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StartseiteDlf-MagazinKultur als Standort-Politik09.05.2019

Naumburg und ZeitzKultur als Standort-Politik

Serie: „Alles, nur nicht abgehängt – Orte im Aufbruch“

In Naumburg wird mit Kultur gegen Abwanderung gearbeitet: Das Theater der Stadt hat seine Auslastung allein im ersten Jahr um 20 Prozent gesteigert. Die Naumburger Tram, der bundesweit kleinste Straßenbahnbetrieb, wurde fast einzig durch Bürger finanziert. Nur 30 Kilometer weiter herrscht Trostlosigkeit.

Von Christoph D. Richter

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Die historische Straßenbahn "Wilde Zicke" fährt durch Naumburg (Sachsen-Anhalt). (dpa / Peter Gercke)
Mit einer einzigen Linie von gerade mal knapp drei Kilometern ist die Naumburger Tram bundesweit der kleinste Straßenbahnbetrieb (dpa / Peter Gercke)
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Die Probebühne in Naumburg. Schauspieler arbeiten an einem italienischen Commedia dell‘ Arte-Klassiker, dem Intrigenspektakel "Diener zweier Herren" von Carlo Goldoni.

Das Theater in Naumburg - mit vier Schauspielern - darunter Italiener und Österreicher – ist das kleinste Stadttheater Deutschlands. Intendant ist der gebürtige Potsdamer Stefan Neugebauer. 2015 ist er hierher gekommen. Allein im ersten Jahr hat er die Auslastung der Mini-Bühne, die eigentlich mal eine Kneipe war, um 20 Prozent gesteigert. Mit ungewöhnlichen Formaten wie Theaterspaziergängen hat er Aufmerksamkeit erzeugt. Dafür gab es 2017 den Theater-Preis des Bundes.

"Ich habe auch das Gefühl, dass andere Städte uns darum beneiden. Dass wir überhaupt hier ein Theater haben. Ich glaube, dass das dem Standort unglaublich hilft. Und Leute die hierher ziehen, werden auch sagen: Hier gibt’s gute Schulen, hier gibt es sogar ein Theater, ein Grund mehr herzukommen."

Mit dem Theater könne man zeigen, wie lebenswert eine Stadt sein kann, sagt CDU-Oberbürgermeister Bernward Küper. Der gebürtige Westfale sitzt im Café Verona am Marktplatz mit Blick auf seinen Amtssitz, ein Renaissance-Rathaus, umgeben von Patrizierhäusern. Alles schick saniert.

"Wir bitten natürlich das Land um Hilfe, das uns hier ja unterstützt. Aber ich denke, man sollte auch der eigenen Bevölkerung sagen, dass Eigeninitiative zählt, der eigene Stolz, sich sowas leisten zu wollen. Man kann nicht immer nach der Staatsknete schielen, deswegen halten wir unser Theater bewusst klein."

Naumburg: Die Stadt mit dem kleinsten Stadttheater Deutschlands

Im Hintergrund läuten die Glocken der Wenzelskirche. Doch über allem thront das UNESCO-Weltkulturerbe - der tausendjährige weltberühmte Dom St. Peter und Paul mit seinen vier steil in den Himmel ragenden Türmen und den zart-anmutigen Stifterfiguren.

Naumburg ist bundesweit die Stadt der kleinen Superlative. Hier steht nicht nur das kleinste Stadttheater Deutschlands, sondern mit einer einzigen Linie von gerade mal knapp drei Kilometern ist die Naumburger Tram bundesweit der kleinste Straßenbahnbetrieb. Gefahren wird nicht mit modernen Niederflurwagen, sondern in Oldtimern. Und zwar im Normal-Betrieb. Dass die lange totgeglaubte Bahn überhaupt wieder fährt, ist dem Engagement der Naumburger Stadtgesellschaft zu verdanken. Denn die Sanierung der Wilden Zicke - wie die Bahn im Volksmund genannt wird – haben die Naumburger Bürgerinnen und Bürger mit 100.000 Euro zum beträchtlichen Teil selbst gezahlt.

Es quietscht, ruckelt und zuckelt. Die Sitz-Bänke der alten Triebwagen sind aus hartem Holz. Die Fahrscheine werden vom Fahrer verkauft, der sie auch altmodisch knipst.

"Fahrer: Ich sage mal, man kennt fast jeden Fahrgast…

Autor: Und die fährt noch. Alles analog hier?

Fahrer: Das hier ist alles mechanisch, Sie hören es ja. Alte Technik.

Autor: Und die funktioniert…

Fahrer: Selbstverständlich. Ich sage immer, ein Tröpfchen Öl an die richtige Stelle und die läuft noch weitere hundert Jahre…"

Neben Dom, Theater und Mini-Straßenbahn ist auch noch Friedrich Nietzsche zu nennen, der berühmteste Sohn der Stadt. Er hat in Naumburg die längste Zeit seines Lebens verbracht, auch wenn er die Stadt nie richtig mochte. Egal, sagen die Stadtväter und haben Naumburg mit dem öffentlich-geförderten Nietzsche-Dokumentationszentrum zum Wallfahrtsort für Nietzsche-Fans gemacht.

Kultur als Standort-Politik. In der Kleinstadt Naumburg scheint es zu fruchten.

Serie: "Alles, nur nicht abgehängt – Orte im Aufbruch"

1. Seniorendorf Kirkel im Saarland So viel Hilfe wie nötig und Freiheit wie möglich

2. 
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4.  Halsbach in Bayern Breitband an jeder Milchkanne 

Zeitz: Sinnbild für ostdeutsche Trostlosigkeit

Komplett anders ist die Situation in Zeitz. Nur 30 Kilometer entfernt. Hier hat man das Theater-Ensemble 2003 abgewickelt, um den Haushalt zu konsolidieren. Zeitz ist heute dennoch zahlungsunfähig. Die Stadt stehe geradezu als Sinnbild für ostdeutsche Trostlosigkeit, sagt der Zeitzer Andreas Exler, Stadtrat der Freien Wähler.

"Ja, das muss man leider so sagen. Das ist die richtige Beschreibung."

Zeitz ist geprägt von leerstehenden Gründerzeit-Häusern und Industrie-Ruinen. In der Altstadt ist fast jede zweite Wohnung verwaist. Kaum eine anderer Ort in Deutschland hat mit einem derartigen Leerstand zu kämpfen. Fast die Hälfte seiner Einwohner hat Zeitz seit 1990 verloren. Tendenz: Weiter sinkend.

Sicher, man müsse an der Attraktivität der Stadt arbeiten, sagt CDU-Mitglied Christian Thieme, 46, der Oberbürgermeister von Zeitz. Das Theater werde man aber nicht wieder eröffnen, dafür sei kein Geld da. Stattdessen hofft Thieme auf die Kohle-Millionen aus dem Braunkohle-Ausstieg. Denn Zeitz liegt im mitteldeutschen Kohle-Revier.

"Wir sind hier im Kernrevier des Braunkohlestrukturwandels und erwarten, dass ein Großteil der Gelder hier, jedenfalls in der Region eingesetzt wird. Und wenn man das vernünftig tut, mit Industrieansiedlungen, mit vielleicht auch moderneren Dingen 5G, Smart-Region, was es da alles gibt…"

….dann könne die Stadt Zeitz - künftig und vielleicht - Teil einer prosperierenden Region werden.

"Ja, es keimt Hoffnung auf, dass es wieder für Belebung sorgt. Wenn man es denn will."

Doch zurück nach Naumburg.

Allein in einem malerischen Städtchen, in einem schönen Fachwerkhaus zu wohnen, reiche den Menschen nicht, sagt Theatermacher Stefan Neugebauer. Die alte Rechnung gelte auch hier: Wo keine Kultur ist, siedeln sich auch keine Unternehmen an, da werden keine Zuwanderer, keine jungen Menschen mit Ideen hinkommen.

"Ich hab ja auch, seitdem ich hier bin viel Besuch aus Berlin bekommen. Von Freunden. Die waren alle positiv überrascht. Die haben gesagt, hätte ich gar nicht gesagt, dass es sowas hier gibt. So eine tolle Stadt, die waren alle mehr oder weniger begeistert. Und sagten: Hey toll."

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