
Von der Elbe über den Rhein bis zum Bodensee: In vielen Regionen Deutschlands sinken die Wasserstände derzeit auf Tiefstwerte. Als Ursachen gelten vor allem die Hitze und Trockenheit der vergangenen Wochen. Für die Schifffahrt werden die Folgen des Niedrigwassers immer spürbarer.
Nicht nur die Niederschlagsmenge, sondern auch die Wasserspeicher in den Alpen spielen eine wichtige Rolle: Schnee und Gletscher geben im Jahresverlauf Schmelzwasser ab und stabilisieren die Abflussmengen der Flüsse. Doch in diesem Jahr fehlen diese Reserven. „Das haben wir auch in diesem Jahr, dass wir geringe Schneerücklagen hatten. Die fehlen natürlich jetzt“, sagt Martin Helms von der Bundesanstalt für Gewässerkunde.
Die niedrigen Pegelstände verleihen der Forderung nach einer Vertiefung der Fahrrinnen neuen Auftrieb. Befürworter sehen darin eine Möglichkeit, die Schifffahrt auch bei Niedrigwasser aufrechtzuerhalten.
Löst eine tiefere Fahrrinne die Probleme der Schifffahrt bei Niedrigwasser - oder braucht es andere Antworten?
Pro Fahrrinnenvertiefung: Mehr Sicherheit für Schifffahrt und Industrie
Das Niedrigwasser belastet die deutsche Wirtschaft. Besonders die Binnenschifffahrt ist betroffen: Bei niedrigen Pegelständen müssen schwere Güterschiffe in den Häfen bleiben, weil sie selbst ohne Fracht zu viel Tiefgang haben. Leichtere Schiffe können die Wasserstraßen zwar weiter nutzen, aber nur mit einem Teil ihrer üblichen Ladung.
Martin Staats, Präsidiumsmitglied des Bundesverbandes der Deutschen Binnenschifffahrt und Vorstand der Binnenschifffahrtsgenossenschaft MSG, sieht in einer verlässlicheren Fahrrinne einen wichtigen Baustein für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Er verweist auf die sogenannte Abladeoptimierung am Mittelrhein, insbesondere an der Engstelle bei Kaub. Zehn bis 20 Zentimeter mehr Tiefgang könnten rund 200 Tonnen zusätzliche Fracht pro Schiff ermöglichen. Das entspreche der Ladung mehrerer Lkw. Für extreme Niedrigwasserjahre sei das zwar „nicht der ganz große Wurf“, aber eine spürbare Verbesserung.
Staats argumentiert zudem mit der Bedeutung für Industrie und Versorgung. Eine verlässliche Wasserstraße sei notwendig, um Kraftwerke, Chemieunternehmen und Stahlproduktion mit Rohstoffen zu versorgen und Mehrkosten zu vermeiden.
Unternehmen wie Thyssenkrupp müssen bei Engpässen ihre Produktion drosseln, weil Lieferketten unterbrochen werden. Langfristig kann dies auch Arbeitsplätze gefährden.
Vor diesem Hintergrund hat sich inzwischen auch der grüne NRW-Verkehrs- und Umweltminister Oliver Krischer für eine Vertiefung der Fahrrinne ausgesprochen und den Bund aufgefordert, die Mittel für den Ausbau zwischen Duisburg und Köln bereitzustellen.
Martin Helms von der Bundesanstalt für Gewässerkunde bestätigt, dass solche Maßnahmen für die Schifffahrt „natürlich gut“ seien. Gleichzeitig mahnt er zur Abwägung: Flüsse seien nicht nur Verkehrswege, sondern auch Lebensräume für zahlreiche Organismen.
Deutlich grundsätzlicher fällt die Kritik von Ernst Paul Dörfler aus: Der Umweltschützer und Elbe-Experte hält eine Vertiefung der Fahrrinnen für keine Lösung. An frei fließenden Flüssen wie der Elbe führe Ausbaggern nicht zu mehr nutzbarer Wassertiefe - das Wasser fließe lediglich „tiefer durch die Landschaft“. Das eigentliche Problem sei die sinkende Wassermenge, die sich durch solche Eingriffe nicht beheben lasse. Im Gegenteil: Bauliche Maßnahmen könnten die Erosion verstärken und den Wassermangel weiter verschärfen.
Auch DLF-Umweltredakteurin Ann-Kathrin Büüsker warnt vor falschen Antworten in ihrem Kommentar: „Wer angesichts des Niedrigwassers nach Flussvertiefungen ruft, hat das Grundproblem nicht verstanden.“ Eine generelle Vertiefung könne die Lage sogar verschärfen, weil das Wasser schneller abfließe. Statt Millionen in solche Eingriffe zu investieren, plädiert sie für moderne, flacher gebaute Schiffe, die auch bei niedrigen Pegeln einsatzfähig sind.
Hinzu kommen ökologische Bedenken. Es geht schließlich um einen bedeutenden Eingriff in das bestehende Ökosystem.
Neben der Vertiefung der Fahrrinne werden auch andere Ansätze diskutiert. Der Umweltschützer Ernst Paul Dörfler fordert ein grundsätzliches Umdenken in der Wasserwirtschaft: Statt Wasser schnell abzuleiten, müsse es stärker in der Landschaft gehalten werden - etwa durch die Wiedervernässung von Mooren und die Nutzung des Bodens als natürlichen Speicher.
Auch technische Lösungen spielen eine Rolle. Martin Staats verweist auf flachere, an Niedrigwasser angepasste Schiffe und speziell konzipierte Niedrigwasser-Schleusen. Möglich sind zudem alternative Kühlverfahren in der Industrie und neue Schiffstechnik.
Onlinetext: Diana Hodali / Quellen: Deutschlandfunk, Agenturen

















