Mittwoch, 12.05.2021
 
Seit 10:08 Uhr Agenda
StartseiteTag für TagKlare, kurze Sätze22.01.2021

Neue BibelübersetzungKlare, kurze Sätze

"Hilfe, kein Jugendlicher versteht die Bibelübersetzungen!" Das will die evangelische Kirche ändern. Mit der „BasisBibel“. Weltweit sei es die erste Bibel, die die Anforderungen digitalen Lesens berücksichtigt. Wer aber alle Hürden fürs Verstehen ausschalten will, zahlt einen Preis.

Von Kirsten Dietrich

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Frank Otfried July, Landesbischof der Evangelischen Kirche in Württemberg, hält eine Ausgabe der "BasisBibel" in der Hand. Die "BasisBibel" ist eine vollständige Ausgabe mit Altem und Neuem Testament. Laut Evangelischer Landeskirche handelt es sich um "eine neue Übersetzung der Bibel für das 21. Jahrhundert". (Picture Alliance / dpa / Sebastian Gollnow)
Die BasisBibel setzt vor allem darauf, gut lesbar zu sein (Picture Alliance / dpa / Sebastian Gollnow)
Mehr zum Thema

Museum Die Bibeldetektive von Münster

Jesus, ein Jude aus Nazareth "Ganz einer von uns"

Zur Zukunft des Christentums in Deutschland Die Verzwergung der Großkirchen

Wie ist die Bibel entstanden? Viel mehr als ein Buch

Am Anfang stand ein Hilferuf: Hilfe, kein Jugendlicher versteht mehr die Bibelübersetzungen, die wir so haben – auch nicht unseren Luther, auf den wir so stolz sind. So die Antwort auf die Frage, was wohl junge Menschen an der Bibel interessieren könnte, sagt Christoph Rösel, Generalsekretär der deutschen Bibelgesellschaft.

"Wir waren nicht auf der Suche nach einem neuem Großprojekt, dann aber haben wir das ernst genommen und mit der BasisBibel begonnen."

Das war 2002. 2003 begann die Arbeit an einer neuen Übersetzung, zuerst der Evangelien, dann der Rest des Neuen Testaments, dann die Psalmen. Jetzt ist die Gesamtausgabe der BasisBibel fertig – "die Bibelübersetzung für das 21. Jahrhundert", heißt es selbstbewusst auf der Verlagsseite.

"Eben für die Menschen", so Rösel, "die auch heute vielleicht auch nicht aus biblischer Tradition, christlicher Tradition herkommen und die die Bibeltexte noch mal neu entdecken wollen."

Dem Volk aufs Smartphone schauen

Übersetzen heißt ja immer: einen vorgegebenen Text neu schöpfen, in der eigenen Sprache verständlich machen, was in einer anderen Sprach- und Geisteswelt gedacht wurde. Das Nachdenken über Sprache ist mindestens so wichtig wie das Nachdenken über die Inhalte, die da transportiert und zugänglich gemacht werden sollen. Und deswegen ist ein Riesenprojekt wie die BasisBibel mit ihren fast 3000 Seiten in der großformatigen Version für zuhause auch eine Bestandsaufnahme über den Zustand der deutschen Sprache – auch das teilt sie mit dem 500 Jahre alten Vorläufer aus der Hand Martin Luthers.

"Es gibt mittlerweile große Teile unserer Gesellschaft, unserer Bevölkerung", sagt Tina Arnold, "die nur noch gewöhnt sind, in kurzen Nachrichten, Sätzen, Texten zu lesen, zu denken, zu schreiben, zu arbeiten. Das hat massiv zugenommen."

  (Picture Alliance / JOKER / Ralf Gerard) (Picture Alliance / JOKER / Ralf Gerard)Islam - Wie Muslime den Koran lesen
Die Heilige Schrift des Islams ist in Alt-Arabisch verfasst – eine Sprache, die nur wenige beherrschen. Viele Gläubige verstehen nicht, was sie in der Moschee hören, doch dem spirituellen Erlebnis tut das keinen Abbruch.

Tina Arnold ist Pfarrerin. Einer ihrer Schwerpunkte: die Ausbildung für die kirchliche Jugendarbeit. Sie ist seit Anfang des Projekts eine der Übersetzerinnen der BasisBibel.

"Ich glaube nicht, dass es da Sinn macht, Erziehungsarbeit machen zu wollen. Zu sagen: schön, wenn du dich für Glaube und Gott interessierst oder einfach mal in der Bibel lesen möchtest, dann empfehlen wir dir erstmal, ein Jahr wieder zu lernen, wie man längere, komplizierte Texte verstehen kann. Ich glaube, das ist der falsche Ansatz. Sondern wir müssen das mal so hinnehmen, wie es ist – wir müssen den Leuten aufs Smartphone schauen."

Und damit eben: aufs Maul, wie Luther das als Maxime für eine gelungene Übersetzung ausgab.

Klare, kurze Sätze

Sprache, die sich heute im Alltag bewährt, formt sich unter digitalen Bedingungen. Eine Herausforderung fürs Verstehen. Aber andererseits: Damit kämpfte die biblische Überlieferung ja von Anfang an. "Verstehst du auch, was du liest?", fragt Philippus in der Apostelgeschichte des Neuen Testaments einen Hofbeamten aus Äthiopien – der kämpfte sich gerade durch eine Abschrift des Prophetenbuches Jesaja. In der BasisBibel klingt das so:

Apg 8, BasisBibel
Philippus fragte:
"Verstehst du eigentlich, was du da liest?"
Der Eunuch sagte:
"Wie soll ich es verstehen, wenn mir niemand hilft?"

Klare kurze Sätze, ein Absatz nach jedem Satz, egal wie kurz, Anführungszeichen bei jeder wörtlichen Rede und nicht nur bei direkten Zitaten anderer Bibelstellen – und die Wörter "Philippus" und "Eunuch" sind blau gedruckt und verweisen auf Anmerkungen am Seitenrand, die Philippus als einen der ersten Mitarbeiter der entstehenden Gemeinde erklären und einen Eunuchen als zeugungsunfähig gemachten hohen Hofbeamten. In der Online-Ausgabe sind diese Wörter natürlich einfach verlinkt auf einen ausführlichen Apparat aus Worterklärungen, Anmerkungen, Namensverweisen und Karten. Kurze Sätze, leicht erreichbare Erklärung komplexer Begriffe – das sind die Hauptprinzipien dieser Übersetzung, sagt Christoph Rösel von der deutschen Bibelgesellschaft: "Kurze Sätze, kein Satz länger als 16 Wörter – Ausnahmen bestätigen die Regel – maximal ein Nebensatz, und dann auch lineare Informationsvermittlung."

Die BasisBibel meidet Umschreibungen

"So nach knapp 60 Zeichen muss schon irgendein Sinn dastehen, dann kommt die nächste Sinnzeile, im Idealfall ergeben zwei bis drei Sinnzeilen einen vollständigen Satz." Deswegen könne man die BasisBibel auch so gut vorlesen, sagt Übersetzerin Tina Arnold. Viele biblische Texte, vor allem Erzählungen, seien sowieso nach diesem Prinzip angelegt. Schwieriger sei es bei Gesetzestexten mit ihrer fallbezogenen Argumentation und bei Paulus.

Röm 3,22 Lutherbibel 2016
Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben.

Übersetzt die neueste Ausgabe der Lutherbibel im dritten Kapitel des Römerbriefs. Noch knapper macht es die katholische Einheitsübersetzung von 2017:

Röm 3,22 Einheitsübersetzung 2017
Die Gerechtigkeit Gottes durch Glauben an Jesus Christus, offenbart für alle, die glauben.

In der BasisBibel klingt dieser Vers so:

Röm 3,22 BasisB
Es ist der Glaube an Jesus Christus,
der uns die Gerechtigkeit Gottes zugänglich macht.
Der Weg zu ihr steht allen Glaubenden offen.

"Das geht eigentlich sehr gut", sagt Tina Arnold zu dieser Form der Übersetzung. "Weil wir an vielen Stellen das nicht gemacht haben, was viele andere kommunikative Übersetzungen machen, nämlich zu umschreiben, sondern schon eben die ursprünglichen Begriffe zu lassen, damit wir kurz und klar bleiben können."

  (imago/Ikon Images/Gary Waters) (imago/Ikon Images/Gary Waters)Falsche Deutungen der Bibel - "Manche Stellen muss man mit Warnhinweisen kennzeichnen"
Gott hat den Himmel geschaffen, die Juden haben Jesus getötet, Homosexualität erregt göttlichen Zorn – solche Deutungen der Bibel halten sich hartnäckig.

Mit kommunikativen Übersetzungen meint Tina Arnold Projekte, die vor allem auf Verständlichkeit für die jeweilige Leserschaft zielen. Übersetzungen wie die "Gute Nachricht Bibel" arbeiten seit Ende der 1960er-Jahre daran, biblische Texte zugänglicher zu machen – vor allem dadurch, dass sie komplizierte Begriffe vermeiden oder umschreiben. Um beim Beispiel zu bleiben: Der Vers aus Römer 3 klingt in der "Gute Nachricht Bibel" so:

Röm 3,22 Gute Nachricht Bibel
Dieser Weg besteht im Glauben, das heißt im Vertrauen auf das, was Gott durch Jesus Christus getan hat. Alle erfahren Gottes rettende Treue, die in diesem Glauben stehen.

Der Preis der Vereinfachung

Statt Gerechtigkeit also "Gottes rettende Treue" – die BasisBibel bleibt im Text beim ursprünglichen Begriff und erklärt ihn kurz am Seitenrand. Kurz, klar, keine länglichen Umschreibungen: das funktioniert erstaunlich oft – und manchmal gar nicht.

Joh 1,1 Lutherbibel 2016
Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.

Heißt der Anfang des Johannes-Evangeliums nach Luther. Poetisch, schwer verständlich, aber über Jahrhunderte auch anregend fürs theologische und philosophische Nachdenken. Die BasisBibel streicht die flirrende Offenheit, löst – per Anmerkung – quasi das Rätsel: Jesus Christus ist das Wort.

Joh 1,1 BasisBibel
Von Anfang an gab es den, der das Wort ist.
Er, das Wort, gehörte zu Gott.
Und er, das Wort, war Gott in allem gleich.

Eine Übersetzung, die möglichst alle Hürden für das Verstehen ausschaltet, hat einen Preis: Sie muss sich festlegen auf eine Deutung des Ursprungstextes.

"Große theologische Konzepte nicht vereinfachen"

Ein Problem, das noch viel offensichtlicher ist bei einem Projekt des Katholischen Bibelwerks: es überträgt Evangelientexte in sogenannte Leichte Sprache. Dort sind die Kriterien noch viel strikter als bei den Übersetzungsprinzipien der BasisBibel: kurze Hauptsätze, kein Passiv, möglichst keine Verneinung, keine abstrakte oder bildliche Redeweise, wenn sie verwirrend ist. Am Anfang des Johannes-Evangeliums kann diese Art der Übersetzung nur noch umschreiben:

Joh 1,1 Leichte Sprache
Das Wort von Gott war von Anfang an da.
Gott ist selber das Wort.

In leichter Sprache ist die BasisBibel nicht geschrieben.

"Es ist eine einfache Übersetzung, aber eben nicht vereinfachend. Weil wir ja diese schwierigen Begriffe und großen theologischen Konzepte versuchen, nicht zu vereinfachen", sagt Tina Arnold.

Das Luther-Denkmal in Erfurt von unten Richtung des leicht rosafarbenen Himmels fotografiert. (imago images / Shotshop)Die BasisBibel stellt Martin Luthers Übersetzung auf den Prüfstand (imago images / Shotshop)

Für die Bildsprache, die sich in den Jahrhunderten seit Luther etabliert hat, gilt ausdrücklich kein Bestandsschutz. Die Lutherrevision von 2016 und auch die neue katholische Einheitsübersetzung aus dem folgenden Jahr gingen eher den Weg zurück ins Archaische, auf dass, - also: damit - der vertraute Klang nach Bibel und Luther zurückkehrt. Egal, wie verständlich das noch ist. Die BasisBibel mottet aus – beim Satzbau ebenso wie bei Wortfeldern.

"Die Frage beim Übersetzen war immer: Wenn das jemand liest, welche Bilder entstehen bei ihm? Und: Helfen ihm diese Bilder, dieses Verhältnis zwischen diesen Menschen wirklich gut zu verstehen, oder kriegt er ein falsches Bild und damit eine falsche Interpretation dessen, was geschieht."

Knechte, Sklaven, Diener

Ein prägnantes Beispiel: die Mägde und Knechte, mit denen Luther das Konzept von Sklave und Sklavin in sein bäuerlich-vertrautes Umfeld übersetzte.

Joh 4,51 Lutherbibel 2017
Und während er noch hinabging, begegneten ihm seine Knechte und sagten: Dein Kind lebt.

So übersetzt Luther die Heilung des Sohnes eines königlichen Beamten. Vor 15 Jahren, 2006, wurde die "Bibel in gerechter Sprache" veröffentlicht – eine Übersetzung, die die alten Texte ausdrücklich unter dem Blickwinkel der Gerechtigkeit übersetzte und deswegen gesellschaftliche Machtverhältnisse und Geschlechterrollen hinterfragte. Den einen eine Offenbarung, den anderen ein Graus. Die "Bibel in gerechter Sprache" übersetzt den Vers aus dem Johannesevangelium so:

Joh 4,51 BigS
Aber schon während er hinabging, kamen seine Sklavinnen und Sklaven ihm entgegen.

"Wo Luther von den Knechten und Mägden schreibt," so Übersetzerin Kerstin Schiffner, "schreiben wir von Sklavinnen und Sklaven, nämlich schlicht, weil heutigen Lesenden das, was an Härte mit der Bezeichnung Knecht und Magd verbunden war, noch zu Luthers Zeiten, so überhaupt nicht mehr präsent ist."

  (Deutschlandradio - Andreas Buron) (Deutschlandradio - Andreas Buron)Sibylle Lewitscharoff - "Predigt-Sprache ist verkommen"
Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff wirft den Kirchen vor, "lendenlahm" zu predigen. "Als würde die Predigt in Lenor gewaschen", sagte Lewitscharoff im Dlf.

Sagt die Pfarrerin und Alttestamentlerin Kerstin Schiffner, eine der Übersetzerinnen der "Bibel in gerechter Sprache". Die BasisBibel als 15 Jahre jüngere Übersetzung versucht ebenfalls, Übersetzungen zu vermeiden, die heute auf falsche Spuren führen könnten, also zum Beispiel eine Bullerbü-Knechts-Romantik. Aber zum Prinzip möchte Tina Arnold eine Herrschaftskritik nicht machen. Und auch der Begriff Sklave könnte heute auf falsche Spuren locken.

"Deswegen ist es an vielen Stellen bei der Übersetzung ratsam, nicht ein falsches Bild zu wecken, sondern mit Diener:innen zu übersetzen. Um deutlich zu machen, dass da ein enges Verhältnis besteht, der ist mehr Diener als Sklave."

Joh 4,51 BasisBibel
Unterwegs kamen im schon seine Diener entgegen.
Sie riefen: "Dein Kind lebt!"

Vielstimmigkeit als Stärke

Nun stellt sich die Frage – wie eigentlich bei jeder Übersetzung: Darf man das? Wie gebunden ist eine Übersetzung an die Worte des Urtextes, vielleicht sogar eines heiligen Textes? Es ist kompliziert, sagt Altbischof Christoph Kähler, der die Neuausgabe der Lutherübersetzung von 2016 verantwortet hat:

"Wenn man Wahrheit als 1:1-Richtigkeit definiert, dann kann keine Übersetzung wahr sein, weil keine Übersetzung 1:1 versprechen kann, die emotionale Stärke, die Sinntiefe und das Ansprechende eines Textes aus dem Griechischen oder Hebräischen ins Deutsche zu übertragen. Es bleibt ein Nachschöpfen, ein schöpferischer Prozess, bei dem hoffentlich viel Geist dabei ist, aber man kann das nicht garantieren, und es gibt keine Regel, die es in irgendeiner Weise sichern kann.

Zu sehen ist ein Regal voller Bibeln in der Cansteinischen Bibelanstalt. (imago / Horst Galuschka )Die Vielzahl von Bibelübersetzungen muss keine Schwäche sein (imago / Horst Galuschka )

Für Kähler heißt das: Es gibt einen Text der Bibel, der sich in der Tradition der Kirche etabliert und bewährt hat. Sakrosankt ist er nicht. Nicht Gott hat ihn gegeben, sondern die Praxis der Gläubigen hat ihn etabliert. Die Sehnsucht nach Eindeutigkeit aber bleibt. Vielleicht ist es deshalb kein Zufall, dass ausgerechnet in den letzten Jahren so viele Übersetzungen der Bibel neu entstanden oder überarbeitet wurden: Bibel in gerechter Sprache, Lutherbibel, Einheitsübersetzung und jetzt: die BasisBibel. Kerstin Schiffner hat an der Bibel in gerechter Sprache mitübersetzt. Sie sagt: es ist höchste Zeit, Vielstimmigkeit als Stärke zu entdecken:

"Wir kriegen diese Eindeutigkeit nicht. Wir können so tun, als ob, wenn wir immer nur einen einzelnen Vers zitieren und dann den nächsten aus drei Bücher weiter und sagen: So und nicht anders soll's sein – aber Bibel am Stück gelesen kann diese Sehnsucht nicht bedienen. Dann kann man sagen: Tut mir leid, ihr Lieben, ich finde aber, es ist eine ihrer größten Stärken."

Dazu Tina Arnold: "Ich finde generell wichtig, dass man verschiedene Bibelübersetzungen nutzt, weil ich glaube, dass sich da immer wieder andere Aspekte erschließen."

Die große Stärke ihrer Übersetzung in der BasisBibel sei, sagt Tina Arnold: "Man kann die Basisbibel am Stück lesen. Das kann ich mit kaum einer anderen Übersetzung. Dass ich nicht müde werde, sondern das Gefühl habe, ich verstehe alles beim Lesen."

Genau da könnte die BasisBibel tatsächlich ihre wichtigste Funktion finden. Denn sie liefert einen Text, der das Lesen so einfach wie möglich machen will. Damit der Atem eben auch im 21. Jahrhundert für mehr reicht als für ein aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk