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StartseiteForschung aktuellNeue Erkennisse zur Wundheilung08.01.2020

NarbenbildungNeue Erkennisse zur Wundheilung

Der menschliche Körper ist oft ausgesprochen schnell darin, Wunden zu schließen. Allerdings regeneriert sich die Haut nicht fehlerfrei, es bilden sich Narben. Es gibt neue Kenntnisse darüber, wie diese Narben entstehen. Forschungsziel ist es, eines Tages Wunden ohne Narbenbildung heilen zu lassen.

Von Claudia Doyle

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Das Bild zeigt zwei Heftpflaster über Kreuz vor einem roten Hintergrund. (imago / blickwinkel / McPhoto / Joss Haug)
Narben sind wie ein Pflaster auf der Wunde: Damit schützt sich der menschliche Körper vor Infektionen (imago / blickwinkel / McPhoto / Joss Haug)
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Ob man sich mit dem Messer in den Finger geschnitten hat oder als Kind mit dem Fahrrad auf einem Schotterweg gestürzt ist - oft erinnern uns Narben ein Leben lang an solche Ereignisse. Dabei ist das längst nicht bei allen Lebewesen so, erklärt Yuval Rinkevich vom Helmholtz-Zentrum in München:

"Niedere Wirbeltiere und wirbellose Tiere bilden keine Narben aus. Sie haben die Fähigkeit, ihre Gewebe narbenfrei zu regenerieren. Wenn man aber im Stammbaum weiter nach oben geht und komplexere Lebewesen anschaut, sieht man, wie erstmals Narben auftauchen. Säugetiere und besonders Menschen bilden bei fast jeder Verletzung eine Narbe."

Bisherige Annahmen zur Heilung sind falsch

Narben werden dank spezieller Zellen gebildet, den sogenannten Myofibroblasten. Bisher dachte man, dass die Myofibroblasten ein Teil der menschlichen Haut sind. Wird die Haut verletzt, wandern diese Zellen zur Wunde hin und produzieren dort Bindegewebe, das die Wunde bedeckt. Klingt einfach und logisch. Doch es stimmt nicht, wie Yuval Rinkevich herausgefunden hat:

"Erstens kommen diese Zellen nicht aus der Haut, sondern aus einer ganz anderen, tieferliegenden Schicht. Zweitens produzieren sie kein Bindegewebe, das sie dort ablagern. Sie helfen vielmehr dabei, das bereits existierende Wundheilungsgelee an die richtige Stelle zu bugsieren."

Was Yuval Rinkevich hier als Wundheilungsgelee umschreibt, nennt er im Gespräch mit seinen Kollegen Faszie. Die Faszie ist Teil des Bindegewebes, ein gummiartiges Material, das alle unsere Zellen umgibt. Wenn also ein Organ, die Haut oder auch die Leber oder die Niere, verletzt ist, dann ziehen Fibroblasten dieses Gelee dorthin, wo es benötigt wird. Praktischerweise sind in dem Gelee bereits Blutgefäße, Immunzellen und Nervenfasern enthalten. Die Wunde kann heilen, eine Narbe entsteht. Manchmal unauffällig, manchmal groß und wuchernd. Rinkevich:

"Menschen haben die Narbenbildung wirklich auf eine ganz neue Ebene gehoben. Wir haben Narben, die sind so heftig, dass sie eigene Namen haben. Hypertrophe Narben oder Keloide zum Beispiel. Sie kommen vor allem an den Körperregionen vor, wo die Haut unter Spannung steht, zum Beispiel auf unserem Brustkorb."

Narbenbildung kann Leben retten

Dabei hat es durchaus einen Sinn, dass unser Körper Narben bildet. Denn dieser Vorgang schließt offene Wunden unglaublich schnell, schützt unsere Körper vor Infektionen und rettet uns damit vielleicht das Leben. Doch weil Narbengewebe eben in seiner Funktion und seinen Eigenschaften anders ist als das normale Gewebe, gehen damit einige Probleme einher.

"Opfer von Verbrennungen, die sehr großflächige Narben haben, sind dadurch oft sehr eingeschränkt. Sie können zum Beispiel ihre Arme oder Finger nicht mehr richtig bewegen, weil Narbengewebe sie daran hindert."

Jetzt, wo man genauer weiß, wie Narben entstehen, könnte man gezielt in diesen Prozess eingreifen. Vielleicht gelingt in Zukunft also auch Menschen, was bisher nur Quallen, Schnecken oder Regenwürmern vorbehalten ist: eine narbenfreie Wundheilung.

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