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StartseiteBüchermarktDas Exil der Dadaisten31.07.2020

"New Yorker Novellen"Das Exil der Dadaisten

New Yorker Undergroundautor, dazu noch Künstler, Herzensbrecher, Barbewohner – Verlage lechzen heute nach dem, was der Autor Ulrich Becher lebte und liebte. Seine "New Yorker Novellen" zeigen eine zutiefst verstörte Metropole am Ende des Zweiten Weltkriegs.

Von Christoph Haacker

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Der Autor Ulrich Becher und seine „New Yorker Novellen“ (Cover Schöffling Verlag / Autorenportrait © Kurt Wyss)
Der Autor Ulrich Becher und seine „New Yorker Novellen“ (Cover Schöffling Verlag / Autorenportrait © Kurt Wyss)

Die Novelle "Nachtigall will zum Vater fliegen" eröffnet den ab 1945 in Neuengland und der Waadt entstandenen Band und zeigt Emigrantenschicksale in New York City. Der perspektivlose einstige "Oberzippzipp der Zippzipp-Ka-Bewegung" – sprich: Dada – und spätere wackere Schiffsarzt und Reiseschriftsteller Hans Heinz Nachtigall macht eine amerikanische Karriere, nachdem er sich neu erfindet:

"John Henry Nightingale M. D. war während des Zweiten Weltkriegs zu einem "of the most fashionable talking doctors of New York City" aufgerückt, zu einem in Mode stehenden Schwatzdoktor, wie der amerikanische Volksmund den Psychiater mit Privatpraxis nennt." Auf diese Bahn lenkt ihn der pragmatische Exil-Künstler Theodosi Boem, in Berlin Dada-Kumpel, "der zum gefürchtetsten politischen Karikaturisten der Weimarer Republik werden sollte."

Der Psychiater auf der Couch

Doch den Seelenfrieden des neureichen Docs benagt das schlechte Gewissen. Denn in einem Godesberger Altersheim wähnt er den einsamen Vater, den Krieg um sich. Willkommene Ausreden lassen Nightingale noch 1945 den Flug nach Europa immer wieder aufschieben, durch Care-Pakete lässt er sich vertreten, ehe er sich 1947 an Bord einer Constellation begibt.

Es ist weniger diese Vater-Sohn-Geschichte mit ihren psychoanalytischen Ausleuchtungen, die unterhält, sondern mehr das satirische Porträt einer hohlen New Yorker Schickeria, in der europäische Emigranten verzweifelt versuchen, anzukommen.

"Für George Grosz" lautete die Widmung der Erstausgabe des "Zyklus Newyorker Novellen in vier Nächten" 1950 in der Wiener Edition Continental, und Grosz versorgte seinen Zeichenschüler aus Vorkriegsberlin dank seines scharfen Witzes, bizarrer Anwandlungen und illustrer Kontakte mit erstklassigem Stoff. Becher machte aus ihm, wie auch im Roman "Das Profil", eine eindrucksvolle literarische Figur:

"Während des Zweiten Kriegs begann Boem (…) in schweren Ölfarben die Zeit als apokalyptische Vision zu malen. Es war keine messerscharfe Anklage mehr gegen die Verderber. Es war eine düster lodernde Klage über das Verderben. (…) Jemand von Rang und Namen nannte ihn einen späten Bruder des Hieronymus Bosch."

Sarg und Saufen und Sex

In der zweiten Novelle – "Der Schwarze Hut" – werden wieder Cocktailpartys, Small Talks und hochstaplerische Maskeraden glänzend ausgebreitet. Der deutschstämmige Immobilienmakler Alois von Altklammer beklagt sein gerade dahingesiechtes geliebtes Weib, und sinnt, nach Friedhof und Sauftour, auf ein Abenteuer, um sich abzulenken.

Unter den Trauergästen in seinem Penthouse weilt, wie deplaziert, ein Schwerhöriger. Später findet der sich, vom Hausherrn mit Almosen abgespeist, einen Hut der Verstorbenen aufgenötigt bekommen, nachts auf der Straße wieder. Dort wird er für eine auf ein Herrenpissoir verirrte alte Jungfer gehalten, jedoch

"Klopstock riß sich den Damenhut, dessen gewaltige Krempe jenem sein Profil verhängt hatte, vom Kopf […] In seiner Hast ließ er die Rechte frei hängen, gab sie den Blicken der Jünglinge preis. Ihre Münder schnappten zu […] Ausdruckslos vor Erstaunen beglotzten sie diese verstümmelte Hand, seine verkrüppelte Ohrmuschel …"

Verkappte Schriftstellerporträts

Nach und nach enthüllt sich eine Geschichte aus Nazideutschland mit einem konkreten Hintergrund. Denn nicht nur war Dr. Nachtigall Richard Huelsenbeck nachgebildet und fand sich George Grosz begeistert in Theodosi Bloem wieder. Sondern auch bei Klopstock stand ein Bekannter Pate: der Schriftsteller Hermann Borchardt, Gymnasiallehrer, hatte dank eines Affidavits von George und Eva Grosz 1937 in die USA einreisen dürfen, wurde sieben Monate vom Ehepaar beherbergt, saß dem Maler Modell. Hinter ihm lagen KZs, zuletzt Dachau, wo er durch Folter um sein Gehör und einen Finger gebracht wurde, und entlassen nur unter der Bedingung, zu emigrieren. Es ist schade, dass diese Bezüge vom Herausgeber übersehen wurden. Am 26. Januar 1951 teilte Grosz Ulrich Becher Borchardts Tod mit:

"By the way Klopstock died …. Herzschlag."

Nicht "Der Tod und das Mädchen", sondern "Die Frau und der Tod" ist die dritte Novelle überschrieben. Wie in "Beim Apfelwein" – der weggelassenen vierten Erzählung der Erstausgabe, in der Bezechte als "Zombies" eingeführt werden – beginnt sie am Tresen einer Bar. Wie so oft flicht Becher bildende Kunst mit ein:

Von Barflies, Bildern und Brasilien

"Vom Dämmer des Kellergewölbes umflort, hatte ihn das Bild angeschaut. Ein altes Bild, der Name des Malers war ihm entfallen. Ein Spanier? Ein Flame? Eine nackte Frau, deren Gesicht dem der zechenden Schönheit da drüben auffallend, sehr auffallend ähnelte. Hinter ihr ein Umschatteter. Kein Skelett, kein Sensenmann, ein eklig-gespenstischer Greis vielmehr mit schlohweiß-zottendem Haar. Des Titels erinnerte sich Slocum. "Die Frau und der Tod"."

Happy Slocum ist frisch demobilisierter Jagdpilot der US-Air Force. Doch in einer Nacht im August 1945 verfällt er nicht in Siegestaumel, sondern Traumata holen ihn ein: nur knapp überlebte Luftgefechte und eine Notlandung im brasilianischen Busch, dem Tod nahe, der dort in der Gestalt eines aussätzigen Greises wie verkörpert zu sein scheint. Da stößt er auf jene Schöne aus der Bar, der er durch die Nacht folgt:

Hiroshima am Times Square

"Wie eine Marionette stöckelt die Frau dahin. Wie an Fäden gezogen, gelenkt von einer im Dunstbaldachin versteckten Hand. […] Bis sie Teil wurde des myriadenköpfigen Getümmels, das sich die Siebente Avenue zum Times Square hinabschob, und er sich dicht hinter ihr dreinzwängte, sie keinen Augenblick mehr aus den Augen ließ, um sie nicht zu verlieren. […]

Jetzt vernahm er die Krächzlitaneien der Zeitungsverkäufer.

"Extraausgabe … Die erste Atombombe der Weltgeschichte auf Hiroshima abgeworfen … Hunderttausend Japse mit einem Schlag vernichtet …""

Diese 1945 begonnene Novelle gehört zu den Höhepunkten deutscher New-York-Literatur. Nicht nur über Prosa von Mitemigranten wie Alfred Gongs plauderndes "Happening in der Park Avenue. New Yorker Geschichten" ragt sie hinaus wie die Wolkenkratzer über die Kirchen Manhattans.

Kurios liest sie sich wie die Vorwegnahme eines anderen einstigen Schöffling-Titels: die Exotik und Fantastik, die schillernden Trugbilder, die Stadttopografie, der Blick auf scheinbar hässliche Typen, Barszenen und erotische Begegnungen, die teils überbordende, teils leicht neuexpressionistische Sprache, dem Tempo der Stadt angemessen, finden sich auch in Alban Nikolai Herbsts Milleniumbuch "In New York". Der Herausgeber aber setzt andere Akzente:

Mehr als nur die "Murmeljagd"

"Im Zuge der Neuausgabe der Murmeljagd wurde vierzig Jahre nach dem Erstdruck 2009 ein Autor wiederentdeckt, um den es nach seinem Tod 1990 merklich still geworden war. […] Ungeachtet dieser wichtigen postumen Wiedererwägung droht Becher allerdings nach wie vor als ein Ein-Werk-Autor wahrgenommen zu werden."

Ulrich Becher als One-Hit-Wonder – diese verzerrende Optik verstärkt, wer gleich drei Bücher der letzten Jahre verschweigt: die Edition der Briefe an die Eltern unter dem Titel "Ich lebe in der Apokalypse", die Prosastücke aus dem Buch "S.I.F.F." – neu aufgelegt in dem Sammelband "Im Liliputanercafé" – und den Roman "Kurz nach 4", der manches anklingen lässt, was in der grandiosen "Murmeljagd" gipfelt.

Mit Lust politisch unkorrekt

Indem das ausgeklammert bleibt, werden Impulse zur Becher-Forschung übersehen. Auch die angebliche Vernachlässigung des Autors in Handbüchern zur deutschen Exilliteratur kann kaum nachvollzogen werden. Gerade abseits der "Murmeljagd" kommt Ulrich Becher nun zunehmend zur Sprache. Schließlich beruhte Bechers Außenseitertum auf seiner nicht nur künstlerischen Unangepasstheit: Mit Lust war er politisch unkorrekt.

Er eckte nicht nur im Kalten Krieg als Mahner gegen den Atomkrieg an, sondern auch als Salzstreuer in die Wunde verdrängter österreichischer Täterschaft im Nationalsozialismus. Oder in der BRD als in der DDR verdächtig stark beachteter Autor. Er wagte über KZs und Wehrmachtsmassaker zu schreiben, verharmloste einmal Stalin, prangerte dann jedoch die Gulags, Schweizer Beihilfe zur Judenverfolgung oder den Algerienkrieg an.

Ulrich Becher: "New Yorker Novellen. Ein Zyklus in drei Nächten".
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Moritz Wagner.
Schöffling Verlag, Frankfurt a. M., 408 Seiten, 24 Euro.

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