Freitag, 24.05.2019
 
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Niall Ferguson„Türme und Plätze“

Was haben Al Qaida, Facebook und die Reichsbürger-Bewegung gemeinsam? Sie alle sind Netzwerke und wollen die Welt nach ihren Vorstellungen gestalten. Netzwerke sind für das Verständnis der Weltgeschichte viel wichtiger als Entscheidungen von Herrschern – so lautet die These des britischen Historikers Niall Ferguson.

Von Matthias Bertsch

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(Buchcover Ullstein / Hintergrund imago stock&people)
Buchcover Türme und Plätze/ Hintergrund Globus und Fiberkabel-Optik (Buchcover Ullstein / Hintergrund imago stock&people)

"Um zu verstehen, warum dieses Buch den Titel Türme und Plätze trägt, muss der Leser mit mir nach Siena kommen; mit mir über die muschelförmige Piazza del Campo zum Palazzo Pubblico gehen und dabei den Schatten des Campanile, des majestätischen Torre del Mangia queren. An keinem anderen Ort der Welt wird man die in diesem Buch geschilderten beiden Formen menschlicher Organisation in so eleganter Weise nebeneinander sehen. Man ist umgeben von einem öffentlichen Raum, der für jedwede Art mehr oder weniger informeller Interaktion errichtet wurde; darüber erhebt sich ein imposanter Turm, gebaut, um säkulare Macht zu symbolisieren und auszustrahlen."

Wer je im Zentrum des mittelalterlichen Siena war, weiß, wovon Niall Ferguson spricht, andere werden durch das Bild der Piazza del Campo und des Campanile auf dem Umschlag sofort wissen, worauf der Untertitel des Buches anspielt: "Netzwerke, Hierarchien und der Kampf um die globale Macht." Die Spannung zwischen dezentralen Netzwerken, also Plätzen, und hierarchischen Ordnungen, also Türmen, sei so alt wie die Menschheit, so Fergusons These, die er auf seinem Ritt durch die Geschichte zu belegen versucht. Vor allem in zwei Epochen seien soziale Netzwerke bedeutender gewesen, als ihnen die Historiker bislang zugebilligt hätten.

"Die erste 'Netzwerkära' folgte auf die Einführung der Druckerpresse in Europa am Ende des 15. Jahrhunderts und dauerte bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Die zweite – unsere Gegenwart – fängt mit den 1970ern an, wobei ich meine, dass die technische Revolution, die wir mit dem Silicon Valley verbinden, eher die Folge als die Ursache der Krise hierarchischer Institutionen war."

Netzwerker Luther

Dass erst der Buchdruck mit beweglichen Lettern und die wachsende Zahl an Druckereien die Thesen Luthers netzwerkartig in der ganzen Welt verbreiteten – und damit quasi ein Vorläufer des Internet war - ist keine neue Idee. Schon andere haben den Wittenberger Reformator mit Steve Jobs verglichen. Spannender ist die Frage, warum die erste Netzwerkära gerade in der Spätphase der Aufklärung zu Ende ging. Paradoxerweise, so die Antwort des britischen Historikers, war die Französische Revolution die Ursache. Sie proklamierte zwar Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit – Begriffe, die eng mit dem Netzwerkdenken verbunden sind – doch faktisch brachte sie Chaos und Gewalt und führte deswegen zu einem Comeback der Hierarchie: vom Wiener Kongress 1815, auf dem die Staatenwelt Europas nach Napoleon neu geordnet wurde, bis zu Hitler und Stalin, den Höhepunkten hierarchisch organisierter Macht gut hundert Jahre später. So weit, so einleuchtend. Doch spannend wird es besonders dort, wo Niall Ferguson einräumt, dass Netzwerke und Hierarchien zwar unterschiedliche Organisationsformen von Macht sind, sich aber keineswegs ausschließen, sondern in der Realität meist in Verbindung miteinander auftreten. Ein Netz besteht schließlich nicht aus unverbundenen Fäden, sondern braucht verbindende Knoten.

"Wie wir gesehen haben, ist die Hierarchie eine spezielle Form von Netzwerk, in dem die Zentralität des herrschenden Knotens maximiert ist."

Insofern ist "Türme und Plätze" vor allem ein Buch über Netzwerke und ihre bislang unterschätzte Bedeutung für das Verständnis von Geschichte. Allerdings liefert Niall Ferguson keine Definition des Begriffes oder grenzt ihn von anderen wie Familie, Freundschaft oder Seilschaft ab. Er setzt ein Alltagsverständnis voraus und ergänzt es durch Erkenntnisse aus Soziologie und Psychologie: "Unser Gehirn scheint geradezu geschaffen für das Leben in sozialen Netzwerken", oder: "Wir fühlen uns zu Menschen hingezogen, die uns ähneln." Überall Netzwerke, so die Überschrift eines Kapitels:

"Netzwerke schließen Siedlungsmuster, Migration und Rassenmischung ein, die unsere Spezies über den Erdball verteilt haben, wie auch die unzähligen Kulte und Verrücktheiten, die wir gedanken- und planlos periodisch hervorbringen. Wie wir sehen, kommen soziale Netzwerke in allen Formen und Größen vor, von exklusiven Geheimgesellschaften bis zu Open-Source-Bewegungen."

Google und Facebook als Totengräber der Demokratie

Man erfährt in dem Buch viel über den Einfluss von Illuminaten und Freimaurern auf die Geschichte, aber die Kapitel, die es hochaktuell machen, sind die über die digitale Revolution. Auf den ersten Blick scheint alles klar: hier der Trump-Tower in New York, der die vertikale – also "böse" - Hierarchie verkörpert, dort das weitläufige Campusgelände von Facebook im Silicon Valley, das für das horizontale – also "gute" - Netzwerk steht. Doch eben nur auf den ersten Blick:

"Anders als in der Vergangenheit gibt es heute zwei Arten von Menschen auf der Welt: diejenigen, die die Netzwerke besitzen und betreiben, und diejenigen, die sie lediglich nutzen. Die kommerziellen Gebieter des Cyberspace mögen immer noch Lippenbekenntnisse zugunsten einer flachen Welt von Netzbürgern ablegen, doch praktisch sind Unternehmen wie Google hierarchisch organisiert."

Durch ihre faktische Monopolstellung und die damit verbundene Macht untergraben Facebook und Google die westliche Demokratie, hat Niall Ferguson vor einem Jahr in einem Interview mit der "Zeit" gesagt. Und wir tragen durch unser tägliches Verhalten dazu bei, ihre Macht ständig zu vergrößern. Dass Autokraten wie Donald Trump oder die chinesische Variante des Internets, die auf eine Totalüberwachung der Bevölkerung hinausläuft, keine wünschenswerten Alternativen sind, macht die Sache nicht besser. Und so blickt der britische Historiker wenig optimistisch in die Zukunft.

"Der Populismus ist auf dem Vormarsch. Autoritäre Staaten sind im Aufwind. Unterdessen marschiert die Technologie unaufhaltsam weiter und droht die meisten Menschen überflüssig oder unsterblich oder beides zu machen."

Man kann dieses Szenario als feuilletonistische Übertreibung eines von sich selbst überzeugten Historikers mit dem Hang zu drastischen Formulierungen abtun – oder aber, und das ist die schwierigere Variante, man nimmt seine Worte ernst und hält die Diagnose erst mal nur aus - ohne die beruhigende Hoffnung, dass im Kampf zwischen Türmen und Plätzen schon alles gut werden wird.

Niall Ferguson: "Türme und Plätze. Netzwerke, Hierarchien und der Kampf um die globale Macht",
Propyläen Verlag, 624 Seiten, 32,00 Euro.

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