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StartseiteAus Religion und Gesellschaft"Weil der Mensch wie ein Baum des Feldes ist"05.08.2020

Natur im Judentum"Weil der Mensch wie ein Baum des Feldes ist"

Der Mensch ist die Krone der Schöpfung und darf sich die Erde Untertan machen. Diese Lesart des Buches Genesis ist weit verbreitet. Doch damit wird kein Freibrief für die Ausbeutung der Natur ausgestellt. Wer weiterliest,findet zahlreiche Ermahnungen, mit Tieren und Pflanzen achtsam umzugehen.

Von Igal Avidan

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Eine Olivenplantage (imago/Herb Hardt)
Warum muss man die Natur schonen? Im fünften Buch Mose heißt es dazu: "Weil der Mensch wie ein Baum des Feldes ist" (imago/Herb Hardt)
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Ein Blick ins Buch Genesis erweckt den Eindruck, dass die Natur für den Menschen geschaffen wurde. Er ist nach göttlichem Plan der Herrscher des Universums. In der Schöpfungsgeschichte, im ersten Kapitel Genesis, liest man:

"Dann sprach Gott: Hiermit übergebe ich euch alle Pflanzen auf der ganzen Erde, die Samen tragen, und alle Bäume mit samenhaltigen Früchten. Euch sollen sie zur Nahrung dienen. (Gen, 1, 29)

In seinem Buch "The Way into Judaism and the Environment" setzt sich der israelische Judaist und Umweltexperte Jeremy Benstein mit der weit verbreiteten These auseinander, dass der Mensch als Krönung der Schöpfung die Natur und ihre ihm dienlichen Rohstoffe ausbeuten darf. Benstein, der auch Vizedirektor des Heschel Zentrums für Nachhaltigkeit in Tel Aviv ist, kritisiert:

"Das ist eine einseitige Interpretation des biblischen Textes und des Menschen. Die andere Seite der Medaille liest man im zweiten Kapitel in Genesis. Auch wenn wir glauben, dass die Welt für uns geschaffen wurde, müssen wir die Umwelt bewahren, denn nach uns wird keiner kommen, um die Umweltschäden zu beheben".

Natur nutzen, Natur bewahren

Zum Verständnis der menschlichen Rolle im Umgang mit der Natur liest man im zweiten Kapitel der Genesis:

"Gott, der Herr, nahm also den Menschen und setzte ihn in den Garten von Eden, damit er ihn bebaue und hüte". (Gen, 2, 15)

Ein behutsamer Umgang mit der Natur ist ein zentraler Teil der Schöpfungsgeschichte, betont der Frankfurter Rabbiner Julian-Chaim Soussan. Er beriet die Jury beim Wettbewerb um die Gestaltung eines Jüdischen Gartens in Berlin. Der orthodoxe Rabbiner befürchtet, dass man den göttlichen Auftrag an den Menschen, "sich die Erde untertan zu machen", missverstehen könnte.

Der Rabbiner Julian Chaim Soussan steht an einer Wand gelehnt in der Mainzer Synagoge im November 2012.  (imago images / epd)Der orthodoxe Rabbiner Julian-Chaim Soussan (imago images / epd)

"Das ist die Gefahr, dass man die Welt ausnutzt und sie für sich nutzbar macht - ohne Rücksicht auf das, was das in der Natur anrichtet. Und das andere ist dieses bearbeiten und behüten. Dieses Behüten: Ich glaube, das ist ganz wichtig, dass wir begreifen, dass wir heute in einer Zeit leben, in der das in den Vordergrund gerückt werden muss. Also es ist schon sehr ursprünglich, der Gedanke im Judentum, dass das Nutzen der Natur sein darf, sein muss: Der Mensch lebt durch die Produkte, die ihm die Natur zur Verfügung stellt. Wir dürfen das Land beackern. Aber wir müssen auch mitdenken, berücksichtigen, dass die Natur ein verletzlicher Organismus ist, den wir bewahren müssen", sagt Soussan.

"Man darf keine Fruchtbäume zerstören"

Im fünften Buch Mose verkündet Moses dem Volk Israel das Gesetz "Bal Taschchit", auf Deutsch: "Vernichte nicht". Sogar bei der Belagerung einer feindlichen Stadt im Krieg muss man auf die Natur achten, heißt es dort. Rabbiner Julian-Chaim Soussan:

"Man darf keine Fruchtbäume zerstören, um zum Beispiel Belagerungsgerät zu bauen".

Dieser Grundsatz jüdischer Umweltethik wird poetisch erklärt: "Ki ha’adam etz ha’sadeh", wörtlich übersetzt heißt das: "Weil der Mensch wie ein Baum des Feldes ist".Der Siegerentwurf für den Jüdischen Garten zeigt Bäume und Wege. (atelier le balto mit Manfred Pernice und Wilfried Kuehn)Entwurf für den Jüdischen Garten Berlin (atelier le balto mit Manfred Pernice und Wilfried Kuehn)

Aber was bedeutet diese schöne Formulierung? Rabbiner Julian-Chaim Soussan:

"Das kann man als Frage lesen oder als Aussage verstehen: ‚Denn der Mensch ist ein Fruchtbaum.‘ Oder: ‚Ist denn der Mensch ein Fruchtbaum?‘.

Soll der Mensch den Obstbaum vor Schaden bewahren, nur damit er nach Kriegsende seine Früchte essen kann? Oder muss er auch im Krieg die Umwelt schützen, weil er selbst Teil dieser Umwelt ist?

"Man soll diese Obstbäume unberührt lassen. Sie sind nicht Teil des Krieges. Man will sie nicht zerstören, auch im Hinblick darauf, dass man dass man sie später nutzen kann, wenn man erst mal im Land lebt. Diese Begrifflichkeit von ‚Bal Taschchit‘, ‚man soll nicht zerstören‘ wird aber in der mündlichen Thora, im Talmud aber viel weiter gefasst. Man darf Dinge, die irgendwie noch nutzbar sind, nicht willentlich zerstören", sagt Soussan.

Warum muss man die Natur schonen?

Jeremy Benstein, Experte für Judentum und Umwelt, versteht das biblische Gebot "weil der Mensch wie ein Baum des Feldes ist" folgendermaßen:

"Das ist eine der größten Fragen in Umweltethik: Warum muss man die Natur schonen? Hat die Natur an sich Rechte oder sollen wir die Natur schützen, weil unser Leben davon abhängig ist? Der biblische Satz enthält beide Erklärungen: In einer idealen Welt müssten wir alles für die Natur machen. Aber in der realen Welt müssen wir uns ernähren und wir sollen daher langfristig denken."

Der Historiker und Schriftsteller Philipp Blom steht vor einer Hecke und schaut in die Kamera. (picture alliance / picturedesk / APA / Helmut Fohringer)Der Historiker und Schriftsteller Philipp Blom (picture alliance / picturedesk / APA / Helmut Fohringer)Philipp Blom: "Das große Welttheater" - Keine Krone der Schöpfung
Die Welt als Bühne verwandelt sich ständig. Geschichten, die wir Menschen uns erzählen, formen Ideen über künftige Handlungen. Jetzt in Zeiten der Krise werde eine neue Erzählung gebraucht, die sich von der Vormachtstellung des Menschen in der Natur verabschiedet, sagt der Historiker Philipp Blom.

In diesem Spannungsfeld zwischen Mensch und Natur arbeitet Ori Fragman-Sapir, Leiter des Botanischen Gartens der Universität in Jerusalem. Das Motto dieser friedlichen Oase inmitten der turbulenten Stadt lautet: Der Ort, wo Pflanzen Menschen wachsen lassen. Hier lernen jüdische und arabische, säkulare und orthodoxe Schüler, die zum Teil keinen Bezug zur Natur haben, in einer Landschaftsschule, was das bedeutet. Sie betreiben hier Gartenarbeit und lernen zum Beispiel:

"Ohne Pflanzen gibt es kein Leben, weil wir Pflanzen oder Tiere essen, die ihrerseits Pflanzen gegessen haben. Wir atmen den Sauerstoff, die Pflanzen produzieren; die Pflanzen machen auch unsere Landschaft aus. Der Mensch vergisst das manchmal und denkt, dass er im Beton und ohne Grün leben kann".

Feste und Pflanzen

Am Bibelpfad wachsen 30 biblische Pflanzen, die wichtig sind für die jüdische Tradition, sagt Ori Fragman-Sapir:

"Wir bringen den Besuchern zum Beispiel bei, dass der Granatapfel, der auch für die heutige Landwirtschaft sehr wichtig ist, keine einheimische Pflanze ist. Sie wurde vor Jahrtausenden aus Zentralasien gebracht und hier kultiviert – als einzige der sieben Arten".

Denn sieben Pflanzen werden im Fünfte Buch Mose als kennzeichnend für das Land Israel genannt:

"Wenn der HERR, dein Gott, dich in ein prächtiges Land führt, ein Land mit Bächen, Quellen und Grundwasser, das im Tal und am Berg hervorquillt, ein Land mit Weizen und Gerste, mit Weinstock, Feigenbaum und Granatbaum, ein Land mit Ölbaum und Honig." (Dtn 8,7a.8 EU)

Weinreben (picture alliance / dpa)Sieben Pflanzen soll es im Land Israel geben: Wein, Weizen, Gerste, Feige, Granatbaum, Ölbaum und Dattelpalme (picture alliance / dpa)

Womit die Dattel gemeint ist, aus dem man Dattelhonig presst. Die meisten jüdischen Feiertage haben sowohl einen historischen als auch einen landwirtschaftlichen Aspekt. So zum Beispiel erinnert man am Pessachfest nicht nur an die Befreiung der Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten. Pessach ist auch das Frühlingsfest und markiert den Beginn der Gerstenernte. Vor der Gabe von Gerstengrieß im Jerusalemer Tempel ist es verboten, eine der fünf Getreidesorten - Weizen, Gerste, Dinkel, Hafer und Roggen - zu ernten und zu essen. Vom Beginn der Gerstenernte an zählt man sieben Wochen bis zur Weizenernte am Wochenfest Shawuot. Die Übergabe der Zehn Gebote am Berg Sinai an diesem Tag wurde erst viel später im Talmud hinzugefügt.

Am Shawuot pilgerten im frühen Sommer die Landbesitzer nach Jerusalem, wo sie ihre neue Ernte der sieben Arten in den Tempel brachten und dort feierten. In der Bibel wird die Beschreibung des Festes durch Gesetze ergänzt, die für mehr soziale Gerechtigkeit sorgen sollen. Jeremy Benstein erklärt:

"Jeder jüdische Feldbesitzer muss danach einen Teil seiner Ernte an die Armen spenden. Ihnen muss er sowohl die Feldränder überlassen wie auch den Hafer, der auf den Boden gefallen ist. Auch die Garben, die man auf dem Feld oder auf dem Weg in die Schuppen vergessen hat, muss man den Armen überlassen. Das gilt auch für die bei der Weinlese auf den Boden gefallenen Trauben".

Weizenfeld (imago stock&people / Jochen Tack)Weizen ist eine der sieben Pflanzen Israels (imago stock&people / Jochen Tack)

Der Mensch "Adam" - "Adama", die Erde

Die hebräische Sprache erinnert an die Naturverbundenheit des Menschen: "Adam" ist ein Mensch und "Adama" die Erde. Am Laubhüttenfest Sukkot stellen die vier Arten den Bezug zwischen der Natur und den Israeliten her: Diese sind die Zitronatzitrone, Hebräisch Etrog, die Zweige einer Dattelpalme, Lulav, einer Myrte, Hadas, und einer Bachweide, Arava. Rabbiner Julian-Chaim Soussan:

"Der Etrog, die Frucht, spiegelt sozusagen das Herz. Man muss darauf achten, ein gutes Herz zu haben, für andere offen zu sein. Der Palmzweig, das ist die Wirbelsäule, das aufrechte Gehen, zwar biegsam, aber nicht brechbar. Und dann haben wir die Bachweide. Die Blätter der Bachweide haben die Form eines Mundes.

Es ist wichtig im Judentum: Nicht nur das, was wir essen, soll koscher sein, sondern auch das was wir sprechen. Ich kann nicht einfach alles in mich hineinstopfen, aber ich kann auch nicht alles aus mir herausgeben, was mir durch den Kopf kommt. Das muss ich mir genau überlegen. Und schließlich gibt es die Myrten. Das Myrtenblatt hat die Form eines Auges. Wenn man etwas sieht, dann soll man immer das Positive sehen und nicht das Schlechte im anderen sehen".

Citrusfrüchte in einem Wintergarten (picture alliance / Klaus Rose)Am Laubhüttenfest Sukkot stellen vier Pflanzen den Bezug zwischen der Natur und den Israeliten her: Zitrone, Dattelpalme, Lulav, Myrte und Bachweide (picture alliance / Klaus Rose)

Die vier Arten und das Sukkotfest

Die vier Arten stehen nach der zweiten Interpretation für die vier Menschentypen im Volk Israel. Die Gebote verkörpern den guten Geschmack und das Studium der Heiligen Schriften den guten Geruch.

"Also ein Etrog, den kann man sowohl essen, genießen, eine Zitrusfrucht, und es riecht auch wunderbar, vor allem wenn man an die Außenseite reibt. Dann hat es einen ganz wunderbaren Zitrusduft. Und das symbolisiert einen Menschen, der beide Eigenschaften in sich vereint. Dann haben wir ein Palmzweig, der überhaupt nicht riecht, aber doch die Datteln, von denen ich essen kann, die schmecken wunderbar. Also haben wir zumindest das Symbol eines Menschen, der Gutes tut, auch wenn er sich gar nicht so gut auskennt. Und dann gibt es jene, die vielleicht nicht so viel Gutes tun, aber dafür sich sehr viel, intensiv beschäftigen, vielleicht auch schreiben darüber. Das ist das Symbol der Myrte, die zwar gut riecht, aber keine Früchte hat. Und schließlich gibt es aber auch die Bachweide, die weder gut riecht noch irgendwelche Früchte produziert".

Ultra-Orthodoxe feiern das Sukkotfest in Jerusalem (epa)Ultra-Orthodoxe feiern das Sukkotfest in Jerusalem (epa)

Am Sukkotfest hält man täglich die vier Arten zusammen, um die Einheit des Volkes zu symbolisieren: Die Zitrusfrucht hält man in der einen Hand und drei Arten zusammengebunden in der anderen. Dann schüttelt man die vier Arten in sechs Richtungen: nach vorne und hinten, nach rechts und links, nach oben und nach unten, um die Herrschaft Gottes über die Welt zu bekunden.

Im Buch Genesis liest man:

"Nach vierzig Tagen öffnete Noah das Fenster der Arche, das er gemacht hatte… Dann wartete er noch weitere sieben Tage und ließ wieder die Taube aus der Arche. Gegen Abend kam die Taube zu ihm zurück, und siehe da: In ihrem Schnabel hatte sie einen frischen Olivenzweig". (Genesis, Kapitel 8)

Der Ölbaum trotzt der Sintflut

In der jüdischen Tradition ist der Ölbaum besonders wichtig. Das Olivenöl ist zentral in der Geschichte des Lichterfestes Chanukka; der Olivenzweig symbolisiert in der biblischen Erzählung der Sintflut, dass der Frieden gekommen ist; zwei Olivenzweige umrahmen schließlich die Menora auf dem Staatswappen Israels. Sie sollen das Streben des jüdischen Volkes nach Frieden verkörpern, erzählten die Grafikdesigner und Brüder Gabriel und Maxim Schamir 1949 (der Zeitung "Maariv)".

Der Botaniker Ori Fragman-Sapir zeigt auf einen Ölbaum und erklärt:

"Der Ölbaum existiert Hunderte von Jahren, manchmal sogar Tausende. Zu den ältesten Olivenbäumen gehören diejenigen im Garten Getsemani in Jerusalem, die wohl von den Kreuzrittern vor 900 Jahren gepflanzt wurden. Hier auf der Informationstafel sehen sie ein Bild von ihnen. Sie geben weiterhin Früchte. Der Grund, warum der Ölbaum so lange lebt, ist, dass er sich auch nach Krankheit, Blitz, Abholzung oder Brand erneuern kann".

Die Ölbäume sind so widerstandsfähig, dass einige die Sintflut überstanden haben, so die Interpreten der Thora. Der große Bibelkommentator Raschi erklärte: Noah wusste, wie robust die Ölbäume waren und nahm daher in seine Arche nur Weinreben und Zweige eines Feigenbaums. Als die Taube ein frisches Olivenblatt in die Arche mitbrachte, wurde klar, dass die Flut inzwischen zurückging. Andere Bäume hatten die Sintflut nicht überstanden.

Bezug zur Natur der Heimatländer fehlt

In den zweitausend Jahren der Diaspora bezogen sich die Juden in ihrer Liturgie und in den Feiertagen auf das Land Israel und nicht auf ihre Heimatländer. Das entfremdete sie von der Natur, sagt Jeremy Benstein:

"Wenn nichts in der Kultur eine Verbindung zur Natur um dich herum herstellt, egal in welchem Land in der Diaspora, kann ein solcher Bezug nicht von sich aus entstehen, vor allem, weil die Juden über die Natur im Lande Israel träumten. Dort herrscht ein anderes Klima und es regnet in anderen Zeiten. Wie kann man die Ernte feiern, die nicht die eigene vor Ort ist? Das religiöse jüdische Leben kreiste nicht mehr um die Opfer im Jerusalemer Tempel wurde durch das Studium der heiligen Schriften ersetzt. Das entfernte die Juden von der Natur".

Der Garten der Diaspora in der W. Michael Blumenthal Akademie des Jüdischen Museums, fotografiert am 03.05.2017 in Berlin. Er dient als Raum des Austausches und der Reflexion, aber auch als Lern- und Anschauungsort (picture alliance / Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/ZB)Der Garten der Diaspora wurde in einer ehemaligen Markthalle eingerichtet (picture alliance / Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/ZB)

Ein Gefühl davon bekommt man im Garten der Diaspora in der Akademie des Jüdischen Museums in Berlin. Die rund 350 Pflanzen in der ehemaligen Blumenmarkthalle haben keinen direkten Kontakt zur Erde und bekommen kein Regenwasser. Sie wachsen in Kisten und Töpfen auf Stahlplateaus und werden von einer automatisierten Bewässerungsanlage und von Sonderleuchten versorgt. Diese Form ist keine Aussage über das jüdische Leben in der Diaspora, erklärt Landschaftsarchitekt Marc Pouzol, der diesen Garten entworfen hat und ihn seit sechs Jahren wöchentlich pflegt.

"Unter uns ist ein Keller mit Archiv, d. h. hier ist einfach kein Boden. Und die Idee war, hier einen Garten zu haben. Dann mussten wir mit dieser harten Situation umgehen und deswegen haben wir diesen Garten erfunden, wo das Licht tatsächlich künstlich ist und automatisch bewässert wird. Wir haben an das Licht gedacht, wir haben an den Boden gedacht, wir haben an das Wasser gedacht und an ein Element haben wir nicht gedacht: Hier gibt’s keinen Wind. Zum Beispiel die Feige hier vor uns, die schwebt fast in der Halle".

Der Feigenbaum und Adam und Eva

Aufgrund der klimatischen Bedingungen wachsen im Berliner Garten nur wenige Pflanzen, die zu den sieben Arten gehören.

"Wir haben hier vorne liegend einen Feigenbaum, Ficus carica", sagt die Botanikerin und Historikerin Tanja Petersen.

Sie hat hier als Projektleiterin der Bildungsabteilung des Jüdischen Museums jahrelang Führungen gemacht.

Ein Besucher betrachtet am 06.04.2017 in Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen) die Bilder von Adam und Eva um 1508/10 des Renaissance-Maler Lucas Cranach d. Ä.  (dpa/Federico Gambarini)Die Feige ist die erste Pflanze, die in der Thora, in der Bibel namentlich erwähnt ist (dpa/Federico Gambarini)

"Die Feige ist die erste Pflanze, die in der Thora, in der Bibel namentlich erwähnt ist und sich als solche auch bestimmen lässt. In der Geschichte taucht die Feige als erstes auf bei Adam und Eva und bei der Vertreibung aus dem Paradies und dem Entdecken der Scham. Dahinter sehen Sie die anderen Blätter dort. Hier sieht das eher aus wie kleine Büsche, weil sie auch gar nicht so hoch wachsen. Das sind Granatapfelbäume. Und die Bedeutung des Granatapfels, er ist wirklich ganz wichtig, er steht als Symbol für das Leben, die Liebe und die Fruchtbarkeit und spielt auch zum jüdischen Neujahrsfest, zu Rosh ha-Schana, eine tragende Rolle".

Beim festlichen Abendessen essen Juden Granatapfel und wünschen, dass die eigenen guten Taten so zahlreich sein werden wie die Anzahl der Kerne in der Frucht. Die sind durchschnittlich etwa so zahlreich wie die 613 Gebote in der Thora. Granatapfel, Hebräisch "Rimonim", aus Silber dekorieren Thorarollen in der Synagoge.

Zebrakraut: "Der ewige Jude"

Tanja Petersen zeigt eine krautige Pflanze mit rosafarbenen Blüten und fragt.

"Können Pflanzen antisemitisch sein? Nein, natürlich nicht. Aber die Zuschreibung zeigt sehr wohl ein ganz großes Stück deutsch-jüdischer Kulturgeschichte bzw. bis heute währenden Antisemitismen".

Die eiförmigen bläulich-grünen Blätter haben zwei Streifen und sind auf der Oberfläche silbrig und auf der Unterseite violett.

"Die Pflanze Tradescantia, sogenannte Zebrakraut, wird als Trivialname ‚Der ewige Jude‘ bezeichnet. Es ist eine hübsche Zierpflanze und im gesamten englischsprachigen Raum als die ‚Wandering Jew‘ verkauft… Und das sieht man hier vorne."

Laut einer christlichen Erzählung ist der "Ewige Jude" ein Mensch, der Jesus Christus auf dessen Weg zur Kreuzigung verspottete und dafür von diesem verflucht wurde, unsterblich durch die Welt zu wandern. Aber warum wurde diese Pflanze so genannt?

"Weil sie besonders leicht zu vermehren ist und an vielen Stellen der Erde weiter wachsen kann. Und dahinter steckt natürlich der Stereotyp des ‚ewigen Juden‘,… der permanenten Migrationsgeschichte".

Schabbat für den Acker

Die Zerstreuung der Juden über die ganze Welt als Strafe wird im dritten Buch Mose erklärt. Der Herr sprach zu Mose auf dem Berg Sinai:

"Rede zu den Israeliten und sag zu ihnen: Wenn ihr in das Land kommt, das ich euch gebe, soll das Land Sabbatruhe zur Ehre des Herrn halten.
Sechs Jahre sollst du dein Feld besäen, sechs Jahre sollst du deinen Weinberg beschneiden und seinen Ertrag ernten.
Aber im siebten Jahr soll das Land eine vollständige Sabbatruhe zur Ehre des Herrn halten: Dein Feld sollst du nicht besäen und deinen Weinberg nicht beschneiden."

Die sündigen Taten der Israeliten an das Land Israel erklärt Rabbiner Julian-Chaim Soussan:

"Im siebten Brachjahr ist es verboten zu säen und zu ernten. Das, was wild wächst, daran darf man sich bedienen, aber jeder darf sich bedienen. Das ist sozusagen alles für alle. Aber man darf nicht aktiv Ackerbau betreiben".

Oder einfach so ernten. Das hebräische Wort "Schmita" bedeutet "fallen lassen". Das siebte Jahr ist der Schabbat der Natur. Gott wird dafür sorgen, dass sein Volk auch in diesem Jahr genug zu essen bekommt. Rabbiner Julian-Chaim Soussan:

"Aber es heißt auch gleichzeitig, dass Gott die Welt so geschaffen hat, dass sie in Naturgesetzen ruht. Und das bedeutet, dass ein Land, das permanent ausgebeutet wird, ohne es ruhen zu lassen, ohne es zu verschonen … genau wie der Mensch den Schabbat braucht, um sich zu regenerieren, braucht es auch ein Land im Rhythmus von sieben Jahren, dass dieses sich dann rächt".

Sabbatjahr für den Menschen

"Schnat Schmita": Diesen Gedanken formuliert die israelische Sängerin Lee Gaon in ihrem Liedtext über die erschöpfte Erde, die sich nach einer Ruhepause sehnt. Sie nahm das Lied auf dem Berg Carmel nach einem zerstörerischen Waldbrand auf.

In der Mischna, der religionsgesetzlichen Überlieferung des Judentums, heißt es:

"Das Exil war eine Folge des Götzendienstes, der Inzest, des Blutvergießens und des Verstoßes gegen das Gebot des Sabbatjahres. Pestilenz kommt auf die Welt für (wegen) die Vernachlässigung des Gesetzes über die Früchte des Sabbatjahres."

"Entweder eine Art von Seuche oder in der letzten Konsequenz dann auch die Vertreibung aus dem Land", erklärt Rabbiner Julian-Chaim Soussan.

Der Mensch ist nach der Bibel bekanntlich wie ein Feldbaum. Kein Wunder, dass das biblische Gebot des Sabbatjahres nicht nur für die Umwelt, sondern auch für die meisten Menschen galt, die vom Land lebten. Umweltaktivist Jeremy Benstein sieht in dem biblischen Gebot eine sehr relevante Vision für die westliche Gesellschaft heute:

"Wir setzen das Prinzip des Sabbatjahres bereits um, zum Beispiel bei Akademikern gilt es als selbstverständlich. Ich kenne auch einige Anwälte, die im Arbeitsvertrag solche Pausen von der Alltagsroutine garantiert bekommen. Aber warum gilt diese Regelung nur für höhere Angestellte und nicht für alle?"

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