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StartseiteInformationen am MorgenDie Befreiung Mossuls - um welchen Preis?21.02.2017

Neue Militär-Offensive Die Befreiung Mossuls - um welchen Preis?

Vier Monate hat die irakische Armee gebraucht, um den Ost-Teil Mossuls vom IS zurückzuerobern. Im dicht besiedelten West-Teil der Stadt wird das ungleich schwieriger: Die Straßen sind zu eng für gepanzerte Fahrzeuge. Brot und Wasser gehen bereits aus. Humanitäre Korridore wie beim Kampf um das syrische Aleppo wären dringend nötig.

Von Martin Gerner

Ein irakischer Polizist hält (19.02.17) ein Sprechfunkgerät in der Hand.  (dpa picture alliance / AP / Bram Janssen)
Ein irakischer Polizist am 19.02.17. Die Eroberung des Westens von Mossul wird für das irakische Militär enorm schwierig, es droht ein gnadenloser Häuserkampf. (dpa picture alliance / AP / Bram Janssen)
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"Es fehlt an Wasser, an Strom", klagt dieser Mann im Flüchtlingslager Hassan Sham, das seit Wochen Flüchtlinge aus Mossul aufnimmt. "Wo bleiben Medikamente für die Herzkranken?", so ein anderer. Diesen Männern ist die Flucht aus Mossul gelungen. Spät. Nach über zweieinhalb Jahren IS-Herrschaft. Sie werden deshalb von den kurdischen Sicherheitskräften, die das Lager bewachen, minutiös überprüft, bevor sie als Flüchtlinge registriert werden.

"Viele von uns haben Bilder aus Mossul auf ihren Handys. Beweismittel, so dieser Mann. Aber sie fürchten, dass der IS gegen Angehörige, die noch in der Stadt sind, vorgehen, sobald die Bilder ins Netz gelangen."

Womöglich droht eine Hungersnot im Westen von Mossul

Keiner weiss genau, wie viele Zivilisten noch im West-Teil von Mossul ausharren. 350.000, eine halbe Million, 850.000? Klar ist nur: Die Nahrung geht aus, Brot und Wasser werden knapp. Womöglich droht eine Hungersnot. Humanitäre Korridore wären dringend jetzt, wie zuletzt in Aleppo. Aber mit dem IS ist kein Verhandeln. Was droht, ist ein gnadenloser Häuserkampf, so dieser Übersetzer an der Front:

"Der West-Teil der Stadt besteht aus engen Straßen und Gassen. Gepanzerte Fahrzeuge kommen da nicht durch. Auch Autos nicht. Es wird enorm schwierig für das irakische Militär. Die Soldaten sind auch sich allein gestellt. Für Sniper und Scharfschützen sind sie ein einfaches Ziel. Aus der Luft zu bombardieren geht nicht, dann tötet man viele Zivilisten. Es kann lange dauern."

Der IS als "das kleinere Übel"

Alle Brücken zum West-Teil der Stadt sind zerstört. Ob vom IS oder von der irakisch-amerikanischen Koalition, damit kein Selbstmord-Attentäter mehr aus der Stadt gelangt – auch das scheint unklar. Und die noch mit dem IS sind - sind sie Sympathisanten oder Geiseln der Islamisten? Ayub, kurdischer Reporter:

"Ein Teil ist geflohen. Andere hätten fliehen können, haben es aber nicht getan. Sie sagen: Bleiben ist besser als im Flüchtlingslager mit zehn Personen bei Kälte unter einem Zelt zu leben. In Mossul leben bis zu 25 Menschen in ein, zwei Räumen. Selbst wenn sie nicht mit dem IS sympathisieren, fürchten viele das, was danach kommt. Es sind Sunniten, wie der IS. Aber wenn der IS die Macht in Mossul verliert, fürchten sie das irakische Militär und schiitische Truppen, die die Stadt umzingelt haben. Der IS ist für sie das kleinere Übel."

Täter und Opfer innerhalb einer Familie

Oft gehe der Riss in Mossul durch eine und dieselbe Familie, so der Menschenrechts-Aktivist Hussam Salim:

"Es ist komplex. In vielen Familien gibt es Opfer und Täter zugleich. Die Mutter war womöglich für den IS, der Vater dagegen. Und das Kind als Spion unterwegs. Alles ist möglich. Wir hören, was die Flüchtenden erzählen."

Der IS und seine Handlanger seien nicht vom Himmel gefallen, so Salim. Viele kämen aus der Partei Saddam Husseins. Er selbst habe mit einigen studiert:

"Die Meisten waren Anhänger der Baath-Partei. Sie waren säkular, äußerlich, bis in die 80er-Jahre. Aber 1991 hat Saddam Hussein nach dem Kuwait-Krieg eine Islamisierung verordnet. Mit Gebeten und Moschee-Gängen. Das war der Startpunkt der Radikalisierung, über Al Zarkawi, Al Qaida bis zu Daesh heute. Das ist eine lineare Entwicklung."

Müde vom Krieg

Sehr rasch, man braucht kein Prophet zu sein, wird sich jetzt die Aufmerksamkeit in Richtung Mossul wenden. Auch wegen Stimmen wie dieser:

"Kann Deutschland die Flüchtlinge aus Mossul aufnehmen? Wir sind müde vom Krieg und all dem Blutvergießen. Mein Bruder ist hier umgekommen. Ich will hier raus, um in ein sicheres Ausland zu kommen."

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