Massenproteste im Iran
Die Proteste werden für Irans Führung gefährlich

Im Iran nehmen die Proteste landesweit zu. Das Mullah-Regime reagiert mit Gewalt, Massenverhaftungen und einer Internetsperre. Auch international wächst der Druck. Wie stabil ist die iranische Führung noch?

    Auf dem Bild sind zahlreiche Menschen zu sehen, die nachts in einer Straße in Teheran demonstrieren. Einige halten Transparente hoch.
    Demonstrierende in Teheran. Aus wirtschaftlichem Protest ist eine landesweite Protestbewegung entstanden. (picture alliance / ZUMAPRESS.com / Social Media)
    Erst waren es wütende Händler in Teheran, mittlerweile haben sich die Proteste im Iran über das gesamte Land verbreitet und nehmen immer weiter zu. Der iranische Staat reagiert mit aller Härte: Menschenrechtsorganisationen sprechen von über 600 getöteten Menschen, der Iran-Experte Ali Fathollah-Nejad befürchtet sogar, dass die Zahl der Todesopfer inzwischen vierstellig sein könnte. Die Zahl der Festnahmen liegt nach einigen Schätzungen bei mehr als 10.000. Auch die Internetsperre dauert an.
    Der Druck auf die Führung wächst auch von außen. US-Präsident Donald Trump will die Islamische Republik mit neuen Zöllen unter Druck setzen. Außenminister Johann Wadephul (CDU) kündigte an, die Bundesregierung werde versuchen, Sanktionen auf die iranische Führung auszuweiten. Dazu zähle die Aufnahme in die Terroristen-Liste der Europäischen Union.

    Übersicht

    Wie groß ist die aktuelle Protestwelle? 

    Es sind die größten Proteste im Iran seit der Bewegung unter dem Motto „Frau, Leben, Freiheit“ im Jahr 2022/23. Damals gab es große landesweite Demonstrationen, nachdem die junge kurdischstämmige Iranerin Jina Mahsa Amini in Polizeigewahrsam zu Tode gekommen war – nach einem angeblichen Verstoß gegen die Kopftuchvorschrift.
    Nach Angaben des Netzwerks „Human Rights Activists News Agency“ (HRANA) mit Sitz in den USA gab es bereits Protestaktionen in allen Provinzen des Iran. Die Internetsperre im Iran macht es schwer, die Zahl der Proteste und der Teilnehmenden abzuschätzen.

    Warum gibt es die Proteste - und was unterscheidet sie von früheren? 

    Auslöser diesmal ist die wirtschaftliche Misere. Ende Dezember 2025 protestierten zunächst rund 100 Händler von Teherans Basar: Der iranische Rial ist im freien Fall, die Inflation auf Rekordhoch – die „Basaris“ konnten ihre Preise nicht mehr kalkulieren. Der Protest weitete sich schnell auf mehrere Städte des Landes aus. Auch in den ländlichen Gegenden kamen Leute dazu, auch jene, die zur mittlerweile verarmten Mittelschicht gehören.

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    An Universitäten schlossen sich regimekritische Studierende an und forderten Freiheit und ein Ende der Diktatur. Es wurden Rufe laut wie „Tod dem Diktator!“ – gemünzt auf den obersten religiösen Führer Ali Chamenei.
    Die wirtschaftlichen Sorgen betreffen weite Teile der Bevölkerung. Die ohnehin meist niedrigen Gehälter halten mit dem Währungsverfall nicht Schritt.
    45 Prozent der Bevölkerung leben laut Islamwissenschaftlerin Katajun Armipur unterhalb der Armutsgrenze, 90 Prozent in Armut. Dabei sei der Iran potenziell eines der reichsten Länder der Welt, verfüge über enorme Öl- und Gasreserven. Doch das Regime verwende die Einnahmen vor allem zur Machtsicherung und für ideologische Ziele statt für den Wohlstand der Bevölkerung.

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    „Und dann kommt automatisch diese Wut hervor, dass man sagt: Warum? Wir haben keine Perspektive”, so Armipur. „Das Regime bietet uns keine Perspektive, wir haben keine Freiheit, es gibt keine Menschenrechte und wir haben nichts zu verlieren.”
    Zu Kaufkraftverlust, verbreiteter Armut und der Perspektivlosigkeit vieler junger Menschen kommt auch noch die Sorge vor einem neuen Krieg nach dem Angriff durch Israel im vergangenen Jahr.
    Die Proteste haben inzwischen auch Provinzen mit ethnischen Minderheiten erreicht, die seit Jahren besonders von staatlicher Repression betroffen sind.

    Wie reagiert das Regime? 

    Das iranische Regime geht offenbar mit großer Härte vor, mit Tränengas, gepanzerten Fahrzeugen und Munition. Der Staat droht Demonstrierenden mit extrem harten Strafen. Schon die Teilnahme an Protesten könne als „Feindschaft gegen Gott“ gewertet werden. Ein Vorwurf, auf den im Iran die Todesstrafe stehen kann.
    Nach Einschätzung der Islamwissenschaftlerin Amirpur besteht daher die reale Gefahr, dass die Proteste erneut brutal niedergeschlagen werden, wie bereits nach den Protesten vor drei Jahren.
    "Feind Gottes ist ein Anklagepunkt, der so schwammig wie weitgreifend ist", so Amirpur. "Und dementsprechend kann quasi jede und jeder, der auf die Straße geht, unter diesen Anklagepunkt fallen. Das ist ausgesprochen gefährlich."
    Besonders gefährlich sei die aktuelle Internetsperre: Während des Blackouts bei den Protesten von 2017 seien tausende Menschen getötet worden, ohne dass dies habe überprüft werden können.
    Die in den USA ansässige Organisation HRANA spricht bereits von mehreren hundert Todesopfern und bislang Tausenden Verhaftungen. Berichten zufolge umgehen manche Menschen den Blackout mithilfe des Satelliteninternets von Starlink – sofern sie die dafür notwendigen Terminals illegal ins Land bringen konnten.

    Von Selbstkritik bis Drohungen  

    Präsident Massud Peseschkian rief zu einem freundlichen und verantwortungsvollen Umgang auf. Die Gesellschaft lasse sich nicht mit Gewalt überzeugen oder beruhigen. Bei einem Auftritt im staatlichen Fernsehen fiel er mit ungewohnter Selbstkritik auf: „Wir werden aus islamischer Sicht in der Hölle landen, wenn wir das Problem der Lebensgrundlagen der Menschen nicht lösen“.
    Doch die Regierung versucht offenbar auch, einen Keil zwischen die Protestierenden zu treiben. Polizei und Justiz sprechen von „Aufständischen“ und „Randalierern“. Irans oberster Richter Mohseni-Ejei drohte mit schnellen Verurteilungen; es werde „keine Nachsicht“ geübt.
    Irans oberster religiöser Führer Ali Chamenei sagte, ein Dialog mit „Aufrührern“ sei sinnlos, man werde sie in die Schranken weisen. Die Regierung kündigte Wirtschaftsreformen und finanzielle Hilfen für Bedürftige an, damit sie zumindest ihre Grundbedürfnisse decken könnten. Einen Regimewechsel wollen die Machthaber im Iran unter keinen Umständen zulassen.

    Überlebt das Mullah-Regime die Proteste? 

    Seit der Islamischen Revolution 1979 hält sich das Mullah-Regime um den Obersten Führer an der Macht, seit 1989 ist das Ayatollah Ali Chamenei. Dafür setzt das Regime massive Gewalt gegen die eigene Bevölkerung ein und stützt sich unter anderem auf die ihrerseits mächtigen Revolutionsgarden.
    Werden die Proteste erfolgreich sein? Der aktuelle Aufstand sei bereits der vierte innerhalb von acht Jahren, so die Islamwissenschaftlerin Amirpur. Die Abstände zwischen den Protesten würden kürzer, immer mehr gesellschaftliche Gruppen schlossen sich an.
    „Insofern glaube ich, dass es immer gewaltiger wird“, sagt Amirpur. „Und wenn es jetzt nicht der letzte Aufstand vor dem Sturz der Islamischen Republik ist, dann ist es wahrscheinlich der vorletzte. Aber die Tage der Islamischen Republik Iran sind mit Sicherheit gezählt.”

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    Das Regime ist auch außenpolitisch unter Druck und ist laut der Journalistin Düzen Tekkal durch den zwölftägigen Krieg mit Israel geschwächt.
    Im Juni 2025 hatte Israel gemeinsam mit den USA iranische Ziele aus der Luft bombardiert, darunter Atomanlagen sowie militärische und zivile Einrichtungen. Ranghohe Köpfe der Revolutionsgarden und der Streitkräfte wurden getötet, Infrastruktur zerstört. Der Iran feuerte im Gegenzug ballistische Raketen auf Israel. Danach hatten sich die Reihen im Iran gegen den Feind von außen geschlossen. Ähnliches könnte erneut passieren.
    Medien berichteten über Gespräche zwischen den USA und Israel über einen möglichen weiteren Militärschlag. US-Präsident Donald Trump agiere gegenüber Iran jedoch weiterhin zurückhaltend, so Amirpur. Seine Äußerungen seien oft erratisch, die Lage daher schwer einschätzbar.
    Zusätzliche Dynamik erhält die Protestbewegung durch den Sohn des letzten Schahs, Reza Pahlavi. Mit seinen Aufrufen zu Demonstrationen habe er überraschend viele Menschen mobilisiert, sagt Amirpur. Sein Appell sei millionenfach geteilt worden. Bemerkenswert sei, dass auch Menschen auf die Straße gegangen seien, die keine Monarchie wollten, ihn aber als mögliche Figur der Einigung sähen. Es bleibe unklar, wofür Reza Pahlavi politisch konkret stehe. Im Iran sei er weiterhin umstritten.
    Vorsichtiger fällt die Einschätzung des Politikwissenschaftlers Cornelius Adebahr aus. Selbst wenn das Regime stürze oder Chamenei das Land verlasse, bedeute das nicht automatisch eine demokratische Zukunft. Auch eine Militärdiktatur sei denkbar. Ein Machtwechsel garantiere nicht, dass sich die Lage der Menschen im Iran unmittelbar verbessere.

    Sorge vor dem Machtverlust – auch wegen Venezuela  

    Es herrscht unterdessen erhöhte Nervosität in Teherans Machtzentrum – auch durch den US-Militäreinsatz in Venezuela und die Festnahme des Diktators Nicolás Maduro. Der Politologe Ali Fathollah-Nejad ist überzeugt: „Das, was mit Maduro passiert ist, schürt große Ängste innerhalb des Establishments der Islamischen Republik Iran. Man sieht, dass Amerika durchaus sehr spektakulär eingreifen kann.“ 
    Iran und Venezuela haben seit 2022 einen Kooperationsvertrag im Bereich von Öl und Petrochemie. Unter anderem sind die berüchtigten Revolutionsgarden involviert – sie betreiben eine Art schwarzen Außenhandel, um die Wirtschaftssanktionen zu umgehen. Nach Angaben Fathollah-Nejads brachten sie oftmals auch Geld nach Venezuela – „auch im Hinblick darauf, dass Venezuela womöglich als Zufluchtsort angedacht wurde für Regimefiguren nach einem potenziellen Ende der Islamischen Republik Iran“.

    bth / ema

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