Freitag, 29.05.2020
 
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Nadav Eyal"Revolte"

Der israelische Journalist Nadav Eyal ist um die Welt gereist, um die Ursachen politischer Verwerfungen zu verstehen. Er sprach mit deutschen Neonazis und mit Dürre-Opfern in Sri Lanka, er analysiert Migration, Nationalismus und Globalisierung. Seine Diagnose: Wir erleben eine weltweite Revolte.

Von Sebastian Engelbrecht

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Das Buchcover von Nadav Eyals Buch "Revolte". Im Hintergrund die "Revolutionäre 1. Mai-Demonstration" in Berlin. (AFP / John MacDougall / Ullstein Verlag)
Warum die Welt aus den Fugen gerät: Analysen des israelischen Journalisten Nadav Eyal (AFP / John MacDougall / Ullstein Verlag)
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Alles wird besser. Die Bilanz des Fortschritts kann sich sehen lassen. Die Zahl der Kriege zwischen Staaten ist seit dem Zweiten Weltkrieg zurückgegangen. Heute können 86 Prozent der Weltbevölkerung lesen und schreiben, 1950 beherrschte nicht mal die Hälfte der Menschen diese Kulturtechnik. Und die Kindersterblichkeit ist seit 1990 um die Hälfte gesunken.

Diese ermutigenden Zahlen hat Nadav Eyal gesammelt, 40 Jahre alt, Journalist beim israelischen Kanal 13, einem der größeren Privatfernsehprogramme des Landes. Trotz alledem sieht Eyal die westliche Welt in einer Krise. Er glaubt sie in einer "Revolte", im "Aufstand gegen die Globalisierung" begriffen:

"Was als ‚Unbehagen an der Globalisierung‘ begann, verwandelte sich in eine regelrechte Revolte gegen die Weltordnung, aus der wiederum der Grundkonflikt unserer Zeit hervorging – der Kampf um die Ideen des Fortschritts selbst."

Krankheit und Krise

Die Revolte unserer Zeit bedrohe den Fortschritt, meint Nadav Eyal: Populisten und Nationalisten stellen die Erfolge der globalisierten Welt in Frage – einer Welt, in der weltweiter Handel, internationaler Austausch und interreligiöse Existenz zur Normalität geworden sind. Jede Krise dieser Welt nutze den Revoltierenden: Sie nähren sich durch Probleme wie Ausbeutung, Ungleichheit, Umweltschäden und Bedrohung der Identität.

"Nationalismus und Fundamentalismus sind wie eine Autoimmunkrankheit, und die bricht im Moment der Krise aus. Die Krise kann zum Beispiel die Ankunft von mehr als einer Million Flüchtlinge sein, wie es hier geschehen ist."

Nadav Eyal beschreibt in seinem Buch diese von ihm wahrgenommene "Revolte". Und er versucht zu ergründen, warum die Welt aus den Fugen zu sein scheint, warum Populisten wie Trump und Johnson die Macht erobern können, warum eine Partei wie die AfD von Erfolg zu Erfolg eilt. Der 40-jährige Eyal hat dabei schon einiges von der Welt gesehen. Er war Reporter für den israelischen Armeerundfunk, berichtete aus dem Westjordanland, aus London und den USA. Für sein Buch reiste er unter anderem nach Griechenland und sprach mit Dürre-Opfern in Sri Lanka.

Revolte von rechts

Nicht als erster stellt Nadav Eyal fest, dass sich Populisten und Fundamentalisten heute digitaler Medien bedienen können, um ihre zynische Weltsicht zu verbreiten. Dabei könnte das Internet größtmöglicher Mündigkeit und Aufklärung dienen. Es könnte dazu dienen, Wahrheit und Lüge besser zu unterscheiden. Die Populisten aber nutzten es, so Eyal, lediglich zur Verbreitung von Demagogie und Propaganda. Rechtsradikale missbrauchten das Internet, um ihr – Zitat - "binäres und rigides Weltbild" unters Volk zu bringen.

Es fällt auf, dass der Israeli Nadav Eyal vor allem in der Revolte der Rechtspopulisten und -extremisten eine Gefahr sieht – und weniger im islamischen Fundamentalismus – die Umkehrung eines sonst üblichen israelischen Narrativs.

"Der islamische Fundamentalismus hat keine reelle Chance, in den nächsten Jahrzehnten größere politische Macht in Europa zu erlangen. Doch bei der extremen Rechten in Europa sieht das anders aus. Sie blickt nicht nur zuversichtlich in die Zukunft, sondern weiß auch, dass sie in Europa schon einmal an der Macht war und bessere Chancen hat, eine Mehrheit zu erlangen."

Aber Nadav Eyal hat erkannt, dass die "Revolte" gegen die unübersichtliche, die globalisierte Welt nicht nur von rechts kommt. Und überhaupt macht er den Revoltierenden keine Vorwürfe.

"Ich umarme die Revoltierenden. Ich denke, die meisten Revoltierenden sind keine AfD-Wähler. Und auch die, die AfD wählen wie auch die Trump-Wähler möchte ich nicht alle in einen Topf werfen. Ich habe Menschen getroffen, die haben zweimal Obama gewählt und dann Trump. Sind sie plötzlich zu Rassisten geworden? Die Antwort ist: nein. Menschen revoltieren momentan aus zwei Richtungen. Es gibt auch die, die wegen der Klimakrise revoltieren."

Nadav Eyals Umarmungsversuche reichten so weit, dass er sich in Thüringen mit Neonazis traf. So drang er zu einer der Quellen der abgründigen und widersprüchlichen Reden der Rechtsextremisten vor.

"Zeitalter der Verantwortung"

Anders als viele Journalisten belässt es Nadav Eyal nicht bei der Analyse von Fakten. Er ruft auch auf zum Kampf für seine Ideale, also für Aufklärung und Rationalität, für ein gemeinsames Zusammenleben über die Grenzen von Nation und Religion hinweg. Dieser leidenschaftliche Appell macht Eyals Buch besonders lesenswert. Sein Ansatz ist antifatalistisch und konstruktiv.

Fast schon wehmütig blickt er auf ein "Zeitalter der Verantwortung" zurück, die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und nach der Shoah, eine Zeit, in der sich Staaten und Gesellschaften von Idealen wie Aufklärung, Demokratie und Menschenrechten leiten ließen. Dieses Zeitalter sei vorüber – seit dem 11. September 2001 und seit der Finanzkrise von 2008.

Heute, fordert Nadav Eyal, müsse die Welt zurück zu den Idealen dieses Zeitalters. Das aber könne man nur "durch permanentes Ringen" erreichen und durch Engagement.

"Gewinnen wird der, der es versteht, die Energie der Revolte umzulenken – zugunsten eines neuen Narrativs."

"Die Welt blickt auf Berlin"

Das neue Narrativ ist zugleich das alte: das Ideal des von Nadav Eyal beschworenen "Zeitalters der Verantwortung". Also propagiert er Solidarität statt Turbokapitalismus, verbindliche Vereinbarungen zur Lösung der Klimakrise, Einfluss der ärmsten Weltregionen im UN-Sicherheitsrat – und er sieht die Flüchtlingskrise als Chance für vergreisende Gesellschaften. Beispielhaft erzählt Eyal die Geschichte einer syrischen Flüchtlingsfamilie, die er vor ein paar Jahren auf der griechischen Insel Kos traf.

"Heute arbeiten sie. Sie kaufen sich eine Wohnung. Sie studieren. Sie sprechen alle Deutsch. Hier! Sie wohnen nicht weit von Frankfurt. Der Vater arbeitet als Busfahrer. Ein halbes Jahr, nachdem er hierher kam, begann er zu arbeiten. Ihre Aufnahme hier ist phantastisch."

Deutschland dient dem Autor an diesem Punkt als positives Beispiel. Eyal sieht die Deutschen aber in Zeiten der "Revolte" auch ganz besonders in der Pflicht. In einem Nachwort zur deutschen Ausgabe schreibt er, wenn Deutschland dabei scheitere, seine Zuwanderer zu integrieren, dann werde auch ganz Europa scheitern. Wenn Deutschland im Kampf gegen den Antisemitismus verliere, dann verliere auch Europa. Nadav Eyal spitzt seine These zu, indem er angesichts einer laufenden Revolte schreibt: "Die Welt blickt auf Berlin."

Nadav Eyal: "Revolte. Der weltweite Aufstand gegen die Globalisierung",
Ullstein Verlag, 496 Seiten, 29,99 Euro.

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