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StartseiteBüchermarktBildungselite hat den Schlüssel zur Macht in Großbritannien30.01.2020

Nele Pollatschek: "Dear Oxbridge"Bildungselite hat den Schlüssel zur Macht in Großbritannien

Die Anglistin Nele Pollatschek hat viele Jahre lang in Oxford und in Cambridge studiert. In ihrem neuen Buch blickt sie hinter die geschlossenen Türen der britischen Elite-Universitäten und zeigt, wie jene privilegierte Politikerklasse geformt wurde, die jetzt den Brexit verantwortet.

Von Tanya Lieske

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Die Autorin Nele Pollatschek steht in dunkelblauer Bluse und schwarzem Blazer vor einer rötlichen Wand (picture alliance / ROPI/Anna Weise)
Nele Pollatschek untersucht, was britische Elite-Universitäten mit dem Brexit zu tun haben (picture alliance / ROPI/Anna Weise)
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Als am Morgen des 23. Juni 2016 das Brexit-Votum der britischen Wähler bekannt gegeben wurde, war für Nele Pollatschek die Erleichterung groß. Das Pfund rutschte in ein Tief, und die Doktorandin konnte in einem Rutsch ihre durch mehrere Jahre Studium angehäuften Schulden begleichen. Mit dieser tragikomischen Pointe beginnt das neue Buch der Anglistin Nele Pollatschek. Denn natürlich war Pollatschek, wie die meisten jungen und polyglotten Europäer, nicht froh über den Brexit. Wie es so weit hat kommen können und vor allem, was die am Brexit beteiligten Politiker bewegt, darüber macht sie sich in ihrem neuen Buch "Dear Oxbridge" Gedanken. Das Amalgam "Oxbridge" bezeichnet im Englischen nämlich mehr als eine Anhäufung universitärer Gebäude. Gemeint ist ein kulturelles und gesellschaftliches Konstrukt mit langer Tradition.

"Oxbridge steht für Reichtum, für Elite, für Bildungselite. Und es ist der Schlüssel zur Macht. Von den 54 Premierministern der englischen Geschichte waren einfach mal drei Viertel in Oxbridge. Und so was haben wir in Deutschland einfach nicht. Dass zwei Universitäten die politische Elite stellen, das gibt es bei uns nicht. Das ist Oxbridge, und das ist England."

Weitergabe von Privilegien

Oxbridge bezeichnet also jenen Ort, an dem sich die Führungsriege Großbritanniens formt. Die Schlüsselstellen der Medien, der großen Verlage, der Jurisdiktion, der Politik, ja sogar die der Künste sind meistens mit Menschen besetzt, die einen Bachelor Abschluss von einer dieser Universitäten in der Tasche haben. Das ergibt ein Milieu, das von seinen eigenen Privilegien überzeugt ist und diese über Generationen hinweg weitergibt.

"Der Politikertyp, der aus Oxbridge kommt, der vorher natürlich schon in Eton war, also Menschen wie David Cameron und Boris Johnson, das ist jemand, der immer schon alle Privilegien hatte, der immer schon etwas Besseres war, und der gleichzeitig gar nicht weiß, dass er sich das nicht erarbeitet hat, sondern dass das einfach ein Privileg ist, dass das einfach von Geburt an da ist. Und weil die vermehrt denken: Boah, das habe ich mir alles erarbeitet, das verdiene ich, kommt daraus eine Gnadenlosigkeit, also der Gedanke, dass diejenigen, die das nicht haben, was man selber hat, es auch nicht verdienen."

Geschützte Räume für die Elite

Wer sich im großen Brexitjahr 2019 britische Unterhausdebatten angeschaut hat, konnte leicht zu dem Schluss kommen, dass es sich hierbei um eine Art Performance handelt. Eine große Show, die für viele der verantwortlichen Politiker ohne Konsequenzen bleiben wird, weil der eigene Wohlstand nicht gefährdet ist. Neben der großen Bühne verfügt die Elite von jeher über geschützte Räume. Der traditionelle Ort zum Netzwerken ist von alters her der Club, früher auch Gentlemen's Club genannt. All das beginnt - an den Universitäten.

"Der Bullingdon Club, die Piers Gaveston Society, das sind Clubs, in denen die sehr Privilegierten in Oxbridge, also - da kommt nicht Jeder rein, da kommen vor allem nur Männer rein, die zusammentreffen und eigentlich ihre Schulzeit noch weiter ausdehnen, die gleichen Witze machen, die gleichen Wortspiele machen, aber auch zusammen trinken, zusammen Drogen nehmen, sich mit Prostituierten beschäftigen und zusammen auch sehr viel Gewalt und Aggression rauszulassen, und zwar auf Menschen, die nicht so viel haben wie man selbst, also, sich vor einen Obdachlosen stellen und mal eben einen Hundertpfund Schein anzünden, weil es so lustig ist. Das ist schon eine sehr andere Welt. Das ist schon sehr abgeschlossen und sehr menschenverachtend manchmal."

Leidenschaft für die Vermittlung von Wissen

Das sind sehr klare Worte, aber - das macht das Funkeln dieses Textes aus - sie sind auch in der Niederschrift nicht bitter. Dafür steht schon der Untertitel des Buchs, "Liebesbrief an England". Nele Pollatschek mag die Briten, und noch mehr mag sie das, was ihre Universitäten noch verkörpern, nämlich eine große Leidenschaft für die Vermittlung von Wissen und für die Lehre.

"Am meisten beeindruckt haben mich, glaube ich, meine Kommilitonen und meine Dozenten. Klar, Oxbridge ist Elite, aber Oxbridge, das sind auch einfach Leute, die wahnsinning gerne denken und reden und argumentieren und die wirklich Spaß haben an ihrem Fach. Und das war bei den Dozenten so und den Studenten und das macht unglaublichen Spaß, mit Menschen sich zu unterhalten, die wirklich in etwas aufgehen."

Und so lässt sich Nele Pollatscheks neues Buch am ehesten als universitärer Coming of Age Text beschreiben. Es geht, neben dem Brexit, vor allem um ihre eigene intellektuelle Reifung. "Jüdisch, links, mit Ossi-Eltern", so stellt sich die Autorin in einem Nebensatz vor. Sie erzählt die berührende Geschichte einer Obsession mit der englischen Sprache und Literatur, die in einer keineswegs privilegierten jungen Frau aus Deutschland die Idee wachsen ließ, in Oxford oder Cambridge zu studieren, was, das ist der Subtext, auch einen sozialen Aufstieg bedeutet. Bei der ersten Aufnahmeprüfung fällt Nele Pollatschek krachend durch, und aus diesem Scheitern bezieht ihr Buch einiges an Witz und Tempo. Dear Oxbridge besteht aus einer Reihe von locker verbundenen Essays, die pointenreich und schnell erzählt sind. Eines stellt die Autorin klar: Wenn man Oxbridge im Rücken hat, kann man schreiben - wenigstens.

"Ich habe gelernt, wie man mit viel Freude denkt, wie man einen guten Essay schreibt, ich habe gelernt, wie man sich ganz schnell in ein Thema einarbeitet und ganz schnell einen guten Text schreibt und wie man richtig mit Messer und Gabel isst und dass man den Finger beim Teetrinken niemals abspreizen darf."

Risse und Widersprüche

Der nicht abgespreizte Finger gehört genau wie die stiff upper lip zum kulturellen Inventar eines Landes, das es geschafft hat, seine eigenen Marotten und Idiosynkrasien zu kulturellen Exportartikeln zu machen. Besonders wenn die Oberschicht betroffen ist, übt das einige Faszination auf den Rest der Menschheit aus. Blockbuster wie "Downton Abbey" oder auch die Netflix-Serie "The Crown" bestätigen dies. Je geschlossener ein System sich darstellt, desto mehr knirscht es allerdings normalerweise hinter den Kulissen. Nele Pollatschek schaut auch hier genau hin, zeigt Risse und Widersprüche auf. Das Wetter? Bekanntlich mies. Weniger bekannt ist, dass die Behausungen der stolzen Briten kalt sind und morsch und dass sich in Lebensgefahr begibt, wer hier ohne Heizdecke auftaucht. Der von allen Briten so verehrte NHS, der National Health Service, die eine Krankenkasse für alle, von der bei uns in Deutschland viele träumen? Verschreibt großzügig Psychopharmaka, damit das Volk durchhält, und stabilisiert so die Verhältnisse. Die Professoren in Oxbridge? Unterrichten seit Generationen die künftigen Politiker-Bullies, und doch schlägt ihr Herz besonders für Quereinsteiger wie Nele Pollatschek, die mit einem soliden Humanismus unterwegs sind.

"Meine Grundhaltung ist, dass man nie vergessen darf, dass Menschen Menschen sind. Auch wenn ich finde, dass jemand Sachen sagt, die ganz schrecklich sind, und Sachen tut, die ganz schrecklich sind, immer nochmal einen Moment anzuhalten und zu denken: Naja, es ist trotzdem ein Mensch. Du musst vielleicht eine Ideologie bekämpfen, du musst eine bestimmte Politik bekämpfen, aber hinter allem ist der Mensch ein Mensch und hat eine gewisse Würde, auch wenn er ein Miststück ist."

Es ist genau diese Haltung, die aus "Dear Oxbridge" ein besonderes Buch im Reigen der Brexit-Bücher macht. Wut und Verärgerung sind spürbar, doch dahinter steht die Bereitschaft, immer neu zuzuhören und nachzufragen. Wer also wissen will, was hinter den geschlossenen Türen von Oxbridge passiert und wer ein warmes Plädoyer dafür sucht, warum wir Großbritannien ab übermorgen noch gewogen sein sollten, der greife zu.

Nele Pollatschek: "Dear Oxbridge. Liebesbrief an England"
Galiani Verlag, Berlin. 240 Seiten, 16 Euro.

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