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StartseiteCorso"Die Satire ist am Ende immer ernst"22.04.2017

Neues Album der Jewish Monkeys"Die Satire ist am Ende immer ernst"

Sie vermischen Klezmer und Polka mit Punk und Rock: Die israelische Band Jewish Monkeys spielt satirisch-böse mit Musikgenres und Klischees. Und damit kommt sie in Deutschland besser an als in ihrer Heimat.

Von Anja Buchmann

(Deutschlandradio/Michael Topyol)
Die israelische Band Jewish Monkeys (Deutschlandradio/Michael Topyol)
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Jossi Reich: "Wir sind Kinder- und Jugendfreunde, wir haben uns im Synagogenchor – das klingt dann immer so schön nach Mythos, in Frankfurt am Main kennen gelernt. Es entspricht aber auch mehr oder weniger der Wahrheit. Also wir waren Nachbarskinder, er war jünger als ich und ist immer mit seinem Schäferhund durch die Grünanlage bei uns gelaufen. Meine Mama hat immer gesagt: Ein Junge aus einer jüdischen Familie, mit dem kannst du dich befreunden. Ich: Nein, ich will nicht, der hat einen Schäferhund, ich mag keine Hunde."

Politisch inkorrekt

Als junge Erwachsene sind Boiko und Reich beide nach Israel gegangen, um dort zu leben. In Tel Aviv treffen sie sich Anfang der 2000er mit weiteren Musikern zu Jam-Sessions und aus dem losen Projekt wird mit Unterstützung des Bassisten und musikalischen Leiters, Ran Bagno, schließlich eine Band. Einer der ersten Songs entstand aus einer Fusion von Harry Belafonte und jüdischer Volksmusik: "Banana Boat" versus "Hava Nagila" - natürlich mit neuem Text.

Jossi Reich: "Wo sich ein Araber und zwei Juden um das Heilige Land streiten. Da sagte der Ran Bagno gesagt: Das ist so lustig, ihr seid so politisch inkorrekt. Ich will euch professionalisieren."

Angeblich hat Jossi Reich bei der Namensgebung an die US-Formation "The Monkees" aus den 60er Jahren gedacht – und er spielt auf das deutliche Schimpfwort "Jewmonkey" an. Das die Jewish Monkeys wieder lächerlich machen, indem sie es selbst benutzen. Überhaupt – der satirisch-böse Humor ist ein wichtiger Bestandteil der achtköpfigen Truppe. So kommentiert Jossi Reich beim Konzert in Köln den Einsatz von Bühnennebel mit den Worten: "Kein Gas bitte. Damit haben wir schlechte Erfahrungen."

"Abstand durch Lachen"

Jossi Reich: "Jüdischer Humor, insbesondere, wenn er aus Osteuropa kommt, ist der Humor einer unterdrückten Volksgruppe, die sich mit ihrem Schicksal am besten - wie alle anderen unterdrückten Volksgruppen oder Menschen, die es schwer haben im Leben -, indem man am besten versucht, Abstand durch Lachen dazu zu gewinnen."

Die Jewish Monkeys sehen sich in einer Traditionslinie mit der US-Komikertruppe Marx Brothers oder dem Comedian und Schauspieler Jerry Seinfeld.  Aber - nehmen sie eigentlich nichts wirklich Ernst?

Jossi Reich: "Nein. Nicht wirklich. Doch, manchmal schon. Ich meine, Satire ist am Ende immer Ernst, glaube ich."

Jiddisch oder Englisch, oft mehrstimmig mit drei Sängern: Die Musiker bieten schräge und anzügliche Anti-Liebeslieder (das gerade gehörte "Oy Brigitte" etwa von einem Gasttexter, dem Schriftsteller Maxim Biller), sie beklagen sich über die Tücken des Älterwerdens oder ironisieren die demagogische Macht der Sprache.

"Singende Politsatire"

Jossi Reich: "'Senators, Governours, take out your calibers' - ich meine: Trump, calibers - das kann man auch durchaus als singende Politsatire verstehen."

Es passt zum Underdog-Image, das sie sichgeschaffen haben: Die Jewish Monkeys gehören immer noch in die Schublage "Geheimtipp". Allerdings mit mehr Aufmerksamkeit in Deutschland als in Israel, wo sie seltener auftreten und nicht so große Begeisterung hervor rufen. Warum?

Jossi Reich: "Das ist das, was wir Deutschen leider Gottes damals als Nazis ausgetilgt haben. Aber ich will gar nicht in diese Schuldschiene schauen, sondern es ist einfach: Die merken, da ist was. Dieser Verlust, den man auch in Deutschland spürt, das ist ein Teil unseres Erfolgs – und unser gutes Netzwerk."

Es lässt sich sehr gut dazu tanzen

Klezmer, Punkrock, Balkan-Sounds – die Jewish Monkeys überzeugen mit ihrem neuen Album "High Words": Sie sind nicht grundsätzlich politisch, sondern einfach grundsatirisch: Was ihnen über den Weg läuft, wird aufs Korn genommen: Druckvoll und  dreckig  rasen sie durch die Uptempo-Songs und aalen sich im ausdrucksstarken Schmalz der Balladen. Auf der Bühne begeistern sie zudem mit Gitarren- und Posaunen-Improvisationen.Nur ein bisschen Abwechslung in den doch sehr Polka dominierten Rhythmen hätte der Musik gut getan. Immerhin: Es lässt sich sehr gut dazu tanzen.

Jossi Reich: "Maxim Biller hat einen guten Satz mal gesagt: So würde sich ostjüdischer Punkrock anhören, hätte es Hitler nicht gegeben."

Jewish Monkeys auf Tour im Mai:
20.05.2017 München / Ampere
21.05.2017 Dresden / Schloss Röhrsdorf
24.05.2017 Frankfurt / Ignatz Bubis-Gemeindezentrum
25.05.2017 Karlsruhe / Tollhaus
26.05.2017 Hannover / Café Glocksee
27.05.2017 Hamburg / Kampnagel

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