindel vielleicht das Richtige, sondern dann müssen wir endlich mal sehen, was los ist, was da gärt. Ich will nicht in einem Land leben, wo es eine Partei gibt oder eine Zeitschrift gibt oder eine Zeitung gibt, die morgens erklärt, wer dazugehört und wer nicht. Zur Heimat Deutschland - wo ist eigentlich der Heimatminister? Der soll doch mal sagen, wer gehört dazu und wer nicht.

Heuer: Herr Seehofer soll sich äußern?

Roth: Herr Seehofer äußert sich zu sehr viel. Jetzt könnte er zum Beispiel als Heimatminister sagen, dass zu Heimat all die gehören, die hier leben bei uns im Land und die dazugehören, und da gehört natürlich auch ein Gelsenkirchener Özil dazu, der möglicherweise politische Auffassungen hat, die ich auch nicht teile, die viele nicht teilen, aber das kann nicht der Maßstab sein, ob jemand dazugehört und ein guter Deutscher ist oder nicht.

Heuer: Claudia Roth von den Grünen, Bundestags-Vizepräsidentin und Fußball begeisterte Zuschauerin. Vielen Dank fürs Gespräch, Frau Roth.

Roth: Danke, Frau Heuer. Vielen Dank. Auf Wiederhören.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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