Iran
Wie gefährlich sind die Proteste für das Mullah-Regime?

Armut, Währungsverfall, Inflation: Im Iran sind neue Proteste aufgeflammt. Sie richten sich auch gegen das Mullah-Regime, das sich mit Repressionen an der Macht hält. Ist es nur eine Frage der Zeit, bis es fällt?

    Der verpixelte Videoscreenshot zeigt eine demonstrierende Menschenmenge. Einzelne Personen im Vordergrund werfen mit Steinen.
    Seit Ende Dezember 2025 entlädt sich wieder die Wut: Screenshot eines in den sozialen Medien veröffentlichten Videos von den Protesten im Iran. (AFP / -)
    Erst waren es wütende Händler in Teheran, dann schlossen sich weitere Menschen in mehreren Städten den Protesten an. Der iranische Staat geht mit aller Härte gegen Protestierende vor, Dutzende Menschen wurden getötet. Wie groß ist der Druck auf das Mullah-Regime von innen?
    Und welche Rolle spielen die USA? Präsident Trump hatte angekündigt, friedlichen Demonstranten zur Hilfe zu kommen, sollte der Iran auf sie schießen und sie töten.

    Übersicht

    Wie groß ist die aktuelle Protestwelle? 

    Es sind die größten Proteste im Iran seit der Bewegung unter dem Motto „Frau, Leben, Freiheit“ im Jahr 2022/23. Jedoch haben sie offensichtlich noch nicht deren Ausmaß angenommen. Damals gab es große landesweite Demonstrationen, nachdem die junge kurdischstämmige Iranerin Jina Mahsa Amini in Polizeigewahrsam zu Tode gekommen war – nach einem angeblichen Verstoß  gegen die Kopftuchvorschrift.
    Nach Angaben des Netzwerks „Human Rights Activists News Agency“ (HRANA) mit Sitz in den USA gab es bis 8. Januar 2026 bereits Protestaktionen an fast 350 Orten in mehr als 100 Städten in allen Provinzen. 

    Warum gibt es die Proteste - und was unterscheidet sie von früheren? 

    Auslöser diesmal ist die wirtschaftliche Misere. Ende Dezember 2025 waren es zunächst rund 100 Händler von Teherans Basar, die lautstark protestierten: Der iranische Rial ist im freien Fall, die Inflation auf Rekordhoch – die „Basaris“ konnten ihre Preise nicht mehr kalkulieren. Der Protest weitete sich schnell auf mehrere Städte des Landes aus. Vor allem in den ländlichen Gegenden kamen „ganz normale Leute“ dazu, auch jene, die zur mittlerweile verarmten Mittelschicht gehören.
    An Universitäten schlossen sich regimekritische Studierende an und forderten Freiheit und ein Ende der Diktatur. Es wurden Rufe laut wie „Tod dem Diktator!“ – gemünzt auf den obersten religiösen Führer Ali Chamenei.  
    Die wirtschaftlichen Sorgen betreffen weite Teile der Bevölkerung. Die ohnehin meist niedrigen Gehälter halten mit dem Währungsverfall nicht Schritt. Viele Menschen kommen trotz Zweit- oder Drittjob nicht über die Runden.  
    Eine Augenzeugin aus Teheran berichtet von verbreiteter Resignation – anders als bei der großen Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ vor rund drei Jahren. Viele glaubten nicht mehr daran, dass die Proteste etwas grundlegend verändern werden.   
    Zu Kaufkraftverlust, verbreiteter Armut, Perspektivlosigkeit vieler junger Menschen kommt auch noch die Sorge vor einem neuen Krieg nach dem Angriff durch Israel im vergangenen Jahr.  
    „Die Stimmung ist eine Mischung aus Wut, Ekel, Verachtung“, sagt die Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Düzen Tekkal. „Seit 47 Jahren unterdrückt die Islamische Republik ihre eigene Zivilbevölkerung, und die Menschen haben die Schnauze gestrichen voll.“ Tekkal pflegt enge Kontakte zu Menschen im Iran.  

    Wie reagiert das Regime? 

    Der Sicherheitsapparat setzte mit Beginn der Proteste Tränengas und gepanzerte Fahrzeuge ein. Seither kommt es immer wieder zu Zusammenstößen von Demonstrierenden und Sicherheitskräften, unter anderem in der Provinz Lorestan. Das Regime geht offenbar mit großer Härte vor. Videos sollen zeigen, wie Sicherheitskräfte in der Provinz Ilam auf Zivilisten schießen und wie sie ein Krankenhaus stürmen. Laut Aktivisten suchten sie nach Teilnehmern der Proteste.  
    Laut HRANA-Angaben vom 6. Januar wurden bislang mindestens 35 Menschen getötet, unter ihnen auch zwei Einsatzkräfte des Regimes. Zudem habe es Hunderte Verletzte und 1.200 Festnahmen gegeben. Das Netzwerk stützt sich auf Angaben von Informanten innerhalb des Iran. Iranische Medien berichten nach fast zwei Wochen von 15 Toten, darunter auch Sicherheitskräfte.   

    Von Selbstkritik bis Drohungen  

    Präsident Massud Peseschkian zeigte Verständnis für die Forderungen der Protestierenden. Das Wohlergehen der Bevölkerung liege ihm am Herzen. Er rief zu einem freundlichen und verantwortungsvollen Umgang mit Demonstrierenden auf. Die Gesellschaft lasse sich nicht mit Gewalt überzeugen oder beruhigen. Bei einem Auftritt im staatlichen Fernsehen fiel er mit ungewohnter Selbstkritik auf: „Wir werden aus islamischer Sicht in der Hölle landen, wenn wir das Problem der Lebensgrundlagen der Menschen nicht lösen“. 
    Doch die Regierung versucht offenbar auch einen Keil zwischen die Protestierenden zu treiben. Polizei und Justiz sprechen von „Aufständischen“ und „Randalierern“. In einem Video wird nahegelegt, dass „Randalierer“ im Schatten der Proteste gegen die schlechte wirtschaftliche Lage einen Umsturz planten. Irans oberster Richter Mohseni-Ejei drohte mit schnellen Verurteilungen; es werde „keine Nachsicht“ geübt.   
    Irans oberster religiöser Führer Ali Chamenei sagte, man müsse Protestierende ernst nehmen, nicht aber Randalierer. Ein Dialog mit „Aufrührern“ sei sinnlos, man werde sie in die Schranken weisen. 
    Die Regierung kündigte Wirtschaftsreformen und finanzielle Hilfen für Bedürftige an, damit sie zumindest ihre Grundbedürfnisse decken könnten. Einen Regimewechsel wollen die Machthaber im Iran unter keinen Umständen zulassen. Die Polizei ist stark präsent, um weitere Demonstrationen zu verhindern. Teils wird auch wie bei früheren Protesten das Internet eingeschränkt. 

    Überlebt das Mullah-Regime die Proteste? 

    Seit der Islamischen Revolution 1979 hält sich das Mullah-Regime um den Obersten Führer an der Macht, seit 1989 ist das Ayatollah Ali Chamenei. Dafür setzt das Regime massive Gewalt gegen die eigene Bevölkerung ein und stützt sich unter anderem auf die ihrerseits mächtigen Revolutionsgarden.
    Werden die Proteste erfolgreich sein? Aus Sicht der Autorin Shila Behjat lässt sich das noch nicht beantworten. Doch es sei eine „sehr signifikante Protestwelle“. Dass die Menschen trotz des „brutalen“ Vorgehens der Sicherheitskräfte weiter auf die Straße gehen, habe „große Bedeutung“. 

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    Nach Überzeugung der Journalistin Düzen Tekkal steht das Regime bereits „mit dem Rücken zur Wand“. Sie macht das unter anderem daran fest, dass die „konservativen Basaris“ die jüngsten Proteste gestartet haben. Auf die Händler habe sich die Islamische Republik „seit jeher verlassen“ können.
    Tekkal hält es sogar nur noch für "eine Frage der Zeit, bis diese Islamische Republik fällt". Denn das Regime sei auch durch den zwölftägigen Krieg mit Israel geschwächt. Im Juni 2025 hatte Israel gemeinsam mit den USA iranische Ziele aus der Luft bombardiert, darunter Atomanlagen sowie militärische und zivile Einrichtungen in weiten Landesteilen. Iran feuerte ballistische Raketen auf Israel.  
    Das Mullah-Regime war personell wie militärisch stark angeschlagen. Ranghohe Köpfe der Revolutionsgarden und der Streitkräfte wurden getötet, Infrastruktur zerstört. Danach hatten sich die Reihen im Iran gegen den Feind von außen geschlossen. Ähnliches könnte erneut passieren.  
    Denn nach Beginn der jüngsten Proteste drohte Trump auf seinem Kurznachrichtendienst: „Wenn der Iran auf friedliche Demonstranten schießt und sie tötet, dann kommen die Vereinigten Staaten von Amerika ihnen zur Hilfe. Wir sind bereit.“ Auch der israelische Geheimdienst verbreitete Botschaften in der Landessprache, die die Menschen im Iran ermunterten, auf die Straße zu gehen.  

    Sorge vor dem Machtverlust – auch wegen Venezuela  

    Es herrscht unterdessen erhöhte Nervosität in Teherans Machtzentrum – auch durch den US-Militäreinsatz in Venezuela und die Festnahme des Diktators Nicolás Maduro. Der Politologe Ali Fathollah-Nejad ist überzeugt: „Das, was mit Maduro passiert ist, schürt große Ängste innerhalb des Establishments der Islamischen Republik Iran. Man sieht, dass Amerika durchaus sehr spektakulär eingreifen kann.“ 
    Iran und Venezuela haben seit 2022 einen Kooperationsvertrag im Bereich von Öl und Petrochemie. Unter anderem sind die berüchtigten Revolutionsgarden involviert – sie betreiben eine Art schwarzen Außenhandel, um die Wirtschaftssanktionen zu umgehen. Nach Angaben Fathollah-Nejads brachten sie oftmals auch Geld nach Venezuela – „auch im Hinblick darauf, dass Venezuela womöglich als Zufluchtsort angedacht wurde für Regimefiguren nach einem potenziellen Ende der Islamischen Republik Iran“.    

    bth 

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