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StartseiteTag für TagEndlich angekommen04.07.2019

Neue SynagogeEndlich angekommen

In Unna ist eine evangelische Kirche zur Synagoge geworden, heute wird Eröffnung gefeiert. Zur Gemeinde gehören viele jüdische Kontingentflüchtlinge, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland kamen. Sie haben lange auf ein eigenes Gotteshaus gewartet.

Von Igal Avidan

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Alexandra Kariakhova steht mit Besuchergruppe an der Baustelle der Synagoge  (Deutschlandradio / Avidan)
Vereinsvorsitzende Alexandra Kariakhova mit Besuchergruppe an der Baustelle der Synagoge (Deutschlandradio / Avidan)
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Zwei Jahre lang ertönten am Freitagabend hebräische liturgische Gesänge aus den Räumen der katholischen Gemeinde St. Katharina. Zwei kleine Silberleuchter waren ein weiteres Zeichen dafür, dass hier Juden den Shabbat gerade empfangen. Von heute an kann Unnas jüdische Gemeinde in einer Synagoge Gottesdienst feiern. Doch ohne die Mithilfe von Christen und Atheisten wäre das nicht möglich gewesen.

Als nach dem Fall des Eisernen Vorhangs jüdische Kontingentflüchtlinge nach Deutschland kamen, wollte die orthodoxe jüdische Gemeinde im benachbarten Dortmund nur denjenigen Zuwanderern helfen, die eine jüdische Mutter hatten und daher nach der jüdischen Gesetzgebung, der Halacha, als jüdisch galten.

"Die Kinder kommen rein, Sie nicht"

Alexandra Khariakova ist eine von ihnen. Sie siedelte 1995 mit ihrem christlichen Mann und den beiden Kindern nach Deutschland über, wo eine Cousine bereits lebte. Ihre erste Station war das regionale Auffanglager in Unna, wo anfangs alle jüdischen Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion in Nordrhein-Westfalen untergebracht wurden. In Unna bekamen sie große Unterstützung von Nichtjuden und daher blieben sie. Khariakova wurde Mitglied der jüdischen Gemeinde in Dortmund und schickte ihren siebenjährigen Sohn zusammen mit ihrem Mann dorthin:

Khariakova: "Dort war Religionsunterricht für Kinder und der Kleine darf in die Synagoge natürlich zum Unterricht und Papa muss draußen bleiben. Das war Winter und das war nicht einmal. Er hat oft die Kinder dahin gebracht und die gleiche Ausrede: Sie haben hier nichts zu suchen. Die Kinder kommen rein, sie nicht."

Die neue Synagoge in Unna  (Deutschlandradio/ Avidan)So sieht die neue Synagoge jetzt aus (Deutschlandradio/ Avidan)

Zuwanderer mit jüdischem Vater lehnte die orthodoxe Gemeinde in Dortmund ab, obwohl auch diese in ihrer Heimat, der Sowjetunion, aufgrund des jüdischen Vaters als Juden galten. Antisemiten scherten sich um solche theologische Fragen nicht, wenn sie ihren Judenhass verbreiteten, erinnert sich Alexandra Khariakova.

"Das war ein Fall im Geschäft, im Laden: ein Mensch aus der Schlange. Das war eine lange Schlange zum Einkauf von Lebensmitteln. Dann hat er gesagt: Du musst raus, du musst nach Israel fahren. Wir haben nicht genug Lebensmittel für uns, für die Ukrainer und Russen."

Alexandra Khariakova beschloss, andere jüdische Kontingentflüchtlinge zu unterstützen. Deswegen hat sie 2003 zusammen mit nichtjüdischen Mitstreitern den Verein "Stern" gegründet. Von Anfang an wurde sie vom katholischen Hilfsverband Caritas unterstützt. Dessen Vorstand für den Kreis Unna ist Ralf Plogmann.

"Wir haben immer schon eine große Migrationsabteilung gehabt und sind in den Anfängen des Jahres 2000 dazu übergegangen, viele jüdische Kontingentflüchtlinge zu beraten, weil die jüdische Gemeinde in Dortmund beriet hauptsächlich diejenigen, die nach der Halacha entsprechend jüdische Flüchtlinge waren. Aber es kam auch die Frage oft, wie können wir uns untereinander treffen und etwas über unsere jüdische Identität erlernen, auch für unsere Kinder."

Unterstützung der Politik

Am jüdischen Neujahr Rosh ha-Shanah 2004 erkannte Alexandra Khariakova: Es besteht ein Interesse, die jüdische Gemeinde in Unna wieder zu beleben. Fast alle Anwesenden wollten nämlich das Neujahrsfest in Unna feiern; nur drei Menschen wollten 25 Kilometer zur nächsten jüdischen Gemeinde in Dortmund fahren.

Bei der Eröffnung der Ausstellung "Jüdisches Leben wieder in Unna" 2006 im lokalen Stadtmuseum, sprach Khariakova vor den mehrheitlich nichtjüdischen Freunden:

"Da habe ich gesagt, ich wünsche mir, dass an einem Freitag Sie alle sagen: Diesen Freitag stehe ich nicht zur Verfügung; ich gehe zu meinen jüdischen Freunden zum Gottesdienst, zu Kabbalat Shabbat".

Alexandra Kariakhova vor dem eingerüsteten Kirchturm der evangelischen Kirche in Unna (Deutschlandradio/ Avidan)Alexandra Kariakhova beim Umbau der evangelischen Kirche in Unna (Deutschlandradio/ Avidan)

Nur ein Jahr später haben die Juden in Unna die liberale Gemeinde gegründet. Sie nannten sie "ha Kochaw", Hebräisch für "der Stern". Dadurch wollten sie an den Verein erinnern, der die ersten Brücken zwischen Juden und Nichtjuden in Unna errichtete und der bis heute der engste Kooperationspartner der Gemeinde ist. Pascal Krümmel schrieb 2017 seine Masterarbeit über die liberale jüdische Gemeinde in Unna.

Er sagt: "Was die jüdische Gemeinde in Unna richtig gemacht hat ist, direkt bei der Politik Unterstützung zu finden, viele Freunde aufzusuchen, Netzwerke aufzubauen und an der Sichtbarkeit zu arbeiten, um dementsprechend weitere Unterstützung und auch weitere Hilfen zu bekommen".

Die jüdische Gemeinde nimmt beispielsweise an interreligiösen Feiern und Friedensgebeten aktiv teil, an Kampagnen gegen Fremdenfeindlichkeit und feiert jede zweite Woche einen Gottesdienst, fand Krümmel heraus.

Das Ruhrgebiet und die Migration

Die engen Beziehungen zu christlichen Gemeinden ermöglichte es den Juden in Unna 2010 ihr neues Gemeindezentrum im früheren evangelischen Gemeindehaus einzurichten. Dieses unterstützte früher die Integration der benachbarten Aussiedler, Zuwanderer und Flüchtlinge. Der Pfarrer Jürgen Eckelsbach:

"Daraus hat sich eigentlich das so entwickelt, dass aufgrund der Beziehungen und auch der Ideen und der Ausrichtung zur Freundschaft mit der jüdischen Gemeinde im Kirchenkreis sich die Auffassung gebildet hat, dass wir das umsonst abgeben.

"Ich glaube, dass hier eine spezielle Offenheit da ist. Hier ist natürlich auch, dass damals die Menschen in den Holocaust verschwunden sind eine besonders intensive Verbindung mit der Geschichte. Ansonsten sind wir am Rande des Ruhrgebiets und das Ruhrgebiet ist eine Gegend, die ja immer auch mit und von der Migration gelebt hat."

Und da ist es nur folgerichtig, dass die neue Synagoge nur wenige hundert Meter von dem Heim entfernt ist, wo Gemeindevorsitzende Alexandra Khariakova und ihre Familie als Flüchtlinge die erste Zeit in Deutschland verbracht hat. Damals hingegen konnte sie noch kein einziges jüdisches Lied singen.

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