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Regierungskritische Proteste - die Lage im Iran

Der Iran erlebt die heftigsten regimekritischen Proteste der letzten Zeit. Am Abend wurden neue Demonstrationen aus mehreren Städten gemeldet. Die Führung in Teheran hat eine harte Reaktion angedroht und das Internet blockiert. Wir halten Sie mit einem Nachrichtenblog auf dem Laufenden.

    Das Bild zeigt viele Demonstranten im Dunkeln in einer Fußgängerzone. Im Vordergrund sitzt ein maskierter junger Mann in einem Einkaufswagen und steckt alle Arme und Beine von sich.
    Proteste am 8.1.2025 in der iranischen Hauptstadt Teheran gegen das Mullah-Regime. (IMAGO / Middle East Images / Kamran) (IMAGO / Middle East Images / Kamran)

    Samstag, 10. Januar 2026

    +++ Von der Leyen fordert Freilassung festgenommener Demonstranten

    EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen hat die sofortige Freilassung aller festgenommenen Demonstranten im Iran und die vollständige Wiederherstellung des Internetzugangs in dem Land gefordert. In sozialen Medien schrieb sie, Europa stehe fest an der Seite der Menschen im Iran, die Freiheit forderten und verurteile die gewaltsame Unterdrückung der legitimen Demonstrationen auf das Schärfste. Man verlange, dass die Grundrechte in dem Land endlich geachtet würden.

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    +++ Berichte über neue Proteste

    Nach Berichten von Aktivisten haben sich ungeachtet der Drohungen des Regimes wieder Menschen auf den Straßen von Teheran versammelt. Auf Videos in sozialen Medien waren große Menschenmengen zu sehen, die durch die Hauptstadt zogen. Ähnliche Bilder gab es unter Anderem aus Rascht im Norden des Iran, aus Täbris im Nordwesten und Schiras im Süden. Die Echtheit der Videos ließ sich zunächst nicht überprüfen.

    +++ Schah-Sohn ruft zu landesweitem Streik im Iran auf

    Reza Pahlavi, Sohn des 1979 gestürzten Schahs, hat aus seinem Exil in den USA zu landesweiten Streiks im Iran aufgerufen. Arbeiter und Angestellte von Schlüsselbranchen wie der Öl-, Gas- und Energieindustrie sollten ihre Arbeit niederlegen, erklärte Pahlavi auf der Plattform X. Ziel sei es, die finanziellen Lebensadern zu schwächen und den Unterdrückungsapparat in die Knie zu zwingen. Er rief zudem für Samstag und Sonntag erneut zu Demonstrationen auf.

    +++ Iranische Staatsführung verschärft Drohung gegen Demonstranten

    Im Iran droht das Regime seinen Bürgern mit harten Repressalien im Fall von weiteren Protesten. Der Generalstaatsanwalt sagte im Staatsfernsehen, jeder, der an den Demonstrationen teilnehme, könne als "Feind Gottes" angesehen werden. Auch jene, die Unruhestiftern Hilfe leisteten, drohe unter diesem Tatvorwurf eine Anklage. Im Iran können sogenannte "Feinde Gottes" mit dem Tod bestraft werden.

    +++ Solidaritätskundgebungen in mehreren europäischen Städten

    Rund hundert Exil-Iraner haben am Brandenburger Tor in Berlin ihre Solidarität mit den Protesten gegen das herrschende Regime zum Ausdruck gebracht. Mit iranischen Flaggen und Schildern demonstrierten sie gegen die Niederschlagung von Protesten und für einen Regimewechsel in ihrem Heimatland. Auch in London, Stockholm und anderen europäischen Städten gab es Demonstrationen.
    Demonstration gegen das iranische Regime in Stockholm
    Demonstration von Exil-Iranern in Stockholm (picture alliance / TT NYHETSBYRÅN / Christine Olsson / TT)

    +++ USA erneuern Warnungen an Teheran

    US-Außenminister Rubio bekräftigte, die Vereinigten Staaten unterstützten das "mutige iranische Volk". Zudem hieß es, Teheran sollte Präsident Trump ernstnehmen. Wenn dieser sage, dass er etwas tun werde, meine er es auch so. Trump hatte Teheran bei einem gewaltsamen Vorgehen gegen Demonstranten mit einem erneuten Militäreinsatz gedroht: "Sie sollten besser nicht anfangen zu schießen, denn dann werden wir auch anfangen zu schießen", hatte Trump gestern gesagt.

    +++ Propagandaoffensive der iranischen Führung

    Das islamistische Regime im Iran stemmt sich gegen die wachsenden Proteste und versucht, die Entwicklungen als Folge ausländischer Einflussnahme darzustellen. Die Armee forderte die Bürger auf, wachsam zu sein, um die - Zitat - "Pläne des Feindes" zu vereiteln. Man werde die nationalen Interessen, die strategische Infrastruktur und das öffentliche Eigentum des Landes schützen. Das Staatsfernsehen berichtete über getötete Einsatzkräfte. Die Verbindungen zum Internet sind weitgehend lahmgelegt, die Telefonleitungen unterbrochen. Viele Schulen und Universitäten stellten auf Distanzunterricht um.

    +++ Erneut Proteste in Teheran und Maschhad

    Trotz des gewaltsamen Vorgehens der Einsatzkräfte versammelte sich am Freitagabend erneut eine große Menschenmenge in der Hauptstadt Teheran. Exilsender zeigten auch Bilder aus anderen Städten, darunter Maschhad im Osten des Landes und Täbris im Norden. Nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters sollen iranische Sicherheitskräfte in der Stadt Baharestan 100 Demonstranten festgenommen haben.

    +++ US-Magazin Time: Arzt berichtet von mehr als 200 Toten

    Nach einem Bericht des US-Magazins Time könnte es in den sechs Krankenhäusern der iranischen Hauptstadt Teheran mehr als 200 Todesfälle unter Demonstranten geben. Das Magazin beruft sich auf einen Arzt aus Teheran. Die meisten seien seinen Angaben zufolge "durch scharfe Munition" getötet worden. Das "Zentrums für Menschenrechte im Iran", das seinen Sitz in New York hat, berichtet, dass es in den Krankenhäusern in den Regionen Teheran, Maschhad und Karadsch viele verletzte Demonstranten gebe. Unabhängig überprüfen lassen sich die Angaben nicht.

    Freitag, 9. Januar 2026

    +++ US-Präsident Trump hat wegen der Proteste im Iran erneut mit einem Militäreinsatz gedroht.

    "Der Iran steckt in großen Schwierigkeiten", sagte Trump am Freitag im Weißen Haus. Noch vor wenigen Wochen habe niemand so große Proteste in iranischen Städten für möglich gehalten. Seine Botschaft an die Führung in Teheran laute: "Fangt besser nicht an zu schießen, denn dann werden wir auch anfangen zu schießen." Er schloss zugleich aus, Bodentruppen in den Iran zu schicken.

    +++ Großbritannien, Frankreich und Deutschland haben die iranische Führung aufgefordert, auf Gewalt gegen die wachsende Protestbewegung im Land zu verzichten.

    In einer gemeinsamen Erklärung verurteilen Premierminister Starmer, Präsident Macron und Bundeskanzler Merz außerdem die Tötung von Demonstranten und das Vorgehen iranischer Spezialeinheiten.

    +++ Die iranische Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi hat vor einem möglichen Massaker durch die Sicherheitskräfte gewarnt.

    Glaubwürdige Hinweise deuteten darauf hin, dass die Regierung versuchen könnte, diese Nacht unter dem Schutz der Kommunikationssperre in ein Blutbad zu verwandeln, schrieb Ebadi, die im Exil lebt. Die landesweite Unterbrechung des Internets sei kein technisches Problem, sondern eine Taktik.

    +++ Die Zahl der Todesopfer im Zuge der Proteste im Iran soll auf mindestens 62 gestiegen sein.

    Diese Zahl nannte die in den USA ansässige Human Rights Activists News Agency, die sich bei ihrer Berichterstattung auf ein Netzwerk von Aktivisten innerhalb des Irans stützt. Unabhängig überprüfen lassen sich diese Angaben nicht. Die Menschenrechtsgruppe Hengaw mit Sitz in Norwegen berichtete zudem von einem Vorfall im Westen Irans, In der Stadt Kermanschah seien bei Unruhen zehn Mitglieder einer regionalen Militäreinheit getötet worden.

    +++ Der oberste Führer des Irans, Ajatollah Chamenei, hat in einer Fernsehansprache einen repressiven Kurs angekündigt.

    Er warf den Demonstranten vor, im Auftrag von Oppositionsgruppen im Exil und von den USA zu handeln. Die Islamische Republik werde Vandalen nicht nachgeben, sagte er. Der Chef der Justiz kündigte dem Staatsfernsehen zufolge eine "entschlossene, maximale und ohne rechtliche Nachsicht" erfolgende Bestrafung von Protesten an. Der Staatsanwalt von Teheran drohte mit der Todesstrafe. Präsident Peseschkian hatte vergangene Woche noch zu einem "freundlichen und verantwortungsvollen Vorgehen" aufgerufen.

    +++ Die iranische Führung hat das Land angesichts anhaltender Proteste weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten.

    Die Behörden schalteten das Internet ab, um die Kommunikation der Menschen einzuschränken. Zahlreiche Flüge aus dem Ausland wurden gestrichen. Auf Videos aus den vergangenen 48 Stunden sind brennende Gebäude und Fahrzeuge in Teheran und anderen Städten zu sehen. Menschenrechtsgruppen sprechen von bislang mindestens 40 Toten unter den Demonstranten. Die halbamtliche Nachrichtenagentur Tasnim berichtet von mehreren getöteten Polizisten.

    +++ Bei den Protesten der vergangenen Tage wurde nach Angaben von Korrespondenten häufiger als zuvor der Name des 1979 gestürzten Schah und dessen Sohn Reza Pahlavi gerufen.

    Der heute 65-jährige lebt im Exil in den USA. Über die Sozialen Medien wendet er sich regelmäßig an die Menschen im Iran und rief in den vergangenen Tagen nun auch zu Protesten auf. Nun appellierte er an den US-Präsidenten. Er bat Trump einzugreifen, um dem iranischen Volk zu helfen.

    +++ Die Konfliktforscherin Sara Bazoobandi steht das iranische Regime unter erheblichem Druck.

    Die Schwächung der Verbündeten im Libanon, Gaza und im Jemen, der Sturz des syrischen Diktators Assad sowie die systematische Ausschaltung hochrangiger Kommandeure der Islamischen Revolutionsgarde hätten die strategische Position Teherans massiv geschwächt. Die an der Universität Kiel und am Hamburger GIGA-Institut forschende Wissenschaftlerin verwies im Gespräch mit der Katholischen Nachrichtenagentur zudem auf innenpolitische Krisen, wie etwa den Wassermangel und eine Versorgungskrise bei Lebensmitteln. In der Folge, so Bazoobandi, hätten Terror und Unterdrückung ihre abschreckende Wirkung verloren.

    +++ Der iranische Geheimdienst ruft die Bevölkerung zur Denunziation auf.

    Die Allgemeinheit werde gebeten, „Zerstörer und Terroristen im Auftrag von USA und Israel“ zu melden, hieß es in einer Erklärung, die der staatliche Rundfunk verbreitet hatte.

    +++ Die Bundesregierung hat das Vorgehen der staatlichen Sicherheitskräfte im Iran gegen die landesweiten Proteste verurteilt.

    Teheran müsse jede Art von Gewalt gegen Demonstranten umgehend einstellen, sagte ein Regierungssprecher in Berlin. Das Demonstrations- und Versammlungsrecht müsse ebenso gewährleistet werden wie eine freie Berichterstattung der Medien.

    +++ Der Zentralrat der Juden fordert die Bundesregierung auf, klar Stellung für die regierungskritischen Demonstranten im Iran zu beziehen.

    Zentralratspräsident Schuster sagte der "Bild"-Zeitung, das Signal aus deutscher Politik und Zivilgesellschaft müsse lauten: "Das Mullah-Regime muss jetzt fallen." Die iranischen Machthaber unterdrückten "seit Jahren im Inneren ihre Bevölkerung, vor allem Frauen". Zudem gehörten sie "zu den global gefährlichsten Financiers des Terrorismus".

    +++ Die EU-Außenbeauftragte Kallas hat das Vorgehen der iranischen Sicherheitskräfte als inakzeptabel bezeichnet.

    Gewalt gegen friedliche Demonstranten dürfe es nicht geben. erklärte Kallas. Wer das Internet abschalte und gleichzeitig Proteste gewaltsam unterdrücke, der habe Angst vor dem eigenen Volk. Das schrieb die EU-Chefdiplomatin auf der Online-Plattform X.

    +++ Die derzeitigen Proteste im Iran haben sich zunächst an der schlechten Wirtschaftslage und an der hohen Inflation von im Dezember über 40 Prozent entzündet.

    Inzwischen richten sich die Slogans direkt gegen die Führung des Landes. Auf von Reuters verifizierten Videos aus der Hauptstadt Teheran waren ⁠hunderte marschierende Menschen zu sehen. In einem der Videos war eine Frau zu hören, die unter Anspielung auf den obersten Führer des Landes "Tod Chamenei" rief. Seit Beginn der Protestwelle am 28. Dezember gab es Versammlungen in mindestens 50 Ortschaften und Städten vor allem im Westen des Landes.

    +++ Mehr Informationen zu den Hintergründen der Proteste

    Warum die Menschen im Iran erneut auf die Straße gehen und welches Potential die Proteste diesmal haben - ausführliche Infortmationen dazu finden Sie in diesem Artikel: Iran: Wie gefährlich sind die Proteste für das Mullah-Regime?