Sonntag, 21.07.2019
 
Seit 17:00 Uhr Nachrichten
StartseiteDlf-MagazinVon vielem enttäuscht - der Partei trotzdem treu13.06.2019

Neumitglieder in der SPDVon vielem enttäuscht - der Partei trotzdem treu

Von Schulz motiviert, von der GroKo entsetzt, von Kühnert inspiriert: Drei Jungsozialistinnen erzählen, wie sie zur SPD kamen, wie sie deren Niedergang erlebt haben - und welche Hoffnungen sie in einen Neuanfang setzen.

Von Frank Capellan

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Außerordentlicher Bundestag der SPD im World Conference Center Bonn im Januar 2018. Gegner der Großen Koalition halten Schilder hoch, auf denen "Groko Nein!" steht. (imago)
Viele SPD-Mitglieder, vor allem unter den Jusos, waren gegen den Eintritt in eine Große Koalition (imago)
Mehr zum Thema

Carsten Schneider (SPD) zur GroKo "Es reicht nicht, einfach zu regieren"

Publizist Heisterhagen zur SPD "Die Welt wirklich besser machen"

SPD-Krise Tiefer Riss zwischen Basis und Führung

Thorsten Schäfer-Gümbel (SPD) "Doppelspitze hängt von Personen und nicht von Strukturen ab"

SPD-Politiker Hartmann "Die Partei ist im Umbruch, genau wie die Gesellschaft"

Es ist die Zeit des Schulz-Hypes, die Zeit, als es in der SPD noch Hoffnung gibt. 30 Prozent scheinen drin, sogar die Kanzlerschaft möglich. Martin Schulz begeistert, auch und gerade junge Menschen. Dabei ist der Hoffnungsträger der Partei 2017 immerhin schon 61. Selbst als die Bundestagswahl gelaufen und Schulz bei miserablen 20,5 Prozent gelandet ist, kann der glühende Europäer noch Jubelstürme auslösen, etwa beim Juso-Bundeskongress im November 2017.

"Konservative fahren die Dinge an die Wand, dann müssen wir die Scherben auffegen. Das läuft nicht!"

Unter dem Kanzlerkandidaten Schulz erfährt die SPD 2017 einen Mitgliederzuwachs wie seit den Zeiten Willy Brandts nicht mehr. 10.000 zumeist junge Genossen beantragen ein Parteibuch.  

 "Weil ich den schon mal live erlebt hatte in der Schule damals noch, als er im Europaparlament war und fand ihn einfach sehr sympathisch und dachte, das kann ja gut werden", sagt Nele Muder.

Zugpferde Schulz und Nahles

Gestern Abend im Hauptstadtstudio des Deutschlandfunks. Nele Muder, 24 Jahre alt, Psychologiestudentin, erzählt davon, wie sie zur SPD gekommen ist. Drei Jungsozialistinnen sind zu Gast, alle aktiv in Berlin Mitte. Für alle drei gab der Mann aus Würselen einen entscheidenden Anstoß, in die SPD einzutreten.

"Der Hype der AfD, der Rechtspopulisten und vor allem auch Trump, das hat mich sehr bewegt. Und als dann auch noch Schulz kam, war das für mich ein zusätzlicher Punkt, er ist halt ein überzeugter Europäer und er hat irgendwie damals gut auch mit sozialer Gerechtigkeit gepunktet!"

Miriam Siglraitmeier neben Nele Muder nickt. Soziale Gerechtigkeit, das war auch für sie der Antrieb, sich den Genossen anzuschließen. Die 26-Jährige studiert noch, verdient aber schon ihr erstes Geld an der Humboldt-Universität. Und neben Schulz fällt ihr da noch eine andere prägende Sozialdemokratin ein.

"Also ich fand Andrea Nahles immer sehr überzeugend. Sie ist eine Arbeitertochter vom Lande und damit konnte ich mich sehr gut identifizieren, weil ich selbst auch eine bin!"

Abscheu gegen den Umgang mit der Parteiführung

Wie ihre Parteigenossen mit Andrea Nahles umgegangen sind, das verabscheuen die jungen Frauen. Melis Yeter, 25 Jahre alt, kaufmännische Ausbildung, fester Job, hat einigermaßen fassungslos beobachtet, wie nach der verlorenen Europawahl eine Personaldiskussion losgetreten wurde – gegen den Willen vieler Jusos.

"Uns ist wichtig, Inhalte zu erarbeiten und diese glaubwürdig an die Bevölkerung heranzutragen, und das hätten wir dann tun können, wenn wir uns zunächst alle zusammengesetzt und darüber gesprochen hätten, was wir tun möchten, um dann aus diesen Umfragetiefs herauszukommen."

Kardinalfehler Große Koalition

Und dennoch: Keine der drei SPD-Frauen hat auch nur einen Moment darüber nachgedacht, die Partei zu verlassen. Dass auch der einst umjubelte Martin Schulz seinen Anteil am Niedergang der Partei hatte, gestehen sie ganz offen ein. Mit ihm habe die Partei am Ende viel Vertrauen verspielt.

Schulz am Wahlabend: "Mit dem heutigen Abend endet zugleich unsere Zusammenarbeit mit der CDU und der CSU in der Großen Koalition." (Jubel)
"Es ist einfach nicht glaubwürdig, wenn man zunächst sagt, dass man nicht in die Große Koalition möchte und eigentlich auch keinen Posten haben möchte, dann aber zurückwinkt und dann auch gegebenenfalls Außenminister werden möchte!"

Miriam Siglraitmeier, Nele Muder und Melis Yeter (Deutschlandradio / Frank Capellan)Jusos zu Gast im Dlf: Miriam Siglraitmeier, Nele Muder und Melis Yeter (von links nach rechts) (Deutschlandradio / Frank Capellan)

Der Kardinalfehler war der Gang in die Große Koalition, da sind sie sich mit dem Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert einig. Nichts wie raus aus dieser Regierung, fordert Nele Muder, nur das kann die Partei noch retten. Dass sich Martin Schulz und Andrea Nahles breitschlagen ließen, doch noch einmal mit der  Union zu regieren, mag sie beiden nicht verzeihen.

"Das ist für mich ein riesiger Fehler gewesen, der meiner Meinung nach der SPD jetzt wahnsinnig auf die Füße gefallen ist."

Nahles: "Dann sollen all diejenigen, die glauben, dass sie einen anderen Weg gehen wollen, sich aber auch dann hinstellen und sagen: Ich kandidiere!"

Doch auch Andrea Nahles hat für ein neues Glaubwürdigkeitsproblem gesorgt. Nach altem Politik-Muster versuchte sie, ihre Kritiker mit der Vertrauensfrage hinter sich zu versammeln und scheiterte.

Neuanfang mit Doppelspitze

Und jetzt? Wie kann ein Neuanfang gelingen? Für Miriam Siglraitmeier ist ganz klar: Die SPD muss künftig von zwei Persönlichkeiten geführt werden.

"Vielleicht kann die eine Spitze eher den linken Teil ansprechen. Im besten Fall ist es eher eine Jungsozialistin. Und der andere Teil der Doppelspitze könnte den eher konservativeren Teil ansprechen."

An der Urwahl durch die Mitglieder führe kein Weg vorbei. Und wer könnte es machen? Kevin Kühnert, der Chef der eigenen Jugendorganisation? Nele Muder antwortet ganz im Duktus der derzeitigen Parteispitze, ausweichend, zurückhaltend.

"Ich glaube, das wird Kevin Kühnert selber wissen, was er für eine Zukunft möchte, und was nicht!"

Lob für Kühnerts Kapitalismuskritik

Dass sie sich aber eine linke SPD wünscht und dass sie Kühnerts Kapitalismuskritik in jeder Hinsicht teilt, daraus macht die 24-Jährige keinen Hehl:

"Was sehr sympathisch ist, weshalb ich ihn auch sehr toll finde: Es wird endlich mal wieder über Sozialismus geredet, dass es börsennotierte Unternehmen gibt, die irgendwie über Wohnraum für Menschen entscheiden, da bin ich Kevin sehr dankbar, dass er diese Diskussion führt und dass es endlich wieder auf der Agenda ist!"

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk