Mittwoch, 20.10.2021
 
Seit 03:30 Uhr Forschung aktuell
StartseiteInterviewMützenich (SPD) hofft auf Vermittlerrolle der USA17.05.2021

Nahost-KonfliktMützenich (SPD) hofft auf Vermittlerrolle der USA

SPD-Fraktionsvorsitzende und Nahost-Experte Rolf Mützenich äußerte im Dlf die Hoffnung, dass die USA wieder verstärkt eine Vermittlerrolle im Nahost-Konflikt einnehmen könnten. Unter Präsident Donald Trump sei das total vernachlässigt worden, sagte er im Dlf.

Rolf Mützenich im Gespräch mit Stefan Heinlein

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Rolf Mützenich im Porträt bei seinem Statement im Mai 2021 im Vorfeld der Fraktionssitzung der SPD Bundestagsfraktion im Reichstagsgebäude (picture alliance / dpa / Flashpic / Jens Krick)
"Es geht jetzt insbesondere erst mal darum, ganz genau den Konflikt einzuhegen", sagte der Rolf Mützenich (SPD) im Dlf (picture alliance / dpa / Flashpic / Jens Krick)
Mehr zum Thema

Eskalation in Jerusalem Die Hintergründe der Gewalt

Nahostkonflikt Konfrontation auch im Fußball

Pro-palästinensische Demonstrationen Pädagoge Brumlik: Legitime Kritik wird durch antisemitischen Tonfall delegitimiert

Raketen in Nahost Droht ein neuer Krieg?

Gewalt von Israelis und Palästinensern Eskalation nach Zwangsräumung

Die USA haben in einer Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats ein Ende der Gewalt zwischen Israel und den Palästinensern gefordert. Eine gemeinsame Resolution des Sicherheitsrats scheiterte nach Angaben von Diplomaten am Widerstand der USA. UN-Generalsekretär Guterres hatte zum Auftakt der öffentlichen Sitzung ein Ende der Gefechte verlangt und vor unkontrollierbaren Folgen für den gesamten Nahen Osten gewarnt.

Derweil gehen die Kämpfe zwischen Israel und militanten Palästinensern unvermindert weiter. Das israelische Militär hat nach eigenen Angaben erneut das Tunnelsystem der islamistischen Hamas im Gazastreifen angegriffen. Kampfflugzeuge hätten rund 35 Ziele im Laufe der vergangenen Nacht beschossen, teilte die Armee Montag früh (17. Mai) mit. Dabei seien etwa 15 Kilometer des sogenannten Metro-Systems attackiert worden. Dieses ist dem Militär zufolge von der Hamas über Jahre aufgebaut worden. Es dient demnach unter anderem dem Schutz von Kämpfern und deren schneller Verlegung. Laut Armee wurden außerdem Häuser von neun hochrangigen Kommandeuren der radikal-islamischen Hamas angegriffen. Einige der Gebäude seien auch als Waffenlager genutzt worden, hieß es. 

Israels Premierminister Benjamin Netanjahu erklärte, die Kampagne gegen die Hamas werde mit voller Wucht fortgesetzt. Die Palästinenserorganisation hatte zuvor weitere Raketen auf Israel abgefeuert; Ziele waren die Städte Beerscheba und Aschkelon. 

Palästinenser beten in Sheik Jarrah, rechts sind Teile von Häusern der israelischen Siedlern zu sehen. (Deutschlandradio/Benjamin Hammer) (Deutschlandradio/Benjamin Hammer)Die Hintergründe der Gewalt
Israel und der Gazastreifen sind Schauplatz schwerer Zusammenstöße. Akute Auslöser sind angedrohte Zwangsräumungen palästinensischer Familien oder auch jüdische Feierlichkeiten am Tempelberg. Aber auch Jahrzehnte zurückliegende Ereignisse spielen eine zentrale Rolle.

Stefan Heinlein: Das Kämpfen müsse enden – wird dieser Appell des Weltsicherheitsrates gehört werden von den Konfliktparteien im Nahen Osten?

Mützenich: Das glaube ich schon. Insbesondere hat ja auch die Europäische Union in der letzten Woche schon Anstrengungen unternommen. Estland ist zurzeit im Sicherheitsrat, um auch die europäische Stimme dort deutlich zu machen. Und wir müssen alles versuchen, jetzt doch eine verbindliche Resolution zu schaffen. Es ist scheinbar so, dass die USA der israelischen Regierung noch einige Zeit, letztlich auch Handlungsmöglichkeiten eröffnen will, bevor sie auch vielleicht bereit ist, zu dieser Resolution zu kommen.

Neuausrichtung der US-Nahostpolitik

Heinlein: Warum hält aber offenbar auch die neue US-Regierung, der neue Präsident Joe Biden weiter seine Hand über die Politik von Premier Netanjahu?

Mützenich: Es ist ja gerade in dem Beitrag deutlich geworden, dass bestimmte Dinge, die Trump der israelischen Regierung zugesichert hat – wir haben eine Neuorientierung einiger arabischer Staaten gegenüber Israel –, noch nicht genau neu justiert werden konnte durch die US-Regierung. Ich glaube, das ist der Hintergrund. Aber wir haben ja zurzeit einen Beauftragten des amerikanischen Außenministers in der Region, der, glaube ich, auch versucht, letztlich deutlich zu machen, was die Politik der US-Regierung in den nächsten Wochen und Monaten sein kann.

Die Polizei hält eine Teilnehmerin der Demonstration verschiedener palästinensischer Gruppen in Neukölln fest. Zum jährlichen Gedenktag Nakba am 15. Mai erinnern Palästinenser an die Flucht und Vertreibung von Hunderttausenden Palästinensern aus dem Gebiet des späteren Israels. (dpa/picture alliance/Fabian Sommer) (dpa/picture alliance/Fabian Sommer)Pädagoge: Legitime Kritik wird durch antisemitischen Tonfall delegitimiert
Die Eskalation im Nahen Osten führt auch in Deutschland seit Tagen zu Protesten und Ausschreitungen. Der Publizist und Pädagoge Micha Brumlik kritisierte im Dlf, dass viele nur ein Ventil suchten, "um Judenhass an den Tag zu legen".

Wir haben ein großes Problem. Leider ist der Konflikt zwischen Palästina und Israel in den vergangenen Jahren in den Hintergrund gerückt. Es ist keine politische Anstrengung unternommen worden.

Heinlein: Was wäre denn aus Ihrer Sicht notwendig? An welchen Stellen müsste die US-Nahost-Politik neu justiert werden?

Mützenich: Es geht natürlich jetzt insbesondere erst mal darum, ganz genau den Konflikt einzuhegen. Ich habe große Sorgen, dass dieser Konflikt ganz schnell auch noch entgrenzt – Libanon, Syrien. Wir haben iranische Kräfte in Syrien. Wir haben ein großes Raketenpotenzial im Libanon über die Hisbollah. Ich glaube, darauf muss man sich jetzt konzentrieren. Deswegen ist ja auch eine Waffenruhe so wichtig. Auf der anderen Seite glaube ich schon, dass die US-Regierung vielleicht auch durch diesen Konflikt sagt, wir müssen uns dem zuwenden und versuchen, zumindest neue vertrauensbildende Schritte zu erreichen. Das hat Trump total vernachlässigt.

Mützenich: US-Botschaft bleibt vermutlich in Jerusalem

Heinlein: Wäre eine solche vertrauensbildende Maßnahme, ein solches Signal die Botschaft, man zieht mit der US-Botschaft nicht um nach Jerusalem, sondern bleibt in Tel Aviv beziehungsweise geht wieder zurück?

Mützenich: Das könnte es sein. Es gab aber in der Vergangenheit auch immer wieder starke Kräfte im Kongress, die für diesen Schritt auch plädiert hatten. Ich glaube, dass die amerikanische Regierung sehr pragmatisch mit dieser Frage umgehen wird. Konkret diesen Beschluss zurückzudrehen, glaube ich eher nicht, aber man wird auch wahrscheinlich keine aktiven Schritte in Richtung Jerusalem machen.
Heinlein: Reden wir über die aktuelle Situation. Die Kämpfe gehen weiter. Israel hat angekündigt, Netanjahu hat angekündigt, es werde noch einige Tage oder noch lange Zeit dauern. Was, glauben Sie, sind die Kriegsziele von Israel, der Regierung Netanjahu?

Mützenich: Man muss deutlich machen und es ist ein Angriffskrieg von Seiten der Hamas und des islamischen Dschihad gewesen. Es gibt ein Recht auf Selbstverteidigung. Darauf wird die israelische Regierung genauso wie alle Länder darauf bestehen, diese Selbstverteidigung zu nutzen. Ich glaube, man wird sehr stark versuchen wollen, den militärischen Arm und auch die anderen Gruppen zu schwächen, das Raketenpotenzial zurückzuführen, genau wie man das 2014 versucht hat. Aber das Entscheidende wird natürlich sein, was passiert danach. Wird es dann politische Anstrengungen geben? Aber wir sind in einem großen Dilemma, auch die palästinensische Autonomiebehörde. Abbas, der eigentlich sogar auch indirekt diese Situation mit provoziert hat, steht natürlich auch vor großen politischen Herausforderungen, und es ist ein Dilemma. Auch in Israel gibt es keine handlungsfähige Regierung. Wir hatten die Chance sogar, dass arabische Parteien in eine neue Koalition kommen. Alles das liegt jetzt am Boden. Ich muss ehrlich sagen, ich weiß nicht, wo man am besten zuerst anfasst.

"Enttäuschung" der Palästinenser über die Hamas

Heinlein: Israel hat das Recht auf Selbstverteidigung, haben Sie gerade noch mal betont. Gilt das auch umgekehrt für die Menschen im Gaza-Streifen? Haben auch diese Menschen das Recht, sich selbst zu verteidigen und ihre Familien zu schützen?

Mützenich: Sie haben natürlich das elementare Interesse, am Leben zu bleiben, und ich glaube, es ist ja sehr deutlich geworden, auch in den vergangenen Jahren, die Hamas hat es nicht geschafft, die Lebenssituation im Gaza-Streifen zu verbessern. Sie hat sehr stark auf den militärischen Arm gesetzt. Sie war nicht bereit gewesen, auch den Versuch vertrauensbildender Maßnahmen einzugehen. Alles das hat Enttäuschung hervorgerufen, auf der anderen Seite aber auch die PLO, und genau das sieht man ja, dass es den Versuch gegeben hat, wenn die Wahlen stattgefunden hätten in den palästinensischen Gebieten, dass sich auch neue Kräfte etabliert hatten, und mein Eindruck war gewesen, dass zumindest ein Teil der Bevölkerung auch diese Alternative gewünscht hätte.

Ein Polizeiwagen steht vor der Synagoge in Gelsenkirchen. Am Vorabend hatte die Polizei einen antisemitischen Demonstrationszug gestoppt, der sich in Richtung des Gebäudes bewegte. Als Folge wurden die Sicherheitsvorkehrungen vor jüdischen Gebäuden in Nordrhein-Westfalen erhöht. (picture alliance/dpa | Roberto Pfeil) (picture alliance/dpa | Roberto Pfeil)Von Israelhass und Antisemitismus scharf abgrenzen
Israelhass und Antisemitismus sind nicht voneinander zu trennen, kommentiert Sebastian Engelbrecht. Darum müsse auch erneut über die antiisraelische Boykottinitiative BDS diskutiert werden.

Heinlein: Eine neue Qualität, Herr Mützenich, im aktuellen Nahost-Konflikt sind die Unruhen in Israel selbst bei der arabischen Bevölkerung. Sind diese Unruhen in diesen mehrheitlich arabisch bewohnten Orten Israels letztendlich die größere Bedrohung für die Sicherheit Israels als die Angriffe der Hamas?

Mützenich: Wahrscheinlich schon, weil natürlich man schwer auf diese Situation allein nur mit Sicherheitsmaßnahmen wird Einfluss nehmen können. Wir haben eine aufgeheizte Situation. Wir haben gesehen, dass möglicherweise auch zu Lynchjustiz gegriffen wird auf allen Seiten. Langfristig ist das natürlich für den Zusammenhalt eines Staates, wo etwa 20 Prozent arabische Israelis in diesem Staatsgefüge sind, eine große Herausforderung. Insbesondere muss die israelische Regierung bereit sein, nicht nur den Siedlungsstopp zurückzunehmen, sondern ihn aus dem Weg zu räumen, wenn man wirklich ein friedliches Miteinander schaffen will.

Netanyahus Verhandlungen mit arabischen Parteien

Heinlein: Glauben Sie, dass es diese Bereitschaft geben wird mit einem Ministerpräsidenten Netanjahu, der ja innenpolitisch zu profitieren scheint von dem aktuellen Konflikt?

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, die nordrhein-westfälische Antisemitismusbeauftragte (picture alliance/dpa/Federico Gambarini) (picture alliance/dpa/Federico Gambarini)"Jüdisches Leben und die jüdischen Einrichtungen sind in Gefahr"Gegen Antisemitismus müsse man mit Aufklärung ankämpfen, doch mit rationalen Argumenten komme man nicht immer weiter, sagte Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, die Antisemitismusbeauftragte von NRW, im Dlf.

Mützenich: Schwerlich unter Netanjahu, wenn ich die Folie nehme aus den letzten Jahren, der sich ja diesem Konflikt nicht mehr zugewendet hat und auch alles versucht hat, dass arabische Staaten sich von dem Problem gelöst haben. Ich glaube, er wird bei seiner Strategie bleiben, wobei auf der anderen Seite: Wir haben gesehen, auch er hat mit arabischen Parteien, mit einem neuen Bündnis versucht zu verhandeln. Aber von daher glaube ich zurzeit nicht. Es wird eher dazu kommen, dass es wahrscheinlich eine weitere fünfte Wahl innerhalb kürzester Zeit in Israel geben wird, vielleicht sogar dann wieder mit einer Stärkung, deutlicheren Stärkung Netanjahus.

Heinlein: Haben auf beiden Seiten, bei Israelis und Palästinensern, derzeit die Hardliner, die Ideologen das Sagen?

Mützenich: Das ist das Problem mit Sicherheit zurzeit auf der Seite der Hamas. Auf der anderen Seite haben wir eine vollkommen schlecht aufgestellte PLO und letztlich auch eine Fatah, die nur noch aus alten Männern besteht, die sich versucht, an der Macht zu halten. Das ist leider das Problem und das macht ja auch die internationale Vermittlung, auch die internationale Einflussnahme so schwierig.

Der Nahostkonflikt auf deutschen Straßen

Heinlein: Hass und Ideologie, das konnten wir stellenweise auch in den vergangenen Tagen auf deutschen Straßen und Plätzen erleben. Kundgebungen an diesem Wochenende in Berlin und anderen deutschen Städten. Herr Mützenich, wie groß ist die Gefahr, dass der Nahost-Konflikt stellvertretend auch auf deutschen Straßen und Plätzen ausgetragen wird?

Mützenich: Er ist ja die ganze Zeit da. Das ist ja das Problem. Jetzt wird er noch mal wieder öffentlich virulent durch die Proteste. Es hat niemand ein Recht, auf jüdische Synagogen letztlich mit Parolen oder auch sogar mit Gewalt zu reagieren. Aber das Problem ist, dass wir diese Situation schon seit mehreren Jahren hier in Deutschland haben, weil ja auch – und das sehen wir als Reaktion – Synagogen weiterhin geschützt werden müssen, aber auch jüdische Gemeinden, die ein Gemeindeleben mitten in den Orten versuchen wollen aufzubauen. Das ist nicht nur ein Sicherheitsproblem, sondern das ist auch ein Problem für das Zusammenleben vor Ort.

Heinlein: Ist die Integration an dieser Stelle arabischer Minderheiten gescheitert?

Mützenich: Gescheitert kann ich nicht sagen, weil ich kenne auch aus Köln Menschen, die zugewandert sind und den Kontakt zu jüdischen Gemeinden gesucht haben. Aber natürlich sind gerade in einer solch aufgeheizten Situation die Gewaltbereiten, die dann natürlich auch die Situation beherrschen, und das ist das Bittere. Deswegen muss man sich dafür einsetzen, für jüdisches Leben in den Orten vor Ort, und man muss auch versuchen, über Kirchen und andere Organisationen zu einem Zusammenführen letztlich zu kommen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk