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StartseiteTag für Tag"Wir sind keine Täterkirche" 05.12.2018

Namibias Kirchen und die Kolonialzeit Teil 1"Wir sind keine Täterkirche"

Beim Vernichtungskrieg in Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, gegen Herero und Nama beteiligten sich auch Pfarrer. 2017 legte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) dazu ein Schuldbekenntnis ab, doch die deutsche Evangelisch-lutherische Kirche Namibias (DELK) schließt sich dem nicht an.

Von Birgit Morgenrath

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Gedenkfeier im Französischen Dom am 29. August 2018: Schädel von Herero und Nama  (picture alliance / AA)
Gedenkfeier im Französischen Dom am 29. August 2018: Schädel von Herero und Nama (picture alliance / AA)
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An einem Sonntag im Oktober haben sich rund 50 Gläubige zum Gottesdienst in der Christuskirche eingefunden, dem wohl wichtigsten Wahrzeichen und Touristenziel der namibischen Hauptstadt Windhoek. Die für deutsche Verhältnisse eher kleine, hübsche Kirche wurde nach dem Genozid 1910 erbaut. Sie galt als Zeichen des Sieges über den Aufstand der afrikanischen Einheimischen die zwischen 1904 und 1908, gegen ihre Unterdrückung, gegen Landnahme, Prügelstrafen und Vergewaltigungen aufbegehrten.

Wahrzeichen des siegreichen deutschen Reiches

Der für den Bau verantwortliche Pfarrer Wilhelm Anz schrieb seinerzeit, die Kirche solle …

"… mit der Wucht ihres Baues die vielen bescheidenen Backsteinkirchlein der Mission überdauern und ein Wahrzeichen von der Würde des siegreichen deutschen Reiches werden."

Noch während der Bauzeit waren Überlebende des Genozids in Konzentrationslagern nahe der Kirche unter menschenunwürdigen Bedingungen eingesperrt. Sie mussten Zwangsarbeit leisten und viele starben an Hunger und Krankheiten. Die evangelischen Geistlichen schwiegen dazu und nahmen dankend die von Kaiser Wilhelm II. gestifteten bunten Glasfenster für den Altarraum der Kirche entgegen. An der rechten Kirchenwand befestigten sie drei kolossale Bronzetafeln mit 2.000 Namen:

"Den seit Errichtung der deutschen Schutzherrschaft für Kaiser und Reich gefallenen Kameraden, sowie den seit dieser Zeit für das Schutzgebiet um das Leben gekommenen deutschen Bürgern, Frauen und Kindern zum ehrenden Angedenken, gewidmet von der Schutztruppe und der Bevölkerung dieses Landes."

Ein Gedenkzeichen an die etwa 90.000 afrikanischen Opfer des Völkermords sucht man auch gut 100 Jahre später vergebens. Der aktuelle "Wegweiser" der Windhoeker Gemeinde schreibt, dass man darüber nachdenke:

Segnung der Truppen

"Welche Formen des Gedenkens sind richtig, welche sind falsch? Wer setzt die Kriterien dafür an? Wie könnten sie aussehen? Der Gemeindekirchenrat untersucht diese Fragen für die Tafeln in der Christuskirche. Am Ende des Prozesses soll eine namibische Gedenk- und Versöhnungskultur stehen - mit den Tafeln."

In Deutschland kritisieren evangelische Christen, etwa die der "Solidarischen Kirche im Rheinland" und des "Mainzer Arbeitskreises Südliches Afrika" seit vielen Jahren, dass EKD und DELK die Kolonialgeschichte unvollständig erzählen. Ausgeblendet werde zum Beispiel,

"Dass die damaligen Pfarrer in Windhoek die Truppen vor dem Einsatz in der Kirche gesegnet und später im Feld mit Gottesdiensten begleitet haben. Dass der Altar während der Gottesdienste mit einer Reichskriegsflagge bedeckt war. Und dass nicht nur die Kleriker, sondern alle Gemeindemitglieder als Soldaten, Siedler, Kolonialbeamte, Kaufleute, Eisenbahner und Handwerker –  für den Völkermord mitverantwortlich zu machen sind."

"In jedem Krieg passieren nicht gute Sachen"  

Silvia Scriba, Gemeindesekretärin und Laienpredigerin, ficht solche Kritik nicht an.

"In jedem Krieg passieren nicht gute Sachen und es gab auf jeden Fall Kriege hier, es gab auf jeden Fall auch Ungerechtigkeiten hier. Ich möchte nur mal sagen, dass ich es schade finde, dass die Deutschen sich immer davon hinziehen lassen sollen, in Australien macht keiner irgendwas, in Amerika werden die Indianer nicht gefragt wollt ihr mal ins government kommen oder wollt ihr mal diese Farm haben usw. Das find ich immer so schade, dass wir hier im Land gesagt kriegen, was wir machen sollen."

Man beschäftige sich durchaus mit dieser Vergangenheit, versichert Burgert Brand, seit drei Jahren Bischof der rund 5200 DELK-Mitglieder, zum Beispiel mit den Gedenktafeln in der Christuskirche:

"Ob das überhaupt in die Kirche gehört, solche Art von 'Erinnerungsblöcken' - besonders von denjenigen, die aus Europa kommen und das sehr kritisieren, ich bin in deren Kirchen mal gegangen und sehr oft finde ich da eben auch nur, dass man der Deutschen gedenkt, da wird nicht der Juden gedacht, der Polen gedacht, also ich finde das ein bisschen ambivalent. Für uns ist klar: wir wollen nicht, dass es einfach so bleibt wie es ist."

"Ich bin dagegen, dass man Geschichte nur partiell versteht"

Die lutherischen Deutsch-Namibier fühlen sich von den Kritikern aus Deutschland zu Unrecht an den Pranger gestellt. Bischof Brand möchte "ganzheitlicher" denken und will zum Beispiel die Kolonialverbrechen des Deutschen Reiches und die Verbrechen der ehemaligen Befreiungsbewegung und langjährigen Regierungspartei SWAPO zusammen behandeln:

"Damit ist gemeint, was in Angola stattgefunden hat, wo die SWAPO ihre eigenen Leute in die Keller gesteckt hat. Darüber soll nicht mehr geredet werden. Aber über die Kolonialgeschichte soll weiterhin geredet werden. Das beißt sich. Ich bin dagegen, dass man Geschichte nur partiell versteht. Wir sind in diesem Land nicht nur Kolonialgeschichte, nicht nur Apartheidgeschichte wir sind inzwischen auch 28 Jahre lang Unabhängigkeitsgeschichte und wir müssen einen Weg finden, das zusammen zu denken."

Darum will sich die DELK auch nicht mit der EKD-Schulderklärung zum Völkermord an den Ovaherero und Nama von 2017 identifizieren.

Burgert Brand sagt: "In der Stellungnahme der EKD, hat man manchmal den Eindruck als seien wir eine "Täterkirche". Und dann gebe es eine "Opferkirche" und ich lehne diese Unterscheidung grundsätzlich ab. Die DELK ist 1960/61 gegründet worden. Lange nachdem die Kolonialgeschichte vorbei war. Ich kann nicht in der stringenten Form wie die EKD sagen: Wir sind Nachfahren einer Kirche, die das mal befürwortet hat. Denn wir sind es nicht, es gab es so nicht."

Distanzierung im Gemeindebrief

Ein nur formal zutreffendes Argument, denn die DELK wurde tatsächlich im vom Apartheidstaat Südafrika verwalteten "South West Africa" gegründet. Dennoch bleiben ihre Mitglieder die Nachfahren der Deutschen, die die Kolonie ausgeplündert und den Völkermord begangen haben. Sie gehören noch heute zur deutschsprachigen, sehr wohlhabenden Minderheit, die rund ein Prozent der namibischen Bevölkerung ausmacht.

Die EKD-Schulderklärung wurde kurz vor der Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes in Namibia im Reformationsjahr Anfang 2017 veröffentlicht. Nach diesem Großereignis distanzierte sich Bischof Brand in einem Gemeindebrief davon - formal: 

"Die DELK ist keine Landeskirche der EKD. Die DELK ist eine eigenständige und unabhängige namibische Kirche."

Die allerdings von der EKD seit jeher mit aus Deutschland entsandten Pfarrern unterstützt wird; auch ihre Bischöfe kamen jahrelang aus Deutschland. Aber Bischof Brand besteht auf Eigenständigkeit:

"Als DELK haben wir keinen Einfluss auf die Verlautbarungen der EKD; in gleicher Weise nimmt sie keinen Einfluss auf die Verlautbarungen unserer Kirche."

"Wir wurden da in gewisser Weise auch überrannt"

Das scheint fraglich. Denn noch vor der Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes hatten sich EKD-Vertreter DELK-Vertreterinnen und Vertretern in Namibia getroffen. Der stellvertretende Bischof, Rudolf Schmid, erinnert sich:

"Wir waren kein Gegenüber, ja, wir saßen am Tisch und konnten ein bisschen unsere Meinung sagen, aber es war nicht, dass zwischen den Parteien auf Augenhöhe ein Gespräch stattfand.  Weil es stark auch von der EKD getrieben wurde - wir wurden da in gewisser Weise auch überrannt."

Die EKD hat "wegen laufender Gespräche" eine Stellungnahme zu diesem Konflikt gegenüber dem Deutschlandfunk abgelehnt.

Die DELK hält trotz des Schuldbekenntnisses der EKD auch aus inhaltlicher Überzeugung an ihrer Position fest. Erika von Wietersheim, Farmerin, Autorin und langjähriges aktives DELK-Mitglied erklärt die Weigerung ihrer Kirche, sich fast 30 Jahre nach der Unabhängigkeit Namibias offensiv mit dem Genozid zu beschäftigen, auch mit der Sozialisation:

"Meine Generation und vielleicht auch die Jüngeren, wir sind ja in einer gewissen Erinnerungskultur aufgewachsen, die ganz anders ist als die der Betroffenen. Ich hatte auch Angst vor dem bösen schwarzen Mann hinter der Tür mit einem Beil - die Deutschen in der Opferrolle. Das müssen wir auch verarbeiten, dabei hilft uns ja keiner, sondern plötzlich wird man angegriffen: ihr bösen, bösen Deutschen, ihr habt alle Herero und Nama umgebracht - das müssen wir ja erst mal realisieren."

"Über Nacht zum Sündenbock"

Zu Zeiten von Apartheid-Namibia sei das alles im Schulunterricht kein Thema gewesen; bis zur Unabhängigkeit 1990 habe strenge Zensur geherrscht. Auch der Begriff "Völkermord" sei "wie über Nacht" im Land aufgetaucht.

Erika von Wietersheim sagt: "Es sah so aus als ob jemand das von außen hier rein getragen hat und die Hereros haben gesagt: ja super, Genozid heißt Reparation und Geld und gleichzeitig wurden die Deutsch-Namibier über Nacht zu einem Sündenbock. Das war vorher nicht so. Um jetzt wirklich die andere Seite zu verstehen, dass die sagen, es war ein Genozid, es ist ein Trauma bis heute, das braucht ja auch von unsere Seite Zeit zu verstehen."

Die "andere Seite" sind im Fall der lutherischen Kirchen – den größten in Namibia – die beiden anderen schwarzen Kirchen: die Evangelisch-Lutherische Kirche in Namibia, ELCIN, im Norden des Landes und die Evangelisch-Lutherische Kirche in der Republik Namibia, ELCRN im Zentrum und Süden des Landes. Die EKD-Schulderklärung sei für eine Annäherung nicht hilfreich gewesen. Erika von Wietersheim:

Schwieriger Umgang mit der Kolonialzeit

"Die Namas und Hereros haben gesagt: Also wenn sie sich entschuldigen, warum kommen sie nicht zu uns? Kann ich auch verstehen - das ist dann so wie ein Lippenbekenntnis."

Dem gegenüber mache sich die DELK – ohne große Öffentlichkeit – durchaus viele Gedanken. Nach den Redaktionssitzungen für die jährliche Zeitschrift "Perspektiven" ...

"... sprechen wir danach mindestens noch eine Stunde, über die Vergangenheit - das liegt uns allen schwer auf der Seele", erzählt von Weitersheim. "Und die 'Perspektiven', die am 1. November vorgestellt wurden, behandeln das Thema, 'Namibias schwieriger Umgang mit seiner Kolonialzeit - Versuche zu verstehen'. Also beschäftigen wir uns bald ein Jahr auch publizistisch mit diesem Thema. Was mehr kann man tun?"

 

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