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Nigeria
Boko Haram-Vertriebene werden Opfer ihrer Beschützer

In Nigeria sind tausende Menschen vor den Terroristen von Boko Haram auf der Flucht. Doch auch in Flüchtlingslagern scheinen sie nicht sicher: Human Rights Watch berichtet von Vergewaltigungen in den Lagern - durch Soldaten, die die Frauen eigentlich schützen sollen.

Von Jens Borchers | 08.11.2016

Von links: Ein kleiner Junge, seine etwas ältere Schwester und die Mutter mit Kopftuch liegen in einem Raum quer in der unteren Etage eines Stockbettes. Dahinter sind ein weiteres Bett und ein weiterer Junge zu erkennen.
Eine Mutter und ihre zwei Kinder am 16.3.2015 in einem Flüchtlingscamp in der nigerianischen Stadt Yola. Sie wurden von der Terrororganisation Boko Haram vertrieben. (Andrew Esiebo / Unicef / dpa)
Mausi Segun hat schon viele Untersuchungen für Human Rights Watch gemacht. Was sie in den Aufnahmelagern für Binnenflüchtlinge im Nordosten Nigerias zu hören bekam, geht ihr nicht mehr aus dem Kopf. Sie sprach mit Frauen, die dem Grauen des Boko Haram-Terrors entkommen waren. Die sich in einem Lager sicher glaubten. Und die berichten, dass sie teilweise von denen bedrängt, belästigt oder sogar vergewaltigt worden seien, die sie eigentlich schützen sollen: Von zivilen Helfern, Polizisten und Soldaten. Segun berichtet von einem Fall:
"Sie ist heute 16. Als sie vergewaltigt wurde, war sie 15 Jahre alt."
"Wenn du jemandem davon erzählst, bringe ich dich um"
Die junge Frau hat Segun erzählt, dass sich ein Mitarbeiter der zivilen Helfer im Aufnahmelager um sie kümmerte. Er habe gesagt, sie müsse auf ihre Sittsamkeit achten. Er habe gewarnt, es gebe sexuellen Missbrauch im Lager. Derselbe Mann habe sie später in seine Unterkunft gelockt, ihr k.o.-Tropfen mit einem Getränk verabreicht. Segun erzählt auch, was die junge Frau über ihr Erwachen berichtet:
"Sie wacht auf. Sie hat Schmerzen. Sie hat Blut an ihrem Geschlechtsteil. Sie steht auf, kann aber kaum gehen. Sie hatte vorher niemals Sex mit einem Mann gehabt. – Der Mann sagt zu ihr: ‚Wenn Du jemanden davon erzählst, bringe ich dich um‘."
Es ist einer von insgesamt 43 Fällen, die Human Rights Watch dokumentiert hat. Der Bericht schildert Frauen, die teils mit Versprechungen gelockt oder schlicht unter Druck gesetzt worden seien. Viele der Opfer seien schwanger geworden. Sie würden von anderen Flüchtlingen in den Lagern geächtet. Auch die junge Frau, die als 15-Jährige mutmaßlich vergewaltigt und schwanger wurde. Sie lebe jetzt isoliert immer noch im Lager, sagt Mausi Segun von Human Rights Watch.
"Ich fragte: Warum warst Du nicht bei der Polizei? Sie sagte: War ich doch. Die hätte aber nichts getan. Niemand habe ihrem Vergewaltiger auch nur eine Frage gestellt."
Die Armee weist die Vorwürfe zurück
Als Segun und ihre Mitarbeiter die 43 Fälle zusammengetragen und dokumentiert hatten, informierten sie die Verantwortlichen: Den Oberkommandierenden der nigerianischen Armee. Den Chef der Polizei. Das Justiz- und das Frauenministerium. Wochenlang geschieht nichts. Segun hakt nach, dann immerhin wird sie zum Gespräch ins Frauenministerium gebeten. Man sei schockiert, wolle selbst ermitteln und den Präsidenten informieren, hört Segun dort. Dann nichts mehr. Schließlich veröffentlichen sie den Bericht in den Medien.
Als ein Sprecher der nigerianischen Armee zu den Vorwürfen befragt wird, antwortet er:
"Ich kann mir nicht vorstellen, dass Soldaten unschuldige Bürger angreifen oder unter Druck setzen. Wir tun alles zum Wohle des Landes."
Der Armeechef selbst schweigt. Der Polizeichef fordert in einer schriftlichen Stellungnahme "mehr Fakten" von Human Rights Watch. Nigerias Präsident Buhari verspricht nach der Veröffentlichung des Berichts eine Untersuchung. Mausi Segun von Human Rights Watch sagt:
"Wir hören von Untersuchungen, deren Ergebnis wir nie erfahren. Weil es aber der Präsident selbst angekündigt hat, hoffen wir immer noch, dass nach den Untersuchungen dann tatsächlich wirksame Maßnahmen zum Schutz dieser Opfer getroffen werden."